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Mothra bedroht die Welt – Erster Flügelschlag der lieblichen Riesenmotte

28 Mai

Mosura

Von Volker Schönenberger

SF-Abenteuer // Darauf haben die Kaijū-Fans hierzulande lange gewartet: Endlich kann im Rahmen der „Kaiju Classics“ von Anolis Entertainment auch der erste Auftritt der Riesenmotte Mothra in bestmöglicher Qualität auf hiesigen Bildschirmen genossen werden. Von „Mothra bedroht die Welt“ (1961) bis zu ihrem bislang letzten Auftritt in „Godzilla – Final Wars“ (2004) flatterte die beliebte Kreatur insgesamt 13 Mal in den Kaijūs durch die Lüfte. Im japanischen Original heißt sie Mosura.

Wie niedlich: die winzigen Zwillingsfeen

Ein Taifun bringt einen japanischen Frachter in schwere See und in ein Gebiet für nukleare Tests. Als das Schiff auf ein Riff läuft, befiehlt der Kapitän: „Alle Mann von Bord!“ Der Frachter bricht auseinander und sinkt. Ein Suchhubschrauber entdeckt auf einer Insel vier Überlebende des Schiffbruchs – sie werden gerettet. Wider Erwarten erweisen sich die Männer als nicht verstrahlt. Sie berichten, ihnen sei von Eingeborenen ein Getränk verabreicht worden, das sie vor den Folgen nuklearer Strahlung bewahrt habe. Dabei gelten die Inseln in dem Atomtest-Gebiet als unbewohnt!

Expedition ins Atomtestgebiet

Die Atomtests hatte seinerzeit der Staat Roliscia (andere Schreibweise: Rolisica) vorgenommen. Nun bricht eine Expedition auf, die Roliscia und Japan gemeinsam zusammengestellt haben und die vom Roliscianer Clark Nelson (Jerry Itô) geleitet wird. Aus Japan dabei sind auch der Wissenschaftler Dr. Shin’ichi Chûjô (Hiroshi Koizumi) und der Journalist Senichiro „Sen-chan“ Fukuda (Furankî Sakai), genannt Bulldogge. Als Chûjô in die Fänge einer Schlingpflanze gerät, retten ihn zwei winzige Feen (die eineiigen Zwillinge Yumi und Emi Itô). Nelson entführt die beiden kaum 20 Zentimeter großen Mädchen, um sie als Attraktionen einem großen Publikum vorzuführen. Das ruft Mothra auf den Plan, die als riesige Raupe aus einem Ei schlüpft und sich von der Insel aus schwimmend auf den Weg macht, die zwei Feen zu retten, zu denen Mothra offenbar telepathischen Kontakt hält. Dabei lässt sich die Kreatur auch nicht von Luftangriffen aufhalten – und verpuppt sich bald, um als Riesenmotte wieder auf der Bildfläche zu erscheinen.

Roliscia – nie gehört? Das mag daran liegen, dass das Land gar nicht existiert. Im Godzilla-Universum tauchen immer mal wieder fiktive Schauplätze auf. In diesem Fall dient das Land kaum verhohlen als Platzhalter für die USA und die Sowjetunion gleichermaßen, was nach Hiroshima und Nagasaki nicht von ungefähr kommt – viele der Kaijūs thematisieren auf mehr oder weniger subtile Weise das atomare Trauma Japans aufgrund der Atombombenabwürfe zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Engagiert: Reporter Fukuda, genannt Bulldogge

Während Godzilla in den Filmen der Tōhō-Studios in der Regel mittels Suitmation von einem Schauspieler im Gummikostüm dargestellt wurde, ließ sich das mit der Riesenraupe und -motte nur schwierig bewerkstelligen – für ihr Debüt in „Mothra bedroht die Welt“ allerdings schon, wobei die Tricktechniker für manche Szenen mit der Motte und insbesondere bei ihren Auftritten in späteren Filmen auf Puppentrick-Animation zurückgriffen, bei der das Viech beim Fliegen an Fäden aufgehängt wurde. In Verbindung mit den bekannten Miniaturkulissen der Kaijūs ergibt das eine herrlich naiv visualisierte Geschichte, in der Mothra keineswegs bösartig ist, sondern lediglich seine Schützlinge retten will – und das auf familientaugliche Weise, auch wenn Fiesling Nelson überaus skrupellos gezeichnet wird und zu keinem Zeitpunkt vor Mord zurückschreckt.

Auftritt der Peanuts

Ab und zu überschreitet „Mothra bedroht die Welt“ die Grenze zur Albernheit, etwa beim Bühnendebüt der Zwillingsfeen inklusive Gesangseinlage – eins der Lieder ist es dann auch, das aus der Ferne Mothra aus dem Ei schlüpfen lässt. Die beiden Darstellerinnen der Feen bildeten übrigens das in Japan recht populäre Gesangsduo The Peanuts, das auch in deutschen Fernsehshows zu sehen war und in den 1960er-Jahren sogar Singles in deutscher Sprache veröffentlichte. Für manche Schmunzler sorgt auch Reporter Fukuda, der etwas tollpatschig und neben der Spur wirkt, sich aber als schlagkräftig erweist und bald von einer Comic-Relief-Nebenfigur zum Protagonisten aufsteigt, der die Handlung vorantreibt.

Voll in Aktion inklusive Zerstörungswerk bekommen wir Mothra als fertige Motte erst recht spät zu sehen – das Schlagen ihrer Flügel verursacht zerstörerische Druckwellen. Bis dahin hält aber die Story mit dem Schurken Nelson und seinen wohlgesinnten Widersachern die Spannung hoch und das Publikum bei der Stange. Mit Columbia Pictures war ein finanzstarkes US-Studio als Geldgeber mit von der Partie, es setzte durch, dass eine bereits gedrehte Schlusssequenz von einem deutlich spektakuläreren Finale ersetzt wurde. Ob das Kaijū-Regie-Legende Ishirô Honda missfallen hat, ist nicht überliefert, mir zumindest nicht bekannt. Ich tendiere in diesem Fall zu „je größer, desto besser“. „Mothra bedroht die Welt“ gönnt sich ein paar deutliche Anleihen beim Hollywood-Klassiker „King Kong und die weiße Frau“ (1933), die dem Film gut zu Gesicht stehen. Das SF-Abenteuer etablierte mit der putzigen Riesenmotte auf höchst amüsante Weise eine Kreatur, die sich schnell im Kaijū-Universum etablierte und unter den Fans nach wie vor großer Beliebtheit erfreut.

Die „Kaiju Classics“ in HD

Mit „Frankenstein und die Ungeheuer aus dem Meer“ (1966), „Frankensteins Höllenbrut“ (1972) und „Frankensteins Kampf gegen die Teufelsmonster“ (1975) hatte Anolis im Dezember 2018 erstmals Kaijūs in HD veröffentlicht. Da alle drei Filme Jahre zuvor in den Metalpaks (oder Futurepaks) der „Kaiju Classics“ als DVD erschienen waren, packte das Label die Blu-rays in herkömmliche Amaray-Cases. „Mothra bedroht die Welt“ kommt nun im typischen silberfarbenen Futurepak der Reihe daher und enthält sowohl Blu-ray als auch DVD. So loben wir uns das. Die Bildqualität hält das hohe Niveau, das wir von Anolis gewohnt sind, was natürlich viele der Tricks und visuellen Effekte noch deutlicher entlarvt, etwa Matte-Painting-Hintergründe und Miniaturen. Aber da die Kaijūs ihren Reiz nie aus hyperrealistischen Bildern zogen, lässt sich das gut verschmerzen. Der Film findet sich sowohl in der japanischen als auch in der knapp zwölf Minuten kürzeren US- beziehungsweise deutschen Fassung auf den Discs.

Raupe Mothra walzt alles nieder

Das Booklet erhält einen gewohnt fachkundigen Text von Ingo Strecker, der wie üblich gemeinsam mit Jörg Buttgereit und Bodo Traber auch einen der Audiokommentare eingesprochen hat. Löblich, wenn sich Label wie Anolis auch in puncto Booklets so viel Mühe geben wie in diesem Fall. Letztlich kann man über diese „Mothra bedroht die Welt“-Edition dasselbe schreiben wie über die vorherigen „Kaiju Classics“: Sie lassen keine Wünsche offen. Da ich mit meiner Rezension vergleichsweise spät dran bin, steht zu befürchten, dass sich die im Handel befindliche Auflage von 1.500 Exemplaren bereits dem Ausverkauf zuneigt, also spute sich, wer noch eins der Futurepaks ergattern will, zumal wir es mit einem Höhepunkt der Kaijūs zu tun haben. Mit dem drei Jahre später entstandenen „Godzilla und die Urweltraupen“ hat Anolis bereits den nächsten, 17. Teil der Reihe angekündigt – Mothras zweiter Auftritt zeigt das erste Aufeinandertreffen der Riesenmotte mit Godzilla.

Die Anolis-Entertainment-Reihe „Kaiju Classics“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Lesenswerte Texte zu „Mothra bedroht die Welt“ finden sich auch im „Filmforum Bremen“ und bei den Kollegen von „Evil Ed“.

Aus dem Kokon entspringt die Riesenmotte

Veröffentlichung: 12. April 2019 als 2-Disc-Edition im auf 1.500 Exemplare limitierten Futurepak als Nr. 16 der Reihe „Kaiju Classics“ (Blu-ray & DVD)

Länge japanische Kinofassung: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Länge deutsche Kinofassung: 90 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch (jap. Fassung), Englisch (dt. Fassung)
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Mosura
JAP 1961
Regie: Ishirô Honda
Drehbuch: Shin’ichi Sekizawa, nach einem Roman von Shin’ichirô Nakamura, Takehiko Fukunaga und Yoshie Hotta
Besetzung: Furankî Sakai, Hiroshi Koizumi, Kyôko Kagawa, Jerry Itô, Yumi Itô, Emi Itô, Ken Uehara, Akihiko Hirata, Seizaburô Kawazu
Zusatzmaterial japanische Kinofassung: Audiokommentar von Jörg Buttgereit, Bodo Traber und Ingo Strecker (jap. Fassung), Audiokommentar von Florian Bahr (jap. Fassung), Audiokommentar von Steve Ryfle und Ed Godziszewski (dt. Fassung), japanische Super-8-Fassung, US-Trailer, japanischer Trailer, Bildergalerie, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Ingo Strecker
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 Anolis Entertainment GmbH

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