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Wir – Die Doppelgänger kommen!

22 Aug

Us

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und mögen Bewährtes. Das gilt auch und ganz besonders für Fans von Horrorfilmen, wie allein schon die Erfolge von Reihen wie „Saw“, „Wrong Turn“, „Freitag, der 13.“, „Nightmare“ und „Halloween“ belegen. Leider hat das zur Folge, dass sich viele Horrorfilm-Konsumenten kaum noch von ihren eingefahrenen Sehgewohnheiten lösen können und daher nicht in der Lage sind, eigenständige Werke von außergewöhnlicher Qualität zu würdigen. So erklärt sich die Kontroverse, die Jordan Peeles Regiedebüt „Get Out“ (2017) seinerzeit ausgelöst hat – der New Yorker Filmemacher erhielt dafür 2018 den Oscar fürs beste Originaldrehbuch und war damit der erste in dieser Kategorie prämierte Afroamerikaner. Nun ist es natürlich jedem Filmgucker selbst überlassen, was ihm gefällt oder missfällt. Besonders unter Horrorfans fiel jedoch auf, wie sehr offenbar eingefahrene Sehgewohnheiten es vielen unmöglich machten, die Qualitäten von „Get Out“ anzuerkennen. Die Kritik daran blieb meist vage, die hohen Bewertungen unter Kritikern und erfreulicherweise auch insgesamt beim Publikum wurden gekontert, indem das Werk eben als „Hype“ und „überbewertet“ abgekanzelt wurde. Wer gibt schon gern zu, zu eingefahren zu sein, um Originalität zu erkennen?

Zweite Regiearbeit nach „Get Out“

Mit der Rezeption des Nachfolgers „Wir“ hatte ich mich bislang noch nicht befasst, zumal ich Jordan Peeles zweite Regiearbeit – erneut nach eigenem Originaldrehbuch inszeniert – nicht im Kino, sondern erst jetzt anlässlich dieser Rezension geschaut habe. Die Wertungen bleiben etwas hinter „Get Out“ zurück, sind aber immer noch hoch genug für berechtigte Vorfreude auf ein erneut außergewöhnliches Horrorwerk. Und so kommt es dann auch.

Schreck im Spiegelkabinett

Unter dem Festland der Vereinigten Staaten befinden sich einer Einblendung zufolge Tausende von Meilen lange Tunnelsysteme verlassener U-Bahn-Systeme und Bergwerksschächte, von denen die meisten keinem Zweck mehr dienen. Vorerst wird dies nicht weiter aufgegriffen, im Anschluss setzt der Prolog von „Wir“ im Jahr 1986 ein: Bei einem Urlaubstrip nach Santa Cruz setzt sich die kleine Adelaide „Ada“ Thomas (Madison Curry) in einem Vergnügungspark von ihren Eltern ab und betritt ein Spiegelkabinett. Darin entdeckt sie etwas, das ihr zutiefst Angst einflößt.

Was für Leute stehen da in der Einfahrt?

Der nun einsetzende Vorspann mit einer Reihe von Kaninchenkäfigen wirft ebenfalls Fragen auf. Mit einem Zeitsprung ins Hier und Heute setzt die Haupthandlung ein. Ada (Lupita Nyong’o) ist mit Gabe Wilson (Winston Duke) verheiratet, die beiden haben mit Jason (Evan Alex) und Zora (Shahadi Wright Joseph) zwei aufgeweckte Kinder. Die Familie besucht das Ferienhaus aus Adas Kindheit in der Nähe von Santa Cruz, einen Ort, den Ada gern meiden würde, vor allem den Strand und den Vergnügungspark. Gabe überredet sie aber, am Strand das befreundete Paar Kitty und Josh Tyler (Elisabeth Moss, Tim Heidecker) zu treffen.

Attacke der Doppelgänger

Abends berichtet Ada ihrem Mann von den traumatischen Erinnerungen an jenen Tag in ihrer Kindheit. Und plötzlich stehen vier Menschen in roten Overalls auf dem Grundstück. Sie sind den Wilsons nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten, sondern echte Doppelgänger, die sich gewaltsam Zutritt zum Haus verschaffen. Beginn albtraumhafter Ereignisse …

Was hat es mit diesen Doppelgängern auf sich? Ein wenig erfahren wir nach dem Eindringen des Quartetts ins Ferienhaus der Wilsons, weil Adas Pendant „Red“ im Gegensatz zu den drei anderen zum Sprechen in der Lage ist. Sie bezeichnet sich als Adas „Schatten“, all die Jahre schicksalhaft mit ihr verbunden. Nun sei die Zeit gekommen, sich zu lösen. Mehr muss man nicht erfahren, weitere Erklärungen entfalten sich nach und nach mit der Eskalation der Ereignisse.

Die Wilsons bekommen es mit der Angst zu tun

Mann, ist das gruselig! Vom ersten Auftauchen der vier Doppelgänger in der Einfahrt der Wilsons hatte mich „Wir“ in seinem Bann. Zum einen interessierte mich, ob und wie die Wilsons mit der Bedrohung fertig werden, zum anderen wollte ich unbedingt wissen, was dahintersteckt. Die „Schatten“ sind stark und skrupellos, doch zum Glück erweisen sich auch die Wilson-„Originale“ als zäh und widerstandsfähig. Ein paar Mal habe ich mich gefragt, weshalb die Doppelgänger nicht einfach töten, sobald die Gelegenheit da ist, aber das sei als dramatisches Moment erlaubt.

An die Darstellerinnen und Darsteller der vier Gibsons und ihrer Doppelgänger stellte die Story schauspielerisch natürlich einige Herausforderungen. Zum einen mussten sie etliche Szenen spielen, ohne mit ihrem Gegenüber interagieren zu können, weil sie ja dieses Gegenüber selbst spielten – die Szenen wurden anschließend an Schneidetisch und Computer zusammenmontiert; zum anderen musste jede/r der vier während einer Filmproduktion zwei grundverschiedene Figuren verkörpern. Das Quartett um Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o („12 Years a Slave“, 2013) löst dies bravourös.

Gabe will hinaus, Ada hat Bedenken

Ich erwähne es immer wieder gern: Nicht nur musikalische Untermalung kann Spannungsaufbau fördern, auch der Verzicht darauf eignet sich dafür. Das hat Jordan Peele ebenfalls begriffen, er setzt Score dort ein, wo es sinnvoll ist, und lässt einige Szenen völlig ohne Musik für sich wirken. Komponist Michael Abels, bereits bei „Get Out“ für den Score zuständig, schuf ungewöhnliche Klänge mit Streich- und Schlaginstrumenten, mit denen er die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Protagonistinnen und Protagonisten und ihrer Doppelgänger betonte.

Wer oder was steckt dahinter?

Ein Fragezeichen hinterließ bei mir die gegenüber ihren Pendants an der Erdoberfläche identische familiäre Konstellation der Doppelgänger. Dies wird zwar erklärt, erscheint mir aber nicht ganz logisch. Und die gesamte Auflösung lässt zwar frösteln, aber auch einige Fragen offen. Die gigantische Logistik, die dahintersteckt, wird als gegeben vorausgesetzt, das Publikum muss sie einfach akzeptieren. Am Effekt auf uns Zuschauerinnen und Zuschauer ändert das zwar nichts, und ich gehöre auch nicht zu denen, die am Ende eines Films jede Frage bis ins Detail beantwortet haben müssen, aber fast gewinne ich den Eindruck, dass sich Jordan Peele mit der Frage der den Schatten zugrunde liegenden Organisation nicht intensiver befasst hat, weil ihn das in Erklärungsnot gebracht hätte.

Die Angst erweist sich als berechtigt

„Wir“ eröffnet mannigfaltige Möglichkeiten der Interpretation – ob in Richtung Paranoia, der Angst vor dem oder den Fremden, Klassenkampf, Verschwörungstheorien oder anderer Themen. Dualität spielt logischerweise eine große Rolle und findet sich außer in den Doppelgängern in vielen Anspielungen. Selbst Michael Jackson geistert durch den Film. Sind die Doppelgänger eine Metapher für unser unterbewusstes Selbst? Ich habe noch keine für mich abschließende Deutung gefunden, außerdem will ich Spoiler vermeiden und kann meine Gedanken dazu allein deshalb nicht weiter ausführen. Interessante, aber mit Spoilern gespickte Überlegungen zur Interpretation von „Wir“ finden sich etwa bei Rotten Tomatoes und der ehrwürdigen
New York Times.

Von „Good Vibrations“ zu „Fuck tha Police“

Den anderswo gelobten Humor von „Wir“ habe ich über weite Strecken gar nicht wahrgenommen, einmal gab es aber dann doch auch für mich Gelegenheit zum Schmunzeln – wenn „Good Vibrations“ von den Beach Boys durch „Fuck tha Police“ von NWA abgelöst wird. Klingt nicht lustig? Im Kontext schon, schaut es euch an! Jordan Peele zeichnet auch als Produzent für seine Regiearbeit verantwortlich, unter seinen Ko-Produzenten befindet sich Jason Blum, Gründer und Boss von Blumhouse Productions, die allerdings nicht als Produktionsfirma von „Wir“ gelistet sind. Die Beziehungsgeflechte der Hollywood-Produzenten und Produktionsfirmen sind für mich ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln.

Was will „Red“?

„Wir“ bietet nach der Sichtung viel Diskussionsstoff, ob zur Deutung oder zur Frage, wie der Film denn gefallen habe. Er wird viele ratlos zurücklassen, nicht nur die oben erwähnten Horrorfans mit den eingefahrenen Sehgewohnheiten. Mir hat Peeles zweite Regiearbeit etwa ebenso gut gefallen wie sein herausragendes Debüt, ganz durchschaut habe ich „Wir“ aber noch nicht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lupita Nyong’o sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt.

Auge in Auge mit der Doppelgängerin

Veröffentlichung: 25. Juli 2019 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray, 4K UHD Blu-ray (inkl. Blu-ray) und DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Türkisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch u. a.
Originaltitel: Us
USA/JAP/CHN 2019
Regie: Jordan Peele
Drehbuch: Jordan Peele
Besetzung: Lupita Nyong’o, Winston Duke, Shahadi Wright Joseph, Evan Alex, Elisabeth Moss, Tim Heidecker, Yahya Abdul-Mateen II, Anna Diop, Cali Sheldon, Noelle Sheldon, Madison Curry, Alan Frazier, Ashley McKoy, Napiera Groves, Lon Gowan
Zusatzmaterial: Die Monster in uns (4:45), Miteinander verbunden: Der Doppeldreh (7:29), Jordan Peeles ganz eigene Art von Horror (5:31), Die Dualität von „Wir“ (9:56), Eins werden mit Red (4:09), unveröffentlichte Szenen, Jeder stirbt (6:22), Wie oben, so unten: Grand Pas de deux (5:02)
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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Eine Antwort zu “Wir – Die Doppelgänger kommen!

  1. Frank Hillemann

    2019/08/22 at 15:52

    Danke. Ging mir genauso. Ich habe “ wir “ im Kino gesehen und war etwas ratlos.

     

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