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Tödliche Parties – Hercule Poirot in Acapulco

04 Apr

Murder in Three Acts

Von Ansgar Skulme

Krimi // Hercule Poirot (Peter Ustinov) und sein Hobby-Assistent Hastings (Jonathan Cecil) nehmen in Acapulco an einer Party auf dem Anwesen des Schauspielers Charles Cartwright (Tony Curtis) teil. Bei dem Freudenfest kommen nicht alle Gäste mit dem Leben davon, aber zunächst scheint es keine Hinweise auf unlautere Umstände zu geben. Als Cartwright Poirot später von einem zweiten Todesfall in Kenntnis setzt, der zur ersten Tat zu passen scheint, wird der belgische Meisterdetektiv misstrauisch – und wenn er einmal ins Grübeln gekommen ist, gibt er so schnell keine Ruhe mehr.

Peter Ustinov verkörperte den von Agatha Christie ersonnenen Ermittler Hercule Poirot in insgesamt sechs Filmen. Diese wurden im Zeitfenster von 1978 bis 1988 veröffentlicht. Für die beiden Kinoerfolge „Tod auf dem Nil“ (1978) und „Das Böse unter der Sonne“ (1982) zeichneten die Produzenten John Brabourne und Richard B. Goodwin verantwortlich, die mit „Mord im Orient-Express“ (1974) und dem Miss-Marple-Film „Mord im Spiegel“ (1980) seinerzeit zwei weitere berühmt gewordene Christie-Verfilmungen realisierten. In „Mord im Orient-Express“ war allerdings noch nicht Peter Ustinov als Poirot zu sehen, sondern Albert Finney, der die Rolle mit aufwendigem, unbequemem Make-up in der Hitze Ägyptens für „Tod auf dem Nil“ aber nicht noch einmal spielen wollte und daher von Ustinov ersetzt wurde. Die Drehbücher zu Ustinovs ersten beiden Einsätzen als belgischer Meisterdetektiv verfasste Anthony Shaffer, dessen Bedeutsamkeit für die Handschrift und den Erfolg der Ustinov-Poirots im Kino man spätestens feststellt, wenn man sich auch Ustinovs letzten Einsatz in „Rendezvous mit einer Leiche“ (1988) ansieht; für den wurde Shaffer, trotz neuen Produzenten-Gespanns, noch einmal reaktiviert, um sich am Drehbuch zu beteiligen. Der Regisseur war in allen sechs Poirot-Filmen mit Peter Ustinov jeweils ein anderer, aber Shaffer hat den drei Kinofilmen als Drehbuchautor unverkennbar seinen Stempel aufgedrückt.

Ungewöhnliche Sprünge

Zwischen Ustinovs zweitem und drittem Kinofilm als Poirot entstanden allerdings noch drei Fernsehfilme, mit wiederum anderen Produzenten und Drehbuchverantwortlichen: „Mord à la Carte“ (1985), „Mord mit verteilten Rollen“ (1986) und „Tödliche Parties“ (1986). Eine Besonderheit ist hierbei nicht nur, dass ein und derselbe Schauspieler einen klassischen Ermittler zunächst im Kino, dann im Fernsehen und dann noch einmal im Kino verkörperte, sondern auch, dass die Fernsehfilme in die damalige Zeit, also die 80er-Jahre, verlegt wurden, während sich die drei Kinofilme an den Vorgaben der Romane orientieren. Peter Ustinov war offenkundig bereits in seinem dritten von sechs Filmen so fest mit der Rolle verwachsen, dass er als fleischgewordener Poirot gewissermaßen über sämtlichen Zeit- und Budgetsprüngen stand.

Poirot (r.) lässt niemals locker

Nachdem die Kinofilme schon längere Zeit in Deutschland auf DVD erhältlich waren, wenn auch aufgrund des von den ersten beiden Filmen abweichenden Produktionshintergrunds des letzten Films „Rendezvous mit einer Leiche“ nicht alle aus einer Hand, hat Pidax Film einmal mehr eine Lücke inmitten einer Reihe von Detektivfilmen geschlossen und die drei Poirot-Fernsehfilme mit Peter Ustinov in Deutschland auf DVD veröffentlicht. Dass man im Hause Pidax akribisch darum bemüht ist, den Fans so viele fehlende Filme und Serien wie möglich mit bekannten Spürnasen in den Hauptrollen zugänglich zu machen und dabei jede noch so kleine Lücke zu schließen, sollte mittlerweile jedem Fan bekannt sein. Den Poirot-TV-Filmen mit Ustinov ist das gegenüber Kino-Einsätzen geringere Budget zwar natürlich anzumerken, nicht nur weil sich weniger Zeit genommen wurde, die Nebenrollen prägnant zu zeichnen, aber dennoch sind sie, aufgrund der Darbietungen von Peter Ustinov und einiger sehenswerter Gaststars und Nebendarsteller, alles andere als vertane Zeit und unterhaltsam.

Energisch auf mehreren Ebenen

Der Atmosphäre der Kinofilme kommt die zweite der drei TV-Produktionen, „Mord mit verteilten Rollen“, eindeutig am nächsten. Dennoch empfand ich auch den abschließenden Fernsehteil „Tödliche Parties“ als bereichernd, da mir zum Beispiel einige melancholische Untertöne, aber auch die Verlegung der Handlung des Romans nach Acapulco gefielen. Zudem gehört die finale Szene, in der die Verantwortlichkeit für das Morden geklärt wird, mitsamt der gut gespielten Reaktion der entlarvten Person zum Besten, was die Ustinov-Poirots dahingehend hervorgebracht haben. Unter anderem gibt es da einen kurzen Moment, in dem auch Poirot überrascht wirkt, da ihm die Hände, an denen im übertragenen Sinne Blut klebt, plötzlich so gefährlich nahekommen, dass es auch um ihn selbst hätte geschehen sein können. Ein guter Kniff mit Kloß im Hals. Die drei Fernsehfilme sind im Allgemeinen wesentlich mehr als die Kinofilme mit Blick auf Witzeleien inszeniert, zumal Poirot hier einen kuriosen Sidekick mit Stan-Laurel-Gedächtnisdauergrinsen namens Hastings mit sich schleift, der permanent den Eindruck macht, mit Hilfe seiner Finger möglicherweise eigenständig bis zehn zählen zu können, wodurch sich zwischen dem Superhirn und seinem tapsigen Gehilfen eine kuriose Zweisamkeit entspinnt, die immer wieder für alberne Absonderlichkeiten sorgt. Peter Ustinov konnte so etwas auch einfach ganz wunderbar spielen. Dennoch kommen aber nun einmal die abgründigen Untertöne in den Geschichten nicht unter die Räder – und das ist nicht unwesentlich für das Gelingen der Filme. Die finale Abrechnung in „Mord mit verteilten Rollen“ ist ebenfalls ziemlich gelungen inszeniert und gespielt.

„Tödliche Parties“ war die erste Verfilmung des Agatha-Christie-Romans „Three Act Tragedy“. Der Originaltitel des Films „Murder in Three Acts“ wurde in den USA schon 1934 aber ebenfalls für den Roman verwendet. Warum ausgerechnet beim deutschen Titel dieses TV-Films das Wort „Mord“ weggelassen wurde, obwohl es im Originaltitel des Films vorkommt, bei den anderen beiden vorausgegangenen Filmen aber nicht, dafür dort allerdings in den deutschen Titeln, „Mord à la Carte“ und „Mord mit verteilten Rollen“, gehört zu den Phänomenen deutscher Filmtitelschöpfungen, die man wahrscheinlich einfach nicht nachvollziehen kann, erst recht in Verbindung mit dem Anglizismus-Rechtschreibfehler „Parties“ statt des im Deutschen korrekten „Partys“. Der ziemlich belanglos wirkende Titel „Tödliche Parties“ weckt bei den meisten sicherlich erst dann Interesse, wenn zumindest der Name Agatha Christie davorsteht – „Mord in drei Akten“ wäre doch so einfach, zu den anderen beiden Filmen passend und schlicht auf eine Art eleganter gewesen. Der Film selbst vermittelt allerdings recht schnell den Eindruck, dass sich die Macher etwas vorgenommen hatten, was unter anderem den musikalischen Einfällen von Alf Clausen zu danken ist, der später beispielsweise durch seine Arbeit an „Die Simpsons“ bekannt wurde. Clausens Musik beschert „Tödliche Parties“ ein wundervolles Intro und den lustigsten sowie coolsten Übergang vom Finale in den Abspann der gesamten Reihe mit Peter Ustinov.

Augen zu – und der Blaubär ermittelt

Ob die Tatsache, dass auf der mir gelieferten Pidax-Box hinten bereits das Wort „Neuauflage“ steht, obwohl diese Poirot-Box ganz generell noch nicht lange auf dem Markt ist, als Nachweis eines großen Andrangs zu werten ist, darf jeder für sich selbst entscheiden. Die Ustinov-Poirot-Sammlung auf diese Weise zu komplettieren, ist in jedem Fall empfehlenswert. Puristen werden vielleicht etwas enttäuscht sein, dass das Bildformat der in Vollbild gedrehten Filme für 16:9-Fernseher modifiziert wurde; noch dazu in unterschiedlicher Weise. „Mord à la Carte“ ist auf klassischen für 4:3 optimierten Fernsehern im 16:9-Format mit zusätzlichen Schwarzbalken rechts und links – und nicht nur oben und unten – zu sehen. Es sind also alle Bildinhalte sichtbar, allerdings gewissermaßen verkleinert und man müsste zoomen, um das komplette Bild des Fernsehers zu füllen, was zu Unschärfe führt. Die beiden anderen Filme hingegen wurden am oberen und unteren Bildrand beschnitten, sind somit aber im 16:9-Format nun bildfüllend, ohne zusätzliche Schwarzbalken links und rechts. Welche Variante von beiden besser ist, ist reichlich diskutabel. Am besten wäre natürlich das Originalbildformat gewesen, aber es tut dem Filmspaß letztlich keinen großen Abbruch. Bei schriftlichen Einblendungen ist es aber teilweise auffällig, wenn sie recht knapp am Rand des beschnittenen Bildes kratzen.

Erfreulich ist, dass so nun auch der Originalton dieser drei vergleichsweise unbekannten TV-Filme unproblematisch in Deutschland verfügbar ist. Ustinov ist ohne seine eigene Stimme einfach kaum aufzuwiegen. Zudem ist hier nur über den Originalton ein einigermaßen einheitliches Gesamtbild der Poirot-Reihe herstellbar, da Peter Ustinov in „Tod auf dem Nil“ von Horst Niendorf und in „Rendezvous mit einer Leiche“ von Donald Arthur gesprochen wurde, in den drei Fernsehfilmen von Wolfgang Völz, während er sich für „Das Böse unter der Sonne“ wiederum auf Deutsch selbst synchronisierte. Gerade Völz in den TV-Filmen ist insofern etwas problematisch, als seine Stimme, zumindest aus heutiger Sicht, eine bundesweit viel zu bekannte und starke Eigenpräsenz errungen hat, insbesondere durch spätere Rollen wie Käpt’n Blaubär. Wenn dann ausgerechnet eine Koryphäe wie Peter Ustinov mit großer Eigenpräsenz als Schauspieler und Weltmensch derart eindeutig von einer fremden, populären Stimme mit ebenfalls großer Eigenpräsenz überlagert wird, schadet das einfach der Illusion. Ich bin aus ähnlichen Gründen auch nie mit Wolfgang Völz als später deutscher Stimme von Walter Matthau warm geworden, wobei ich hier sogar regelrecht das Gefühl hatte, eine Karikatur Matthaus vor mir zu sehen, die Matthau im Ergebnis zu Unrecht auf genau den Kauz mit Knautschgesicht reduzierte, als den ihn der eine oder andere heute lediglich in Erinnerung hat. Es ist nicht so, dass Völz sich als Stimme Ustinovs schauspielerisch schlecht macht, aber so ziemlich alle Facetten, die Ustinov stimmlich auszeichnen, gehen komplett verloren, da Völz zwangsläufig sein eigenes Charisma darüberlegt. Horst Niendorf und auch Donald Arthur kamen dem Original deutlich näher, wenngleich der gebürtige New Yorker Donald Arthur aufgrund seines Akzents vor allem dahingehend und eigentlich nur dann gut funktioniert, wenn man sich einbildet, in „Rendezvous für eine Leiche“ ebenso wie in „Das Böse unter der Sonne“ wieder Ustinov selbst Deutsch sprechen zu hören, obwohl er es gar nicht ist.

Wie Hastings (r.) im Staatsdienst Karriere machen konnte, bleibt sein Geheimnis

Selbst wenn man sich mit Wolfgang Völz als Peter-Ustinov-Variation dennoch anfreunden kann oder seine wunderbare Erzählerstimme einfach so oder so gern hört, bleibt immer noch die Absonderlichkeit, dass Poirots Sidekick Hastings in der Synchronfassung aller drei Filme sogar noch merkwürdiger als im Original ohnehin schon wirkt – auch hier nicht, weil der Sprecher schauspielerisch einen schlechten Job macht, sondern weil die Wirkung seiner Stimme auf diesem Gesicht eine zusätzliche, manchmal regelrecht bedenklich wirkende Behäbigkeit generiert. Man fragt sich zuweilen tatsächlich, ob mit Hastings einfach schlichtweg etwas Ernsthaftes nicht stimmt und er deswegen aus dem Staatsdienst ausscheiden musste. Mir ist tatsächlich nur selten eine Film- oder Fernsehfigur dermaßen eigenartig vorgekommen wie dieser Hastings in der deutschen Synchronfassung. „MacGyver“-Fans dürften zudem ein wenig verwirrt werden, da Wolfgang Völz in dieser Serie die deutsche Stimme von Dana Elcar war, der in „Tödliche Parties“ aber nun als Poirot zu hören ist. Besetzt wurde Gerd Duwner – ebenfalls eine beliebte, gern einmal in Kinderserien verwendete Stimme, die Schauspieler schnell zur Karikatur werden lassen konnte. Als deutschsprachiger Dana Elcar funktioniert er allerdings annehmbar. Für die diskutablen Aspekte der Synchronfassung wird man auch insofern entschädigt, als sich Lothar Blumhagen als wirklich gute Alternative unter den Stimmen von Tony Curtis erweist, der im Lauf seiner Karriere meist von Herbert Stass und später Rainer Brandt gesprochen wurde. Hätte Blumhagen in der Serie „Die Zwei“ nicht ausgerechnet Roger Moore synchronisiert, während Brandt für Curtis zum Einsatz kam, wäre er vermutlich häufiger für Tony Curtis eingesetzt worden. Zwar klingt Curtis im Original wesentlich rauer, lange nicht so betont galant, aber im Synchron gelingt es eben auch immer wieder, ungeahnt interessante Zusammenwirkungen von Stimmen und Gesichtern zu schaffen, die neue Perspektiven eröffnen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tony Curtis und Peter Ustinov sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. November 2018 als DVD

Länge: 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Murder in Three Acts
USA 1986
Regie: Gary Nelson
Drehbuch: Scott Swanton, nach einem Roman von Agatha Christie
Besetzung: Peter Ustinov, Tony Curtis, Emma Samms, Jonathan Cecil, Dana Elcar, Concetta Tomei, Fernando Allende, Pedro Armendáriz Jr., Lisa Eichhorn, Frances Lee McCain
Zusatzmaterial: keins
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2018 Pidax Film

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