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Greta – Wer nett ist, verliert?

13 Mai

Greta

Kinostart: 16. Mai 2019

Von Philipp Ludwig

Thriller // Wer wie ich aus eher ländlichen Gefilden stammt, dem wird gern eine gewisse Grund-Naivität nachgesagt – nach dem Motto „treudoof stolpern wir durch die Welt“. Dabei sind wir in der Regel einfach nur außerordentlich nett und zuvorkommend. Kommt man im Lauf seines Lebens zunehmend mit größeren Städten in Berührung, so hält dies für uns Landeier stets immer ein erhöhtes Überraschungspotenzial parat. Nicht allzu selten scheint in diesen leider das Recht des Stärkeren zu herrschen und man sollte mitunter auch mal ordentlich die Ellenbogen auspacken können. Mir persönlich reicht Hamburg da schon voll und ganz und das Leben mit den häufig recht rücksichtslosen Menschen hier bringt mich gelegentlich nah an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.

„This city will eat you alive!“

Gleiches gilt wohl auch für die junge Studentin Frances McCullen (Chloë Grace Moretz, „Die 5. Welle“), die vor Kurzem erst in die Millionen-Metropole New York gezogen ist. Wobei hier zur Symbolisierung ihrer provinziellen Herkunft interessanterweise eine Großstadt wie Boston herhalten muss, aber in den USA sind die Dimensionen diesbezüglich wohl etwas anders ausgeprägt. Zusammen mit ihrer besten Freundin Erica Penn (Maika Monroe, „Independence Day – Wiederkehr“) teilt sie sich ein erstaunlich komfortables Loft. Um sich das Leben im Big Apple leisten zu können, muss sie sich für einen Großteil ihrer freien Zeit als Kellnerin in einem Sternerestaurant verdingen. Viel Zeit für weitere soziale Kontakte bleibt der schüchternen Frances daher kaum. Erschwerend hinzu kommt, das sie den kürzlichen Tod ihrer geliebten Mutter verkraften muss. Auch der extrovertierten Erica gelingt es nicht, ihre Freundin aus dem Schneckenhaus zu locken, in das sich diese verstärkt zurückzuziehen scheint.

Traurig in New York City: Die introvertierte Studentin Frances fühlt sich verloren in der großen Stadt

Als Frances eines Tages eine vergessene Handtasche in der U-Bahn bemerkt, ändert sich alles. Den nachdrücklichen Warnungen ihrer Freundin Erica zum Trotz macht sich die gute Seele auf, die Tasche ihrer rechtmäßigen Besitzerin zurückzugeben. Diese stellt sich als die Klavierlehrerin Greta Hideg (Isabelle Huppert, „Elle“) heraus. Die französischstämmige und kultivierte ältere Dame wohnt einsam und zurückgezogenen in ihrem gemütlichen kleinen Häuschen in einem New Yorker Hinterhof. Nachdem ihre Tochter vor einiger Zeit zum Studieren nach Paris gegangen ist, sehnt sich Greta nach einer liebevollen Beziehung, so wie Frances dies nach dem Verlust ihrer Mutter ebenfalls tut. Die beiden einsamen Seelen finden daher schnell zueinander, eine innige Freundschaft scheint zu entstehen. Doch bald muss Frances feststellen, dass ihr Handtaschenfund weniger zufällig war als zunächst angenommen und dass sich hinter der unscheinbaren, netten Dame Greta weit mehr verbirgt. Diese lässt sich auch nicht so schnell wieder abwimmeln, wenn man ihr erst einmal die Tür ins eigene Leben geöffnet hat.

Der Fund einer damenlosen Handtasche wird Frances’ Leben nachhaltig verändern

Das der irische Regisseur Neil Jordan etwas vom Fach versteht, hat der Oscar-Gewinner (bestes Drehbuch für „The Crying Game“, 1992) hinlänglich bewiesen. Allerdings liegen die öffentlich beachteten Erfolge des mittlerweile fast 70-jährigen Filmemachers nun auch schon eine ganze Weile zurück – siehe beispielsweise auch „Interview mit einem Vampir“ (1994) und „Michael Collins“ (1996). Mit „Greta“ setzt er sich nun nach siebenjähriger Unterbrechung erstmalig wieder auf den Regiestuhl einer Filmproduktion. Und man merkt diesem Werk durchaus an, dass Jordan ein überzeugter Vertreter der alten Schule geblieben ist. Dies muss ja nun nicht zwingend ein Nachteil sein – ganz im Gegenteil –, in Bezug auf seinen Thriller um eine durchgeknallte Stalkerin im beginnenden Seniorenalter erweist es sich allerdings leider als nur bedingt förderlich.

Kaum Innovation im Thriller-Genre

So bekommen wir mit „Greta“ einen zumindest halbwegs soliden Thriller geboten, der sich etlicher etablierter Formen aus dem Genrebaukasten bedient: Mit Frances etwa einer klassischen, naiv gutherzigen wie hübschen jungen „Damsel in Distress“, in deren Alltag sich sukzessive das Grauen einschleicht, bis es zur unausweichlichen Katastrophe kommt. Ebenso vertraut Jordan auf klassische dramaturgische Inszenierungsstrategien des Suspense, indem er uns als Zuschauer stets etwas mehr wissen lässt als die bedauernswert ahnungslose junge Studentin. Wir bemerken dadurch relativ früh, dass hinter der Fassade der netten, einsamen Greta mehr lauert, und müssen fortan hilflos zusehen, wie sich unsere junge Protagonistin zunehmend in die Misere bewegt.

Wie Mutter und Tochter? Frances (l.) freundet sich mit der einsamen Greta an

Jordans neuestes Werk hat durch diese beinahe schon sklavische Bedienung der Genrekonventionen jedoch ein Problem: Es fehlt nahezu komplett an Einfallsreichtum und nachhaltigen Überraschungen. Ist der Film filmtechnisch-handwerklich zwar durchweg top, so bleiben beinahe jede charakterliche Figurenentwicklung, überraschende dramaturgische Wendung und jeder vermeintliche Schockmoment für mit dem Genre vertraute Zuschauer komplett vorhersehbar. Bei mir blieb im Nachhinein tatsächlich nur eine einzige, längere Sequenz in Erinnerung, bei der mich der Regisseur wirklich einmal überraschen und nachdrücklich begeistern konnte. Da diese ziemlich entscheidend für die Geschichte ist, verrate ich lieber nicht, worum es geht. Aber hier ist „Greta“ tatsächlich mal sowohl handwerklich als auch inszenatorisch interessant gemacht und weiß mit einem Twist ausnahmsweise zu überraschen.

Suspension of Disbelief?

Auch mit der Logik nimmt es der irische Regisseur, der zusammen mit Ray Wright auch am Drehbuch mitgewirkt hat, in seinem Plot nicht immer allzu genau. So lassen einen die Handlungen der einzelnen Figuren häufig recht ratlos zurück, manche Verhaltensweisen dienen mit ihrer mitunter schieren Dummheit wohl einzig dem Spannungsaufbau. Ein beliebtes Stilmittel etwa auch im Horrorgenre, um Spannung in erster Linie durch nicht nachvollziehbare Handlungen der einzelnen Protagonisten zu erzeugen. Da will ich gar nicht weiter ins Detail gehen. Wer sich den Film anschaut, wird erkennen, was ich meine – es ist einfach zu offensichtlich. Kleiner Tipp: Achtet mal auf die Handlungen von Frances’ Vater (Colm Feore) und des von diesem engagierten Privatdetektivs (Stephen Rea)!

Die Theorie vom „Suspension of Disbelief“ besagt jedoch, das Zuschauerinnen und Zuschauer durchaus dazu bereit sein können, über fehlende Logik in fiktionalen Werken wohlwollend hinwegzusehen und sich auf das Gezeigte emotional einzulassen. Viele Science-Fiction-, Horror- und Fantasyfilme wären anders wohl kaum vorstellbar. Ob diese stille Übereinkunft zwischen Rezipienten und einem Werk allerdings auch bei einem maximal als mittelmäßig einzustufenden Film wie „Greta“ Früchte trägt, wage ich dagegen zu bezweifeln.

Erica stößt mit ihren Warnungen bei ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin auf taube Ohren

Das „Greta“, trotz der Überraschungsarmut sowie der oft fehlenden logischen Nachvollziehbarkeit, wenigstens im grauen cineastischen Mittelmaß anzusiedeln sein wird, verdankt der Film vor allem der tollen Besetzung seiner beiden Hauptfiguren. Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert absolviert hier auf ihre alten Tage noch einmal einen ihrer seltenen Ausflüge in amerikanische Spielfilme. Ist ihr Charakter der Greta zwar im Großen und Ganzen dann doch ziemlich überzeichnet, so gelingt es der Thriller-erfahrenen Darstellerin dennoch auf beeindruckende Weise, deren emotionalen Facettenreichtum auf die Leinwand zu bringen – von der zunächst freundlichen Klavierlehrerin, der wir aufgrund ihres kultivierten Wesens und der traurigen Einsamkeit zunächst unsere Sympathien entgegenbringen bis hin zur kaltblütigen und durchgeknallten Psychopathin, die sie eigentlich darstellt.

Gar nicht mal so nett: Greta

Chloë Grace Moretz ist wie gewohnt eine Wucht. Die junge amerikanische Schauspielerin hat mit ihren gerade einmal 22 Jahren bereits eine beachtliche Filmografie vorzuweisen. Sie beweist auch mit „Greta“ ihren ausgeprägten Hang zu Rollen in emotional wenig erbaulichen Filmen, wie sie seit ihrem Durchbruch als 12-jähriges „Hit-Girl“ im Superhelden-Action-Splatter-Spektakel „Kick-Ass“ wiederholt bewiesen hat. Ob Action, Horor oder Thriller – Filme mit Hang zum Dramatischen scheinen auf jeden Fall ihr Ding zu sein. Auch wenn ihre Figur der Frances in „Greta“ schon arg viel durchmachen muss und nur wenig Gelegenheit bekommt, sich auch mal ohne fremde Hilfe zu behaupten, so macht Moretz schauspielerisch das Beste aus ihrer vom Drehbuch ziemlich devot angelegten Rolle.

Filme, die die Welt nicht braucht?

Das soll nun alles aber auch nicht so harsch klingen, wie es vielleicht den Eindruck macht. Aber mit „Greta“ liefert Regisseur Jordan einen Thriller ganz nach Schema F, an dem zumindest handwerklich wenig auszusetzen ist, der durch seine Überraschungsarmut und fehlendem Einfallsreichtum jedoch weder sonderlich spannend ist, noch groß zu schockieren oder gar zu überraschen vermag – mit geringfügigen Ausnahmen. Dessen Überzeichnung einzelner Figuren und mitunter gewaltige Logiklöcher werden gerade bei einem anspruchsvollen Publikum nur wenig Begeisterungsstürme entfachen. Ein höchst durchschnittlicher, beinahe schon belangloser Film also, der es wohl nur der populären Besetzung seiner beiden Hauptrollen zu verdanken hat, überhaupt ein größeres öffentliches Interesse zu rechtfertigen.

Dass darüber hinaus auch das interessante und wichtige Thema des Stalkings nur als spannungserzeugender Aufhänger für die Story dient, sei nur am Rande erwähnt. Ich werde zumindest auch weiterhin versuchen, so freundlich wie möglich zu sein. Lasst euch nach der Sichtung von „Greta“ auch weiterhin nicht davon abhalten, verlorene Gegenstände an ihre Besitzer zurückzugeben! Nur wenn es sich dabei um ältere, frankophile Klavierlehrerinnen handelt, empfehle ich ausdrücklich, lieber Abstand zu halten oder am besten direkt Reißaus zu nehmen. Gleiches gilt aber im Prinzip auch für den Thriller „Greta“. Kann man sich diesen zwar durchaus mal anschauen, ohne komplett etwas falsch zu machen, so können mit den knapp 100 Minuten Lebenszeit bestimmt auch sinnvollere Dinge angestellt werden. Socken bügeln zum Beispiel. Ihr würdet es nicht bereuen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Neil Jordan sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Chloë Grace Moretz unter Schauspielerinnen.

Was hat Greta (l.) mit Frances vor?

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Greta
IRL/USA 2018
Regie: Neil Jordan
Drehbuch: Ray Wright, Neil Jordan
Darsteller: Isabelle Huppert, Chloë Grace Moretz, Maika Monroe, Colm Feore, Stephen Rea, Jane Perry, Jeff Hiller, Thaddeus Daniels, Raven Dauda
Verleih: capelight pictures

Copyright 2019 by Philipp Ludwig


Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2018 capelight pictures. All rights reserved.

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