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Mördersyndikat San Francisco – Wer nicht für uns ist, ist gegen uns

06 Jul

Hoodlum Empire

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Gangsterboss Nicholas Mancani (Luther Adler) muss sich vor einer Grand Jury für die ihm zur Last gelegten Taten verantworten. Die Senatoren unter Federführung von Bill Stephens (Brian Donlevy) wollen insbesondere der Ausbeutung durch Glücksspiel ans Leder, bei der die organisierten Kriminellen keinen Halt davor machen, kleinen Kindern auf dem Schulweg mit eigens platzierten Automaten das Geld fürs Frühstück aus der Tasche zu ziehen. Wenn es sein muss wird dabei auch mit simplen, aber dreisten Hilfsmitteln gearbeitet, damit selbst die Kleinsten an die Münzschlitze gelangen können. Befragt werden neben dem Boss unter anderem enge Freunde und vermutete Untergebene Mancanis, wie etwa Charles Pignatalli (Forrest Tucker), der schnell einmal über Leichen geht, wenn er nervös wird. Zwischen den Fronten steht Joe Gray (John Russell) – dieser hat zwar vor dem Kriegsdienst unter den Augen seines großzügigen Onkels „Nick“ Mancani das eine oder andere Ding gedreht, wollte nach der Heimkehr aber nicht ins mittlerweile deutlich gewachsene Mancani-Imperium einsteigen. Doch wen man weder für sich arbeiten lassen noch kaufen kann, dem kann man eventuell zumindest empfindliche Glaubwürdigkeits- oder Überlebensprobleme verschaffen.

Manch ein Italo-Amerikaner fühlte sich von dieser Erzählung zum Kinostart schon allein aufgrund der Namen der Kriminellen reichlich auf die Füße getreten. Doch nicht nur wer vom Film noir eine Kompromisslosigkeit dergestalt erwartet, dass auch Szenen mit bereits verzweifelt am Boden liegenden Frauen denkbar sind, die wehrlos von in ihrer Ehre gekränkten Gangstern erschossen werden, findet in „Mördersyndikat San Francisco“ in jedem Fall einen treffenden, giftigen Genrebeitrag. Ein Film, der die düstersten Schattierungen des Noirs mit gesellschaftspolitisch ambitionierten Ansätzen kreuzt.

Mamma Mia!

Man kann diese von den seinerzeit topaktuellen, sogenannten Kefauver-Hearings inspirierte Produktion sicherlich als Prestige-Projekt der Republic Pictures verstehen – unschwer an der Besetzung diverser aus berühmten Projekten wesentlich größerer Studios bekannter Charakterdarsteller zu erkennen, darunter mehrere hauptrollenaffine Recken mit Star-Qualitäten. Die Anbindung an die wahren Geschehnisse erklärt letztlich auch die Vergabe der Namen der Figuren, wenngleich man dem Film vermutlich einen Gefallen damit getan hätte, zumindest etwas mehr darauf einzugehen, dass es natürlich auch Kriminelle im Umfeld der im Zentrum der Handlung agierenden Charaktere gab, in deren Adern kein italienisches Blut floss. Ärgerlich ist das aber eigentlich nur insofern, als es völlig unproblematisch möglich gewesen wäre, mit ein paar wenigen Dialogen diverse Verflechtungen mehr zu zeigen, aber nicht, weil der Film sich mit dem nichtsdestotrotz gewählten Ansatz waghalsig auf Glatteis begäbe. Die Problematik liegt eher bei den Anhörungen selbst, die im Rückblick ebenfalls mit dem Vorwurf konfrontiert wurden, sich zu einseitig auf die italo-amerikanische Mafia eingeschossen zu haben. Der Film reproduziert diese Einseitigkeit lediglich, wenn auch ohne die Fragwürdigkeit der Konstellation merklich zu reflektieren oder eben die Option zu nutzen, dass man spielend einige Schritte weiter hätte gehen können.

Der Star ist die Mannschaft

Unabhängig davon, wie sehr man diesem Thriller das etwas unglückliche Treiben im Fahrwasser fragwürdig verlaufener wahrer Begebenheiten nun ankreiden will, ist „Mördersyndikat San Francisco“ zunächst einmal ein recht gut geeignetes Beispiel für einen Film, dessen Ensemble vor der Kamera in der Lage ist, allen Widrigkeiten zu trotzen – was gerade bei einem eher kleinen Studio wie Republic Pictures ein löblicher Umstand ist.

Dem Story-Verlauf nach wäre eigentlich die Rolle von John Russell an erster Stelle des Vorspanns zu nennen, würde man einem klassischen Hollywood-Muster folgen. Doch um sich nach solchen Gepflogenheiten zu richten, hat dieser Film einfach zu viele bekannte Gesichter im Gepäck, darunter auch Namen, mit denen Russell damals noch nicht hätte mithalten können. So geht der erste Platz in den Credits an Brian Donlevy, während einem Forrest Tucker – der bei Republic seinerzeit auch schon als Führungskraft vor der Kamera eingesetzt worden war – hier mal wieder eine Sidekick-Rolle zukommt. Und schauspielerisch reißen insbesondere Luther Adler und Gene Lockhart ihre jeweiligen Szenen an sich – Adler als charismatischer Gangsterboss, Lockhart als verbissen gegen das Verbrechen keifender Senator –, während sich Claire Trevor in dem männerdominierten Cast in einer tragischen Damenrolle sehr würdevoll und schließlich auch berührend präsentiert. Geplant waren offenbar auch Einsätze von Joseph Cotten und George Raft, die letztlich aber nicht realisiert wurden.

Sogar die ehemalige Eiskunstläuferin Vera Ralston, deren gesamte Filmkarriere von Republic Pictures umspannt wurde, gibt in „Mördersyndikat San Francisco“ eine recht überzeugende Vorstellung als schüchterne, aber durch Kriegserfahrungen geprägte und gereifte Europäerin vom Lande. Kritik an ihren Darbietungen hängt sich oft daran auf, dass sie mit dem wesentlich älteren Republic-Pictures-Gründer Herbert J. Yates liiert war – frei nach dem Motto, sie hätte ihre Engagements vor der Kamera nicht durch Talent, sondern persönliche Beziehungen bekommen. Angeblich waren fast alle ihrer insgesamt weniger als 30 Filme kommerzielle Misserfolge, dennoch erhielt sie bis zum frühzeitigen Ende ihrer Filmkarriere 1958 konstant umfangreiche Spielfilmparts bei Republic. Yates wurde Vetternwirtschaft vorgeworfen und sein Festhalten an Ralston vor der Kamera gilt als einer der Gründe, warum er sich schließlich von der Spitze der Republic Pictures zurückziehen musste. Die These, dass Vera Ralston ungewöhnlich talentfrei war, halte ich allerdings für deutlich überzogen. Sicherlich spielte sie überwiegend eher belanglose Figuren – wenn man sich jedoch vergegenwärtigt, wie viele belanglose Frauenrollen das damalige Hollywood zu bieten hat, ist das mit Sicherheit nicht einmal ansatzweise so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal, schauspielerisches Vermögen oder Unvermögen der Beteiligten eingerechnet. Und sie war gewiss nicht die einzige Frau in Hollywood, die maßgeblich von persönlichen Beziehungen profitierte und sich darüber eine langjährige Karriere aufbaute. Wer frei von Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Kane war ihr Schicksal

Ein ähnliches Opfer oberflächlicher Kritik ist auch der Regisseur des Films, Joseph Kane. Er sogar noch wesentlich deutlicher zu Unrecht, wie ich finde. Kritikern und Wissenschaftlern, die von einem Regisseur regelrecht zwingend erwarten, dass er durch seine ästhetische Handschrift oder spezielle narrative Elemente ständig, wenn nicht gar redundant, also auffällig, auf sich selbst hinweist – indem er immer wieder mit bestimmten Stilmitteln deutlich werden lässt, dass es sich eindeutig um einen Film von ihm handelt –, sind Regisseure wie Kane ein Dorn im Auge. Regisseure wie Joseph Kane waren es allerdings, die vergleichsweise kleine Produktionsfirmen wie Republic Pictures im Hollywood der 30er bis 50er am Laufen hielten. Vielfilmer, deren Kunst das solide Unterhalten und Beherrschen diverser kommerziell relevanter Genres war, die aber auch die Fähigkeit besaßen, den Schauspielern die Bühne zu überlassen, was durchaus gewisse Vorzüge haben kann – und die ihre Kameramänner auch einfach mal ohne Stress eher altmodisch filmen ließen, weil schlicht und ergreifend ja auch eigentlich gar nichts dagegen spricht, einem schon für damalige Verhältnisse recht klassischen Look verhaftet zu bleiben, solange es nicht jeder macht. Stilistisch-ästhetisch unspektakulär zu sein, muss nicht immer negativ sein, sondern bringt unter Umständen sogar eine Art Mehr an Objektivität ins Spiel. Da kann aus der Not im besten Fall sogar eine Tugend werden. Kurios: In „Mördersyndikat San Francisco“ passt es obendrein recht gut zur mehrfach mit Rückblenden in die Vergangenheit greifenden Handlung, dass auch die Kameraarbeit an Filme der 30er und 40er erinnert.

Regisseure des Schlages von Joseph Kane waren im damaligen Hollywood des Öfteren quer durch diverse auf Spannung und Abenteuer abzielende Genres unterwegs – meist angeführt vom Western, über exotische Abenteuerfilme bis hin zu Kriegsfilmen und Noir-Krimis. Letzten Endes sind es gerade die Filme von Regisseuren wie Kane, die einem immer wieder bewusst machen, dass es beim Film eben nicht zwingend darum gehen muss, im Nachhinein über den „Einfluss des Regisseurs“ oder seinen „Blickwinkel“ zu philosophieren. Filme erzählen in erster Linie Geschichten und nur Filme als hochwertig einzustufen, in denen der Regisseur eine auffallende, sich bewusst oder unbewusst in den Vordergrund drängende Handschrift hat, halte ich für bedenklich eindimensional. Auch ob man in derartigen Kontexten mit abwertenden Differenzierungen arbeiten sollte, wie etwa, wenn man von „trivialer Dramaturgie“ oder „Trivialliteratur“ spricht – womit eine Art der Literatur gemeint ist, die vergleichbar ist mit der Art wie ein Joseph Kane Filme drehte – halte ich für sehr diskutabel. Und wer das tut, darf sich zumindest nicht beschweren, wenn umgekehrt das Autorenkino hin und wieder Stempel wie „verkünstelt“ oder „langweilig“ bekommt.

Kino wird erst vielfältig und spannend, wenn manchmal im Film eine Komponente wie die „Handschrift des Regisseurs“ eben auch einmal weitgehend wegfällt und dafür andere Bestandteile des Films an Gewicht gewinnen. Letztlich ist das Kino von Dauerbrenner-Regisseuren wie Joseph Kane, Lesley Selander oder Fred F. Sears, wenn man so will, quasi der frühzeitige, radikale Gegenentwurf zum Autorenkino. Das mag nicht so intendiert gewesen sein – zumal der Typ „Autor“ unter den Kino-Regisseuren damals sowieso noch weniger verbreitet war –, ist aber verdammt gut so. Der Charme, den beispielsweise das Genre Western bis heute hat, wäre ohne Kanten wie Kane, Selander oder Sears überhaupt nicht möglich gewesen – Regisseure wie John Ford oder Howard Hawks machen nur einen Bruchteil des Genres aus. Und gerade der Erfolg des klassischen Hollywood-Westerns bis heute belegt die Sinnhaftigkeit eines der am nachhaltigsten, bei einem relativ breit gefächerten Publikum funktionierenden Konzepte des klassischen Kinos. Dass der Western noch heute mehr als jedes andere Filmgenre in vielen großen Märkten in Deutschland eine eigene Sektion bekommt, damit man die Filme des Genres im Verkaufsregal schneller findet, obwohl die meisten dort zu findenden Produktionen zwischen 50 und 80 Jahren alt sind, ist ja alles andere als Zufall. Artifizielle oder auffallend bemüht nach Realismus strebende Filme sind gut und schön – aber auch anderes sollte man als filmhistorisch relevant anerkennen können, vor allem wenn es nachweislich über Jahrzehnte den Nerv eines relativ großen Publikums trifft.

Mehr Republic für die Bundesrepublik

In den USA gibt es „Mördersyndikat San Francisco“ schon seit 2013 auf Blu-ray und DVD. Der deutsche Markt könnte sich, im Falle eines Erscheinens hierzulande, auf eine wunderbare klassische Synchronisation von 1955 freuen, die im Auftrag des Verleihs „Gloria“ erstellt wurde, der in Deutschland damals auf den Vertrieb von Republic-Pictures-Filmen abonniert war. Mit dabei: der bis ins hohe Alter aktiv gewesene, heute legendäre Friedrich Schoenfelder in einer ganz frühen Hauptrolle – überraschend als Stimme von Brian Donlevy besetzt. Eine Zeit lang hat sich insbesondere das Label „Filmjuwelen“ in Deutschland um DVD-Veröffentlichungen diverser Republic-Pictures-Klassiker gekümmert. Generell aber gilt, dass selbst der Film noir des US-Kinos der 40er und 50er hinsichtlich DVD-Veröffentlichungen hierzulande noch bei Weitem nicht so gut erschlossen ist wie der Western oder, nach meinem Empfinden, auch der Kriegsfilm derselben Epoche. Es besteht ein gewisser Nachholbedarf, da nach wie vor etliche wirklich gute, teils auch international recht populäre klassische US-Noirs einer DVD-Veröffentlichung in Deutschland harren. „Mördersyndikat San Francisco“ ist in Relation dazu eher so etwas wie ein Geheimtipp, aber Geheimtipps dieser Größenordnung haben im Western in den vergangenen Jahren dutzendweise den Sprung in unsere DVD-Regale geschafft. Die ungleiche Behandlung der Genres ist da momentan leider ein Hemmnis. Als kämpferisches Statement gegen organisierte Kriminalität in Verbindung mit taffen Noir-Elementen und ein paar wirklich starken schauspielerischen Leistungen sowie etlichen Charakterköpfen, ist „Mördersyndikat San Francisco“ eine klare Empfehlung für Freunde des US-Thrillers der 40er und 50er in Schwarz-Weiß.

Veröffentlichung (USA): 30. April 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Hoodlum Empire
USA 1952
Regie: Joseph Kane
Drehbuch: Bob Considine, Bruce Manning
Besetzung: Brian Donlevy, Claire Trevor, Luther Adler, John Russell, Forrest Tucker, Gene Lockhart, Vera Ralston, Grant Withers, Taylor Holmes, Douglas Kennedy
Verleih: Republic Pictures

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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