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Als Jim Dolan kam – Dean Martin als Schurke

10 Apr

Rough Night in Jericho

Von Lucas Gröning

Western // Wie sollte ein Staat aufgebaut sein? Welche Kombination aus politischem System und Wirtschaftssystem sollte einem Staat zugrunde liegen, damit er so funktioniert, dass darin ein Maximum an Freiheit und Gerechtigkeit erreicht wird? Was ist Gerechtigkeit überhaupt? Welche Rolle spielen Autoritäten? Welche Rolle spielt die Bevölkerung? Welchen Einfluss können Interventionen von außen spielen? Einige Diskussionsansätze zu diesen Fragen finden wir in Arnold Lavens Western „Als Jim Dolan kam“.

Zunächst zum Plot: Früher war Alex Flood (Dean Martin) der Sheriff der Kleinstadt Jericho. Er sorgte für Recht und Ordnung, doch mittlerweile ist der einstmalige Gesetzeshüter mit seiner Banditenbande zum gefährlichsten Verbrecher der Gegend aufgestiegen. Die Bewohner des Ortes versetzt er in Angst und Schrecken. Eines Tages kommt der Kartenspieler und Ex-Marshal Jim Dolan (George Peppard) zusammen mit dem alternden Ex-Sheriff Ben Hickman (John McIntire) in die Stadt. Gemeinsam mit der Unternehmerin Molly Lang (Jean Simmons, „Spartacus“) sagen sie dem Despoten den Kampf an, um dessen Schreckensherrschaft über Jericho zu beenden.

„Als Jim Dolan kam“ ist, während er diesen Disput zeigt, handwerklich sehr gut gemacht, man merkt Regisseur Arnold Laven an, dass er nach seinen vorherigen Arbeiten „Das letzte Kommando“ (1962) und „Die glorreichen Reiter“ (1965) das Western-Genre beherrschte. Ansonsten war er bis zu seinem Karriereende Mitte der 1980erJahre vornehmlich fürs US-Fernsehen tätig und dort gut beschäftigt.

Alex Flood herrscht mit eiserner Hand

Vor allem die darstellerischen Leistungen des späteren „A-Team“-Stars George Peppard und besonders von Entertainer-Legende Dean Martin ragen heraus – Martin hatte sich im Genre bereits 1959 mit Howard Hawks’ „Rio Bravo“ ein Denkmal gesetzt. „Als Jim Dolan kam“ zeigt ihn in einer seltenen Schurkenrolle, es mag sogar seine einzige gewesen sein. Zusätzlich hören wir eine stimmige musikalische Untermalung und sehen tolle Kulissen sowie eine hervorragende Arbeit der Kamera. Die Kameraarbeit erreicht dabei eine hohe Qualität, was sich darin äußert, dass sie die Aussage des Films und die Gegensätzlichkeit der Figuren zusätzlich zu den Dialogen fantastisch unterstützt. Doch was will der Film uns eigentlich sagen, und welche Gegensätze sind gemeint?

Sozialismus und Diktatur

Wir haben es hier mit einem Konflikt zwischen Repräsentanten verschiedener Strömungen beziehungsweise systemischer Kombinationen zu tun. Auf der einen Seite Alex Flood – er steht für ein autoritäres, totalitäres und auf eine Person zentriertes Staatensystem. Gleich zu Beginn sehen wir, wie Flood den Rechtsstaat in Jericho abschafft, indem er den örtlichen Sheriff entmachtet und einen seiner Lakaien in dieses Amt hebt. Zusätzlich ernennt er alle weiteren Bandenmitglieder zu Hilfssheriffs, um jegliche Missetaten, welche mit dem Gesetz eigentlich unvereinbar sind, vor diesem rechtfertigen zu können und Strafverfolgung von vornherein unmöglich zu machen. So lässt Flood ohne gerichtlichen Prozess einfach jeden Menschen exekutieren, der ihm widerspricht, da sich die Repräsentation von Legislative, Exekutive und Judikative in ihm manifestiert. Das Gesetz ist also deckungsgleich mit den Bedürfnissen des einzelnen Herrschers – und alle Macht liegt bei ihm.

Im weiteren Verlauf erfahren wir, dass der Despot an sämtlichen wirtschaftlichen Unternehmen der Stadt einen Anteil von 51 Prozent hält, sodass auch die ökonomische Macht vollständig bei ihm liegt. Niemand in der Stadt kann ohne Floods Wohlwollen und Zustimmung irgendeine wichtige Entscheidung über den eigenen Betrieb treffen. Natürlich ist auch jederzeit die Enteignung möglich – oder die Zerstörung des jeweiligen Geschäfts, sodass die Existenzgrundlage aller Individuen jederzeit potenziell gefährdet ist. Es ist diese Angst, die die Bewohner der Stadt dazu bringt, zu schweigen und ihr Schicksal als Untergebene von Flood zu akzeptieren. Andere profitieren von den Vorteilen ihrer Unterstützung für Flood und halten ihn deswegen an der Spitze. Somit wird die Macht des Unterdrückers auch innerhalb der Bevölkerung gestützt, weil es niemand riskieren will, zur Revolution aufzurufen. Diese Vereinigung von derartiger politischer und wirtschaftlicher Machtfülle lässt sich historisch auf die großen sozialistischen Systeme zurückführen, welche einer autoritären Herrschaftsordnung zugrunde liegen. Die Verbindung dieser Systeme im Zusammenhang mit einer derart starken Zentrierung auf eine Person, wie es in „Als Jim Dolan kam“ geschieht, legt eine Verbindung zum Deutschen Reich unter Hitler oder zur Sowjetunion unter Stalin nahe. Mit der Erhebung von Alex Flood zum Antagonisten erteilt der Film dieser systemischen Zusammensetzung eine Absage.

Kapitalismus und Demokratie

Jim Dolan hingegen entwickelt sich als Protagonist im Verlauf des Films zum Gegenentwurf. Zunächst ist er wenig interessiert daran, sich Flood entgegenzustellen, da er einem Konflikt mit diesem ausweichen will. Seine Vorstellung von einem Staat ist daher anfangs noch sehr schwammig zu definieren. Er offenbart hier allerdings seine Vorstellung von der systemischen Grundordnung in wirtschaftlicher Hinsicht: Dolan ist Kapitalist – er verdient sein Geld mit Kartenspielen. Er redet davon, in Geschäfte zu investieren und davon, welche Investitionen sich lohnen würden und welche nicht. Auch einen potenziellen Konflikt mit Flood betrachtet er als eventuelle Investition mit Risiken. Mit der geringen Wahrscheinlichkeit zu Beginn des Films, diese Auseinandersetzung siegreich zu bestreiten, begründet er vor sich selbst, weshalb er eine Intervention unterlässt. Die Personen, die Dolan anschließend dazu bringen, seine Entscheidung zu überdenken, sind Ben und Molly. Ben repräsentiert dabei als Ex-Sheriff den Staat und seine Bestrebungen, wieder geltendes Recht durchzusetzen. Es gelingt ihm, diese Ansicht in Dolan wieder zu wecken, welcher diese Ideale als Marshal einst ebenfalls verfolgte.

Obendrein stehen Ben und Jim für die Intervention von außen, da sie zu Beginn des Films erst in der Stadt ankommen und eigentlich nur temporär in Jericho bleiben wollen. Das autoritäre System ist also nur schwer allein von innen zu zerstören, vielmehr sei eine Kraft von außen nötig, um den Umsturz erfolgreich zu bestreiten. Molly zum anderen repräsentiert diese revolutionäre Kraft im Inneren, in gewisser Weise das Aufbegehren gegen die totalitäre Ordnung aus der Bevölkerung heraus. In Kombination schaffen es Ben und Molly auch, den Kapitalisten in Dolan zu überzeugen, welcher nun das Potenzial erkennt, einen von Erfolg gekrönten Angriff auf den Despoten zu initiieren – Dolans aufkeimende romantische Gefühle für Molly spielen zweifellos auch eine Rolle. Die Kamera spielt dabei mit dem Gegensatz zwischen den verschiedenen Entwürfen der drei Charaktere. Gerade zu Beginn des Films, als Dolan noch überzeugt werden muss, werden die gegeneinander argumentierenden Parteien stets im gleichen Bild gezeigt. Es gibt nur recht selten Großaufnahmen der Gesichter, sodass der Gegensatz zwischen den Meinungen zwar klar wird, es wird aber auch gezeigt, dass ihre Vorstellungen recht nahe beieinander liegen. Wenn Dolan und Flood miteinander sprechen, ist dies anders. Plötzlich haben wir Nahaufnahmen der Gesichter und die Kamera arbeitet viel mehr mit Schnitten. Die Botschaft hier: Beide sind weit auseinander. Sie sind so weit auseinander, dass Konsens in der Diskussion praktisch nicht zu erreichen ist und dass beide nicht in dasselbe Bild passen.

Macht geht vor Recht

Kurz vor dem Start der „Revolution“ fasst Jim Dolan in einer Szene die Ausrichtung des von Flood organisierten Regimes mit einem Satz zusammen: „Macht geht vor Recht.“ Dies trifft die Situation in der von Laven gezeigten Stadt sehr gut. Recht oder Gerechtigkeit finden in Jericho nicht statt. Es ist einzig und allein die auf ein Individuum ausgerichtete Politik, unter welcher die Stadt zu leiden hat. Die Macht dieser einen Person verhindert einen Umsturz der Gegebenheiten. „Als Jim Dolan kam“ macht hier erneut klar, worauf diese Macht aufgebaut ist: die wirtschaftliche Macht durch das Errichten eines staatlichen Monopols, die militärische Macht, welche durch die hohe Anzahl an bewaffneten Handlangern des Herrschers repräsentiert wird, und die Bevölkerung, welche das Regime des Despoten entweder fürchtet oder unterstützt. Gerade diese Punkte sind es, welche Floods Macht sichern und worauf sich die Revolutionäre stürzen, um ihm Einhalt zu gebieten.

Jim Dolan stellt sich dem Despoten in den Weg

Das Ideal, welches der Film herausarbeitet, ist ein demokratisches, kapitalistisches System. Zum Erreichen dieses angestrebten Ideals sieht er die Notwendigkeit eines inneren revolutionären Potenzials. Die Intervention von außen hält er für gerechtfertigt, solange die innere Kraft zu schwach erscheint, um den Umsturz selbst zu vollziehen. Das Ziel der Revolution muss vordergründig das Erlangen der Kontrolle über Wirtschaft und Militär sein, wobei es unerlässlich sei, die Bevölkerung auf seiner Seite zu wissen. Diese Herausarbeitung gelingt, wobei „Als Jim Dolan kam“ viele Fragen offen lässt, gerade was post-revolutionäre Prozesse anbelangt. Das kann man ihm ankreiden, man kann es ihm allerdings auch zugutehalten, dass er die Beantwortung dem Zuschauer überlässt. So wird dieser ermutigt, auch nach Rezeption des Westerns darüber zu reflektieren und sich mit der Zusammensetzung von Staat und Wirtschaft auseinanderzusetzen. Doch auch wenn man über die vielen Aussagen und Fragen, die Lavens Werk aufwürft, nicht philosophieren möchte, bekommt man hier einen sehr guten Western zu sehen, der wenig falsch macht, außer ein paar unpassenden und leider auch unlustigen Comedy-Elementen. Ob der verschwindend geringen Häufigkeit dieser kann man allerdings darüber hinwegsehen und „Als Jim Dolan kam“ als das beurteilen, was er ist: ein wirklich guter Film, 2008 erstmals als DVD in Deutschland veröffentlicht und nun in anständiger Bild- und Tonqualität auch auf Blu-ray verfügbar.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jean Simmons sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Dean Martin in der Rubrik Schauspieler. Welche Dean-Martin-Filme könnt Ihr empfehlen?

Veröffentlichung: 11. April 2019 als Blu-ray, 9. Mai 2008 als DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Rough Night in Jericho
USA 1967
Regie: Arnold Laven
Drehbuch: Sydney Boehm, Marvin H. Albert, nach dem Roman „The Man in Black“ von Marvin H. Albert
Besetzung: Dean Martin, Jean Simmons, George Peppard, John McIntire, Slim Pickens, Don Galloway, Brad Weston, Steve Sandor, Richard O‘Brien
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Booklet, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Wendecover
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Lucas Gröning
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Koch Films

 
 

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34 Antworten zu “Als Jim Dolan kam – Dean Martin als Schurke

  1. DerBerliner

    2019/06/16 at 18:12

    Todfeinde

     
  2. PrettyinPink

    2019/06/16 at 09:19

    Rio Bravo

     
  3. Thomas Schmidt

    2019/06/16 at 09:19

    Die jungen Löwen finde ich herausragend….

     
  4. Klaus-Bernd

    2019/06/15 at 14:20

    „Die Geier warten schon“ und Verdammt sind sie alle“ sind meiner Meinung nach besonders empfehlenswert.

     
  5. Vanny

    2019/06/15 at 04:57

    Die jungen wilden und Rio Bravo

     
  6. ivo r

    2019/06/14 at 15:08

    Rio Bravo.

     
  7. Doreen

    2019/06/13 at 06:50

    Todfeinde ist sehr gut!

     
  8. DGrossi

    2019/06/12 at 09:08

    Rio Bravo 🙂

     
  9. Birgit

    2019/06/12 at 07:51

    Meine Empfehlung wären zwei klassische Western: „Die vier Söhne der Katie Elder“ und „Rio Bravo“

     
  10. Eick

    2019/06/12 at 04:43

    Bandolero

     
  11. Christoph Leo

    2019/06/11 at 22:11

    Das ist Rio Bravo

     
  12. Frank Hillemann

    2019/06/10 at 17:49

    Rio Bravo, Todfeinde, Küss mich, Dummkopf und 7 gegen Chicago

     
  13. Justin Rottstock

    2019/06/10 at 07:39

    Rio Bravo!

     
  14. renesnerdcave

    2019/06/09 at 07:58

    Mein Favorit ist Rio Bravo! 🙂

     
  15. Klaus

    2019/06/08 at 16:43

    Meine Favoriten sind „Rio Bravo“, „Todfeinde“ und „Bandolero“

     
  16. Dennis Reichenbach

    2019/06/08 at 15:34

    ´´Todfeinde´´ kann ich empfehlen

     
  17. Kevin Aßmann

    2019/06/08 at 15:08

    Ich würde aufjedenfall die Filme die er zusammen mit Frank Sinatra, Sammi Davis Jr und Bing Crosby gedreht hat empfehlen. Als Beispiel „Franke und seine Spießgesellen“ und „Sieben gegen Chicago“. Sind richtig geniale Filme 🙂

     
  18. Thomas aus Hamburg

    2019/06/08 at 08:15

    Ich habe bis auf „Airport“ noch keinen Dean Martin-Film gesehen und kenne mich eher mit Filmen ab 1984 aus. Und gerade deshalb finde ich es großartig, dass ich hier von den Empfehlungen anderer profitieren kann.

     
  19. Thomas Oeller

    2019/06/07 at 17:38

    Rio Bravo würde ich vorallem empfehlen

     
  20. Andreas H.

    2019/06/07 at 17:31

    „Die jungen Löwen“, “ Verdammt sind sie alle“, “ Die vier Söhne der Katie Elder“ und „Airport“ habe ich besonders gemocht.

     
  21. Andreas Michaelis

    2019/06/07 at 15:06

    Zu empfehlen ist: Franki und seine Spiesgesellen ( Ocean‘s 11) von 1960

     
  22. Rico Lemberger

    2019/06/07 at 14:13

    Rio Bravo und Die vier Söhne der Katie Elder. Die Cannonball Filme mag ich auch.

     
  23. Mike

    2019/06/07 at 10:51

    Seine Filme mit Jerry Lewis zusammen sind Klasse

     
  24. Tomasz Kordula

    2019/06/07 at 10:38

    „Die vier Söhne der Katie Elder“ war ein unterhaltsamer Film, der sogar ein interessantes Remake nach sich zog.

     
  25. Markus Tump

    2019/06/07 at 09:41

    Unkaputtbar : „Artists & models“.

     
  26. Dirk Busch

    2019/06/07 at 09:29

    Dann werfe ich doch mal Frankie & seine Spießgesellen und Airport in die Runde.

     
  27. Michael Kleu

    2019/06/07 at 09:18

    Rio Bravo, Ocean’s Eleven, The Sons of Katie Elder, Showdown sowie The Cannonball Run I und II haben mir als Kind super gefallen. Müsste ich mir noch einmal anschauen!

     
  28. Lars Johansen

    2019/06/07 at 07:50

    Natürlich immer wieder „Rio Bravo“, für den man ihn nicht genug loben kann. Und ich mag ihn in der vierteiligen „Matt-Helm“-Agenten-Reihe aus den 60ern, die derart von surrealistischem Meta-Humor durchzogen ist, dass es ein reines Vergnügen darstellt, zuzuschauen. Dagegen ist jeder Bond griechisches Drama.

     
  29. Jens

    2019/06/07 at 07:16

    Ich mag ja unheimlich gerne die Filme mit Jerry Lewis zusammen, wie beispielsweise „Der tollkühne Jockey“ oder „Man ist niemals zu jung“. Genauso zu u empfehlen ist aber sind aber such „Die siegreichen drei“ und „Zärtlich schnappt die Fälle zu“

     
    • V. Beautifulmountain

      2019/06/07 at 07:55

      Mit den Jerry-Lewis-Dean-Martin-Filmen verbinde ich viele Familienfilmabende in den 80ern.

       
  30. Daniel Hauska

    2019/06/07 at 06:25

    Meine Empfehlung: Die vier Söhne der Katie Elder

     
  31. Frank Warnking

    2019/06/07 at 06:19

    natürlich Rio Bravo und dann noch Todfeinde 🙂

     

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