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Alfred Hitchcock (XIV): Mary – Der zweite Versuch sitzt besser

06 Jun

Mary

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Der Schauspielerin Mary Baring (Olga Tschechowa) wird vorgeworfen, eine Kollegin ermordet zu haben. Etliche Hinweise scheinen ihre Verantwortlichkeit zu belegen, unter den zwölf Geschworenen bei Gericht lassen sich nach und nach die letzten Zweifler zu einem Schuldspruch verleiten. Sir John Menier (Alfred Abel) bleibt am längsten standhaft, ist der einschüchternden Übermacht von Andersdenkenden in der Jury aber schließlich auch nicht gewachsen. Doch selbst nachdem das Schicksal der jungen Frau besiegelt scheint, umtreibt Sir John weiter die Frage, ob sich die Vorfälle wirklich so zugetragen haben können wie andere Geschworene ihm einzureden versuchten. Besonders verwunderlich: Am Tatort wurde Brandy getrunken, die angebliche Täterin will zumindest das aber ausdrücklich nicht gewesen sein – und das Opfer war es ebenfalls nicht.

Alfred Hitchcock mochte den sogenannten „Whodunit“ nicht besonders – also Krimis oder Thriller, in denen es in der Hauptsache darum geht, das Täterrätsel zu lösen. Dementsprechend wenige Beiträge zu diesem Subgenre des Kriminalfilms steuerte er über die Jahrzehnte bei. „Murder!“ (deutscher Titel: „Mord – Sir John greift ein!“, 1930) bildet, als einer von Hitchcocks ältesten Tonfilmen, eine frühe Ausnahme von dieser Regel. Da es zum damaligen Zeitpunkt das Verfahren der Synchronisation noch nicht gab – es etablierte sich erst langsam im späteren Verlauf der 30er-Jahre –, wurde parallel eine deutsche Sprachfassung mit fast gänzlich anderer Besetzung in denselben Kulissen gedreht. Diese Version erhielt den Titel „Mary“, womit sie sich auch gut von der englischen Fassung abhebt, da die unter Anklage stehende junge Dame dort einen anderen Vornamen, Diana, hat. Man filmte im Wesentlichen unmittelbar nacheinander, also dieselbe Szene zunächst mit der Besetzung der britischen und dann der Besetzung der deutschen Version. Wäre es nach den deutschen Produktionspartnern gegangen, hätte es angeblich so viele Änderungen am Skript gegeben, dass aus zwei Sprachfassungen letztlich zwei grundlegend unterschiedliche Filme geworden wären, aber so weit ließ Hitchcock es nicht kommen. Nichtsdestotrotz hatte er bei der Regie mit den deutschen Schauspielern Probleme, da seine Sprachkenntnisse, obwohl er zuvor bereits in Deutschland gearbeitet hatte, selbst angesichts identischer Settings nicht reichten, um in den Dialogen so den Überblick zu behalten, dass er die Schauspieler in der Form führen konnte, wie er es üblicherweise bei auf Englisch gedrehten Filmen handhabte.

Wenn die Vorlage versehentlich ins Seitenaus dribbelt

„Mary“ galt lange als verschollen und angeblich existiert von dem Film nur noch eine einzige Archivkopie. Doch nach seiner Wiederentdeckung ist er, im Bonusmaterial seines britischen Pendants, dankenswerterweise schließlich sogar auf einer deutschen DVD gelandet. Da diese auf Deutsch gedrehte Fassung – zumindest in der heute bekannten Form, wahrscheinlich aber seit jeher – über 20 Minuten kürzer als die englischsprachige ist, und von der längeren, britischen Version mittlerweile natürlich auch eine deutsche Synchronfassung angefertigt wurde, mag man die mit deutschen Schauspielern gedrehte Alternativversion oberflächlich für nunmehr recht obsolet erachten. Stattdessen jedoch überrascht „Mary“ insofern positiv, als die kürzere deutschsprachige Erzählung ein runderes Gefühl hinterlässt – und das, obwohl beide Varianten des Films Stellen aufweisen, die in der anderen Version besser gelungen scheinen. Als hätte man ein kleines und ein wesentlich größeres Steak, aber nur dem kleinen gelänge wenigstens so etwas wie die Illusion, weitgehend auf den Punkt zubereitet worden zu sein.

Zum einen wird man bei der britischen Version das Gefühl einer sehr schleppenden, behäbigen Erzählweise nicht los. Das ist zwar insofern amüsant, als es durchaus zur Handlung passt, dass sich der Film anfühlt wie eine sich ganz langsam, aber sicher und in aller Seelenruhe zusammenziehende, den Zuschauer damit quälende Schlinge, ansonsten aber nicht wirklich zuträglich. Manch einer verfällt bei dergestalt alten Produktionen gern in Behauptungen wie etwa, dieser schleppende, zähe Beigeschmack sei primär der Tatsache geschuldet, dass es sich eben um einen frühen Tonfilm von 1930 handelt. Aber wenn man zeitnah im Anschluss die deutschsprachige Version sichtet, die immer noch ihre angestaubten Momente hat, im Vergleich zur britischen Fassung aber regelrecht wie ein D-Zug voranschreitet, sollte man spätestens davon ausgehen können, dass lahmes Erzählen und das Verschleppen des Zum-Punkt-Kommens keine Ureigenschaft des frühen Tonfilms waren.

Ich bemühe die Rede vom sogenannten „Kürzen auf das Wesentliche“ eigentlich eher ungern – wie man auch an meiner Neigung zu eher langen Rezensionen unschwer erkennen kann. Meiner Erfahrung nach geht bei Kürzungen im Allgemeinen vor allem viel Wesentliches verloren und gelungenes Kürzen auf das Wesentliche ist nicht unbedingt der Regelfall. Man kann nun einmal nicht jedes Thema in fünf bis zehn Sätzen oder in 70 Minuten Film stichhaltig behandeln. Angesichts dieser beiden Hitchcock-Filme jedoch überrascht es durchaus, wenn man feststellt, dass die deutsche Version dieselbe Geschichte wesentlich schneller erzählt, man aber keineswegs direkt nach Ende vor Ärger übersprudelt, weil einem postwendend fünf bis zehn Szenen einfallen würden, die sofort eindeutig als fehlend ins Auge zu springen scheinen – wie man es ähnlich beispielsweise bei Kennern von umfangreichen Romanen vorfindet, angesichts der zugehörigen, ihrer Ansicht nach „zu kurz“ oder „zu wenig detailliert“ geratenen Verfilmungen. So gesehen eignet sich der Vergleich von „Murder!“ und „Mary“ tatsächlich recht gut als Beispiel für so etwas wie effizientes und weniger effizientes filmisches Erzählen, in unmittelbarer Gegenüberstellung.

Die Marke „Sir John“

Zum anderen ist da die Verkörperung des Sir John. Ein Rollenname, den der deutsche Krimiklassiker-Fan mittlerweile sehr gut kennt, etwa als Scotland-Yard-Chef aus den deutschen Edgar-Wallace-Filmen der 60er-Jahre, dort kultverdächtig spaßig gespielt von Siegfried Schürenberg. Dabei ist der hier, unter Hitchcocks Regie auftretende Sir John gar kein Kriminalist, sondern ein Schauspieler, der versucht einer jungen Kollegin zu helfen, die er von früher kennt. Aber die Marke „Sir John“ zieht in diesem Genre, bringt ein gewisses Kampfgewicht mit – und des Untertitels „Sir John greift ein!“ wurde sich offenbar auch schon bei Bewerbung der deutschen Sprachfassung bedient und nicht nur wesentlich später bei Bewerbung der deutschen Synchronfassung der englischen Version, die erst in den 80er-Jahren entstand.

Doch was macht den deutschsprachigen Sir John zum Gewinner in Hitchcocks Whodunit? Herbert Marshall, der die Rolle des Sir John in der britischen Version verkörpert, wanderte recht bald nach Hollywood aus und hatte sich dort schon längst etabliert, ehe Alfred Hitchcock später auch da landen würde. Ein verdienstvoller Schauspieler, den ich immer wieder gern sehe. „Mord – Sir John greift ein!“ datiert vor dieser Emigration und war einer von Marshalls ersten Filmen. Er spielt den Sir zwar durchaus emotional, wirkt dennoch aber in der einen oder anderen Szene recht verkrampft. Zudem kauft man ihm den erfolgreichen, wohlhabenden Schauspieler – trotz der geringen Spielfilm-Erfahrung des den Schauspieler spielenden Schauspielers – zwar durchaus irgendwie ab, wenn dann allerdings in der deutschen Fassung der gestandene, aus Filmen wie „Metropolis“ (1927) berühmte Alfred Abel an seiner Stelle erscheint, hat man ein wenig das Gefühl, dass Sir John eigentlich genau so aussehen muss und dadurch alles einen noch viel glaubhafteren Charakter bekommt. Dass Abel auch ein paar Eigenheiten mit ans Set brachte und sich zuweilen durchaus einmal weigerte, all das mitzumachen, was Hitchcock gern von ihm gesehen hätte, scheint der Gesamtwirkung der Rolle zuträglich zu sein, denn so wird der gestandene Schauspieler Sir John in einer Art und Weise mit Leben erfüllt, als würde sich Alfred Abel gewissermaßen selbst spielen. Im Grunde war er seinerzeit ein Schauspieler genau der Güteklasse und Erfahrung wie ebendieser Sir John, Herbert Marshall hingegen ein Neuling vor der Kamera.

Man kann zudem wohl davon ausgehen, dass es auch Alfred Abel zu verdanken ist, dass in der deutschen Version die lächerliche, höchst unglaubwürdige Passage fehlt, in der Sir John äußerst schräg eine Frauenstimme imitiert, worauf die getestete Person absurderweise prompt hereinfällt. Eine Szene, die einfach himmelschreiend ärgerlich ist, da solcher Unsinn innerhalb des Aufbaus einer schlüssigen Beweiskette letztlich den gesamten Film ad absurdum führt. Auch das Fehlen dieser Sequenz ist ein klarer Pluspunkt der deutschen Version. Abel mochte wohlgemerkt die Szene nicht, in der diverse kleine Kinder an und in einem Bett herumtoben, das sich Sir John für eine Nacht gemietet hat, und ihn damit wecken – dementsprechend dezenter sieht sie in der deutschen Version aus. Dass er sich auch geweigert haben dürfte, notdürftig eine Frauenstimme zu imitieren, scheint in diesem Kontext naheliegend. So bleibt „Mary“ dieser kurzzeitige Ausflug ins Kasperletheater erspart. Es zeigt sich dabei wieder einmal, dass die Medaille eben immer zwei Seiten hat und leicht abgehobenes Auftreten eines Stars am Filmset einen Film unter Umständen sogar retten kann – wenn es zur Rolle passt und obendrein zur Eliminierung misslungener Inhalte führt.

Zweimal dabei und doch …

Zum Abschluss möchte ich mich kurz einem Umstand widmen, der mich bereits bei der britischen Version und – soweit ich mich erinnere – auch schon bei früherer Sichtung irritierte, welcher sicher ein wenig Raum für Interpretationen und Spekulationen liefert. Damit meine ich nicht das kleine Mysterium, dass die Darstellerin der mutmaßlichen Mörderin in der britischen Version mit Nachnamen Baring – wie ihre Figur im Film – heißt, sondern ein anderes. Es betrifft einen Schauspieler, den ich für erwähnenswert halte: Miles Mander. Gemeint ist die Art und Weise, wie Hitchcock den Ehemann der Ermordeten in Szene setzte. Auf mich persönlich wirkt die Figur seltsam blutleer, obwohl man gerade diesem Mann – angesichts seines Verlusts – besonders viele Emotionen hätte entlocken können. Es wirkt ein wenig so, als würde die Kamera ihm weitgehend ausweichen, als würde Hitchcock ihn bewusst nur grob umreißen wollen. Er mutet wie ein flüchtiger Schatten an – seine Trauer und Ergriffenheit sind nicht wirklich greifbar. Besonders kurios ist das insofern, als ausgerechnet diese Figur zu den ganz wenigen gehört, die in beiden Fassungen des Films vom selben Schauspieler verkörpert wurden, wobei er aber in beiden Versionen mehr oder minder denselben schwer einzutütenden Eindruck hinterlässt. Man weiß nicht so recht wohin mit ihm. Erwähnenswert auch deshalb, weil Miles Mander ebenso wie Herbert Marshall nach Hollywood auswanderte und dort in einigen interessanten Filmen zu sehen war – am Format des Schauspielers liegt die merkwürdige Farblosigkeit der Figur also mit Sicherheit nicht. Seine vermutlich bekannteste Rolle verkörperte er später im Rahmen der berühmten Sherlock-Holmes-Reihe von Universal, als Gegenspieler von Basil Rathbone in „Die Perle der Borgia“ (1944). Freunden von klassischen Horrorfilmen sei zudem „The Return of the Vampire“ (1943) empfohlen – ein recht atmosphärischer Streifen, dem man Unrecht damit tut, wenn man ihn als Teil des umstrittenen 40er-Jahre-„Spätwerks“ von Horror-Ikone Bela Lugosi einer pauschalen Abwertung im Kontext anderer Lugosi-Filme dieser Phase unterzieht. Ein Film, der das Vampir-Subgenre überraschend an Kriegsgeschehnisse mit Bombenabwürfen andockt und Miles Mander ungewöhnlicherweise sogar in einer Art Heldenrolle zeigt – kein Vampirjäger im Sinne von Van Helsing, aber durchaus im Fahrwasser dieses Vorbilds schwimmend.

Ergibt eine Blu-ray von „Murder!“ und „Mary“ Sinn?

Bereits auf den deutschen DVD-Veröffentlichungen von 2006 ist sowohl bei „Murder!“ als auch bei „Mary“ Materialverschleiß erkennbar. Eine Blu-ray dieser Produktionen scheint es weltweit noch nicht zu geben. Die DVD-Aufarbeitung liefert ansonsten bei beiden Fassungen des Films gutes Bild und hinterlässt den Eindruck, das Maximale herauszukitzeln. Auch das Bonusmaterial zu Hauptfilm und deutscher Alternativfassung ist dankenswert – angesichts der Tatsache, dass immerhin sogar ein Audiomitschnitt, aus dem legendären, von François Truffaut im Sommer 1962 mit Hitchcock geführten Interview vorliegt, in dem dieser nicht nur auf die britische, sondern auch die deutsche Fassung eingeht. Sowohl eine Einzelveröffentlichung als auch eine „Master of Suspense“-Box, die beide Filme enthalten, sind in Deutschland verfügbar. Die Box bringt noch einige weitere Hitchcock-Filme der 20er bis 40er in sehr guter Qualität mit und lohnt einen Kauf in jedem Fall, wenn man die Thriller des Meisters zu schätzen weiß.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Veröffentlichung: 21. April 2006 als DVD, 3. November 2006 als DVD („Master of Suspense“-Box)

Länge: 79 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Mary
Alternativtitel: Der Prozess Baring
D/GB 1931
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Herbert Juttke, Georg C. Klaren, Alma Reville, nach einem Roman von Clemence Dane & Helen Simpson
Besetzung: Alfred Abel, Olga Tschechowa, Paul Graetz, Lotte Stein, Ekkehard Arendt, John Mylong, Louis Ralph, Hermine Sterler, Miles Mander, Julius Brandt
Zusatzmaterial: Audio-Interview mit Alfred Hitchcock, Produktionsnotizen, Alternatives Ende der englischen Sprachfassung, Biografie Alfred Hitchcock, Promo für andere Hitchcock-DVDs
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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