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Archiv für den Monat August 2019

Tausendundeine Nacht – Warum ernst, wenn’s auch verrückt geht?

A Thousand and One Nights

Von Ansgar Skulme

Fantasy-Abenteuer // Im kunterbunten Bagdad aus Tausendundeiner Nacht unterhält Aladdin (Cornel Wilde) Tag für Tag, Jung und Alt mit seinem Gesang – vor allem die Damen lieben den Burschen. Indes nutzt sein Freund Abdullah (Phil Silvers) das Durcheinander zwischen den Marktständen, um sich mit geschickten Diebeshandgriffen die Taschen zu füllen. Wenn es darauf ankommt, ist Aladdin aber derjenige, der sogar zu weitaus waghalsigeren Abenteuern bereit ist. So lässt er es sich nicht einmal nehmen, sich in sie Sänfte der Prinzessin Armina (Adele Jergens) zu schleichen und den Schleier zu lüften, hinter dem sich das Gesicht verbirgt, das niemand sehen darf – mag der Spaß nun unter Todesstrafe stehen oder auch nicht. Ihr riskanter Lebensstil bringt Aladdin und Abdullah gern in Situationen, in denen es verdammt schnell um Leben und Tod geht, überstürzte Flucht und das Verbergen in abgelegenen Verstecken die letzten Auswege sind. Für den Hexenmeister Kofir (Richard Hale) sind die beiden Abenteuerlustigen ein gefundenes Fressen, um an die von ihm ersehnte Wunderlampe zu gelangen, für die er zwar Leben zu riskieren bereit ist, aber nicht sein eigenes.

Nach dem Erfolg der aus dem Vereinigten Königreich in die USA gelangten Produktion „Der Dieb von Bagdad“ (1940) versuchte sich Hollywood bald selbst an farbenfrohen Technicolor-Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“. Den Grundstein legte Universal Pictures mit „Arabische Nächte“ (1942) und fütterte dieses Subgenre des Abenteuer- und Fantasy-Films bis weit in die 50er-Jahre hinein mit Regelmäßigkeit. Auch andere Studios wollten ihren Teil vom Kuchen – MGM sprang mit „Der Kalif von Bagdad“ (1944) auf den Zug auf, RKO mit „Sindbad, der Seefahrer“ (1947). Am meisten jedoch schöpfte Columbia Pictures den Windschatten von Universal aus, mit Filmen wie „Der rote Falke von Bagdad“ (1951), „Abu Andar, Held von Damaskus“ (1952) und „Zaubernächte des Orients“ (1953).

Neue Impulse mit frechen Ideen

„Tausendundeine Nacht“ (1945) markierte Columbias standesgemäßen Technicolor-Einstand im Genre von Aladdin, Sindbad, Scheherazade, Ali Baba, Harun ar-Raschid und Jaffar, dem Genre der Sultane, Großwesire, Zauberer, schönen Prinzessinnen und Lampengeister, zwischen Bagdad, Basra, Damaskus und Samarkand. Ein Film, der gewissermaßen das gesamte Genre von vornherein im Titel trägt und deswegen geradezu dazu verdammt war, ein Meilenstein zu werden. Ob „Tausendundeine Nacht“ seinem vielversprechenden Namen gerecht wird, liegt natürlich im Auge des Betrachters, aber eindeutig festzuhalten ist, dass dieser Film sich insofern von seinen Vorgängern seit 1940 abhebt, als er die bonbonfarbene Technicolor-Orientwelt weitaus spaßbetonter und augenzwinkernder zum Leben erweckt als man das bis dato gewohnt war. Humorvoll gezeichnete Figuren und Szenen machten den Tausendundeine-Nacht-Film zwar auch schon zuvor immer wieder aus, jedoch war „Tausendundeine Nacht“ im Grunde das erste Technicolor-Orientabenteuer, bei dem Spaß und Gags, trotz einiger für Kinder sicher recht gruseliger Szenen, absolut im Vordergrund stehen. Das beginnt bereits mit dem einleitend eingeblendeten flapsigen Text und damit, dass Phil Silvers den ganzen Film über mit einer Brille umherläuft, obwohl dieses Hilfsmittel in der gezeigten Epoche eigentlich gar nichts verloren hat. Aus der Not, dass Silvers extrem kurzsichtig war und ohne eine Brille nicht arbeiten konnte, machte man also eine Tugend und sich einen Spaß daraus – zumal der talentierte, heute etwas im Schatten seiner mit vielen Hauptrollen in dieser Epoche berühmt gewordenen Komiker-Kollegen stehende Silvers ohnehin für Gags zuständig und nicht umsonst in einer großen Rolle besetzt worden war.

Damit nicht genug, ließ man aus der Lampe eine bildhübsch anzuschauende und von Evelyn Keyes überaus sympathisch verkörperte junge Dame mit grellem rotem Haar als guten und sich schnell verliebenden Geist auftauchen. Eine sehr amüsante Figur, die sich von ihren Freunden schlicht „Babs“ statt Dschinni nennen lässt, deren ehrliche Liebe zum Helden aber durchaus auch mit einer gewissen berührenden Würde und Verletzlichkeit vermittelt wird und dem ansonsten im positiven Sinne recht überdrehten Film seine wärmsten Momente beschert. Allein die Darbietungen von Evelyn Keyes und Phil Silvers sind für „Tausendundeine Nacht“ mehr als die halbe Miete. Die beiden fangen die leider stellenweise recht hölzernen Auftritte von Cornel Wilde und Adele Jergens mehr als gut auf. Dann ist da noch Rex Ingram, der in „Der Dieb von Bagdad“ den Lampengeist gespielt hatte und hier als gigantisch großer Wächter der Lampe erneut auftritt – und zwar in geradezu identisch aussehender Kostümierung. Nicht die einzige ziemlich direkte Hommage an die 1940 erschienene Produktion der Korda-Brüder: Ähnlichkeiten zu „Der Dieb von Bagdad“ fallen schon bei der Einführung des Helden und seines treuesten Gefährten im Umfeld des belebten Marktes, zudem natürlich der Präsenz einer Diebesfigur in einer zentralen Rolle sowie der Prinzessin auf, die niemand sehen darf, und die viel Zeit, umgeben von Dienerinnen im Garten, nahe des Palastes, verbringt. Auch der Zauberer Kofir weckt mit seinen finsteren Blicken und düsteren Fähigkeiten Erinnerungen – an Conrad Veidt als Jaffar.

Sprung zurück in die Kindheit

Wie in vielen anderen Tausendundeine-Nacht-Filmen der 40er und 50er fällt hier überhaupt eine bis in kleine Rollen sehr spielfreudige Besetzung auf. Man hat bei diesem Genre oft das Gefühl, dass sich die beteiligten Schauspieler wie ins Schlaraffenland teleportiert oder in ihre Kindheit zurückbeförderte Glückspilze fühlen, die einen Heidenspaß bei der Sache haben. Denkbar lustig sind vor allem die Auftritte von Murray Leonard in einer kuriosen Szene mit einem echten Kamel, das herrlich trocken direkt in die Kamera schaut, während er seinem Redeschwall frönt, und von John Abbott als Schneider Ali. Auch Gus Schilling und Nestor Paiva als stockdumme Wächter am Hofe des Sultans machen Spaß. Angesichts all dessen ist es relativ überraschend, dass der böse Prinz Hadji ausgerechnet von Dennis Hoey gespielt wurde, der in den Sherlock-Holmes-Filmen mit Basil Rathbone damals regelmäßig als trotteliger Inspektor Lestrade zu sehen war. Er war hier nun also in erster Linie für die finsteren Töne zuständig – und zeigt, dass er auch das, selbst inmitten einer ansonsten überwiegend spaßig-quirlig agierenden Besetzung, trotz seines durch den tapsigen Lestrade geprägten Leinwand-Images, gut darzustellen vermochte. Eine kurze Passage, in der man ihn plötzlich wider Willen nur noch mit einer Unterhose bekleidet und im dreistesten Sinne des Wortes demaskiert sieht, gibt es aber dennoch. Seine rechte Hand spielt Philip Van Zandt („In den Kerkern von Marokko“), der zu einem charakteristischen Gesicht des Tausendundeine-Nacht-Films der 40er und 50er werden sollte, ehe er 1958, nach einer langen und sehr produktiven Karriere, tragisch mit nur 53 Jahren durch Suizid aus dem Leben schied, nachdem er sein ganzes Vermögen durch Glücksspielsucht verloren hatte.

Die Liebe ist manchmal ein Krampf

Berechtigte Oscar-Nominierungen für das beste Szenenbild in einem Farbfilm – für das unter anderem ein gewisser Frank Tuttle zuständig war, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen „Die Narbenhand“-Regisseur – und für die besten visuellen Effekte komplettieren das unterhaltsame Abenteuer. Ein bisschen unfreiwillige Komik gibt es allerdings auch: So ist Adele Jergens – bei allem Respekt – als mutmaßlich bildschönste aller Frauen, die aufgrund ihrer Schönheit niemand ohne Erlaubnis sehen darf und die aus selbigen Gründen Aladdin nicht mehr aus dem Kopf gehen will, einfach nicht glaubwürdig besetzt und überzeugt ebenso wenig schauspielerisch. Ich würde das hier auch nicht so direkt schreiben wollen, hätte ich in dem Moment, in dem Aladdin den Schleier lüftet – da ich zu der Schauspielerin auch gerade kein Gesicht vor Augen hatte – bei der Sichtung für diese Rezension nicht tatsächlich sofort selbst den Impuls gehabt mit einem kräftigen, einleitenden „Pfff ….“ auf der Zunge loszulachen und zu denken: „Jetzt nicht wirklich euer Ernst, oder?“, nach dem ganzen Aufriss der die Begegnung mit dieser Figur bis dahin schon eingeleitet hat (und der dann über den Film hinweg auch weiter gemacht wird). Adele Jergens fehlt absolut jegliches Besondere in der Rolle – das wäre nach dem ernüchternden ersten Eindruck auch immer noch schauspielerisch zu lösen gewesen, was aber nicht passiert. Am Ende versteht man als Zuschauer genauso wenig wie die verschmähte „Babs“ aus der Lampe, warum Aladdin sich ausgerechnet in diese Prinzessin so sehr verguckt hat, dass er trotz beträchtlicher Auswahl, die sich über den Film hinweg in diversen wirklich schönen Frauen offenbart, eisern in sie verschossen bleibt. Schon allein Dusty Anderson, die stattdessen die Dienerin Novira verkörpert, wäre als Prinzessin Welten überzeugender besetzt gewesen. Adele Jergens mit Ernsthaftigkeit in dieser Rolle anbieten zu wollen, ist allerdings schlichtweg ein Grund, wenn nicht der gravierendste, warum man diesen Film einem heutigen jungen Publikum, trotz vieler neckischer Gags und der ziemlich provokant angelegten, liebenswerten Frauenfigur „Babs“, die den Mädels einiger Generationen gut gefallen dürfte, nur noch schwerlich wird verkaufen können. So forsch und frech „Tausendundeine Nacht“ auch in vielen anderen Momenten ist – was den Umgang mit der Prinzessin angeht, ist dieser Film unglaublich altbacken und von einer faustdicken Staubschicht überzogen. Übrigens: Dusty Anderson, die als Novira insofern fehlbesetzt ist, als sie die bessere Prinzessin gewesen wäre, wird am 17. Dezember 2019 zwar nicht 1001, allem Anschein nach aber immerhin stattliche 101 Jahre alt. Sie lebt offenbar schon lange zurückgezogen und ihre Filmkarriere ist noch länger beendet, jedoch sollte man davon ausgehen können, dass ein eventuelles Sterbedatum dennoch überliefert wäre. In den 40ern war Dusty Anderson in den USA ein bekanntes Pin-up-Girl.

Neben dem Scheitern von Adele Jergens gelingt es Cornel Wilde – einem von mir eigentlich sehr geschätzten, vor allem ungemein sympathischen Schauspieler mit recht natürlichem Charme – in den meisten Gesangsszenen leider auch nicht wirklich, wenigstens überzeugend so zu tun als würde er tatsächlich beim Singen mit seiner eigenen Stimme zu hören sein. Seine Gesangspassagen wurden von Tom Clark synchronisiert. Cornel Wildes teils ziemlich verkrampfte Körperhaltung beim Singsimulieren tut punktuell schon allein beim Zuschauen weh. Es macht keinen rechten Spaß, ihn im Korsett einer Strahlemann-Rolle zu sehen – das steht ihm nicht gut zu Gesicht und lag ihm offensichtlich auch nicht wirklich. Jedoch muss man fairerweise sagen, dass er seine Dialogpassagen weitaus besser spielt als dies in der mittlerweile in Deutschland im Umlauf befindlichen Neusynchronisation zur Geltung kommt. Und die hervorragende, wenngleich natürlich ebenfalls von Tom Clark synchronisierte Gesangsnummer „No More Women“ gegen Ende – eine mit breiter Brust den Frust herauslassende Abrechnung mit der Damenwelt, die Aladdin im Wechselspiel mit Abdullah als positiv denkendem Gegenpart vorträgt – ist sowohl musikalisch als auch hinsichtlich der Performance der Schauspieler wiederum so gut gelungen, dass sie die vorherigen Wackelakte Cornel Wildes als Scheinsänger recht gut vergessen macht. So oder so muss man das etwas kuriose Fazit ziehen, dass in diesem Film eigentlich fast alles harmoniert und auf seine Art schlüssig wirkt, abgesehen ausgerechnet von der Hauptfigur und seiner Angebeteten. Das macht den Zugriff für den Zuschauer dann leider einfach etwas schwerer als es gut ist und erzeugt somit mehr Distanz zum Publikum als es die Warmherzigkeit dieser Produktion eigentlich verdient hat. Wenn man so will, war „Tausendundeine Nacht“ 1945 Aladdins Technicolor-Debüt als Protagonist in einem Hollywood-Abenteuerfilm, nachdem ein paar andere bekannte Tausendundeine-Nacht-Figuren bereits vorangeschritten waren. Angesichts dessen hätte man sich irgendwie mehr bleibende Erinnerungen an diese Figur in diesem Film gewünscht.

Oh, Frankie!

Abgerundet von einer herrlichen Sinatra-Persiflage durch Phil Silvers bleibt „Tausendundeine Nacht“ am Ende aber doch als der Film der 40er/50er-Technicolor-Orientepoche in Erinnerung, der sich zwar bereits bewährter Muster bediente, aber, aus meiner Sicht, als erster freche Späße wirklich in den Vordergrund rückte (ohne deswegen aber wiederum gleich auf ein eingespieltes Komiker-Duo oder -Trio in den Hauptrollen zu setzen). Dadurch ist er auf seine Art in jedem Fall ein Meilenstein für das Genre – und Phil Silvers ein Komiker, dessen Talent mehr Beachtung verdient. Erstaunlicherweise ist „Tausendundeine Nacht“ selbst in den USA offenbar erst vor kurzem erstmalig – und nur im Rahmen einer Box – auf DVD erschienen, wenngleich schon vorher eine digital überarbeitete Fassung existierte und es auch schon zuvor in anderen Ländern DVD-Veröffentlichungen in mir unbekannter Qualität gegeben hat. Der Film galt bis zur US-DVD-Veröffentlichung im Jahr 2019 selbst amerikanischen Sammlern als Rarität – angesichts des Titels, der ansehnlichen Technicolor-Produktion und der Größenordnung des Projekts für Columbia durchaus überraschend, dass es so weit gekommen ist. Es ist also wirklich an der Zeit, hier einen merkwürdigen Missstand angemessen zu korrigieren.

Man sollte nicht vergessen, dass es sich um einen Film handelt, für den Columbia die größten hauseigenen Sets seit 1939 bauen ließ – allein das und die beiden Oscar-Nominierungen verbieten schon die Bezeichnung B-Film, auch wenn Columbia als Studio nicht die Größe von MGM, Paramount, Warner, Fox und RKO hatte. Leider liegen nicht nur hierzulande immer noch viele Columbia-Farbabenteuerfilme und -Western aus den 40ern und 50ern (trotz vorhandener deutscher Synchronfassungen) im Schatten, von denen etliche eine Neuentdeckung verdienen. Was speziell den deutschen Markt angeht, kranken viele dieser Columbia-Produktionen unglücklicherweise auch etwas daran, dass viele der Kinosynchronfassungen dieser Filme nicht mehr im Umlauf oder nicht mehr erhalten sind und die fürs Fernsehen entstandenen Neusynchronisationen einfach nicht den klassischen Charme widerspiegeln, auch wenn sie handwerklich und schauspielerisch zum Teil dennoch gut gemacht sind. Zudem kranken solche Neusynchronisationen auch gern einmal an nicht mehr verfügbaren Original-Musikspuren, was zu behelfsweise angelegten Spuren mit irgendwie greifbarer Musik (beispielsweise aus anderen Szenen des Films, in denen gerade niemand spricht) führt, die dann auch gern einmal sehr unpassend geraten oder überladen sind. „Tausendundeine Nacht“ im Speziellen hat bedauerlicherweise eine der eher misslungenen Neusynchronisationen erwischt. Aber man darf wenigstens hoffen, dass die ursprüngliche Synchronfassung von 1950, in der Hans Nielsen Cornel Wilde gesprochen haben soll, irgendwann doch wiederauftaucht.

Veröffentlichung (USA): 28. Mai 2019 als DVD (in der Box „The Story of Aladdin – 8 Magical Tales“)

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: A Thousand and One Nights
USA 1945
Regie: Alfred E. Green
Drehbuch: Wilfred H. Petitt, Richard English, Jack Henley
Besetzung: Cornel Wilde, Evelyn Keyes, Phil Silvers, Adele Jergens, Dennis Hoey, Philip Van Zandt, Dusty Anderson, Richard Hale, John Abbott, Rex Ingram
Verleih: Columbia Pictures

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Border – Da stöhnen sie wieder

Gräns

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Drama // Vom Autor der Romanvorlage und des Drehbuchs zu „So finster die Nacht“ („Låt den rätte komma in“, 2008) – das weckt schon mal hohe Erwartungen, gehört der schwedische Vampirfilm doch zu den Highlights moderner Blutsauger-Geschichten. Dem Booklet des Mediabooks zufolge hat sich der Regisseur Ali Abbasi dem magischen Realismus verschrieben, was ich erst mal nachschlagen musste. Dabei handelt es sich um eine künstlerische Strömung, die unsere greifbare Realität mit Halluzinationen und Träumen verschmilzt und auf diese Weise eine „dritte Realität“ schafft. Der Übergang zum Surrealismus sei fließend. Vertreter des magischen Realismus brechen offenbar gern mit Sehgewohnheiten, was ich anhand etlicher abfälliger Kommentare von Filmfans zu „Border“ bereits wahrgenommen habe. So viel zum Einstieg. Abbasi wurde 1981 in Teheran geboren, ging 2002 nach Stockholm, wo er Architektur studierte, bis er 2007 nach Kopenhagen übersiedelte und die dänische Filmschule besuchte.

Tina arbeitet mit einigem Erfolg beim Zoll

Tina (Eva Melander) arbeitet als Grenzbeamtin in einem schwedischen Fährhafen. Der kräftige 40-Jährigen mit deformiertem Gesicht hilft eine besondere Gabe dabei, Schmuggler unter den Reisenden herauszufiltern: Sie wittert Gefühle wie Angst, Scham und Schuld. Mit dem erfolglosen Hundetrainer Roland (Jörgen Thorsson) führt sie eine Beziehung ohne körperliche Nähe, sie lässt ihn bei sich wohnen. Ihren an einer Demenzerkrankung leidenden Vater (Sten Ljunggren) besucht sie oft im Altersheim.

Dort trifft sie erstmals auf Vore

Ein wiederholt durchkommender Reisender weckt ihre Aufmerksamkeit: Vore (Eero Milonoff), dessen Gesicht ähnlich deformiert wirkt wie ihres und behauptet, Insekten zu züchten. Er will in der Gegend bleiben, bezieht Quartier in der Jugendherberge der Gegend, bis Tina ihm Unterkunft im Gästehaus ihres Grundstücks anbietet. Nach einiger Zeit offenbart sich, welch sonderbares Band Tina und Vore verbindet …

Ein Film für Gaffer?

Wir Menschen tragen das Gaffer-Gen in uns. Angesichts von Verkehrsunfällen oder beim Anblick von Personen mit körperlichen Auffälligkeiten haben wir den Drang hinzuschauen. Das gilt nicht als anständig und ist es oft auch nicht, weshalb diejenigen unter uns mit guter Kinderstube der Versuchung in der Regel widerstehen. So geht es uns auch mit Tina und Vore, deren abnormen Gesichtszüge wir als abstoßend empfinden und die wir dennoch anstarren wollen. Da es sich um einen Film handelt, ist ausnahmsweise nichts dabei. Ein anderer Filmgucker äußerte über „Border“, der Film sei ein bisschen wie ein Unfall – es sehe schlimm aus, aber man müsse hingucken. Da ist was dran, und es erklärt auch, dass einige Rezipienten des Werks nicht nur verstört, sondern geradezu abgestoßen reagieren. Der eine spricht „Border“ das Dasein als Kunstwerk ab, der andere hält Leute, die einen solchen Film drehen, für krank. Solche Abfälligkeiten sagen natürlich nichts über den Film aus, dafür viel über die Kommentatoren. Tatsächlich haben wir es mit einem außergewöhnlichen Film zu tun, dessen technische Qualität allein schon versiertes Handwerk verrät. Zwei Handlungsfäden vereinen sich dabei zu einem kunstvollen Ganzen: Da ist zum einen Tinas besondere Gabe, die sie einsetzt, um der Polizei bei Ermittlungen gegen einen Kinderschänderring zu helfen. Zum anderen erfährt sie von Vore viel über sich selbst, was zu einer richtiggehenden Erweckung führt, über die ich zwecks Spoilervermeidung nichts weiter schreiben werde – nur eines noch: Die Auflösung ist geradezu mythisch.

Der erklärt ihr einiges …

Fast hätte ich Darstellerin Eva Melander und Darsteller Eero Milonoff meinen Respekt wegen ihres Mutes zur Hässlichkeit bekundet, aber für Schauspielerinnen und Schauspieler sollte es keine besondere Mutprobe darstellen, in hässliche Masken und Kostüme zu schlüpfen und sich verstörend zu gebärden. Sieht man Melander und Milonoff in natura, lässt sich nur konstatieren: Respekt vor den Make-up-Künstlern in der Filmcrew, die dafür folgerichtig 2019 eine Oscar-Nominierung für „Best Achievement in Makeup and Hairstyling“ erhielten – der Academy in der Kategorie ging an „Vice – Der zweite Mann“, für die Dick-Cheney-Maske von Christian Bale.

… auch körperlich

Natürlich sind einige Sequenzen des Films angetan, uns zu verstören. Ich will gar nicht leugnen, dass auch ich Tina und Vore für hässlich halte. Will ich die beiden beim Sex beobachten? Sicher nicht. Aber die Klasse eines Films bestimmt sich nun mal nicht nach seinem Wohlfühlfaktor – außer, er ist als ausgemachter Wohlfühlfilm konzipiert. Und das ist „Border“ ganz sicher nicht. Einige Wendungen treiben sowohl unseren Erkenntnisgewinn als auch die Handlung voran, auch diese Kombination hebt die Qualität weit über den Durchschnitt. Alle Aufklärungen ergeben in der Welt von „Border“ ihren Sinn, die Fäden laufen clever zusammen.

Fantasy mit Realitätsbezug

Besonders beeindruckend: Angesichts der fremdartigen Gesichter von Tina und Vore wäre es einfach zu inszenieren gewesen, wenn Personen, auf die die beiden treffen, abgestoßen reagieren, um auf diese Weise einen Kommentar darüber abzugeben, wie wir Menschen generell auf Fremde oder auf das Fremde reagieren. Ali Abbasi jedoch hielt sich mit der Darstellung verstörter Reaktionen auf die beiden sehr zurück. Ein paar Blicke hier und dort, das war es schon. Der Kommentar über die menschliche Ablehnung des Fremden ergibt sich von selbst bei uns Filmguckern, den Gaffern und den Lästerern. Insofern ist „Border“ zwar ein fantastischer Film, aber mit cleverem und schlüssigem Realitätsbezug zu unserer Lebenswirklichkeit und natürlich alles andere als Eskapismus – womit ich eskapistischer Fantasy keineswegs die Daseinsberechtigung absprechen will.

Wonach riecht der Stein?

„Border“-Regisseur Ali Abbasi erhielt 2018 in Cannes den „Un Certain Regard Award“, zudem gab es in sechs Kategorien den schwedischen Filmpreis „Guldbagge“, darunter als bester Film, für Hauptdarstellerin Eva Melander, das Make-up und Eero Milonoff, überraschenderweise als Nebendarsteller. Bei einigen internationalen Festival gab es weitere Preise. Sehr verdient, wenn ihr mich fragt, bei aller Unbequemlichkeit, die „Border“ ausstrahlt.

Interview mit Regisseur Ali Abbasi im Mediabook

Das Mediabook von capelight pictures sieht wieder mal schnieke aus, ein Film wie „Border“ hat auch eine attraktive Edition verdient. Außer Trailern gibt es leider kein digitales Bonusmaterial. Im Booklet findet sich ein sehr interessantes Interview mit Ali Abbasi, im Auftrag von „Deadline – Das Filmmagazin“ geführt von „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Leonhard Elias Lemke. Der Regisseur verrät dort, dass es in der dem Film zugrundeliegenden Kurzgeschichte lediglich ein paar Beschreibungen der Hauptfiguren gab, etwa das Aussehen eines „russischen Serienmörders“ für den Vore. Er habe sie „hässlich und andersartig, aber dennoch normal genug aussehen lassen“ wollen, „um in unsere Gesellschaft zu passen. Im Supermarkt oder auf der Arbeit sollten sie nicht für Außerirdische gehalten werden.“ Das kann als gelungen bezeichnet werden.

Will ich „Border“ noch einmal schauen? Ich weiß es nicht, vorerst jedenfalls nicht, aber das Mediabook kommt ins Regal (Filme, die ich sicher nicht erneut sichten will, landen nicht in meiner Sammlung). Solche einzigartigen Werke bringen den fantastischen Film voran.

Veröffentlichung: 16. August 2019 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Schwedisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Gräns
SWE/DK 2018
Regie: Ali Abbasi
Drehbuch: Ali Abbasi, Isabella Eklöf, John Ajvide Lindqvist, nach Lindqvists Kurzgeschichte „Gräns“
Besetzung: Eva Melander, Eero Milonoff, Jörgen Thorsson, Ann Petrén, Sten Ljunggren, Kjell Wilhelmsen, Andreas Kundler, Matti Boustedt, Tomas Åhnstrand, Josefin Neldén, Henrik Johansson
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem von Leonhard Elias Lemke für „Deadline – Das Filmmagazin“ geführtes Interview mit Regisseur Ali Abbasi
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, 3-fach-Packshot & Trailer: © 2019 capelight pictures, Szenenfotos: Meta Spark

 

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Free Solo – Ohne Absicherung zu neuen Höhen

Free Solo

Von Lucas Gröning

Sport-Doku // Am 3. Juni 2017 bestieg der Freeclimber Alex Honnold den El Capitan, eine 910 Meter hohe Felsformation im Yosemite National Park in Kalifornien. Er benötigte dafür 3 Stunden und 56 Minuten. Das allein stellt schon eine unglaubliche Leistung dar, doch fällt einem erst recht die Kinnlade herunter, wenn man auch noch hört, dass der Bergsteiger diese Distanz ohne technische Hilfsmittel und ohne Absicherung überwunden hat – ein tollkühnes Unterfangen, hätte doch jeder falsche Schritt, jeder Griff an eine nicht allzu feste Stelle oder jeder noch so kleine Abrutscher den Sturz und somit den sicheren Tod für Honnold bedeutet. „Free Solo“ nennt man diese Form des Kletterns, und so lautet auch der Titel eines Dokumentarfilms aus dem Jahr 2018, der Alex Honnolds Aufstieg zum Thema macht. Für die Realisierung des Projektes teilte sich – im Auftrag von National Geographic – ein Ehepaar die Arbeit: Der Bergsteiger, Photograph und Filmemacher Jimmy Chin und die Dokumentarfilmerin Elizabeth Chai Vasarhelyi, die sich bereits für die Doku „Meru“ (2015) den Regiestuhl teilten und dafür 2015 mit dem U.S. Audience Documentary Award auf dem Sundance Film Festival ausgezeichnet wurden. Noch mal erfolgreicher waren die beiden mit „Free Solo“, gewann der Film doch unter anderem den Oscar als bester Dokumentarfilm 2019 und den People’s Choice Award auf dem Toronto International Film Festival 2018.

Ein dramatischer Anstieg

Wie viele Dokumentationen hat es auch „Free Solo“ nicht allein darauf abgesehen, möglichst viele Informationen zu vermitteln. Vielmehr folgt die Doku einem dramaturgischen Aufbau, um die Geschichte von Alex Honnolds Aufstieg möglichst ansprechend und unterhaltsam darzustellen. So erfahren wir zunächst viel über seine Motivationen, überhaupt mit dem Bergsteigen zu beginnen, seine generelle Persönlichkeit und seine zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir lernen Honnold als extrem ruhige, introvertierte Persönlichkeit kennen. Das Klettern steht seit seiner Kindheit im Mittelpunkt seines Lebens, und nichts anderes kommt in gewisser Weise zwischen ihn und eine Felswand. Ein Faktor, der immer wieder zu Konflikten mit seiner Freundin Sanni und einigen anderen Freunden führt. Passend dazu erinnert uns der Film immer wieder daran, auf was für eine aberwitzige und gefährliche Mission sich der Freeclimber begibt, was auch anhand einiger Vorgänger des Kletterers gezeigt wird, die auf ihrem Weg an die Spitze des El Capitan gescheitert sind. So wird dem Zuschauer konstant verdeutlicht, wie viel Honnold im Falle des Misserfolgs zu verlieren hat, oder um es mit anderen und vielleicht passenderen Worten zu sagen: „Free Solo“ hat dadurch eine enorme Fallhöhe.

Alex Honnold nach einem erfolgreichen Aufstieg

Die kommt auch dadurch zustande, dass dem Zuschauer die gesamte Vorbereitung auf die Kletterpartie präsentiert wird – vom Finden der perfekten Route über das Notieren jeder einzelnen greifbaren Kante bis hin zur körperlichen Vorbereitung von Honnold. Auch werden uns einige Szenen gezeigt, in denen der Freeclimber die Felswand bereits mit Absicherung hochklettert. Anhand einiger schwieriger Stellen, an denen Honnold zunächst auch scheitert, erleben wir hier eine Form von Epischer Vorausdeutung, auch Foreshadowing genannt. Dadurch gelingt es der Dokumentation, gegen Ende, wenn Honnold den Aufstieg wagt, eine enorme Spannung aufrechtzuerhalten, und obwohl wir wissen, dass der Kletterer die Felswand mit all ihren schwierigen Stellen erklimmen wird, fiebern wir als Zuschauer mit jedem weiteren Schritt mit.

Ein technischer Augenschmaus

Einen großen Teil dazu tragen auch die hervorragenden Bilder bei, besonders während der Kletterpassagen. Durch extrem detailreiche Nahaufnahmen wird dem Zuschauer dabei vermittelt, wie nahe Honnold dem Absturz mit jedem einzelnen Schritt an der Felswand tatsächlich ist. Oftmals sind es lediglich die Fingerspitzen, mit denen sich der Bergsteiger am Felsen halten kann und viele Stellen, auf die Honnold bei seinem Aufstieg tritt, sehen auf den ersten Blick überhaupt nicht danach aus, als könnten sie als stabilisierender Halt dienen. Diese Szenen sind sensationell eingefangen und in dieser Form selten zu sehen. Auch Aufnahmen, die mit Drohnen aus der Luft gemacht wurden, zeigen wunderschöne Bilder der riesigen Felswand. Besonders in den Szenen, in denen Honnold den Aufstieg wagt, bringen uns Totalen den Kontrast zwischen dem im Vergleich winzigen Bergsteiger und dem Gigantismus des Berges nahe. Und auch jenseits der beeindruckenden Naturaufnahmen gelangen dem Team tolle Bilder. Hervorzuheben sind hier die Aufnahmen der Gesichter, insbesondere von Alex Honnold. Hier wurde einfach zu jeder Zeit im richtigen Moment die Kamera gezückt beziehungsweise im richtigen Moment draufgehalten. Die Emotionen, die sich im Gesicht des Freeclimbers spiegeln, variieren dabei von Vorfreude über Entschlossenheit bis hin zu Momenten des Zweifels. Oftmals drückt sich über die Fläche seines Gesichts aber auch eine tiefe Emotionslosigkeit und Leere aus und die Interpretation seines Gemütszustandes bleibt dem Zuschauer verborgen oder lädt zumindest zur Interpretation ein.

Seine größte Herausforderung liegt jedoch noch vor ihm

Alles in allem ist Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi mit „Free Solo“ ein hervorragendes Werk gelungen. Grundsätzlich funktioniert die Doku nach Schema F: Wir haben die langsame Hinführung zu einem zentralen Ereignis in Form eines dramaturgischen Aufbaus. Damit einher geht eine hohe Emotionalisierung, die in den zwischenmenschlichen Konfliken ihren Ausdruck findet. Wo sich „Free Solo“ jedoch von vergleichbaren Werken abhebt, ist die technische Seite. Aufnahmen wie in dieser Dokumentation hat man tatsächlich selten gesehen und obwohl die Fallhöhe bei Dokumentationen traditionell eher gering ist, einfach aufgrund der Gewissheit über die realen Ereignisse, reißt der Film den Zuschauer mit und lässt ihn mit seinem Protagonisten mitfiebern. Ein wirklich gelungenes Werk, dass sich die höchste Auszeichnung der amerikanischen Filmindustrie redlich verdient hat.

Besonders die grandiosen Bilder machen die Doku zu einem Erlebnis

Am 21. Juni 2019 hat capelight pictures „Free Solo“ außer im Blu-ray- und DVD-Format auch als 3-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook veröffentlicht. Die Edition enthält den Film als Ultra HD Blu-ray, Blu-ray und DVD. Das Mediabook enthält Statements zum Film der Regisseure Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi, darüber hinaus gibt es von beiden Interviews, in denen sie ihre Perspektive über die Erstellung der Doku offenbaren. Die Biografien der beiden Filmemacher findet man ebenfalls, genau wie die des Bergsteigers Alex Honnold, mit dem ebenfalls ein Interview geführt wurde, welches im Mediabook zu finden ist.

Veröffentlichung: 21. Juni 2019 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Ultra HD Blu-ray, Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Free Solo
USA 2018
Regie: Jimmy Chin, Elizabeth Chai Vasarhelyi
Mitwirkende: Alex Honnold, Tommy Caldwell, Jimmy Chin, Cheyne Lempe, Mikey Schaefer, Sanni McCandless, Dierdre Wolownick, Peter Croft
Zusatzmaterial: Interviews mit Alex Honnold, Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi, Featurette „Wenn der abstürzt“, nur Mediabook: Booklet
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos: © National Geographic / Jimmy Chin, 3er-Packshot & Plakat: © 2019 capelight pictures

 
 

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