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Miami Exposé – Im Genre der hartgekochten Bullen

09 Jul

Miami Exposé

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Ein Flugzeug explodiert, bald darauf wird ein führender Polizeibeamter Miamis ermordet aufgefunden. Umstände, die Lieutenant Bart Scott (Lee J. Cobb) dazu zwingen, seinen geplanten Rückzug aus dem Polizeidienst vorerst auf Eis zu legen. Seine Verlobte (Eleanore Tanin) hat bereits ihren früheren Mann im Polizeieinsatz verloren und erwartet daher von Scott den Ausstieg vor der Hochzeit. Der jedoch ist, trotz gewachsener Vernunft und Altersweisheit, im Grunde seines Herzens immer noch einer von der ganz abgebrühten Sorte. Er will und muss den Tod seines Freundes und Vorgesetzten persönlich aufklären, das ist er sich und ihm schuldig. Es dauert nicht lange, schon ist Scott auf dem Weg nach Kuba, um eine flüchtige Zeugin (Patricia Medina) einzufangen, mit deren Hilfe er vielleicht den Fall lösen und die in Miami sitzenden Drahtzieher entlarven kann.

Mit einem semi-dokumentarischen Cameo des damaligen Bürgermeisters von Miami, Randy Christmas, der sich vorab belehrend ans Publikum wendet, startet „Miami Exposé“ zunächst eher bieder in seine Geschichte (so ähnlich findet man es übrigens auch in anderen Noirs dieser Epoche mit verschiedenen Verantwortungs- und Würdenträgern). Dann allerdings folgt ein augenscheinlich von Jules Dassins großem Noir-Klassiker „Stadt ohne Maske“ (1948) inspirierter Off-Erzähler – bei Dassin so spannend und stilbildend wie kaum ein anderer Erzähler im gesamten Noir-Corpus – und reißt das Ruder blitzschnell herum, nur viel mehr Raum bekommt dieser Erzähler dann überraschenderweise nicht. Dem Rest der Geschichte merkt man bedauerlicherweise das niedrige Budget teils ziemlich deutlich an, jedoch überrascht das im Großen und Ganzen bestenfalls durchschnittliche Krimidrama mit einem der aus meiner Sicht potenzialreichsten Ermittler der Noir-Geschichte.

Cobb als abgebrühter Cop

Eine schöne Eigenheit des Noirs ist, dass hier auch mal Darsteller und Typen das Gesetz vertreten, die man auf den ersten Blick vielleicht eher auf Seiten der Gangster verorten würde. Für das klassische Hollywood als Heldenbild ein ansonsten eher ungewöhnliches Szenario. Es geht oft, im Vergleich mit anderen Genres, besonders wenig um edle, hübsche, junge Helden oder gar Strahlemänner, sondern um kernige Kerle. Harte Bandagen werden mit noch härteren Gesetzeshütern bekämpft – finster aussehende Männer tun hässliche Dinge, um üble Gesellen in den Griff zu bekommen.

Lee J. Cobb beweist in „Miami Exposé“ recht schnell, dass er den harten Hund vom Dienst sehr glaubhaft darzustellen vermochte und die dafür geeigneten Posen auch gut verstanden hatte. Dieser Film ist für viele Beteiligte kein Aushängeschild, für Cobb allerdings geradezu ein Bewerbungsschreiben. Man möchte fast ein wenig wehmütig werden, dass er eine derartige Hauptrolle nicht zeitnah in wesentlich größeren Produktionen wiederholen durfte. Ihm kauft man wirklich ab, dass der von ihm verkörperte Police Lieutenant eine ganze Menge gesehen, erlebt und überlebt hat. Ein Filmbulle der Sorte, die sich mit Kippe im Mundwinkel und einem bereits brennenden Streichholz in der Hand noch die Zeit nimmt, einfach mal innezuhalten, um dann mit verbrauchter Stimme einen trockenen Spruch rauszuhauen.

Tubbs auf der anderen Seite des Gesetzes

Sehenswert ist das Krimidrama zudem auch als finales Projekt von Edward Arnold („Meet Nero Wolfe“), der während der Produktion starb, mehrere Monate vor dem Kinostart. Ob es tatsächlich ein Zufall sein kann, dass seine Rolle in diesem in Miami spielenden Film den eher ungewöhnlichen Nachnamen Tubbs trägt, der knapp 30 Jahre später schließlich auch einer der beiden Hauptrollen der 80er-Kultserie „Miami Vice“ übertragen wurde, möchte man fast bezweifeln – zumal Miami für den Film noir auch ein vergleichsweise ungewöhnlicher Handlungsort ist und „Miami Exposé“ sich mit „Miami Vice“ somit in gewisser Weise eine Klinke in die Hand gibt. Für Fans von Edward Arnold dürfte „Miami Exposé“ aber eine gewisse Bewährungsprobe gewesen sein. Nicht nur, weil man ihn auch aus erheblich teureren Filmen kannte. Um dies genauer zu erklären, ist jedoch ein kurzer Spoiler notwendig. Wer den überspringen will, liest einfach ab der nächsten Zwischenüberschrift weiter.

Ob Edward Arnold die für ihn geplanten Szenen abschließen konnte, ist schwer zu rekonstruieren, jedoch wirkt der Film gen Ende in jedem Fall zumindest ein wenig, als würden Bausteine fehlen – unter anderem kommen die zum Titel beitragenden Exposés, deren Inhalte die Grundlage für die Erpressung diverser Einflussträger bilden sollen, eigentlich kaum zur Geltung. Gruselig allerdings ist, dass eine Schlussszene mit Edward Arnold durchaus vorhanden ist, in der dieser hervorragende Mime regungslos, wie paralysiert, einem Opfer gegenübersitzt, das er gerade erschossen hat. Eine finale Szene mit einem Schauspieler in Schockstarre, der dabei nahezu aussieht als hätte er soeben einen Schlaganfall erlitten, welcher wenig später dann wirklich starb, ist schon ziemlich starker Tobak. Zumal er dann auch nicht mehr spricht, obwohl seine Figur nicht erschossen wurde, sondern jemand anderen erschossen hat, wirkt es für Augenblicke geradezu als sei er kurz vor oder mitten in seiner letzten Szene mit offenen Augen vor der Kamera verstorben. Der Nachgeschmack ist bitter – auf eine Art allerdings auch ein bärenstarker Abgang von der Leinwand, nach großartiger Karriere, der im Gedächtnis bleibt.

Sterne von Columbia

Da es sich um eine Regiearbeit von Fred F. Sears, mit Patricia Medina in der größten Damenrolle und beispielsweise Michael Granger in einer Nebenrolle handelt, merkt man – unabhängig von Cobb und Arnold – recht schnell, dass man sich in einem 50er-Jahre-Columbia-Film befindet. Zugegeben: Sears hat sicherlich einige bessere Filme als „Miami Exposé“ gedreht. Vor allem aus den Szenen mit Edward Arnold und seinem krummen Geschäftspartner, der von Alan Napier gespielt wird, hätte man wesentlich mehr herauskitzeln können. Sowohl Napier als auch Arnold haben zwar schon allein ihres Aussehens wegen eine so starke, charismatische Leinwandpräsenz, dass gewissermaßen ihre bloße Anwesenheit ein Statement ist – aber, dass sie deutlich unterfordert wirken, wenn man sie aus anderen Rollen kennt, ist dennoch schade. Zudem setzt der Film auch den Showdown ziemlich in den Sand.

Patricia Medina wiederum merkt man für meinen Geschmack immer wieder an, dass sie mehr Talent hatte, als es viele ihrer B-Filmrollen hergaben. Darunter auch eine gesunde Portion Selbstironie, die sie vor der Kamera zu zeigen bereit schien. Ich assoziiere sie allerdings aus heutiger Sicht so stark mit Columbia Pictures wie kaum eine andere Dame des 50er-Hollywoods. Mehr Abwechslung im Stil von Orson Welles’ „Herr Satan persönlich!“ (1955) hätte ihrer Karriere vermutlich gutgetan. Ein Regisseur wie Welles hätte vermutlich nicht auf sie gesetzt, wäre da nicht ein gewisses Etwas der ganz besonderen Art gewesen. Bereits kurz nach „Miami Exposé“ kippte ihre Karriere sehr stark weg vom Kino, in Richtung von Gastrollen in TV-Serien.

Michael Granger, der hier den Gangster Ascot spielt, ist mir vor allem durch seine wenigen, aber prägnanten Interpretationen von Indianerhäuptlingen im 50er-Jahre-Hollywood-Western im Gedächtnis geblieben, wo mir seine sehr ruhig und besonnen wirkende Rollenauslegung gut gefiel und mich an zuvor gesehene Karl-May-Filme aus den 60er-Jahren erinnerte. Ein Ansatz, den ich für das 50er-Hollywood in der Form als eher untypisch empfand. Gemeint ist insbesondere seine Darbietung in „Battle of Rogue River“ (1954), ergänzend kann man „Fort der Rache“ (1953) hinzuziehen. Als Gangster, wie hier in „Miami Exposé“, hat er ebenfalls etwas Stilbildendes an sich. Er hätte vermutlich einen guten Al Capone abgegeben – im gleichnamigen Biopic von 1959 verkörperte jedoch Rod Steiger diese Rolle. Granger war, aufgrund seiner prägnanten, angenehm tiefen Stimme in späteren Jahren eher vor dem Mikrofon als im Bild gefragt. Nach über 15 Jahren Pause von Kino- sowie Fernsehrollen vor der Kamera feierte er 1977 in einer Folge von „Kojak – Einsatz in Manhattan“ eine Art kurzes TV-Comeback, ehe er 1981 im Alter von nur 58 Jahren starb. Ein gutes Beispiel für einen meiner Meinung nach völlig unterschätzten Schauspieler des 50er-Hollywoods, der leider nicht viel über einige TV-Rollen und ein paar größere Kinorollen in relativ kostengünstigen Produktionen sowie ein paar kleinere Rollen in größeren Filmen hinauskam, zwischen die sich auch mehrfach ungenannte Auftritte mit sehr kleinen Parts gesellten. Karriereverläufe dieser Art sind in diesem Kapitel der Filmgeschichte keine Rarität – auch bei talentierten Darstellern nicht. Der Produzent Sam Katzman setzte mehrfach auf ihn, wodurch unter anderem alle drei namentlich in den Credits genannten Auftritte von Michael Granger in Filmen unter der Regie von Fred F. Sears – darunter „Miami Exposé“ – und eine gewisse Bindung zu Columbia Pictures für wenige Jahre zustande kamen.

Sicher ist nur, dass man sterben muss

Obwohl sich Lee J. Cobb mit der Zeit durchaus einen gewissen Namen gemacht hat, hat es dieses Krimidrama selbst in den USA bis heute leider nicht auf DVD geschafft. Eine deutsche Synchronfassung wurde offenbar nie erstellt. Mag auch sonst nicht viel für „Miami Exposé“ sprechen, halte ich die Aspekte, Cobb hier mal in einer 50er-Hauptrolle sehen zu können und dass man Edward Arnolds Abschiedsvorstellung noch dazu bekommt, schon einmal für gute Argumente, die diesen Film interessant machen. Zudem wäre „Miami Exposé“ bei mir, der Darbietung Lee J. Cobbs wegen, auf jedem noch so kleinen Filmstapel vertreten, würde mich jemand um Tipps für besonders griffige Polizistendarstellungen im Film noir fragen, die bis heute als Inspiration Sinn machen, wenn man im Geiste dieses Genres agieren will. „Miami Exposé“ ist für den US-Noir der 50er phasenweise in etwa das, was „Ein Dollar zwischen den Zähnen“ (1967) für den Italowestern ist – ein Film, dem man das geringe Budget konstant anmerkt, der mit einigen schauspielerischen Nadelstichen aber bemerkenswert zielsicher ins Schwarze trifft und sogar stellenweise großartige Momente generiert, die die eine oder andere wichtige Zutat des Genres erstaunlich gut zu repräsentieren vermögen. Der Film noir braucht Figuren – darunter auch Gesetzeshüter –, die den Eindruck vermitteln, dass ihre erste Idee, wenn sie den Sensenmann bei sich daheim im Wandschrank fänden, wäre, ihm eine Zigarette anzubieten und ihm erst mal Feuer zu geben, ehe über den Rest abgerechnet wird. Zumindest diese eine Hausaufgabe macht „Miami Exposé“ absolut bravourös und sticht dahingehend viel Konkurrenz aus – das ist eine ganze Menge wert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee J. Cobb sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Länge: 73 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: Miami Exposé
USA 1956
Regie: Fred F. Sears
Drehbuch: Robert E. Kent
Besetzung: Lee J. Cobb, Patricia Medina, Edward Arnold, Alan Napier, Michael Granger, Harry Lauter, Eleanore Tanin, Chris Alcaide, Hugh Sanders, Barry L. Connors
Verleih: Columbia Pictures

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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