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Auf eigene Faust – Highlight des „Ranown-Zyklus“

18 Jun

Ride Lonesome

Von Volker Schönenberger

Western // Ein Mann kommt in einer Felslandschaft durch eine schmale Schlucht geritten, sitzt dann ab. Ein anderer sitzt an diesem sonnigen Morgen beim Kaffee am Lagerfeuer und erwartet seinen Häscher bereits. Kopfgeldjäger Ben Brigade (Randolph Scott) stößt zu Billy John (James Best), der in den Straßen von Santa Cruz einen Mann von hinten erschossen hat. Kurz frohlockt der Mörder, weil seine Leute Brigade im Visier haben, aber der Kopfgeldjäger lässt sich nicht beirren, und schließlich schickt Billy seine Spießgesellen fort, gibt ihnen mit lauten Rufen noch mit auf den Weg, sie sollen seinem Bruder Frank (Lee Van Cleef) Bescheid sagen, um ihn zu retten.

Wehrhaft: Carrie Lane

Mit dieser Szene inklusive eines ruhigen, aber scharfen Wortgefechts zwischen den beiden Gegenspielern startet „Auf eigene Faust“, und in den kurzen 73 Minuten wird es nicht der einzige knackige Dialog bleiben. Auf dem Weg nach Santa Cruz treffen Brigade und sein Gefangener an einer Postkutschenstation die Ganoven Boone (Pernell Roberts, der Adam Cartwright aus „Bonanza“) und Whit (James Coburn in seinem Kinodebüt). Die beiden verfolgen ihre eigenen Absichten mit Billy John. Weil Mescalero-Apachen die Gegend unsicher machen, schließt sich auch Carrie Lane (Karen Steele), die Frau des abwesenden Stationsleiters, den vier Männern an. Bald sind ihnen nicht nur die Indianer auf den Fersen, sondern auch Billys Bruder Frank und seine Kumpane. Dennoch erhöht Ben Brigade keineswegs das Tempo …

Budd Boetticher und Randolph Scott

„Auf eigene Faust“ markiert den fünften Western der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Regisseur Budd Boetticher und Hauptdarsteller Randolph Scott, über die auch mein geschätzter Autor Dirk Ottelübbert in seiner Rezension des 1957 entstandenen „Um Kopf und Kragen“ ein paar Worte verloren hat. Sieben gemeinsame Western entstanden von 1956 bis 1960, Höhepunkte und Essenz ihrer beider Karrieren nennt Dirk das in seinem Text. Mit formidabler Besetzung und einer auf das Quintett aus vier Männern und einer Frau verdichteten Handlung spinnt sich dank intelligenter Wendungen und Offenbarungen ein feiner Spannungsbogen bis zum kurzen, aber umso intensiveren Showdown. Budd Boetticher liegt nichts an überbordender Action, er gibt seinen Figuren Raum zur Entfaltung, nimmt auch die vermeintlich wenig bedeutsamen Ganoven Boone und Whit ernst.

Frank schwant Böses

Das mag auch am uneitlen Hauptdarsteller Randolph Scott liegen, der keine Probleme damit hatte, seinen Mitspielern Raum zu geben. Der 1898 Geborene hatte im Lauf der Jahre seine Gagen klug angelegt, war ein schwerreicher Mann und ahnte, dass sich seine Karriere langsam dem Ende zuneigte. Und so bekommen auch Pernell Roberts und der noch völlig unbekannte James Coburn ihre Szenen. Lediglich Karen Steeles Part wirkt etwas unterrepräsentiert, prägnante Frauenrollen waren im Western der 1950er-Jahre leider rar gesät. Carrie Lane ist schon mehr als Staffage, aber das wäre ausbaufähig gewesen.

Grandioser Karriereausklang

Obwohl ebenfalls eine Boetticher-Scott-Kooperation, wird der etwas später im selben Jahr entstandene „Messer an der Kehle“ gemeinhin nicht zum berühmten „Ranown-Zyklus“ gezählt, der nach der von Randolph Scott und Harry Joe Brown geführten Produktionsfirma benannt ist. Daher gilt „Auf eigene Faust“ als vorletzter Teil des Zyklus und gehört auch zu dessen Höhepunkten. Bei „Telepolis“ (Heise Online) finden sich mit „Ride Lonesome“ und „Budd Boetticher und die Ranown-Western“ zwei 2010 veröffentlichte, lange und überaus lesenswerte Texte darüber, auch wenn ich nicht allen Interpretationen des Autoren folgen kann. Randolph Scott ließ dem „Ranown-Zyklus“ nur noch einen Film folgen: Sam Peckinpahs „Sacramento“ („Ride the High Country“, 1962). Viel besser als mit diesen acht Filmen kann man seine Laufbahn nicht beenden.

Doch er will seinen Bruder nicht im Stich lassen

Das Zusatzmaterial dieses 59. Teils der „Edition Western Legenden“ von Koch Films hat es in sich: Eine knapp dreiviertelstündige Doku „Budd Boetticher und seine Western“, in der der Regisseur ausführlich selbst zu Wort kommt. Überaus aufschlussreich sind auch die mehrminütigen Beiträge von Martin Scorsee und John Sayles, die sich kenntnisreich über „Auf eigene Faust“ äußern. Das Booklet des für die Reihe typischen schmalen Mediabooks lag mir leider nicht vor, weshalb ich über dessen Inhalt und Qualität nichts anmerken kann, es dürfte das Niveau der Booklets der bisherigen Veröffentlichungen halten. „Auf eigene Faust“ jedenfalls schürt als unmittelbarer Nachfolger von „Um Kopf und Kragen“ in der Reihe die Hoffnung, dass Koch Films der „Edition Western Legenden“ weitere „Ranown-Zyklus“-Western einverleiben wird. Welche Randolph-Scott-Filme würdet Ihr gern in der Reihe entdecken?

Die „Edition Western Legenden“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Budd Boetticher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Lee Van Cleef und Randolph Scott unter Schauspieler.

Showdown am Galgenbaum

Veröffentlichung: 27. Juni 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 73 Min. (Blu-ray), 70 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Ride Lonesome
USA 1959
Regie: Budd Boetticher
Drehbuch: Burt Kennedy
Besetzung: Randolph Scott, Karen Steele, Pernell Roberts, James Best, Lee Van Cleef, James Coburn
Zusatzmaterial: Audiokommentar des Filmhistorikers Jeremy Arnold, Dokumentation „Budd Boetticher und seine Western“ (43:37), Martin Scorsese über „Auf eigene Faust“ (5:25), John Sayles über „Auf eigene Faust“ (2:23), Trailer, Bildergalerie, Booklet
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Koch Films

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