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Meuterei auf der Bounty (1962) – Die tiefgreifendste Gehorsamsverweigerung der Filmgeschichte

25 Jun

Mutiny on the Bounty

Von Lucas Knabe

Abenteuer // Ein rar gesäter und heute mit Ausnahme von Quentin Tarantino nahezu ausgestorbener Kunstgriff ziert den Prolog des über dreistündigen Abenteuers: Die Ouvertüre gehört schon seit Jahrzehnten nicht mehr zum Usus der Filmwelt. Vor allem in den 50er- und 60er-Jahren dekorierte sie Monumentalepen wie „In 80 Tagen um wie Welt“ (1956), „Ben Hur“ (1959) oder „Lawrence von Arabien“ (1962) und stimmte durch ausladende und Spannung erzeugende Orchestermusik auf das Sujet des Films ein, so auch hier. Das exakt siebenminütige, prachtvolle musikalische Vorspiel von Bronisław Kaper, das zwischen Bedrohung, Abenteuerlust und Spielwitz rangiert, offeriert eine Kostprobe dessen, was hiernach im Jahr 1787 seine nervenaufreibenden Register ziehen wird.

Ehrenhafte Gründe: Die Brotfrucht gegen den Hunger …

Im britischen Hafen von Portsmouth formiert sich Ende des 18. Jahrhunderts eine Schiffsbesatzung aus erfahrenen Seeleuten, die unter dem Kommando von Kapitän William Bligh (Trevor Howard) auf dem Dreimaster der Admiralität, der „HMS Bounty“, nach Tahiti segeln sollen, um die dort wachsende Brotfrucht nach Jamaika zu schaffen. In der Führungsriege des hochdekorierten und raubeinigen Kapitäns befindet sich als erster Stellvertreter der Offizier Fletcher Christian (Marlon Brando), ein scharfzüngiger junger Lebemann aus edlem Hause, dessen Charisma ins Auge sticht. Das honorige Ziel dieser Mission besteht in der sicheren Überführung und anschließenden Kultivierung der exotischen Brotfrucht, weswegen auch der Gärtner William Brown (Richard Haydn) anheuerte, der das potenzielle Grundnahrungsmittel finden und umsorgen soll.

… doch der Teufel fährt mit

Einmal in See gestochen, wird der Crew bald darauf offensichtlich, dass sie unter dem Kommando eines ehrgeizigen Tyrannen stehen, dem Recht ein Fremdwort ist. Der Ton ist rau, ohne jeglichen Anklang von Empathie und kleine Delikte der Matrosen werden an Bord fernab jeglicher Humanität mit der neunschwänzigen Katze oder anderen Seefahrt-Peinigungen mitleidlos bestraft. Obendrein verfolgt Bligh den irrwitzigen Plan, die kürzere, aber weitaus gefährlichere Route um das berüchtigte Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas zu segeln, um zum einen Zeit zu sparen und zum anderen dem eigennützigen Prestige zu frönen, eine Route von hoher Schwierigkeit bewältigt zu haben. Doch meterhohe Wellen und tosende Stürme zwingen das Selbstmordkommando zum Scheitern, sodass selbst Kapitän Bligh einsehen muss, dass die reguläre Route vorbei an Afrika und Australien der einzige sinnhafte Weg zum Ziel ist.

Auf Tahiti angekommen bewahrheitet sich die Sorge, dass die Brotfruchtpflanzen bereits in einer Ruhephase stecken und nicht transportiert werden können. Aus diesem Grund muss die gesamte Besatzung fünf Monate auf der Insel verbringen, unter der herzlichen Gastfreundschaft des ansässigen indigenen Volkes, das von Häuptling Hitihiti (Matahiarii Tama) beherrscht wird. Nachdem die Pflanzen ihre Ruheperiode überschritten haben, kann die Expedition die Weiterfahrt antreten. Nur murrend löst sich die Crew von der angenehmen Abwechslung auf dem paradiesischen Eiland. Zurück auf Kurs setzt Bligh seine Willkürherrschaft jedoch zu jedermanns Übel fort, denn der Kapitän erachtet die Brotpflanzen an Bord nun für wichtiger als die Leben seiner Besatzung. Bewegt durch dieses unerträgliche Martyrium nimmt ein mutiger Mann dem Kapitän den Wind aus den Segeln und schreitet zur Tat, die dem Film den Namen gab: Der erste Offizier Fletcher Christian, der seine tiefe Empörung und Verachtung gegen den Kapitän bisher zynisch ertrug, setzt sich über die Befehle Blighs hinweg und ruft die Meuterei auf der „Bounty“ aus, im Wissen, dass er sein und das Leben seiner Getreuen aufs Spiel setzt …

Ein kostspieliges Unterfangen für MGM

1935 hatte die Erstverfilmung der wahren Begebenheit das Fundament der „Bounty“-Filme gelegt. Mit der Neuauflage demonstrierte Regisseur Lewis Milestone („Im Westen nichts Neues“) eindrucksvoll, was in den 60er-Jahren filmtechnisch mit hoher Budgetierung aus den Ereignissen herauszuholen war. Denn trotz einiger Querelen am Set, die nicht zuletzt durch den „Klaus Kinski ähnlichen Charakter“ Marlon Brandos bedingt waren, kann man bei diesem Film bedenkenfrei von einem imposanten und zeitlosen Klassiker der Filmgeschichte sprechen. Brando hatte sich mit dem ursprünglich als Regisseur engagierten Carol Reed („Der dritte Mann“) angelegt, der daraufhin durch Milestone ersetzt wurde. Das für damalige Zeiten gigantische Budget von etwa 19 Millionen Dollar ermöglichte dem produzierenden Studio Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) die Präsentation exotischer Schauplätze und eindrückliche Kulissenarrangements, sodass der Film schon mal optisch eines Epos würdig ist – man vergegenwärtige sich nur die zeremoniellen Szenen bei der Ankunft der „Bounty“ auf Tahiti. An den Kinokassen spielte er seine Kosten allerdings nicht ein, der Flop brachte MGM für eine Weile in Schieflage. Sieben Oscar-Nominierungen und drei für den Golden Globe gab’s immerhin, jedoch konnte das Werk keine der Trophäen nach Hause tragen. Mit „Lawrence von Arabien“, „Wer die Nachtigall stört“ und „Der längste Tag“ waren 1963 auch harte Konkurrenten in der Award-Saison am Start.

Optische und dramaturgische Haute Cuisine

Wider Erwarten besitzt der Film seine besten Seiten indes im Dramaturgischen und Figurativen. Hierbei möchte ich besonders auf das Verhältnis zwischen Fletcher Christian und William Bligh eingehen, um zu den Motiven des Films zu führen. Allein die Positionierung und herausstechende schauspielerische Leistung des Trevor Howard in der Rolle des alternden, menschenverachtenden, barschen und egozentrischen Kapitäns William Bligh und die des Marlon Brando als junger, arroganter, herausfordernder, aber immerhin gerechter Fletcher Christian auf den Brettern der „Bounty“ bietet derart viel Spannung auf, dass allein jene beiden Charakterköpfe, die zum Schneiden dicke Atmosphäre des Films tragen. Jeder Dialog oder sogar Gesichtsausdruck wird zum geistigen Schlag in die Magengrube, sodass die klagende Hinführung zum Höhepunkt, der quälend hinausgezögert wird, schließlich die säbelrasselnde Erlösung bringt, die unblutig und mit einem fantastischen Stil Marlon Brandos abgehandelt wird, dass man neidisch werden kann. Man kann sagen, dass sich die Spannung des Films auf dem Rücken der Antipathie zwischen Fletcher Christian und Captain William Bligh aufschaukelt, die Motive der Gerechtigkeit, der Missgunst und der Menschenführung grandios thematisiert.

Zweifelsohne kann man diese Motive auf die Gegenwart übertragen und als eine gesellschaftskritische Milieustudie deuten, die im Antlitz der malerischen und gleichfalls grausamen frühneuzeitlichen Seefahrt verdeutlicht, wie überbordende Autorität und Rigorismus eine im Grunde funktionierende Gemeinschaft physisch wie psychisch zerstört. Diese fürchtet trotz einer nachvollziehbaren Revolte um ihr Leben, da die Machtstrukturen so ausgelegt sind, dass der „kleine Mann“ kein spürbares Recht besitzt, um souverän für sein eigenes Recht einzustehen – Angst, Abschottung und Mutlosigkeit waren die Folge.

Ein episches Abenteuerdrama, das Warner Home Video 2011 in Deutschland in einer optisch und tonal hervorragenden Amaray-Fassung als Blu-ray und DVD veröffentlicht hat, die obendrein eine anständige Menge an Zusatzmaterial bereithalten.

Die bei „Die Nacht der lebenden Texte vorgestellten filmischen Adaptionen der Meuterei:

Die Bounty (USA 1984)
Meuterei auf der Bounty (USA 1962)
Meuterei auf der Bounty (USA 1935)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Marlon Brando sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 2. September 2011 als Blu-ray und DVD

Länge: 185 Min. (Blu-ray), 178 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch, Englisch
Untertitel: Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Dänisch, Finnisch, Norwegisch, Schwedisch
Originaltitel: Mutiny on the Bounty
USA 1962
Regie: Lewis Milestone, Carol Reed
Drehbuch: Charles Lederer
Besetzung: Marlon Brando, Trevor Howard, Richard Harris, Hugh Griffith, Richard Haydn, Tarita, Percy Herbert, Duncan Lamont, Gordon Jackson, Chips Rafferty, Noel Purcell, Ashley Cowan, Eddie Byrne, Frank Silvera, Tim Seely, Keith McConnell , Rahera Tuia, Ruita Salmon, Nathalie Tehahe, Tematai Tevaearai, Odile Hinano Paofai, Teretiaiti Teyahineheipua Maifano, Virau Tepii, Maeva Maitihe, Louise Tefaafana, Tinorua Vaitahe, Adrien Vaatete Mahitete, Tufariu Tumatana Haamoeura
Zusatzmaterial: Prolog und Epilog, Dokumentation von 2006: Nach den Dreharbeiten: Die Geschichte der „H.M.S Bounty“, Eine Reise auf der „Bounty“ nach St. Petersburg, „Die Bounty“ – Hauptattraktion auf der New York Weltausstellung, Eine Tour auf der „Bounty“, US-Kinotrailer
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2019 by Lucas Knabe

 

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