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Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld: Vom Massaker in Wolhynien und Ostgalizien

28 Mrz

Wolyn

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Kriegsdramen europäischer Länder führen uns bisweilen Ereignisse vor Augen, von denen wir sonst womöglich kaum erfahren hätten. Wer hat sich schon ausufernd mit jedem Schauplatz des Zweiten Weltkriegs befasst? Im Falle des polnischen Beitrags „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ sind dies die Massaker in Wolhynien und Ostgalizien (Volhynian Massacre): Von Februar 1943 bis April 1944 ermordeten ukrainische Nationalisten der Ukrainischen Aufständischen Armee in den seinerzeit von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten beinahe 100.000 Zivilistinnen und Zivilisten polnischer Herkunft. Das kann man auch schon Genozid und Völkermord nennen.

Zosia und Petro genießen die Feier

Das Kriegsdrama des polnischen Regisseurs Wojciech Smarzowski beginnt ausgelassen mit Bildern einer Hochzeitsfeier 1939 in einem von Ukrainern und Polen bewohnten Dorf, darunter auch Juden. Die junge Polin Zosia (Michalina Labacz), Schwester der Braut, hat Schmetterlinge im Bauch, weil sie sich in den feschen Ukrainer Petro (Wasyl Wasylik) verliebt hat, doch sie wird noch am selben Abend unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Ihr Vater bestimmt, dass Zosia den wohlhabenden Ortsvorsteher Maciej Skiba (Arkadiusz Jakubik) heiratet, einen deutlich älteren Witwer. Bald darauf bricht mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen der Krieg aus und Zosias hartherziger Ehemann muss an die Front.

Doch ihr Ehemann wird der hartherzige Witwer Maciej

Von den Spannungen zwischen Polen und Ukrainern erfahren wir bereits mittels einiger Dialoge während der Hochzeitsfeier. Im weiteren Verlauf des Films beobachten wir hautnah, wie Zosia in den Kriegswirren zu überleben versucht. „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ meistert das Zusammenspiel zwischen persönlichem Porträt und der Darstellung der grausamen Ereignisse sehr souverän. Zosias Schicksal als ohnehin entrechtete Frau weckt unser Mitgefühl, gleichzeitig ziehen uns die sich ins Grausame steigernden historischen Ereignisse in ihren Bann – und das dramaturgisch und visuell auf hohem Niveau über die lange Spielzeit von fast zweieinhalb Stunden.

Der Widerstand gegen die deutschen Invasoren währt nur kurz

Der für den deutschen Markt gewählte Titel „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ klingt arg pathetisch, das hat das polnische Werk nicht verdient. Schon klar, das bezieht sich auf den bekannten Spruch von der Unschuld, die das erste Opfer des Krieges sei. Da mag etwas dran sein, gleichwohl liest sich das mittlerweile sehr ausgelutscht. Die deutschen Titelschöpfer hätten sich mit dem im Original „Wolyn“ (polnische Bezeichnung für Wolhynien) betitelten Film vielleicht etwas mehr Mühe geben können.

Kriegsdrama mit ungewöhnlich hoher Altersfreigabe

Überraschenderweise scheiterte Tiberius Film mit dem Versuch, eine Freigabe ab zwölf Jahren zu erhalten. Gemeinhin drückt die FSK bei Kriegsdramen mit erzieherischem Anspruch auf historische Authentizität gern mal ein Auge zu, was gewalthaltige Filme angeht – nicht in diesem Fall. Immerhin weiß das Label offenbar, dass manche Filmfreunde, die Wert auf ungeschnittene Fassungen legen, beim roten FSK-18-Logo argwöhnen, es dennoch mit einer zensierten Version zu tun zu haben – das Label versah das Cover mit dem Hinweis, dass es sich um die ungekürzte Fassung handelt.

Die Wehrmacht marschiert ein

Nach Sichtung des Films bekenne ich: Die 18er-Freigabe geht völlig in Ordnung, Minderjährigen sollte man „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ nicht zumuten. Lässt sich das Kriegsdrama anfangs ruhig an, um einige Protagonisten vorzustellen und zu charakterisieren, geht es im letzten Drittel übelst zur Sache. Ich gebe dafür nun ein paar Beispiele – wer szenische Spoiler gern meidet, möge den Rest dieses Absatzes überspringen. Wenn die polnische Minderheit dahingemetzelt wird, öffnen die Macher die Trickkiste der blutigen Splattereffekte ganz weit. Da wird ein Mann zwischen zwei Pferden festgebunden und bei deren Auseinanderreiten zerrissen. Schwenkt die Kamera bald darauf noch gnädig weg, als ein mordlüsterner Ukrainer ein Baby vor den Augen der Mutter mit der Axt abschlachtet, so hält sie im nächsten Moment voll drauf, als die Mutter geköpft wird. Dennoch erhält das Geschehen nach meinem Empfinden niemals Exploitation-Charakter.

Die Juden verstecken sich vor den Deutschen

Die Massaker liefen offenbar tatsächlich mit außergewöhnlicher Grausamkeit ab – keine Seltenheit, dass anfangs ganz normale Männer im Verein mit anderen zu Mördern werden und sich als Massenmörder im Kreise vieler Gleichgesinnter in einen Blutrausch hineinsteigern. Laut IMDb-Trivia unterliegt das Kriegsdrama in der Ukraine einem Verbreitungs- und Aufführungsverbot. Solche Maßnahmen sind zwar scharf zu kritisieren, aber es verwundert nicht, dass sich angesichts von „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ einige Politiker und Vertreter anderer Professionen in der Ukraine auf den Schlips getreten fühlten.

Grausame Schilderung historischer Ereignisse

Die gezeigten Grausamkeiten dürften nur wenige Zuschauerinnen und Zuschauer kaltlassen. Bei mir war das jedenfalls nicht der Fall, obwohl ich Gewaltdarstellungen im Film gewohnt bin und vor ihnen nicht zurückschrecke. Da zudem die Hauptfigur Zosia als Identifikationsfigur taugt, kann ich „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ all jenen empfehlen, die an anspruchsvollen Kriegsdramen und filmischer Aufarbeitung historischer Kriegsereignisse interessiert sind. Zartbesaitete sollten aber Vorsicht walten lassen.

Die Massaker nehmen ihren grausamen Lauf

Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Rezension fanden sich in in der IMDb lediglich zwei „external reviews“ (Stand März 2019). Wer des Englischen mächtig ist, möge auch diesen aufschlussreichen Text lesen. „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ hat weitaus mehr Aufmerksamkeit verdient – und der Massenmord die Bewahrung vor dem Vergessen.

Zosia versucht zu fliehen

Veröffentlichung: 7. März 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 144 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Polnisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Wolyn
POL 2016
Regie: Wojciech Smarzowski
Drehbuch: Wojciech Smarzowski
Besetzung: Michalina Labacz, Arkadiusz Jakubik, Wasyl Wasylik, Izabela Kuna, Jacek Braciak, Adrian Zaremba, Maria Sobocinska, Oleksandr Zbarazkyi, Lech Dyblik, Gabriela Muskala
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Tiberius Film

 

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