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Menschen am Sonntag – Unbeschwerte Berlin-Fingerübung späterer Hollywood-Granden

11 Jun

Menschen am Sonntag

Von Volker Schönenberger

Stummfilm-Melodram // Kommen euch die Wochenenden auch immer so kurz vor? Das mag daran liegen, dass sie es im Vergleich zur Arbeitswoche auch sind. Von Montag bis Freitag machen wir uns krumm, um im Anschluss schlappe zwei Tage frei zu haben. Immerhin zwei, zumindest wenn man bedenkt, dass der Samstag in den 1920er- und 1930er-Jahren hierzulande ein ganz normaler Arbeitstag war. Demzufolge war der Sonntag umso heiliger, und das gar nicht mal im religiösen Sinne.

Annie verschläft den Sonntag

Lange vor seinem Hollywood-Ruhm schrieb ein gewisser Billy Wilder – damals noch als Billie vermerkt – anhand einer Reportage von Kurt Siodmak das Filmskript zu „Menschen am Sonntag“. Regie führten Kurts älterer Bruder Robert Siodmak sowie Edgar G. Ulmer. Kameramann war Eugen Schüfftan, 1962 Oscar-Gewinner für die Kamera von „Haie der Großstadt“. Ihm assistierte ohne Nennung in den Credits Fred Zinnemann. Was für eine Ansammlung großer Namen! Umso schöner, das Werk nun wieder genießen zu können, wenn auch nicht ganz vollständig.

Brigitte hat ihren Plattenspieler mitgebracht

Film ohne Schauspieler findet sich als Einblendung zu Beginn, kurz darauf folgt die Info: Diese fünf Leute standen hier zum ersten Mal in ihrem Leben vor einer Kamera. Heute gehen sie alle wieder ihren Berufen nach. Als ersten Protagonisten lernen wir den Taxifahrer Erwin Splettstößer kennen, danach die Schallplatten-Verkäuferin Brigitte Borchert und den Weinreisenden Wolfgang von Waltershausen, der uns auch als Offizier, Landwirt, Antiquar und Eintänzer vorgestellt wird – aber was genau macht ein Weinreisender? Klingt interessant. Vierte im Bunde ist die Film-Komparsin Christl Ehlers, und zuletzt folgt das „Mannekin“ Annie Schreyer.

Verabredung am Sonntag

Noch ist Sonnabend. Bei schönem Wetter herrscht geschäftiges Treiben in den Straßen von Berlin. Busse, S-Bahnen und Straßenbahnen bringen ihre Passagiere ans Ziel. Unweit vom Bahnhof Zoo laufen Wolfgang und Christl einander über den Weg, die beiden verabreden sich für den nächsten Tag am Wannsee. Wolfgang bringt seinen Kumpel Erwin mit, Christl ihre Freundin Brigitte. Nur Erwins Freundin Annie ist nicht aus den Federn zu kriegen. Das Quartett verbringt den Sonntag gut gelaunt am See, mal geht es unbeschwert zu, mal gar frivol, ein paar Eifersüchteleien sind auch zu bemerken. Zwischendurch zeigt die Kamera auch immer wieder andere Menschen in der Nähe, den schönen Sommertag will offenbar ganz Berlin im Freien verbringen, und sei es nur am Fenster.

Brigitte und Wolfgang im kühlen Nass

„Menschen am Sonntag“ feierte am 4. Februar 1930 in Berlin Uraufführung. Die Scheinblüte der 1920er-Jahre war im Deutschen Reich noch nicht von der Weltwirtschaftskrise hinweggefegt worden. Die Schrecken und Verluste des Ersten Weltkriegs verblassten langsam, noch waren die Nazis nicht allzu präsent – im Film überhaupt nicht, die Leichtigkeit der Bilder ist bemerkenswert. Ein Kuriosum stellt er ohnehin dar, beschränkt sich die Spielhandlung doch auf genau das, was der Titel aussagt. Die später großen Filmemacher können unbeschwert drehen und ihren Einfällen folgen. Das Gezeigte wirkt authentisch, und das vermeintliche Defizit des Stummfilms erweist sich hier als hilfreich, da wir keine Dialoge zu hören bekommen, die aufgrund der Laiendarsteller womöglich hölzern ausgefallen wären.

Christl bleibt lieber am Ufer

„Menschen am Sonntag“ war Ende der 1990er-Jahre im EYE Film Institute Netherlands rekonstruiert und restauriert worden, dabei griff man auch auf in Archiven in Belgien, Italien und der Schweiz gefundenes Material zurück. 2010 erfolgte an Ort und Stelle die Digitalisierung des Werks. Unter der Leitung der Deutschen Kinemathek wurde dieser 2K-Scan schließlich 2014 in Berlin digital bearbeitet und gemastert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, auch wenn die vollständige Originalfassung mangels Originalnegativ nicht erhalten ist. Um es exakt zu benennen: Die vollständige Version umfasste 2.014 Meter Film, aus der 1.615 Meter langen niederländischen Fassung wurde mithilfe der genannten Fundstücke schließlich die 1.856 Meter lange vorliegende Endfassung. Mehr war offenbar nicht drin. Das tut dem Filmgenuss aber keinen Abbruch, die Handlung besteht ohnehin aus vielen Momentaufnahmen. Aus historischer Sicht ist der Verlust der fehlenden Meter natürlich bedauerlich.

Doku „Weekend am Wannsee“ im Bonusmaterial des Mediabooks

Deutsche Zwischentitel wurden neu angefertigt, ebenso entstand 2014 eine neue musikalische Begleitung durch den Pianisten Robert Sosin, da sich die Originalversion von Otto Stenzel als unbrauchbar erwies. Ausführliches zum gesamten Prozess, der zur Endfassung führte, findet sich im Booklet des Mediabooks von atlas film. Ein paar zeitgenössische Texte ergänzen das vorzüglich. Im Bonusmaterial findet sich die halbstündige Doku „Weekend am Wannsee“, die Informatives sowohl zur Entstehung des Films als auch zur Restaurierung bietet, inklusive Interviews mit einigen Beteiligten, darunter Brigitte Borchert, inzwischen eine alte Dame geworden. Im Gegensatz zu den Filmemachern verschwanden die drei Darstellerinnen und zwei Darsteller im Anschluss an „Menschen am Sonntag“ wieder im Alltag.

Picknick am Wannsee

atlas film hat sich der Aufgabe verschrieben, restaurierte Produktionen der Nero Film AG in schönen Editionen wieder zugänglich zu machen, was mit „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ (1930), „Kameradschaft“ (1931) und „Das Testament des Dr. Mabuse“ (1933) sowie jüngst „Die 3-Groschen-Oper“ (1931) als gelungen bezeichnet werden kann. „Menschen am Sonntag“ reiht sich da nahtlos ein. Ein echtes Kleinod, nicht nur für Berlin-Nostalgiker unschätzbar. Der Film endet am Montag, der Arbeitsalltag hat Berlin wieder im Griff. Vier Millionen warten auf den nächsten Sonntag.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Siodmak, Billy Wilder und Fred Zinnemann sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Tretboot nicht in Seenot

Veröffentlichung: 26. Oktober 2018 als 2-Disc Mediabook (Blu-ray & DVD)

Länge: 74 Min. (Blu-ray), 71 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Menschen am Sonntag
Internationaler Titel: People on Sunday
D 1930
Regie: Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Rochus Gliese, Curt Siodmak, Fred Zinnemann
Drehbuch: Robert Siodmak, Edgar G. Ulmer, Billy Wilder, nach einer Reportage von Curt Siodmak
Besetzung: Erwin Splettstößer, Brigitte Borchert, Wolfgang von Waltershausen, Christl Ehlers, Annie Schreyer, Kurt Gerron, Valeska Gert, Heinrich Gretler, Ernö Verebes
Zusatzmaterial: Dokumentarfilm „Weekend am Wannsee“ (29:58) inklusive Interviews der Beteiligten, 20-seitiges Booklet
Label: atlas film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2018 atlas film / Stiftung Deutsche Kinemathek

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2 Antworten zu “Menschen am Sonntag – Unbeschwerte Berlin-Fingerübung späterer Hollywood-Granden

  1. Kay Sokolowsky

    2019/06/13 at 21:30

    Lieber Volker, hab Dank für diese schöne und vorzüglich detaillierte Kritik eines bezaubernden Klassikers des deutschen Kinos! Seit ich das Stück (vor 30 Jahren oder so) zum ersten Mal sah, mag ich es sehr, sehr gern.
    Und Deine herzliche Würdigung sorgt nun dafür, daß ich mir die Neuveröffentlichung als Geburtstagsgeschenk wünsche. Siehste – gute Rezensionen bringen was!
    (Und allen, die „Menschen am Sonntag“ noch nicht kennen, kann ich nur sagen: Höret auf Volkers Signale! Dies ist ein JUWEL der einheimischen Filmkunst. Idyllisch und charmant wie Tucholskys „Schloss Gripsholm“, aber in bewegten Bildern.)

     
    • V. Beautifulmountain

      2019/06/14 at 11:28

      Lieber Kay,

      vielen Dank fürs Lob! Und schön, hier mal wieder etwas von dir zu lesen. Das schreit nach einem erneuten Treffen kneipentechnischer Art. Oder sonstwie …

      Gruß aus Ottensen, Volker

       

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