RSS

The Friendly Beast – Das Tier in dir

04 Jul

O Animal Cordial

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Im Restaurant La Barca gehen langsam die Lichter aus: Es ist kurz vor Feierabend, in 30 Minuten schließt die Küche. Inhaber Inácio (Murilo Benício) hofft noch immer auf seinen großen Durchbruch, dass sein Lokal endlich Gewinn abwirft. Angeblich soll demnächst ein renommierter Restaurantkritiker vorbeikommen. Dann muss alles perfekt sein – und alles wird sich zum Guten ändern. Als hätte er nicht so schon genug Ärger, proben Koch Djair (Irandhir Santos) und das weitere Personal wegen der miesen Bezahlung auch noch den Aufstand. Einzig die Kellnerin Sara (Irandhir Santos) steht ihrem Chef offenbar noch zur Seite.

Ein Überfall lässt die Lage im La Barca eskalieren

Die Tageseinnahmen sind gezählt, die Küche ist geputzt und der vermeintlich letzte Gast verspeist gerade sein Kaninchen, als das versnobte Pärchen Bruno (Jiddu Pinheiro) und Verônica (Camila Morgado) durch die Tür stolpert. Sie gedenken, ebenfalls noch zu speisen und ordern erst mal eine teure Flasche Wein – natürlich nicht jene Sorte, die ihnen von Sara und Inácio empfohlen wurde. Zahlungskräftige Kunden, die alles besser wissen, dafür nimmt man gern ein paar Überstunden und Demütigungen in Kauf. Doch gerade hat Sara dem Paar das Essen serviert, dringen zwei maskierte Männer mit Pistolen ins La Barca ein. Sie fordern Geld und machen sich auch über Verônica unsittlich her. Dann fällt ein Schuss – und die Situation eskaliert.

Ein Funke genügt

Dass im Langfilmdebüt der brasilianischen Regisseurin Gabriela Amaral Almeida von Anfang an eine angespannte Stimmung herrscht, wäre noch untertrieben. Es brodelt regelrecht zwischen den Protagonisten. Allerdings zunächst nur hinter den Kulissen. Denn noch müssen die Angestellten eine freundliche Haltung gegenüber den Gästen bewahren, seien sie auch so arrogant wie Bruno und Verônica. Und so ist es dann nicht verwunderlich, dass auch diese Fassade nach dem Überfall schnell fällt. Zunächst erlangt Inácio die Oberhand, fortan baut er seine angespannten Frustrationen ab – wenn’s sein muss mit Gewalt. Das titelgebende Tier, welches zuvor doch noch so freundlich und zuvorkommend war, ist erwacht. Ein Funke genügt, um die gesellschaftliche Ordnung und die guten Sitten über Bord zu werfen.

In Inácio erwacht das Tier

Doch er wird nicht das einzige Tier bleiben. Die Machtverhältnisse ändern sich kontinuierlich in diesem kammerspielartigen Thriller, welcher ausschließlich das Restaurant als Schauplatz hat. Nicht immer versteht man die Beweggründe der Figuren, das, was sie tun oder warum sie so radikal ausflippen. Statt rational agieren sie instinktiv, wie Tiere eben. Das wird nicht jedem Zuschauer gefallen.

Gnadenloser Klassen- und Genderkampf

Gabriela Amaral Almeida gelingt besonders in der ersten Hälfte eine treffende und subversive Bestandsaufnahme der allgemeinen gesellschaftlichen Zustände. Sie bricht die herrschenden Hierarchien auf und ein gnadenloser Klassen- sowie Genderkampf beginnt. Mit der Waffe in der Hand reißt Inácio die Macht an sich, muss nun auch nicht mehr länger nett zu dem Luxus-Pärchen sein. Gleichzeitig hat der prahlerische Bruno nun selbst nichts mehr zu sagen. Kauert schon, als die Räuber eintreten, verängstigt in der Ecke und traut sich nicht, seine Freundin zu verteidigen. Aber auch Sara macht eine Wandlung durch. Zuvor wird sie von ihrem Chef fertiggemacht und unterdrückt, auch die Räuber sagen ihr deutlich, dass sie viel zu hässlich sei, um sie zu vergewaltigen. Doch im befreiten Rausch des Blutes holt sich auch Sara, was sie will. Was folgt ist eine äußerst bizarre und rohe Sexszene, in der unromantisch vor Lust animalisch gegrunzt wird.

Nicht nur Koch Djair wird als Geisel genommen

Die aggressive Wildheit von „The Friendly Beast“ erinnert ein wenig an die Werke des spanischen Kultregisseurs Álex de la Iglesia („El Bar – Frühstück mit einer Leiche“), auch wenn Almeida nicht in dessen absurde Extreme abdriftet. Außerdem geht es dafür in einigen Szenen doch zu ruhig zu. In den finalen Momenten sei sie von „The Texas Chainsaw Massacre“ (1974) und – man höhere und staune – vom deutschen Horrordrama „Der Fan“ (1982) mit Désirée Nosbusch inspiriert worden, wie die Regisseurin im Audiokommentar verrät. Aber obwohl zunächst ordentlich Filmblut fließt, bemerkt man besonders gegen Ende, dass unverständlicherweise vom zur Schaustellen der Gewaltspitzen zunehmend abgesehen wird, sodass die Freigabe ab 18 Jahren mir überhöht erscheint. Auf der Tonebene wird dabei viel vorbereitet: Man hört unter anderem das Schleifen von Messern. Aber im Bild eingelöst wird dies nicht – vielleicht aus Budgetgründen? Nach einer Schwarzblende könnte man die anschließenden, letzten Szenen sogar als Traum interpretieren.

Soundtrack gefällig?

Der bemerkenswerte Synthie-Score von Rafael Cavalcanti untermalt das Geschehen schön atmosphärisch. Wer sich für den Soundtrack interessiert, sollte sich auf jeden Fall für die Sonderedition von „The Friendly Beast“ entscheiden. Diese ist auf 300 Exemplare limitiert, beinhaltet das Rundum-sorglos-Paket mit Blu-ray, DVD sowie Audio-CD und ist exklusiv über den Shop von Bildstörung erhältlich. Sammler der Drop-Out-Reihe des Labels stört es sicher nicht, dennoch sei nochmal darauf hingewiesen: Auch Nummer 33 kommt, wie viele Filme der Reihe, nur mit dem Originalton daher, also Portugiesisch inklusive deutscher Untertitel.

Die Filme der „Drop Out“-Reihe von Bildstörung haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Sara ist auf einmal gar nicht mehr so schüchtern

Veröffentlichung: 5. Juli 2019 als auf 300 Exemplare limitierte Sonderedition (Blu-ray, DVD & Soundtrack-CD), Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Portugiesisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: O Animal Cordial
BRA 2017
Regie: Gabriela Amaral Almeida
Drehbuch: Gabriela Amaral Almeida, Luana Demange
Besetzung: Murilo Benício, Luciana Paes, Irandhir Santos, Camila Morgado, Jiddu Pinheiro, Ernani Moraes, Humberto Carrão, Ariclenes Barroso
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseurin Gabriela Amaral Almeida, Kurzfilme: „Die Hand, die streichelte“ (2012, 19 Min.), „Keine Bewegung!“ (2014, 25 Min.), Trailer, Booklet mit Texten von Shelagh Rowan-Legg und Kat Ellinger, nur limitierte Sonderedition: Soundtrack-CD mit 9 Tracks
Vertrieb: Al!ve AG
Label: Bildstörung

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Wer hat es hier auf wen abgesehen?

Szenenfotos: © 2017 RT/FEATURES, Packshot: © 2019 Bildstörung

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: