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Insel des Schreckens – Nicht nur Hammer konnte britischen Horror

27 Jun

Island of Terror

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Auf der abgelegen vor der irischen Küste befindlichen Insel Peter‘s Island ereignet sich Schauerliches: Spät am Abend befindet sich der Landwirt Ian Bellows (Liam Gaffney) auf dem Heimweg. Ein aus einer Höhle kommendes Geräusch weckt seine Neugier – das wird ihm zum Verderben. Seine Frau (Joyce Hemson) sorgt sich, weil ihr Ehemann ausbleibt, und meldet ihn bei Constable Harris (Sam Kydd) als vermisst. Der Polizist entdeckt den Toten in entsetzlichem Zustand: Etwas hat ihm sämtliche Knochen aus dem Leib entfernt. Auch der örtliche Arzt Dr. Landers (Eddie Byrne) hat keine Erklärung für das grausige Phänomen. Er reist daher nach London und bittet den angesehenen Pathologen Dr. Stanley (Peter Cushing) zu Hilfe, der wiederum Dr. West (Edward Judd) hinzuzieht, einen aufstrebenden Experten für Knochenkrankheiten. Dessen Freundin Toni Merrill (Carole Gray) lässt sich nicht davon abhalten, die Mediziner auf Peter’s Island zu begleiten, organisiert für den Trip auch den Helikopter ihres reichen Vaters.

Es bleibt nicht bei dem einen Todesfall …

„Island of Terror“ lautet der stimmungsvolle Originaltitel, der Vorfreude auf ein schönes Schauerstück weckt – die eingelöst wird, so viel sei bereits angeführt. In der alten Bundesrepublik Deutschland wurde „Insel des Schreckens“ seinerzeit auch mit dem Alternativtitel (oder Zusatztitel) „Todesmonster greifen an“ vermarktet. Das kleine englische Studio Planet Film Productions gewann für die Produktion immerhin Hammer-Films-Stammregisseur Terence Fisher für den Regiestuhl und Peter Cushing für eine der Hauptrollen. Atmosphäre und Setting ähneln dann auch durchaus dem Stil der Hammer-Filme. Besser gut kopiert als schlecht erdacht – das gilt hier auf jeden Fall. Eigenständig genug wird der Film aufgrund seiner Story. Weitere Rollen sind ebenfalls solide mit bekannten Gesichtern besetzt, auch wenn wir sie auf den ersten Blick nicht immer zuordnen können. Edward Judd etwa ist mir aus dem feinen Endzeitfilm „Der Tag, an dem die Erde Feuer fing“ (1961) bekannt.

Tödlicher Tentakel

Sobald sich „Insel des Schreckens“ als „Creature Feature“ entpuppt, muss man ob der ein wenig albern aussehenden Bedrohung etwas die Augen zudrücken. Was da unförmig mit rauer, reptilartiger Oberfläche und Tentakel auf die Protagonisten zukriecht, mag damals state-of-the-art gewesen sein – vielleicht aber auch nicht –, entlockt uns heute aber in erster Linie ein Schmunzeln. Aufgrund des Tentakels sei erwähnt: Mit Lovecraftschem Grauen hat das Ganze nichts zu tun – manche Horrorfilm-Rezipienten sind ja geneigt, sofort „Lovecraft“ zu verkünden, sobald ein Tentakel auftaucht. Hier gibt es eine ganz konkrete wissenschaftliche Erklärung, die den Horrorfilm mit Science-Fiction anreichert. Im Verlauf nimmt die Bedrohung ungeahnte Ausmaße an, weil sich die Biester teilen und auf diese Weise exponentiell vermehren. Das bringt wohliges Schaudern, das bis zum Finale anhält.

Dr. Stanley kann kaum glauben …

Dr. Wests Freundin Toni wird zu Beginn als selbstbewusste junge Frau eingeführt, die ihren Kopf durchsetzt, auf der Insel dient sie leider nur als ängstliche Stichwortgeberin, die gerettet werden muss. Das ist für Horrorfilme der 60er-Jahre natürlich nichts Besonderes und muss auch nicht groß kritisiert werden, es fiel mir aber in diesem Fall stark auf und sei daher erwähnt.

Abwegig? Macht doch nichts!

Abwegige Gruselgeschichte; versetzt mit Effekthaschereien und pseudowissenschaftlichen Erklärungsversuchen. So kanzelte seinerzeit das „Lexikon des internationalen Films“ „Insel des Schreckens“ ab. Seit wann ist abwegig für einen Horrorfilm mit fantastischen Elementen ein Kriterium, das zur Abwertung führt? Natürlich ist das abwegig! Deshalb hilft auch der Vorwurf der Pseudowissenschaftlichkeit nicht weiter. Der Prüfung der Wissenschaftlichkeit muss sich nur Science-Fiction mit dem Anspruch auf Realitätsnähe stellen, dieser Anspruch bestand hier sicher nicht. Auch das Urteil … der mehr Langeweile als Schrecken verbreitet … sanfte Zumutung des Evangelischen Filmbeobachters Nr. 180 von 1967 bestreite ich energisch. Für mich bietet „Island of Terror“ auch heute noch wunderbaren Grusel britischer Prägung.

Mediabook in zwei Covervarianten

Umso schöner, dass Koch Films das Werk als Mediabook mit Blu-ray und DVD veröffentlicht hat – die DVD von 2006 ist im Handel vergriffen, auf dem Sammler- und Gebrauchtmarkt um zehn bis zwölf Euro zu finden. Die Edition überzeugt in Bild und Ton sowie mit dem Koch-typischen kleinen Mediabook-Format, das manche Mediabook-Sammler missbilligen – ich aber nicht. Zwei Covermotive stehen zur Auswahl. Schön auch, dass das Label es sich und seinen Käuferinnen und Käufern gegönnt hat, mit Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad zwei ausgewiesene Kenner für einen neuen Audiokommentar zu gewinnen. Obwohl ich mich als Audiokommentar-Ignorant oute, weiß ich doch, dass viele Fans dieses Feature zu würdigen wissen. Mit derlei Kompetenz am Mikrofon lohnt sich das auch. Im Zusatzmaterial findet sich obendrein ein 25-minütiges Interview mit Christopher Lee. Das mutet erst einmal merkwürdig an, weil der Gute gar nicht mitgespielt hat, aber das Gespräch handelt vornehmlich von Regisseur Terence Fisher – passt schon. Interessant genug ist es allemal. Ein schönes Booklet mit einem so langen wie fachkundigen Text von Christoph Huber rundet die Veröffentlichung ab, an der ich kaum etwas auszusetzen haben. Nur eins vielleicht: Booklet-Autoren haben meines Erachtens eine kurze Vorstellung in Form von ein paar Zeilen verdient. Platz dafür ist ausreichend vorhanden.

… dass das Opfer keine Knochen mehr hat

„Insel des Schreckens“ endet mit einem denkbar kurzen Epilog in Japan, der einen Ausblick darauf gibt, dass der Schrecken nicht vorbei ist. Heutzutage hätte das Futter für ein Sequel gegeben. Parallel hat Koch mit „Brennender Tod“ den Folgefilm der Produktionsfirma veröffentlicht, der ebenfalls eine interessante „abwegige“ (hehe) und „pseudowissenschaftliche“ (hihi) Story und nicht nur Terence Fisher und Peter Cushing bietet, sondern auch Christopher Lee, die Qualität von „Insel des Schreckens“ aber nicht erreicht. Diesen nämlich empfinde ich als echtes Kleinod britischen SF-Horrors.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terence Fisher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Peter Cushing unter Schauspieler.

Da teilt sich was!

Veröffentlichung: 20. Juni 2019 als limitiertes 2-Disc Mediabook mit zwei Covermotiven (Blu-ray & DVD), 30. Januar 2006 als DVD

Länge: 87 Min. (Blu-ray), 83 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Island of Terror
Alternativtitel: Todesmonster greifen an
GB 1966
Regie: Terence Fisher
Drehbuch: Edward Mann, Al Ramsen
Besetzung: Peter Cushing, Edward Judd, Carole Gray, Eddie Byrne, Sam Kydd, Niall MacGinnis, James Caffrey, Liam Gaffney, Roger Heathcott, Keith Bell
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, Interview mit Christopher Lee über Terence Fisher (24:54), deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph Huber
Label/Vertrieb: Koch Films
Label/Vertrieb 2006: WVG Medien GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Koch Films

 
 

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3 Antworten zu “Insel des Schreckens – Nicht nur Hammer konnte britischen Horror

  1. Wortman

    2019/06/28 at 06:21

    Das ist doch mal wieder anschaubarer Trash vom Feinsten 🙂

     
  2. Thomas Hortian

    2019/06/27 at 13:44

    INSEL DES SCHRECKENS ist schon lustiger Trash, indeed.
    Aber deswegen hab ich da auch mal einen kleinen Einwurf:

    „Seit wann ist abwegig für einen Horrorfilm mit fantastischen Elementen ein Kriterium, das zur Abwertung führt? Natürlich ist das abwegig! Deshalb hilft auch der Vorwurf der Pseudowissenschaftlichkeit nicht weiter. Der Prüfung der Wissenschaftlichkeit muss sich nur Science-Fiction mit dem Anspruch auf Realitätsnähe stellen, dieser Anspruch bestand hier sicher nicht.“

    Dem kann ich nun leider nicht zustimmen. Wenn jetzt ein Horrorfilm kommen würde, der behauptet, dass die Erde eine Scheibe ist, Fische eigentlich im Wasser fliegen und der Delphin eine evolutionäre Weiterentwicklung des Menschen darstelle, dann strapaziert das schon den suspension of disbelief (jedenfalls meinen) so sehr, dass man das Geschehene kaum mehr ernst nehmen kann. Allerdings waren Silikat-Monster aus der Krebsforschung 1966 gewiss nicht so abwegig, wie sie es heute sind. Deswegen ging der Film damals sicherlich noch als einigermaßen ernstzunehmender Horrorfilm durch, während er heute von den meisten Rezipienten als Trash klassifiziert wird. Der Film ist halt nicht gut gealtert (Spaß macht er trotzdem).
    Das Zitat des „Lexikon des internationalen Films“ an sich ist natürlich Kappes, da wohl mit falschen Erwartungen an den Film herangegangen wurde (man muss bei einem mehr als 50 Jahre alten SF-Horrorfilm schon mit ein wenig Naivität rechnen). Zeitgenössisch urteilte der „Evangelische Filmbeobachter“ ja auch: „Englischer Gruselfilm von Terence Fischer, der mehr Langeweile als Schrecken verbreitet. […] Selbst für Horror-Freunde eine sanfte Zumutung.“ Ob in der Auslassung auch der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit aufgetan wird, kann ich natürlich nicht sagen, aber der Kern der Aussage, der hier herausgegriffen wird, bezieht sich wohl auf die Inszenierung und nicht die Ausschmückungen des Drehbuchs.

     
    • V. Beautifulmountain

      2019/06/27 at 16:52

      Moin Thomas,

      da kann ich dir kaum widersprechen, da du Beispiele am unteren Ende der Glaubwürdigkeitsskala formuliert hast. Allerdings gibt es ja tatsächlich Verfechter der These, die Erde sei eine Scheibe. Gibt es Science-Fiction-Filme, in denen sich am Ende – oder früher – herausstellt, dass sie tatsächlich eine Scheibe ist? Daraus ließe sich doch auch etwas Launiges konstruieren. Abwegig wäre das ganz sicher, bleibt die Frage, ob die „Suspension of Disbelief“ dabei funktioniert. Für möglich halte ich das. Und wenn sie nicht funktioniert, kann man den Streifen vielleicht dennoch goutieren.

      Ich lass’ mich ganz gern in krude Konstruktionen fallen. Wobei ich „Sharknado“ mittlerweile überdrüssig bin. Eigentlich bin ich ja Komplettist, weshalb ich auch den letzten Teil an sich noch sichten und rezensieren will. Aber ich weiß nicht recht, ob ich darüber noch etwas zu sagen habe, was ich in meinen Rezensionen der vorherigen Filme noch nicht geschrieben habe.

      Gruß,
      Volker

       

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