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Flucht aus Leningrad – Heldenkino zeugt vom Großen Vaterländischen Krieg

23 Aug

Spasti Leningrad

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Der Deutsch-Sowjetische Krieg – Bestandteil des Zweiten Weltkriegs – war in der Sowjetunion und ist in Russland bis heute als „Großer Vaterländischer Krieg“ im kollektiven Gedächtnis verankert und im russischen Kino häufig filmisch umgesetzt worden. Beispielhaft genannt seien die aus fünf Teilen in Spielfilmlänge bestehende Reihe „Befreiung“ (1969), das zweiteilige Drama „Im Morgengrauen ist es noch still“ (1972), „Sie kämpften für die Heimat“ (1975) von Sergei Bondartschuk und „Sturm auf Festung Brest“ (2010). Zuletzt hatte ich bei „Die Nacht der lebenden Texte“ das Kriegsdrama „Unzerstörbar – Die Panzerschlacht von Rostow“ von 2018 vorgestellt, nun folgt mit „Flucht aus Leningrad“ (2019) ein Beitrag, der die Belagerung von Leningrad durch die Wehrmacht aufgreift.

Opferreicher Verteidigungskampf

Das Ende der Blockade jährte sich 2019 zum 75. Mal. Vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 hatten die deutschen Invasoren die russische Metropole in Verbindung mit finnischen und spanischen Truppen belagert. Mehr als eine Million Eingeschlossene verloren in dieser Zeit ihr Leben, die meisten verhungerten. Mit der sogenannten Straße des Lebens, einer Eisroute über den zugefrorenen Ladogasee, versuchte die Rote Armee, Leningrad zu versorgen. 1942 und 1943 unternahmen die sowjetischen Streitkräfte zudem in den drei Ladoga-Schlachten Anstrengungen, die Blockade zu beenden. Dies gelang jedoch erst 1944 mit der Leningrad-Nowgoroder Operation.

Evakuierung über den Ladogasee

Regisseur und Drehbuchautor Aleksey Kozlov hatte 2015 mit „Zapret“ bereits ein Kriegsdrama um Ereignisse am Ladogasee in jener Zeit inszeniert. „Flucht aus Leningrad“ spielt im September 1941 vor Beginn der Blockade. Weil die Wehrmacht näherrückt, sollen so viele Bürgerinnen und Bürger Leningrads wie möglich evakuiert werden. Soldaten und Zivilisten warten am Ufer des Sees darauf, an Bord eines der zur Flucht bereitgestellten Schiffe zu gehen. Kadett Kostya (Andrey Mironov-Udalov), dessen Vater als Kapitän eines der Wasserfahrzeuge im Dienst steht, will seine Freundin Nastya (Maria Melnikova) retten. Völlig überladen sticht der Frachter Nr. 752 mit 1.500 Menschen an Bord in See, darunter Kostya und Nastya.

Kadett Kostya will …

Wie in vielen europäischen Ländern – siehe dazu unsere Rubrik „Krieg/Militär“ – ist gerade in den vergangenen Jahren offenbar auch die russische Filmindustrie willens, nennenswerte Budgets in aufwendig produzierte Kriegsdarstellungen zu investieren. In einigen Schlachtenszenen an Land bekommt das Publikum die Schrecken des Granat- und Gewehrfeuers hautnah zu spüren, bevor die Bilder zum Geschehen auf See wechseln.

… seine Freundin Nastya retten

Die deutschen Feinde werden stets nur kurz und schablonenhaft gezeichnet präsentiert, das kennen wir aus vielen Kriegsfilmen – sogar Klassikern – und sei hingenommen. Missliebige Zeitgenossen erschweren Kostya und Nastya zusätzlich das Leben, Pflichterfüllung und familiäre Bande bringen Emotionen ins Spiel.

Rahmenhandlung wie bei „Titanic“

Ob die Ereignisse rund um das Frachtschiff Nr. 752 samt der Hauptfiguren auf wahren Begebenheiten beruhen oder Aleksey Kozlov sie vor der historischen Kulisse der Flucht über den Ladogasee ersonnen hat, habe ich nicht herausfinden können. Eine Rahmenhandlung um eine alte Frau, die zu ihren Erinnerungen an die Ereignisse interviewt wird, erinnert ein wenig an eine ähnliche Konstruktion in James Camerons „Titanic“ (1997). Das mag kein Zufall sein, ist aber legitim. Natürlich ist all das Heldenkino in Reinkultur, aber wer will es den Russen verdenken, solche Filme zu produzieren? Wohl höchstens unverbesserliche Revanchisten aus der rechten Ecke, die Hitlers Angriff auf die Sowjetunion auch heute noch als notwendigen Präventivschlag rechtfertigen. Die Veröffentlichung von capelight pictures verzichtet aufs Mediabook-Format, für das das Label bekannt ist. Angesichts der nach meiner Wahrnehmung bisher geringen Resonanz auf die Veröffentlichung erscheint das gerechtfertigt. Bedauerlich, denn „Flucht aus Leningrad“ kann all jenen gefallen, die ernsthaften Kriegsdramen vor historischer Kulisse etwas abgewinnen können. Auf internationalem Niveau inszeniert.

Kostya zielt auf ein deutsches Flugzeug

Veröffentlichung: 28. Juni 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 102 Min. (Blu-ray), 98 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Spasti Leningrad
RUS 2019
Regie: Aleksey Kozlov
Drehbuch: Aleksey Kozlov
Besetzung: Andrey Mironov-Udalov, Maria Melnikova, Anastasiya Melnikova, Gela Meskhi, Pavel Druzhinin, Mariya Kapustinskaya
Zusatzmaterial: Vertikalschuber, Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 capelight pictures

 

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