RSS

Santa Sangre – Das Drama der Unerhörten

06 Mai

Santa Sangre

Von Lucas Knabe

Horror-Groteske // In einer großen Zelle befinden sich ein Korb mit einer Decke und ein rindenloser Baumstamm, auf dem ein nackter junger Mann (Axel Jodorowsky) in einer Astgabel kauert. Als man ihm ein Tablett mit Salat, Steak und Beilagen reicht, bleibt er verschreckt auf dem Baum hocken. Als ihm jedoch ein roher Fisch präsentiert wird, ertönt aus ihm ein hoher Schrei, er springt vom Baumstamm, greift sich den Fisch und verzieht sich prompt in den Korb, um ihn viehisch zu verspeisen.

Markante Handschriften

Die Eröffnungsszene deutet nur vage an und ist dabei befremdlich genug, um erkennen zu lassen, dass der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky („El Topo“, 1970) wieder einmal kein Interesse an gewöhnlicher Filmkultur hatte. Zusammen mit Produzent Claudio Argento, dem jüngeren Bruder der lebenden Legende Dario Argento, realisierte Jodorowsky 1989 eine phantasmagorische Bilderflut, deren Absurdität und Grenzenlosigkeit in einer Welt der Ausgestoßenen dem Publikum einiges abverlangen.

Der Beerdigungszug eines verstorbenen Elefanten zieht durch die Straßen

Zum Plot: Im Anschluss an den skurrilen Prolog finden wir uns etliche Jahre früher in den Elendsvierteln Mexikos wieder. In einer Welt, die von Prostitution, Alkohol und Dreck beherrscht wird, steht der junge Fenix (Axel Jodorowsky) im Zentrum. Fenix ist der Sohn einer Zirkusfamilie, die ihr Chapiteau in den Ghettos von Mexiko aufgeschlagen hat. Sein Vater Orgo (Guy Stockwell) ist ein Messerwerfer und Alkoholiker, seine Mutter Concha (Blanca Guerra) ist Artistin und Anführerin des Sektenkults „Santa Sangre“ (deutsch: heiliges Blut). Fenix selbst tritt als Zauberer auf und findet Gefallen an der ebenso jungen, gehörlosen Seiltänzerin Alma (Faviola Elenka Tapia). Eines Tages vergnügt sich der alkoholisierte Vater während einer Zirkusvorstellung mit seinem Wurfbrett-Opfer (Thelma Tixou) – einer tätowierten Frau von opulenter Weiblichkeit. Als Mutter Concha, ohnehin gerade mitgenommen vom überfallartigen Abriss ihrer Kultstätte, die beiden in flagranti ertappt, übergießt sie den Genitalbereich ihres Mannes mit Schwefelsäure. Daraufhin trennt dieser ihr beide Arme ab und richtet sich anschließend mit einem Schnitt durch die Kehle selbst hin. Mit diesen grausamen Bildern im Kopf wird Fenix von seinen Eltern in einem Milieu der Schuld und Sühne zurückgelassen. Er verbringt die nächsten Jahre einsam und fernab jeder menschlichen Identität in der Psychiatrie. Ein bedeutsamer Moment bringt ihn zur Flucht und erweckt in ihm sein früheres Ich. Doch bald findet sich Fenix als Werkzeug manipulativen Hasses wieder – er muss entscheiden, ob er gänzlich einer ödipalen Illusion verfällt oder zu jenen hält, die er im Diesseits liebt.

Alles andere als Mainstream

„Santa Sangre“ erinnert an eine Whisky-Verkostung: Jede empfundene Assoziation ist aufgrund der Fülle an Impressionen innerhalb kurzer Zeit richtig, keine falsch, da jeder Mensch ein individuelles Empfinden besitzt. Ähnlich verhält es sich auch hier. Aufgrund der immensen Dichte an Eindrücken und Reizen, die Jodorowsky in großartiger Manier inszeniert hat, macht es die einmalige Sichtung schier unmöglich, die Metaebenen des Films allumfassend zu überblicken. Jeder Mensch wird aus „Santa Sangre“ seine ganz persönlichen Rückschlüsse ziehen und die Einzelheiten individuell gewichten, sodass in Summe ein subjektives Kunstwerk entsteht, das überspitzt gesagt keinem anderen gleicht.

Werden Alma (im Bild) und Fenix einander jemals wiedersehen?

Jodorowsky vereint ein Potpourri aus Horror, Drama, Giallo und Fantasy zu einem technisch raffinierten Paradebeispiel experimenteller Filme. Die bravourös hineinmontierte Filmmusik – ähnlich wie in Alejandro González Iñárritus „Birdman“ (2014) – durch kleine Live-Kapellen gerät aufgrund der drängenden Konflikte fast schon in den Hintergrund. Die von Prof. Dr. Marcus Stiglegger vielzitierte Performativität, also das Sichtbarmachen des sich Vollziehenden, findet hier ihre gebührende Ausschöpfung und trägt zur enormen Bilddichte bei, die man entweder genießt oder an der man verzagt, wenn man verzweifelt versucht, den Film ganzheitlich in einen Kosmos der Ethik, Philosophie und Filmkultur einzuordnen. „Santa Sangre“ ist nach meiner Ansicht ein Werk, dass keine Schwächen besitzt, sei es schauspielerisch, optisch oder inszenatorisch, alles wirkt tadellos.

Der Mensch als Produkt des Verfalls

Um bei den Bausteinen des Films zu bleiben, könnte man behaupten, dass „Santa Sangre“ selbst einer Zirkusvorstellung ähnelt. Wir, die Zuschauerinnen und Zuschauer, blicken hinab auf Wesen, die zum verstoßenen Rand einer Gesellschaft gehören, die aber keine geringeren Bedürfnisse und Wünsche als wir alle besitzen und sich nach Glück, Liebe, Freiheit, Macht und Anerkennung sehnen, eben nur auf ihre eigene befremdliche Art und Weise. Der Adler dient hierbei als häufige Allegorie und versinnbildlicht den Wunsch nach Erlösung und Ausbruch aus einer unbarmherzigen Welt, die gegen Ende des Films ihre dramatische Zuspitzung findet. Somit prävaliert in diesem Zirkus eine allzu reale Sicht auf die großen Fragen und auf die kleine Welt des Individuums, die interessant und grausam zugleich ist. Der Zuschauer wird dabei mit einem Gefühl der Wehmut zurückgelassen und kann ohne Vorbehalt darüber befinden, was er gerade gesehen hat. Ein fantastisches Horrordrama, das durch seine skurrile und groteske Art weit weg von der Wirklichkeit scheint, jedoch bei genauer Zuwendung über die Maßen fassbar ist. Ein Meisterwerk, das nun endlich hierzulande verfügbar ist, und das ungekürzt mit FSK-16-Freigabe in formschöner Special Edition mit massig Bonusmaterial und Soundtrack-CD.

Veröffentlichung: 25. April 2019 als 5-Disc Special Edition (Blu-ray & 3 DVDs & CD)

Länge: 123 Min. (Blu-ray), 118 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Audiokommentar
Originaltitel: Santa Sangre
IT/MEX 1989
Regie: Alejandro Jodorowsky
Drehbuch: Alejandro Jodorowsky, Roberto Leoni, Claudio Argento
Besetzung: Axel Jodorowsky, Blanca Guerra, Guy Stockwell, Thelma Tixou, Sabrina Dennison, Adan Jodorowsky, Faviola Elenka Tapia, Teo Jodorowsky, Mary Aranza, Jesús Juárez, Sergio Bustamante, Gloriella, S. Rodriguez, Zonia Rangel Mora, Joaquín García Vargas, Teo Tapia, Edgar E. Jiménez Nava, Jacobo Lieberman, Héctor Ortega, Brontis Jodorowsky, Valérie Crouzet, Óscar Serafín Álvarez, Billy Motton, Hilario ‚Popitekus‘ Vargas, Guadalupe ‚TNT‘ Aguilar, Arturo ‚Rinoceronte‘ Contreras, Gustavo Aguilar Tejada, Roger Fayard Arroyo
Zusatzmaterial: Trailer, Audiokommentar, Doku, geschnittene Szene mit Regiekommentar, Soundtrack-CD, Bildergalerie
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Lucas Knabe
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Koch Films

 

Schlagwörter: , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: