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Die phantastische Reise ins Jenseits – Das tote Mädchen

13 Aug

Lady in White

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Im Örtchen Willowpoint Falls laufen die Vorbereitungen für das Halloween-Fest 1962 auf Hochtouren. Auch der neunjährige Frankie (Lukas Haas) ist schon ganz aufgeregt und schwingt sich mit seinem Dracula-Kostüm inklusive Bela-Lugosi-Maske aufs Fahrrad Richtung Schule. Passend zur anstehenden Nacht des Grauens darf der Junge im Unterricht seine neue Gruselgeschichte vortragen. Frankies Erzählung verfehlt ihre Wirkung nicht. Gebannt lauschen die Mitschüler seinen Worten – bis zum schauerlichen Ende.

Frankie hat sich für Halloween kostümiert

Nachdem die Glocke geläutet hat, spielen die Rabauken Donald (Jared Rushton) und Louie (Gregory Levinson) dem schmächtigen Frankie allerdings einen bösen Streich: Als Frankie zur Schule zurückkehrt, um seine verschwundene Mütze zu suchen, wird er von den beiden in der kleinen Kleiderkammer neben dem Klassenzimmer eingesperrt. Frankie hat keine Möglichkeit zu entkommen. Es wird langsam dunkel, als er plötzlich Zeuge einer übernatürlichen Erscheinung wird: Der Geist eines rothaarigen Mädchens erscheint in der Kammer, kurz darauf beobachtet er, wie es von einem Unbekannten ermordet wird. Noch völlig verwirrt von dem, was er gerade gesehen hat, wird Frankie von einer realen Gestalt überrascht, welche sich Zugang zu der Kammer verschafft hat. Der Junge wird niedergeschlagen. Schließlich findet Frankies Vater (Alex Rocco) seinen bewusstlosen Sohn.

Immer wieder begegnet der Junge in Visionen der ermordeten Melissa Anne

Wie Frankie aus der Zeitung erfährt, heißt das rothaarige Mädchen Melissa Anne (Joelle Jacobi). Sie wurde kürzlich Opfer eines Serienmörders, der seit geraumer Zeit in der Gegend sein Unwesen treibt und schon mehrere Kinder auf dem Gewissen hat. Zwar wird der Hausmeister der Schule von der Polizei für die Taten verantwortlich gemacht, doch Frankie glaubt an dessen Unschuld. Denn in den folgenden Monaten hat er immer wieder Visionen von Melissa Anne. Wie durch ein unsichtbares Band scheint er mit dem toten Mädchen verbunden zu sein. Frankie beschließt, sich auf die Suche nach dem wahren Täter zu machen.

Persönlich gefärbter Genre-Mix

Regisseur Frank LaLoggia drehte außer „Die phantastische Reise ins Jenseits“ lediglich zwei weitere Filme: den Horrorfilm „Luzifer“ (1981) und den Thriller „Mörderisches Herz“ (1995), die heute wohl zu Recht vergessen sind, wenn man den recht wenigen und dazu mäßigen Bewertungen in der IMDb Glauben schenken mag. Doch sein zweites Werk erfreut sich weltweit auch 30 Jahre nach seinem Erscheinen noch immer großer Beliebtheit, was auch daran liegen mag, dass sich der Film schwer einem genauen Genre zuordnen lässt: Aufgrund einiger märchenhafter Momente könnte man den Horrorthriller auch ins Fantasy-Fach verorten, die Mördersuche ist auch für Krimi-Liebhaber interessant und natürlich spielen die Themen Erwachsenwerden und Verlust ebenfalls eine große Rolle. Somit kann sich eine breite Zuschauergruppe von diesem gelungenen Mix begeistern lassen.

Frankie will Melissas Mörder finden

Die 60er-Jahre-Kleinstadt-Idylle, auf die sich langsam ein dunkler Schleier legt, in dem ein Junge von geisterhaften Visionen geplagt wird – dies hätte auch ein typischer Stoff von Stephen King sein können. Doch LaLoggia schrieb das Drehbuch selbst und verarbeitete darin persönliche Erfahrungen, formte unter anderem verschiedene Figuren nach den Vorbildern seiner eigenen Familienmitglieder. Dazu baute er die seit etwa um das Jahr 1800 existierende, tragische Geisterlegende der „Lady in White“ in die Story mit ein, nach der der Film auch im Original betitelt ist.

Unheimliches Liebeslied

Die allgemeine Grundstimmung legt besonders das Lied, welches Melissa Anne in der Kleiderkammer vor sich hersingt: „Did You Ever See a Dream Walking“. Eine der bekanntesten Interpretationen des Stückes stammt von Bing Crosby aus dem Jahr 1933. Auch im Abspann von „Nightmare 2 – Die Rache“ (1985) ist diese Version zu hören. Obwohl es ein Liebeslied ist, verfügt dieser Ohrwurm durchaus über Gänsehautpotenzial.

Existiert die Frau in Weiß wirklich oder ist sie nur eine Legende?

Auch, wenn die Effekte heute nicht mehr zeitgemäß wirken, zieht die feinfühlig erzählte Geschichte zusammen mit der traumartigen Atmosphäre schnell in den Bann. Als Kameramann fungierte Russell Carpenter, der 1998 für James Camerons „Titanic“ den Oscar gewann. Dazu trägt natürlich auch bei, dass das Geschehen komplett aus der Perspektive von Frankie erzählt wird. Mit seinen kleinen, großen Augen muss man mit dem Schicksal des kindlichen Lukas Haas einfach mitfühlen. Für seine Leistung in „Der einzige Zeuge“ (1985) hatte Haas bereits eine Nominierung für den „Young Artist Award“ erhalten. Für „Die phantastische Reise ins Jenseits“ und das im gleichen Jahr veröffentlichte TV-Special „A Place at the Table“ gewann der 1976 geborene Schauspieler schließlich erstmals den renommierten Nachwuchspreis. Dennoch sollte man nicht den Fehler begehen und den Film gemeinsam mit seinen Kindern ansehen. Durch das recht aufregend inszenierte Finale und ein paar blutige Szenen ist die FSK-16-Einstufung durchaus gerechtfertigt.

Den US-Import kann man sich sparen

Die zeitgenössischen Kritiker zeigten sich positiv gestimmt, dennoch geriet der Film in den US-Kinos zum Flop. Bei einem Budget von fünf Millionen Dollar, lag das Einspielergebnis in den USA bei gerade mal 1,7 Millionen. Wie Peter Osteried in seinem Essay „Der Traum von der Frau in Weiß“ im Mediabook von Koch schreibt, konnte der Film dafür im Ausland durchaus ordentliche Gewinne verzeichnen und wurde auch auf VHS erfolgreich – was zu seinem Kultstatus sicherlich beigetragen hat.

Dass „Die phantastische Reise ins Jenseits“ für LaLoggia eine Herzensangelegenheit und er mit großer Hingabe bei der Arbeit war, merkt man in jeder Filmminute. Für die US-Blu-ray von Shout Factory schnitt er nach seinem bereits Ende der 90er-Jahre auf Laserdisc erschienen „Director’s Cut“ einen weiteren, knapp zehn Minuten längeren „Extended Director’s Cut“ aus bisher unveröffentlichtem Material zusammen. Die Unterschiede könnt ihr bei den Kollegen von Schnittberichte nachlesen. Großartig, dass Koch Films alle drei Fassungen sowie das umfangreiche Bonusmaterial der US-Ausgabe lizenzieren konnte. Somit kann man sich den Import sparen. Liebhaber des Films werden mit dem Koch-Mediabook ihre Freude haben und vielleicht kommen ja durch diese HD-Premiere neue Fans dieser schaurig-schönen Reise ins Jenseits hinzu.

Einziger Wermutstropfen für Leute, die auf die deutsche Sprachfassung nicht verzichten können: Die erweiterten Szenen sind nicht neu synchronisiert worden, sie werden im Originalton mit Untertiteln präsentiert.

Veröffentlichung: 25. Juli 2019 als 3-Disc Mediabook (2x Blu-ray und DVD) in zwei Covervarianten

Länge: 118 Min. (Director’s Cut, Blu-ray), 113 Min. (Director’s Cut, DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Lady in White
USA 1988
Regie: Frank LaLoggia
Drehbuch: Frank LaLoggia
Besetzung: Lukas Haas, Len Cariou, Alex Rocco, Katherine Helmond, Jason Presson, Jared Rushton, Tom Bower
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Frank LaLoggia zum Director’s Cut, Kinofassung (114 Min.), Extended Director’s Cut (127 Min.), Trailer, TV- und Radiospots, Hinter den Kulissen mit optionalem Kommentar von Frank LaLoggia (16 Min.), Hinter den Kulissen-Doku (73 Min.), geschnittene Szenen mit optionalem Kommentar von Frank LaLoggia (36 Min.), früher Präsentations-Kurzfilm (7 min.), Bildergalerie mit seltenem Werbematerial und Fotos vom Set, 20-seitiges Booklet von Peter Osteried
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot Mediabook Cover B & Trailer: © 2019 Koch Films

 

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