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Quigley der Australier – Vom Wilden Westen zu den Aborigines

16 Mai

Quigley Down Under

Von Leonhard Elias Lemke

Western // Um 1860: Der amerikanische Scharfschütze Quigley (Tom Selleck) begibt sich auf die große Reise über den Ozean, hin zu dem noch recht frisch erschlossenen Kontinent Australien. Er folgt damit dem Ruf des steinreichen Großgrundbesitzers Marston (großartig hassenswert wie eh und je: Alan Rickman), mit seiner einmaligen Schusswaffe die Ländereien von unliebsamen Besuchern zu säubern – den Aborigines. An Ort und Stelle angekommen, weigert sich Quigley, die Bluttaten zu verrichten. Von Marstons Männern übel zugerichtet und im Outback gemeinsam mit der Prostituierten Cora (Laura San Giacomo) dem sicheren Tod überlassen, werden die beiden von großherzigen Ureinwohnern aufgepeppelt und können sich alsbald auf den Pfad der Rache machen.

Gut geschlachtet ist schon halb kolonialisiert!

„Quigley der Australier“ gehört zu den wichtigsten Down-Under-Filmen. Während die Kolonialisten die Indianer Nordamerikas schamlos von deren eigenem Land vertrieben haben, hatte das britische Empire bei der Besetzung Australiens ab 1788 offensichtlich nichts gelernt. Die Ureinwohner des Inselkontinents, die Aborigines, wurden systematisch ausgerottet, ihnen wurde jeglicher Anspruch auf ihre Heimat versagt. „Pazifizierung durch Gewalt“ war das Motto und was man nicht verstand, wurde einfach zertreten. Während der Umgang mit den Indianern verhältnismäßig intensiv in Kunst und Literatur thematisiert wird, scheint das Schicksal der Aborigines oft übergangen zu werden. „Quigley der Australier“ stellt damit einen willkommenen Beitrag dar, der eben jenes Verbrechen thematisiert, das die Menschheit an sich selbst verübt hat.

Western? Abenteuer? Geschichtsstunde? Thriller? Drama? Komödie?

Der Film reitet auf der bislang letzten großen Westernwelle und ist dennoch gar kein typischer Genrevertreter. Er ist schwer zu kategorisieren – das eint bekanntlich die besten Filme. „Quigley der Australier“ ist brutal, blutig und geht dabei fast spielerisch mit den Gräueltaten um. In einigen Szenen erlangt die Story gar metaphysischen Charakter, Tom Selleck wird zum „Spirit Warrior“. Regisseur Simon Wincer vollzieht eine Gratwanderung zwischen Unterhaltungsfilm und bitterer Abrechnung der grausamen Taten. Wincers „Harlekin“ ist wahnsinnig toll, auch die von ihm inszenierte vierteilige Western-Miniserie „Weg in die Wildnis“ (1989) mit Robert Duvall und Tommy Lee Jones lohnt sich sehr. Ein Jahr nach „Quigley der Australier“ drehte er den Actionfilm „Harley Davidson und der Marlboro Mann“ mit Don Johnson und Mickey Rourke, den manche für kultig halten.

Auf der richtigen Seite

Der Action- und Komödienanteil von „Quigley der Australier“ sind zu begrüßen – so kann ein breiteres Publikum angesprochen und auf die Geschichte Australiens aufmerksam gemacht werden als mit einem todernsten Drama. Solche gibt es aber natürlich auch. Basil Poledouris als Komponist ist in der Regel schon allein ein Grund, sich einen Film anzusehen. Sein Soundtrack schöpft vor allem aus einem beschwingt-abenteuerlichen Repertoire, vermeidet aber den ganz großen Conan-Bombast, dem Inhalt Respekt zollend.

Widerwillen vereint?

Tom Selleck hätte gern schon zehn Jahre zuvor die Titelrolle gespielt, kam aber nicht au seinem „Magnum“-Vertrag (nicht für das Eis!) heraus. Als schnauzbärtiger Hüne ist er zunächst gewöhnungsbedürftig – einen Scharfschützen stellt man sich ja eher klein und geschmeidig vor, vielleicht mit Nickelbrille. Doch mit jeder Filmminute mehr merkt man ihm die Inbrunst an, die er in die Rolle gelegt hat. Selleck IST Quigley und er lässt keinen Zweifel daran, auf wessen Seite er im Outback steht. Oberfiesling Alan Rickman („Stirb langsam“, „Robin Hood – König der Diebe“ sowie die „Harry Potter“-Reihe) ist einfach herrlich anzusehen als eklig arroganter Menschenhasser – dem will man jederzeit eine reinhauen! Showstealerin des Streifens ist allerdings Laura San Giacomo als traumatisierte, erotische, verrückte Crazy Cora, bei der sowohl Publikum als auch Quigley nie so recht wissen, woran sie sind.

Heimkino-Gold

Das von capelight pictures veröffentlichte Mediabook mit Blu-ray und DVD ist ein Musterbeispiel für hochwertige Heimkinoauswertung. Äußerlich gefallen vor allem die matte Oberfläche und die schönen Artworks auf Vorder- und Rückseite, die nicht durch unnütze Infos verschandelt werden. Auch das Booklet ist auf wertigem dicken und matten Papier gedruckt. Hier gibt es keine Fettflecken! Auch finden schön gestaltete Stills ausreichend Platz. Da der Text von Christoph N. Kellerbach stammt, muss man sowieso eine Leseempfehlung aussprechen, denn es ist schier unglaublich, wie gut seine Recherchearbeiten sind. Er vermeidet blumige und ausufernde Sprache (zu der der Autor dieser Zeilen neigt) zugunsten einer klaren Struktur und Aussage. Bei den Extras sind eine tolle Featurette zur (scheinbaren) Wiedergeburt des Westerns und ein Interview mit Laura San Giacomo besonders hervorzuheben. Insgesamt einmal mehr eine vorbildliche Veröffentlichung eines wichtigen Down-Under-Westerns.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Simon Wincer sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Alan Rickman unter Schauspieler.

Quigley bringt Licht in trübe Kolonialisten-Köpfe

Veröffentlichung: 22. März 2019 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD, 20. Oktober 2003 als DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Quigley Down Under
AUS/USA 1990
Regie: Simon Wincer
Drehbuch: John Hill
Besetzung: Tom Selleck, Alan Rickman, Laura San Giacomo, Ben Mendelsohn, Chris Haywood, Ron Haddrick, Tony Bonner, Roger Ward, William Zappa
Zusatzmaterial: „Finding Crazy Cora“: Interview mit Laura San Giacomo, „This One Shoots a Mite Further“: Interview mit dem Waffenexperten Mike Tristano, Featurette „Die Wiedergeburt des Westerns“, TV-Spots, Original-Kinotrailer, deutscher Kinotrailer, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2003: MGM

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke
Szenenfotos: © 2019 capelight pictures

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2 Antworten zu “Quigley der Australier – Vom Wilden Westen zu den Aborigines

  1. Frank Hillemann

    2019/05/18 at 08:33

    Erneut ein Beispiel für grandiose deutsche Kinotitel. Aus “ Quigley- down under “ wird schnell mal “ Quigley, der Australier “ gemacht. Ganz groß.

     

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