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Meuterei auf der Bounty (1935) – Bligh vs. Christian: Runde Eins

26 Jun

Mutiny on the Bounty

Von Lucas Gröning

Abenteuer // Im Jahr 1787 stach der Dreimaster „HMS Bounty“ unter Führung des Kapitäns Lieutenant William Bligh in See und begab sich auf eine abenteuerliche Reise. Zweck der Schifffahrt war zunächst Tahiti, wo die Crew Stecklinge des Brotfruchtbaumes abholen sollte, um diese anschließend zu den Antillen zu bringen. Auf der Fahrt zum zweiten Ziel der Reise kam es jedoch zur Meuterei unter der Führung des Oberbootsmanns Fletcher Christian. Die Meuterer setzten Bligh gemeinsam mit 18 weiteren Crewmitgliedern in Rettungsbooten aus. Anschließend gelang dem abgesetzten Kapitän eine Leistung, die ihresgleichen sucht: Mit einem Minimum an Proviant legten er und seine ihm verbliebenen Crewmitglieder 3.600 Seemeilen von Tonga bis Timor zurück und kehrten so in ihre Heimat Großbritannien zurück.

Zu den verschiedenen künstlerischen Aufarbeitungen und Verfilmungen der Geschichte der „Bounty“ habe ich in meiner Rezension der 1984er-Verfilmung von Roger Donaldson etwas geschrieben. Dieser Text widmet sich Frank Lloyds in Schwarz-Weiß gedrehter Regiearbeit „Meuterei auf der Bounty“ von 1935, der ersten filmischen Umsetzung des Stoffs.

Dunkle Vorahnungen

Der Plot beginnt noch vor der eigentlichen Reise. Zunächst werden einige Matrosen aus verschiedenen Kneipen von Marineoffizier Christian Fletcher (Clark Gable) zwangsrekrutiert – „Schanghaien“ nennt sich diese im Seewesen der europäischen Großmächte über lange Zeit durchaus übliche Form der Freiheitsberaubung. Die Matrosen machen bereits einen recht großen Teil der Schiffscrew aus. Zu Christian Fletcher, der auf der „Bounty“ in See stechen soll, gesellen sich außerdem der Steuermann John Fryer (DeWitt Jennings), der Schiffsarzt Bacchus (Dudley Digges), der ängstliche Koch Smith (Herbert Mundin), der Schreiber Maggs (Ian Wolfe), der Bootsmann Morrison (Wallis Clark), sowie der Botaniker Morgan (Ivan S. Simpson). Zur Crew stoßen außerdem die Kadetten Byam (Franchot Tone), Stewart (Douglas Walton) und Hayward (Vernon Downing), die aus recht wohlhabenden Familien stammen. Alle Mitglieder der Crew treffen sich zu Beginn auf dem Schiff, um sich auf die Überfahrt vorzubereiten. Von Kapitän William Bligh (Charles Laughton) hört man derweil lediglich Gerüchte. Nur Christian Fletcher scheint überhaupt jemals etwas mit ihm zu tun gehabt zu haben. Von ihm erfahren wir, dass der Kapitän als kein besonders netter Mensch gilt, was sich in Folge als Untertreibung herausstellen wird. Bald darauf betritt auch Bligh das Schiff, und wir sehen einen kleinen, leicht übergewichtigen Mann, der einen klaren Gegensatz zum stattlichen Christian Fletcher und den jungen Kadetten darstellt. Der Kapitän bestätigt seinen schlechten Ruf noch vor Beginn der Fahrt, indem er selbst einem bereits toten Matrosen seine Strafe für ein Vergehen zukommen und die Leiche auspeitschen lässt. Bereits hier verortet der Regisseur William Bligh als grausamen Despoten, und wir ahnen, dass diese bösartige kleine Figur der Antagonist für den weiteren Verlauf des Films darstellen wird. Folgerichtig stößt Blighs bestialisches Vorgehen bei der Crew auf wenig Gegenliebe, und doch soll diese erste diabolische Aktion des Kapitäns nur der Anfang einer Reihe furchtbarer Missetaten sein.

Tyrannei auf dem Schiff

Wir, die Zuschauer, werden Zeugen dieser Missetaten. Für kleinste Vergehen bestraft der Kapitän seine Crew. So lässt er einige Matrosen auspeitschen, kielholen oder streicht ihnen Essensrationen. Doch auch abseits solcher Strafen für mehr oder weniger geringfügige Vergehen verstärkt sich bei Bligh konstant das Bild eines tyrannischen Despoten. So interpretiert er die schiere Erschöpfung vor allem älterer und schwächerer Crewmitglieder als Faulheit, für welche diese vom Despoten erst recht geknechtet werden. Diese Aktionen werden nach einigen exemplarischen Szenen in Montagesequenzen zusammengeschnitten, sodass klar wird, dass die Tyrannei des Kapitäns ein Zustand ist, den die Crew über die gesamte Zeit der Schifffahrt ertragen muss. Besonders der fantastische Schnitt dieser Montagen ist hier bemerkenswert. Abwechselnd sehen wir das Gesicht von Bligh in Nahaufnahme, während er Befehle oder Strafen erteilt, in der folgenden Einstellung sehen wir die Arbeit der Crew oder die Strafen für Vergehen. Die Mannschaft hört also bedingungslos auf ihren Kapitän, einfach aus Furcht vor den Strafen Blighs oder der Autorität der britischen Krone. Bligh repräsentiert das Verlangen nach bedingungsloser Leistung ohne jegliche Gnade. Selbst alte und schwache Menschen sollen dem Erfolg der „Bounty“ alles unterordnen, an deren Spitze deren Kapitän steht. Eine Ideologie, die auch Fletcher Christian verfolgt, wie bei seinen Zwangsrekrutierungen deutlich wurde, ohne jedoch diese Form der Gnadenlosigkeit walten zu lassen.

Fletcher Christian ist es indes, der sich dem Despoten in den Weg stellt. Dabei ist er selbst ein Mensch, der autoritärer Führung alles andere als abgeneigt ist. Dennoch ist die Gewalt, mit der Bligh seinen Willen auf der „Bounty“ durchsetzt, zu viel für den Marineoffizier. Immer mehr lehnt sich Christian gegen den Despoten auf, macht er seine Unzufriedenheit gegenüber dessen Aktionen deutlich. Und doch hilft es alles nichts. Dem unbändigen Willen des Kapitäns scheint Christian nichts entgegenzusetzen zu haben, sodass der Konflikt der beiden zunächst ohne Folgen bleibt.

Bildung und Autorität

Von Beginn an wird dabei ein weiterer Gegensatz zwischen Bligh und Christian herausgearbeitet: die unterschiedlichen Bildungsgrade der beiden Hauptfiguren. Christian wird uns als äußerst gebildeter Mann vorgestellt, der ein großes Vertrauen in die Wissenschaft hat und die jungen Kadetten ausbildet. Vor allem den jungen Byam nimmt er unter seine Fittiche und unterstützt ihn bei der Erstellung eines tahitischen Wörterbuches während der Zwischenlandung der „Bounty“ vor der Insel. Bligh wiederum erklärt Christian in einem Gespräch zu Beginn, dass er selbst keinerlei Schulbildung genossen hat und stellt so den großen Unterschied zwischen sich selbst und dem Protagonisten des Films heraus. Auch die Berufe der meisten anderen Crewmitglieder, mit Ausnahme der zwangsrekrutierten Matrosen, lassen auf die Herkunft aus bildungsnahen Schichten schließen, die in einer wissenschaftlichen Tradition stehen. Sie sind es auch, die ihre Abscheu Blighs Regime gegenüber am ehesten Ausdruck verleihen.

Es lässt sich somit eine klare Ablehnung der Diktatur des Kapitäns seitens der gebildeten Schichten erkennen. Die Kernaussage hier: Die Diktatur, diese strenge Variation von Autorität und dieses stringente Durchsetzen von völlig überzogenen Strafen, ist mit einem fortschrittlichen und von Wissenschaft durchsetzten Weltbild nicht vereinbar. Die Handlungen des Kapitäns können in einer solch fortschrittlichen Welt wie der des britischen Empires nicht existieren. Doch nicht nur die Handlungen Blighs sind abzulehnen. Wie es „Meuterei auf der Bounty“ suggeriert, erscheint generell die Schirmherrschaft der Briten unter einem einzelnen Herrscher als abzulehnen. Dies wird in der Passage deutlich, in der sich die Besatzung auf Tahiti befindet. Auch Fletcher Christian und Kadett Byam stoßen hier mit ihrem Weltbild auf Widerstand. Ihre blinde Treue zur Krone, ihre Vorliebe für die Monarchie und das geltende Prinzip der Leistungsgesellschaft steht im krassen Kontrast zum Leben der Inselbewohner. Es ist die totale Freiheit, die der Besatzung auf Tahiti begegnet. So kann der Häuptling (Bill Bambridge) der Menschen mit Geld nichts anfangen – es hat für ihn keinen Wert. Alle Güter, die Mutter Erde den Menschen schenkt, sollten auch allen zur Verfügung stehen. Das Erhalten dieser Güter ist bedingungslos. Somit wird hier auch dem vermeintlich fortschrittlichen System der Briten widersprochen, sodass die pure Lebensfreude das Zentrum des menschlichen Lebens bilden soll, nicht jedoch das Erbringen von Leistung.

Freude statt Peitsche

Ein Zitat, was im Verlaufe des Films fällt, lautet folgendermaßen: „Viel braucht man nicht dazu, um dem Mann an Bord eine Freude zu machen. Ein freundliches Wort, ein Glas Grog, ein Scherz im richtigen Augenblick. Das wirkt beim Seemann mehr als die Peitsche.“ Und dies spiegelt auch die Kernaussage dieses herausragenden Abenteuers wider. Die Dominanz von Freude und Glück sollte jederzeit vor dem Prinzip der Leistung stehen. Die Freude komme im Verlauf der Arbeit und ist eine viel größere Motivation als der mit aller Brutalität durchgesetzte Leistungsgedanke, repräsentiert durch den Kapitän der „Bounty“.

Die Schauspieler, allen voran Charles Laughton, leisten durch die Bank Hervorragendes, und man merkt den Darstellern ihre hohe individuelle Qualität konstant an. Die verbalen Auseinandersetzungen von William Bligh und Christian Fletcher dürften dabei die Höhepunkte des Films sein. Doch „Meuterei auf der Bounty“ hat auch Schwächen. Gerade das Finale von Frank Lloyds Werk zieht sich recht lang hin, ohne inhaltlich viele spannende Aspekte zu bieten. Bereits ab der Mitte des Films weiß man eigentlich, worauf er hinaus will. So möchte man ihm förmlich zurufen, dass die Botschaft angekommen ist. Stattdessen langweilt die erste von drei „Bounty“-Kinoumsetzungen den Zuschauer am Ende noch recht unnötig. Es wirkt, als seien viele Aspekte wie die Gerichtsverhandlung ans Ende des Films gepackt worden, um dem Anspruch historischer Genauigkeit einigermaßen gerecht zu werden. Dem Status des Werkes als Produkt wirklich künstlerischen Schaffens ist die Konklusion wenig zuträglich. Dennoch ist das Jammern auf hohem Niveau, besticht „Meuterei auf der Bounty“ doch über den Großteil seiner Handlung durch eine ungeheure Spannung und im Großen und Ganzen durch eine sehr stringente Erzählweise.

Die bei „Die Nacht der lebenden Texte vorgestellten filmischen Adaptionen der Meuterei:

Die Bounty (USA 1984)
Meuterei auf der Bounty (USA 1962)
Meuterei auf der Bounty (USA 1935)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Clark Gable und Charles Laughton sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 19. November 2010 als Blu-ray, 12. März 2004 als DVD

Länge: 132 Min. (Blu-ray), 127 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Mutiny on the Bounty
USA 1935
Regie: Frank Lloyd
Drehbuch: Talbot Jennings, Jules Furthman, Carey Wilson
Besetzung: Charles Laughton, Clark Gable, Franchot Tone, Herbert Mundin, Eddie Quillan, Dudley Digges, Donald Crisp, Henry Stephenson, Francis Lister, Ian Wolfe, DeWitt Jennings, Vernon Downing, Bill Bambridge, Wallis Clark
Zusatzmaterial Blu-ray: Die Pitcairn-Insel heute, Wochenschaubericht von der Oscar-Verleihung 1935, US-Kinotrailer dieser Version und der Version von 1962
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2019 by Lucas Gröning
Packshot: © 2010 Warner Home Video

 

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