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Im Netz der Versuchung – Wenn ein Thunfisch dich zum Wahnsinn treibt

12 Sep

Serenity

Von Philipp Ludwig

Thriller // Matthew McConaughey hat ein Problem: Nachdem er, durch einen geschickten Wechsel im Rollenrepertoire, in den vergangenen Jahren zwar erfolgreich sein Image als RomCom-Darsteller schlechthin – das dem gutaussehenden Texaner nicht nur Lob und Anerkennung, sondern mitunter auch eine gehörige Portion Häme einbrachte – ablegen konnte, scheint er zuletzt dieses glückliche Händchen für gute Filmstoffe ein wenig verloren zu haben. Oder, um in der Metaphorik seines neuesten Fehlgriffs „Im Netz der Versuchung“ zu bleiben: Der letzte große Fang lässt, nach mittlerweile erlangten Oscar-Ehren (2014 für seine Hauptrolle in „Dallas Buyers Club“) und weiterer, allseits gefeierter, darstellerischer Leistungen in Werken wie „Interstellar“ und der Serie „True Detective“ (beide 2014), nun doch schon etwas länger auf sich warten.

Baker Dill – ein lässiger und geheimnisvoller Einzelgänger

In dem wilden Genre-Mix von Steven Knight („No Turning Back“) gibt er den geheimnisvollen Eigenbrötler Baker Dill. Dieser lebt seit einigen Jahren zurückgezogen auf dem karibisch anmutenden Insel-Idyll Plymouth Island, gelegen vor der Küste von Florida. Über seine Vergangenheit ist herzlich wenig bekannt, Dill ist nicht wirklich als gesellige Plaudertasche in aller Munde. Seine sozialen Kontakte beschränken sich vielmehr auf regelmäßige Besuche der einzigen Bar der Insel sowie bei seiner Liebhaberin Constance (Diane Lane, „Untreu“) und seinem Geschäftspartner Luke (Djimon Hounsou, „Blood Diamond“). Mit Luke bietet der leidenschaftliche Angler auf seinem kleinen Boot Angeltrips für gutverdienende Touristen an. Ein Geschäft, das allerdings mehr schlecht als recht zu laufen scheint. Denn wirklich zu interessieren scheint Dill sich vor allem für eine andere Angelegenheit: die Ergreifung eines riesenhaften Thunfisches, der ihm bereits wiederholt vom Haken entwischt ist und von ihm zunächst nur ehrfurchtsvoll das „Biest“ genannt wird.

Hier lässt es sich aushalten: Dill macht es sich im Inselparadies gemütlich

Und so würden seine Tage auf Plymouth Island wohl in einem immer gleichen Rhythmus aus zahlreichen Drinks, erotischen Stelldicheins und auslaugenden Angeltouren auf dem Meer ablaufen, würde da nicht eines Tages seine Ex Karen (Anne Hathaway, „Ocean’s 8“), auf der Matte stehen. Diese ist mittlerweile seit Jahren mit dem zwielichtigen wie äußerst erfolgreichen Geschäftsmann Frank Ziriakis (Jason Clarke, „Friedhof der Kuscheltiere“) liiert und hat dessen Trinksucht sowie Ausbrüche häuslicher Gewalt ein für allemal satt. Für die stolze Belohnung von zehn Millionen US-Dollar bittet sie Baker um Hilfe. Er könnte doch, bei einem gemeinsamen Angelausflug mit ihrem ebenfalls angereisten, heißspornigen und dabei vermutlich sowieso wieder betrunkenen Ehemann, diesen auf dem offenen Meer einfach „verschwinden“ lassen. Dill würde seine Verflossene gern direkt wieder zum Teufel schicken, wäre da nicht ihr gemeinsamer Sohn, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Und der scheint besonders unter den Spannungen zwischen der Mutter und dem neuen Stiefvater zu leiden und hat sich in eine Welt aus Computerspielen zurückgezogen. Was wird der vom Thunfisch besessene Baker tun? Wird er seine manische Jagd nach dem „Biest“ zurückstellen, um seinem Sohn zuliebe der verflossenen Liebe bei ihrem unmoralischen Unterfangen zu helfen?

Hommage oder Parodie?

Mit dem Auftreten von Anne Hathaway beginnt bei „Im Netz der Versuchung“ dann leider auch langsam der rapide Verfall des Niveaus im fortan zunehmend abstrusen Plot-Verlauf. Allerdings ohne dies nun an ihrer Person festmachen zu wollen und somit in die ungerechtfertigten wie völlig überzogenen, im Netz stets tobenden Hasstiraden gegen die eigentlich tolle und sympathische Darstellerin einzustimmen. Die Schwächen liegen vielmehr in dem ab diesem Zeitpunkt völlig einfallslosen und thematisch überladenen Skript des Regisseurs Knight. Umso auffallender wird dieser Niveauabfall, da sein Werk eigentlich recht solide beginnt und somit bis hierhin zumindest die Erwartungen auf ein halbwegs ansprechendes Filmerlebnis wecken konnte. Gerade die sonnige Urlaubsatmosphäre des Inselparadieses Plymouth Island ist anfangs hervorragend in Szene gesetzt, ebenso weiß McConaughey als eigenbrötlerischer Angelrowdy durchaus zu überzeugen. Auch wenn seine Figur des Baker Dill von Beginn an bereits stets, wie alle Figuren, leicht überzeichnet wirkt und daher auch gut zu dem Darsteller, der stets mit einem latenten Hang zum Overacting ausgestattet ist, zu passen scheint.

Wird Baker Dill auf das unmoralische Angebot seiner Ex eingehen?

Ebenso wird zu Beginn eine grundsolide Thriller-Atmosphäre im Stile alter Film-noir-Streifen geschaffen, dank passender musikalischer Untermalung, regnerischen Nachtszenen und dem wenig sozialen Antihelden Dill. Der Regisseur spielt hier also bewusst mit etablierten Genrekonventionen, die dann in der Figur von Hathaways Karen als geheimnisvolle Femme fatale ihren ersten klischeebeladenen Höhepunkt finden. Funktioniert der Film bis dahin noch als halbwegs gelungene Hommage an den Glanz eines mittlerweile in die Jahre gekommenen Genres und kann durch die hierbei hervorgerufenen Nostalgiewerte durchaus punkten, so kippt er durch die zunehmend überzeichneten Figuren und wirren Story schnell unfreiwillig ins parodistische – dies gilt insbesondere für den von Clarke verkörperten Ziriakis als Karikatur eines Antagonisten. Aufgrund des schnellen Verlaufs der Handlung im ersten Drittel und im Angesicht der daher noch ausstehenden Restlaufzeit des Films wird aufmerksamen Zuschauerinnen und Zuschauern beim Schauen vermutlich schnell die Ahnung befallen, dass dies noch längst nicht alles sein könnte. Leider wird man damit dann auch recht behalten, womit das eigentliche Problem des Films erst so richtig beginnt.

Käpt’n Ahab trifft „Inception“ trifft „Black Mirror“

Der knapp 60-jährige Brite Steven Knight hat sich als Drehbuchautor für tolle Erfolgsserien wie beispielsweise „Peaky Blinders“ (seit 2013) sowie beeindruckende Thriller wie David Cronenbergs „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“ (2007) mit Viggo Mortensen und Naomi Watts durchaus einen Namen in der Branche gemacht. Darüber hinaus ist er in seiner Heimat als Miterfinder der britischen Variante von „Wer wird Millionär?“ bekannt, einen Lebenslaufeintrag, den auch nicht jeder für sich verbuchen kann. Ein weiterer Fun Fact am Rande ist, dass er damals im Vorfeld ebenfalls einen Drehbuchentwurf zu dem Film „Shutter Island“, auf Grundlage des gleichnamigen Romans von Dennis Lehane, verfasst hat, für den Film aus dem Jahre 2010 wurde schlussendlich aber das Drehbuch von Laeta Kalogridis verwendet. Die mit „Im Netz der Versuchung“ gezeigte Vorliebe für die Genres Thriller und Film noir kommt also nicht von ungefähr – zum dritten Mal nahm er dafür auch auf dem Regiestuhl Platz.

Oder steht für den Neuzeit-Käpt’n Ahab die Thunfischjagd weiterhin im Vordergrund?

Ebenso ist offensichtlich, dass sich der britische Regisseur von einer Fülle an verschiedensten Werken hat beeinflussen lassen. Neben der inszenatorischen Orientierung an gängigen Thriller-Klassikern ist dies inhaltlich vor allem an einer ganzen Reihe an philosophischen und gesellschaftspolitischen Themen zu beobachten, mit denen sich „Im Netz der Versuchung“ nach dem Auftreten von Karen und dem ersten großen Plot-Twist beschäftigt. Um Spoiler zu vermeiden, gehe ich hier nicht näher ins Detail; erwähnt sei, dass sich Knight in seinem filmischen Diskurs elementarer philosophischer Fragen wie Realität, persönlicher Identität und Moral widmet, wie sie etwa bei „Inception“ (2010) und „Elysium“ (2013) bereits deutlich ansprechender vollzogen wurden. Zudem sei hier an dieser Stelle, in Bezug auf die Grenze zwischen Realität und Einbildung, einmal auf den wunderbaren und viel zu wenig beachteten Film „Mr. Nobody“ (2010) mit Jared Leto verwiesen. Knight scheint somit auch ein wenig den Versuch zu unternehmen, auf den Zug des Zeitgeistes aufzuspringen, der in den vergangenen Jahren durch philosophisch angehauchte Erfolgsserien wie „Black Mirror“ (seit 2011) massiv geprägt wurde.

Die Gefahr der Küchentisch-Philosophie

Philosophische Diskurse und Filme schließen sich ganz sicher nicht aus. Ganz im Gegenteil, das Medium Film bietet hervorragende Möglichkeiten, um philosophische Gedankenexperimente kreativ und anschaulich durchzuspielen, wie eine ganze Reihe an Beispielen, auch neben den zuvor genannten, beweist. Allerdings birgt das auch die Gefahr, schnell ins Reich der Küchentisch-Philosophie oder den Nonsens-Bereich abzudriften, wenn dem Gezeigten zumindest ein Mindestmaß an intellektuellem Tiefgang und die nötige Leidenschaft fehlt. „Im Netz der Versuchung“ spielt leider eindeutig in dieser Kategorie. So fehlt dem Film, durch den Ideenklau bei einer Reihe anderer Werke, nicht nur die kreative Originalität, als Zuschauerin oder Zuschauer fühlt man sich ob der plump vorgetragen thematischen Diskurse auch schnell ein wenig veräppelt. Dazu werden einem die einzelnen thematischen Verweise und Metaphern dann doch zu sehr quasi mit dem Holzhammer eingeprügelt. Auch sind die Plot-Twists nur wenig überraschend, wenn man halbwegs filmaffin ist. Die Richtung, in die sich der Plot von „Im Netz der Versuchung“ nach etwa einem Drittel entwickelt, lässt sich leider bereits meilenweit gegen den Wind riechen. Nun mag man selbstverständlich entgegnen: Es ist ja nur ein Film und kein philosophisches Seminar – der soll mich unterhalten und gut ist. Dem wäre im Prinzip auch nichts entgegenzusetzen, würde „Im Netz der Versuchung“ nicht auch an dieser Stelle schlussendlich auf beinahe ganzer Linie scheitern. Denn trotz des relativ guten Beginns und der vielen Plot-Twists sowie philosophischen und metaphorischen Einschübe ist der Film inhaltlich zwar mehr als gut gefüllt, kommt aber doch nur selten wirklich mal in Fahrt. Zu sehr dreht er sich dafür gerade im Mittelteil schier endlos um sich selbst und die zentralen Fragen – Baker Dills Thunfisch-Obsession; der Frage, ob er seiner Ex helfen wird; sowie seine zunehmend wahnsinnig anmutenden Überlegungen zur Unterscheidung zwischen Wahn und Realität.

Mode-Clown, Gangster und fieser Trunkenbold in Personalunion: Frank Ziriakis

Bemerkenswert ist dagegen, mit welcher Vehemenz wenigstens die Darsteller ernsthaft und mit vollem Einsatz ihr Ding durchziehen – und das trotz der zahlreichen Logiklöcher, ins Nichts verlaufender Handlungsstränge und platter Figuren (wofür der spätere Handlungsverlauf zwar eine logische Begründung liefern möchte, die dann aber auch nicht mehr viel helfen kann). Man kommt tatsächlich nicht umhin, sich gelegentlich an Tommy Wiseaus „Meilenstein“ „The Room“ (2003) zu erinnern, dem „besten schlechtesten Film aller Zeiten“: Figuren tauchen urplötzlich auf und werden später nie wieder gesehen, Themen und Ereignisse werden angesprochen oder gezeigt und nicht weiter berücksichtigt. Man bekommt den Eindruck, Knight hätte ein wenig zu viel gewollt und am Ende selbst den Überblick über sein Werk verloren. Im Gegensatz zum erwähnten Kulthit von Wiseau gibt es bei „Im Netz der Versuchung“ allerdings so gar keinen Grund zum Schmunzeln. Denn das Ding wird fernab jeder Selbstironie von allen Beteiligten gewissenhaft durchgezogen. Dabei könnte gerade der zunehmend mürrisch agierende Baker Dill durchaus als Analogie zu seinem Darsteller interpretiert werden, der sich ebenso wie seine Figur zunehmend zu fragen scheint, wo er hier eigentlich reingeraten ist. Schade ist auch, dass tolle Darstellerinnen und Darsteller wie Diane Lane und Djimon Hounsou zu nahezu komplett unnützen Nebenfiguren degradiert werden. Einzig Jason Clarkes Fiesling Ziriakis passt mit seiner Volltrunkenheit ins Bild, wäre ein entsprechender Alkoholkonsum am Set doch vielleicht nicht die schlechteste Lösung gewesen, das ganze Wirrwarr halbwegs angemessen über die Bühne zu bringen.

Schicksal: Ladenhüter

Technisch ist an der dieser Rezension zugrundeliegenden Blu-ray nichts auszusetzen, Bild und Ton sind zumindest hervorragend. So kann man sich wenigstens an den schönen Bildern der fiktiven Plymouth Island erfreuen, ebenso an dem schönen und stimmigen Soundtrack von Benjamin Wallfisch. Auch das Bonusmaterial erfüllt mit Interviews der Beteiligten und B-Roll den minimalen Standard für heutige Veröffentlichungen. Dennoch kann man für „Im Netz der Versuchung“ definitiv keine Kauf- oder Leihempfehlung aussprechen. Aufgrund der inhaltlichen und inszenatorischen Mängel wird dem bereits an den Kinokassen gefloppten Film (der dort nur knapp die Hälfte seiner Produktionskosten von 25 Millionen US-Dollar einspielen konnte) wohl auch in den Kaufregalen und den letzten, noch verbliebenen Videotheken ein Schicksal als Staubfänger blühen. Da hilft leider auch keine Starbesetzung.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jason Clarke und Matthew McConaughey sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Wenn Figur und Darsteller gemeinsam grübeln: Wo bin ich hier nur hineingeraten?

Veröffentlichung: 13. September 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 103 Min. (DVD), 106 Min. (Blu-ray)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Serenity
USA 2019
Regie: Steven Knight
Drehbuch: Steven Knight
Besetzung: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Djimon Hounsou, Jason Clarke, Diane Lane, Jeremy Strong
Zusatzmaterial: Interviews, B-Roll
Label/Vertrieb: Universum Film

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Szenenfotos, Trailer & Packshot: © 2019 Universum Film

 

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