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Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich: Humor-Nachhilfe für Präsidentschaftskandidatin

17 Jun

Long Shot

Kinostart: 20. Juni 2019

Von Philipp Ludwig

Komödie // Ein ehemaliger Fernsehstar sitzt als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika im Weißen Haus. Er scheint jedoch für diesen anspruchsvollen Job nicht nur komplett ungeeignet zu sein, darüber hinaus zeigt er auch kein sonderlich großes Interesse an den hiermit verbundenen Aufgaben. Zu seinem Glück werden die Geschicke aber eh von fadenscheinigen Strippenziehern im Hintergrund gelenkt. Regisseur Jonathan Levine zieht in seinem neuesten Komödien-Spektakel „Long Shot“ eindeutig Parallelen zur aktuellen politischen Lage. Doch ausnahmsweise geht es hier einmal nicht um das omnipräsente, twitternde Trumpeltier. Levines fiktionaler Präsident Chambers (Bob Odenkirk – Saul Goodman aus „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“) ist dann auch kein ehemaliger Reality-TV-Star, sondern ein gefeierter Fernsehschauspieler. Dessen größter Erfolg passenderweise die Rolle als US-Präsident in einer populären aber nur wenig anspruchsvollen Politthriller-Serie darstellte.

Präsident Chambers (l.) bittet seine Außenministerin Charlotte Field zum Gespräch

Chambers hat jedoch schon längst wieder genug vom lästigen Präsidentendasein und wähnt sich nun endlich bereit für den nächsten großen Schritt in seiner Laufbahn – den Sprung vom Fernsehen ins Filmbusiness! Das ist nämlich gar nicht so einfach, da sind sich in „Long Shot“ sämtliche Protagonisten einig. Seine Pläne teilt der scheidende Präsidentendarsteller seiner Außenministerin Charlotte Field (Charlize Theron, „Mad Max – Fury Road“) im Oval Office persönlich mit. Ist diese zwar zunächst ein wenig baff, so überkommt sie schnell die große Freude – denn Chambers will sie vor dem anstehenden Wahlkampf öffentlich als seine Nachfolgerin vorschlagen. Die ehrgeizige Charlotte wähnt sich am Ziel ihrer Träume. Einziges Problem: Die Umfragewerte bescheinigen der populären Politikerin und scheinbaren Mrs. Perfect nur in einem Punkt keine Traumwerte – ihrer menschlichen Nahbarkeit. Vor allem in Sachen Humor hat sie anscheinend noch Nachholbedarf und die Außenwirkung ist schließlich alles, was im Wahlkampf zählt, oder etwa nicht? Wen interessieren schon Inhalte?

Flarsky (2. v. r.) soll Charlotte (r.) als Redenschreiber lockerer machen – ihre Berater sind skeptisch

Zum Glück läuft Charlotte zufällig auf einem der zahlreichen Empfänge, an denen sie als Ministerin teilnehmen muss, Fred Flarsky (Seth Rogen) über den Weg, den sie aus längst vergangen zu scheinenden Zeiten kennt. Obwohl dieser nur wenig jünger ist als sie, hatte sie ihn zur Schulzeit als Babysitterin betreut. Mit ihrer Feststellung, dass er sich kaum verändert habe, lässt sich Flarsky dann auch ziemlich gut beschreiben – wirkt der jugendlich anmutende Enddreißiger doch zumindest vom äußeren Erscheinungsbild in seinem Schlabberlook und seiner wenig zurückhaltenden Art wie das komplette Gegenteil der seriösen und zugeknöpften Charlotte. Doch Flarsky hat auf seine Weise Karriere gemacht – als krawallartiger, unerschrockener Investigativjournalist. Der, ausgestattet mit einem gesunden Zynismus und einer feinen Prise schwarzen Humor, über die Ungerechtigkeiten der Welt schreibt und hierdurch einigen Ruhm einheimsen konnte. Dass er dabei auch bereit ist, sein Leben aufs Spiel zu setzen, zeigt „Long Shot“ in einer eindrucksvollen und höchst amüsanten Einstiegssequenz – mit Flarsky in verdeckter journalistischer Mission bei einem Haufen dumpfer White-Power-Knalltüten. In Charlottes Augen scheint er daher jedenfalls der perfekte Kandidat für den vakanten Posten ihres neuen Redenschreibers zu sein, um ihren bisherigen Stil etwas aufzulockern. Auch wenn ihr Berater-Team (June Diane Raphael und Riv Patel) da gänzlich anderer Meinung ist.

Die Zeit ist reif für einen „First Mister“

Und dann ist da noch die alte Geschichte, dass Flarsky damals natürlich unsterblich in seine hübsche Babysitterin verknallt war. Kann das gut gehen? Zeit hat Flarsky gerade jedenfalls genug, nachdem er aus Protest seinen Job gekündigt hat, da sein Hausblatt vom erzkonservativen britischen Medien-Mogul Parker Wembley (fantastisch wie immer: Andy „Gollum“ Serkis) aufgekauft wurde. Der beeinflusst mit seinem Hetz-Sender „Wembley News“ nicht nur die politische Stimmung des Landes, sondern scheint nicht gerade selten auch direkt hinter den Entscheidungen des Präsidenten Chambers zu stecken. Ähnlichkeiten zu Rupert Murdoch und Trumps Haussender „Fox News“ sind hier wohl ebenfalls nur rein zufälliger Natur. Zwinkersmiley.

Flarsky will Charlotte aus ihrem strengen Arbeitsalltag als Ministerin befreien

Während Charlotte und Flarsky in den Vorbereitungen auf die Ankündigung ihrer Kandidatur und aufgrund ihrer fordernden Arbeit als Außenministerin durch die Welt touren und eine Menge Zeit miteinander verbringen, kommen sie sich tatsächlich auch persönlich wieder näher, als manchen lieb ist. Denn Flarsky bietet der gestressten Charlotte viel mehr als nur seine sprachliche Kreativität: Er erinnert sie an ihr jugendliches Selbst und den verloren gegangen Spaß im Leben – mit ungeahnten Folgen. Doch ist ausgerechnet der nerdige und zynische Polit-Misanthrop Flarsky der geeignete Kandidat für den möglicherweise ersten „First Mister“ in der Geschichte der USA? Oder ist aus PR-Gründen nicht der schnieke kanadische Premierminister James Steward (Alexander Skarsgård, „Legend of Tarzan“) viel besser als Partner für Charlotte geeignet? Und was hält eigentlich Präsident Chambers davon, dass Charlotte, auch dank Flarskys Einfluss, plötzlich beginnt, dessen politische Arbeit beziehungsweise die seiner Gönner öffentlich anzugreifen und eine eigene Richtung einzuschlagen?

Große Comedy-Erfahrungen

Regisseur Jonathan Levine („Warm Bodies“) hat im Komödien-Bereich einige Erfahrungen gesammelt. Durchaus erfolgreich hat er sich hier zuletzt in 2017 nicht nur mit „Snatched“ bereits einen Namen gemacht und auch mit Hauptdarsteller Seth Rogen schon früher zusammengearbeitet („The Night Before“). Man kennt sich also. Für das Drehbuch zu „Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich“ zeichnet ein interessantes Duo verantwortlich: Mit Dan Sterling hat man sich hier einen Schreiber ins Boot geholt, der sich als Autor im Fernsehen bereits seine Gag-Sporen verdient hat (u. a. bei „South Park“, „The Office“ und „The Daily Show with Jon Stewart“). Sterling hatte durch sein Drehbuch zum Polit-Klamauk „The Interview“ (2014) filmisch ebenfalls schon mit Komödien-Veteran Rogen zu tun, wodurch damals beinahe eine internationale Krise mit Nordkorea ausgelöst wurde. Als Ko-Autorin von Sterling fungiert die 1985 geborene Liz Hannah, die in erster Linie durch ihre Mitwirkung am Skript des renommierten Spielberg-Films „The Post“ (2017) mit Meryl Streep und Tom Hanks und weniger für anderes Mitwirken im komödiantischen Bereich bekannt sein dürfte.

Die Schöne und das Biest: Könnte Fred Flarsky tatsächlich der erste „First Mister“ der USA werden?

Diese Kombination aus dem zynischen, politisch-satirisch erfahrenen Levine und der „seriöseren“ Hannah ähnelt in gewisser Weise nicht nur dem von Rogen und Theron in „Long Shot“ verkörperten Leinwand-Duo Flarsky und Charlotte, es dürfte durch diese Mischung auch ein entscheidender Grund für das überaus gelungene Drehbuch zu der sehenswerten Polit-Persiflage sein. Die verliert sich daher glücklicherweise nicht allzu sehr im platten Klamauk, sondern bietet erstaunlich viel Tiefgang und inhaltliche Abwechslung. Ob als satirische Betrachtung der aktuellen politischen Lage oder des undurchschaubaren und oberflächlichen Politik-Zirkus allgemein, als ernstzunehmende Romanze, als Teenie-Komödie mit längst erwachsenen Protagonisten oder Persiflage auf unsere Social-Media-hörigen Zeiten, in denen die Außenwirkung das Einzige zu sein scheint, das zählt – „Long Shot“ wird dank seines Drehbuchs, Levines Inszenierung und Gags mitunter im Minutentakt in seinen 125 Minuten Laufzeit niemals langweilig. Die Anspielungen auf berühmte Persönlichkeiten sitzen ebenso wie die meisten der zahlreichen Verweise auf unsere zeitgenössische Popkultur und die humorvoll-kritischen Seitenhiebe auf die Medienlandschaft. „Game of Thrones“-Fans, aufgepasst: Wer wie ich zum Zeitpunkt der Pressevorführung noch nicht mit dem Schauen der siebten Staffel durch war, dem droht erhöhte Spoiler-Gefahr.

Politische Satire in Zeiten Donald Trumps

Am meisten überzeugt die treffende Darstellung des Polit-Zirkus, die perfekt in die abstruse gegenwärtige politische Weltlage passt. Wenn man bedenkt, dass sich auf den britischen Inseln nun auch noch der ehemalige Hofnarr Boris Johnson aufmacht, die Riege an herrschenden Polit-Clowns um eine weitere, besonders skurrile Figur zu erweitern, fragt man sich schon, ob nicht die Realität die Satire darstellt und weniger ein Film wie „Long Shot“. Es zeigt aber auch die Herausforderungen politischer Komödien und Satire in Zeiten, in denen die Trumps der Welt uns tagtäglich Realsatire vom Feinsten präsentieren. Wäre ein Plot wie der von „Long Shot“ vor zehn Jahren noch als absolut überzeichnet kategorisiert und ins Reich der Fantasie komplimentiert worden, so wirkt es heutzutage erstaunlicherweise tatsächlich nicht einmal ansatzweise zu weit hergeholt. Interessanterweise zielt die Vermarktung von „Long Shot“ dagegen in erster Linie auf den Aspekt der Beziehungskomödie zwischen Charlotte und Flarsky, wie der unten eingebettete Trailer zeigt.

Oder ist der schneidige kanadische Premierminister Steward nicht die bessere, da öffentlichkeitswirksamere Wahl als Gatte?

Neben dem kreativen und abwechslungsreichen Drehbuch sowie der unterhaltsamen Inszenierung punktet „Long Shot“ mit hervorragender Besetzung. Zu Seth Rogen braucht man in Bezug auf das Komödien-Genre eigentlich kaum noch etwas sagen. Der alte Witze-Haudegen und Kult-Film-Star (u. a. „Ananas Express“ und „Zack and Miri Make a Porno“) ist hier jedenfalls ganz in seinem Element, die Rolle des Fred Flarsky wurde ihm ganz offensichtlich von Sterling und Hannah auf den Leib geschrieben. Mag man von seinem Humor und Schauspiel halten was man will – darüber lässt sich sicher streiten –, seine Rolle füllt er wieder mit viel Freude an der Sache ansprechend aus, und er bietet natürlich aufgrund des nerdigen Charakters des Typs „ewiger College-Student“ seiner Figur Flarsky ein großes Sympathiepotenzial.

„Uncle Sam wants you!“ Präsident Chambers: Mann der großen Gesten, weniger der politischen Inhalte

Überraschender mag da die Besetzung von Charlize Theron anmuten, die ja eigentlich eher selten in komödiantischen Werken zu sehen ist – „Verrückt nach Mary“ von 1998 kommt zugegeben in den Sinn. Gerade sie entpuppt sich als absoluter Glücksfall. Ist Theron nun einmal einfach eine umwerfend schöne Frau, so besitzt sie als Schauspielerin auch eine ganz besonders beeindruckende Ausstrahlung. Allein durch diese Kombination ist sie eine perfekte Besetzung für den nach außen hin alles überstrahlenden Polit-Star Charlotte Field. Da sie aber auch eine hervorragende Schauspielerin ist, vermag sie es, ihrer im Grunde innerlich auch ziemlich verletzlichen Figur somit auch die entsprechende menschliche und charakterliche Tiefe zu geben und hierdurch einen Film, der vermutlich sonst eher den Status einer netten Komödie innegehabt hätte, nochmals auf einen ganz anderen filmischen Level zu heben. Sie ist ohne Wenn und Aber der große Star in „Long Shot“ und ich wage zu behaupten: Würde ihre Charlotte Field in real zur nächsten Wahl antreten – sie dürfte allein aufgrund ihrer beeindruckenden Präsenz eine echte Chance haben.

Anschlussverwendung für Präsidentendarsteller

Nimmt man die gut besuchte Pressevorführung als Gradmesser für das komödiantische Potenzial von „Long Shot“, so darf man einiges erwarten. War die Stimmung doch schier ausgelassen und es wurden dem tendenziell kritischen Publikum unzählige Lacher entlockt. Und auch wenn nun nicht alle Gags immer zu zünden vermögen, das erstaunlich tiefgründige und ansprechende Niveau des Films hin und wieder durch gelegentlich doch arg platte Jokes getrübt wird oder die zahlreichen popkulturellen Referenzen mitunter zu viel des Guten sind und ein wenig bemüht sowie konstruiert wirken – es schmälert den guten Gesamteindruck keinesfalls. Gebt „Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich“ also eine Chance! Es dürfte trotz der kleineren Schwächen für jeden etwas zu lachen dabei sein. Darüber hinaus kann man nur hoffen, dass ein Donald Trump eventuell auch unter den künftigen Kinogängern sein – und er sich dann hoffentlich ein Beispiel an seinem fiktionalen Pendant Chambers nehmen wird. Eine Karriere im Filmgeschäft ist doch auch viel reizvoller als eine zweite, anstrengende Amtszeit im Weißen Haus, oder etwa nicht, Donald? In der nächsten „King Kong“- oder „Godzilla“-Verfilmung ist bestimmt eine angemessene Rolle als Monsterköder für dich frei.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charlize Theron sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Alexander Skarsgård unter Schauspieler.

Wird Charlotte ihre Beziehung zu Flarsky mit ihrem Traum von der Präsidentschaft in Einklang bringen können?

Länge: 125 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Long Shot
USA 2019
Regie: Jonathan Levine
Drehbuch: Dan Sterling, Liz Hannah
Darsteller: Charlize Theron, Seth Rogen, June Diane Raphael, Ravi Patel, O’Shea Jackson Jr., Alexander Skarsgård, Bob Odenkirk, Andy Serkis, Lisa Kudrow, Claudia O’Doherty, Paul Scheer
Verleih: Studiocanal Filmverleih

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Trailer & Szenenfotos: © 2019 Studiocanal Filmverleih. All rights reserved.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/06/17 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich: Humor-Nachhilfe für Präsidentschaftskandidatin

  1. christianneffe

    2019/06/23 at 17:36

    Jetzt bin ich tatsächlich überrascht – wie du schon so treffend schreibst, ließ der Trailer eine reichlich platte Beziehungskomödie vermuten. Dass er eine so zeitgeistige Politsatire ist, hätte ich wirklich nicht gedacht. Da muss ich ihm wohl doch eine Chance geben…

     

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