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John Rambo – Flussaufwärts ins Grauen

17 Sep

Rambo

Von Volker Schönenberger

Live for nothing, or die for something.

Kriegs-Action // Obiges Zitat aus „John Rambo“ ist vielleicht mein Lieblings-Oneliner aus dem Mund von Sylvester Stallone. Lebt für gar nichts, oder sterbt für etwas. Geht mehr Pathos?

Kurz zu den Vorgängern: „Rambo“ („First Blood“, 1982) gilt völlig zu Recht als einer der großen Actionklassiker der 1980er-Jahre und hat mit der unwürdigen Behandlung der Vietnamveteranen in den USA sogar ein gesellschaftsrelevantes Thema aufgegriffen. In „Rambo II – Der Auftrag“ („Rambo – First Blood Part II“, 1985) verschlägt es den Titelhelden zurück nach Vietnam, wo er GIs aus der Kriegsgefangenschaft befreit. „Rambo III“ (1988) schließlich zeigt ihn in Afghanistan, wo er an der Seite der Mudschaheddin gegen die sowjetischen Invasoren kämpft, nicht zuletzt, um seinen Boss Colonel Trautman (Richard Crenna) zu befreien. Beide Fortsetzungen eint, dass sie echte Kinder der reaktionären Reagan-Ära sind und ein simples Gut-Böse-Weltbild des Kalten Krieges befeuern, das die Sowjetunion als den erklärten Feind ausmacht.

Das idyllische Dasein auf dem Fluss …

Die Schwarz-Weiß-Malerei gilt ebenso für „John Rambo“ von 2008, sind doch die Soldaten der Militärjunta von Burma (Myanmar) bösartig gezeichnete Missetäter, letztlich nichts weiter als Kriegsverbrecher. An dieser Charakterisierung muss man natürlich nichts auszusetzen haben, Militärdiktaturen und ihre Exekutivgewalten sind ja per se kritisch zu betrachten. Im konkreten Fall werden der arg beschönigend Staatsrat für Frieden und Entwicklung betitelten Militärregierung von Myanmar zahlreiche Menschenrechtsverletzungen und die Verfolgung von Minderheiten und Oppositionellen vorgeworfen.

Treibjagd im Minenfeld

Der Film beginnt dann auch mit authentischen Aufnahmen einiger Ereignisse rund um den Militärputsch. In der Folge sehen wir einen Soldatentrupp, der eine Schar gefangener Zivilisten in ein mit Minen gespicktes Reisfeld treibt. Nachdem einer von ihnen von einem Sprengsatz zerfetzt wurde, lässt Major Tint (Maung Maung Khin) seine Soldaten das Feuer auf die Unglückseligen eröffnen.

… findet bald ein Ende

John Rambo (Sylvester Stallone) führt zwei Jahrzehnte nach den Ereignissen in Afghanistan ein geruhsames Leben in Thailand. Er fängt Schlangen und Fische und bessert mit Bootstouren auf dem Salween sein Einkommen auf. Eine Schar US-Missionare um ihren Anführer Michael Burnett (Paul Schulze) bittet ihn, sie mit seinem Boot über die Grenze ins benachbarte Burma zu bringen. Sie wollen dem verfolgten Volk der Karen Hilfsgüter und Bibeln überbringen. Burnett kann ihn zwar nicht zu dem gefahrvollen Trip überzeugen, aber die Missionarin Sarah Miller (Julie Benz) lässt nicht locker, und schließlich findet sich John Rambo mit der humanitären Gruppe an Bord auf einem Bootstrip stromaufwärts wieder. Es wird erwartungsgemäß eine Reise ins Herz der Finsternis.

Rambo und Rocky

Man kann über Sylvester Stallone und seine schauspielerischen Fähigkeiten viel Häme ausschütten, und das ist im Lauf der Jahre auch hinlänglich geschehen. Aber das kann er wegstecken. Welcher Schauspieler kann schon für sich in Anspruch nehmen, zwei derartigen Ikonen der Filmgeschichte wie John Rambo und Rocky Balboa ein Gesicht gegeben zu haben? Als Actionfilme funktionierten und funktionieren die „Rambo“-Filme allesamt nach wie vor ganz ausgezeichnet, aller Kritik am zweiten und etwas trashigen dritten Teil zum Trotz. John Rambo ist natürlich eine tragische Gestalt. Eine tödliche Kampfmaschine, zum Killer bestimmt, ohne einer sein zu wollen – und das gar nicht mal von außen aufgezwungen, sondern weil es ihm im Blut liegt. Zwar wird diese Ambivalenz in Teil 2 und 3 beinahe vollständig aufgelöst, doch entdeckt die blutdürstige Seele des Soldaten erst in „John Rambo“ ihr wahres Wesen. When you’re pushed, killing’s as easy as breathing. Natürlich nur im Dienst einer guten Sache!

Sarah begibt sich in Lebensgefahr

Gedreht wurde „on location“ in Thailand und sogar Myanmar. Herrlich die Szene, in der Rambo eine Gruppe mit der Rettung der Missionare beauftragter Söldner flussaufwärts fährt: Er steht wortlos am Steuer, während sich der missmutige Wortführer Lewis (Graham McTavish, „Der Hobbit“-Reihe) als großspurige Labertasche gebärdet. Als die Söldner das Boot verlassen, geht Rambo wie selbstverständlich davon aus, sie zu begleiten, doch Lewis verweigert seine Unterstützung. Bald darauf bekommt Rambo Gelegenheit zu seinem grandiosen Kurz-Monolog, mit dem ich diesen Text eröffnet habe: Any of you boys want to shoot, now’s the time. There isn’t one of us that doesn’t want to be someplace else. But this is what we do, who we are. Live for nothing, or die for something. Your call. Er kennt eben die Mentalität der Söldner, weil sie seine eigene ist: Sie alle wollen zwar gerade überall sein, nur nicht dort, wo sie gerade sind. Aber das ist es eben, was sie tun, das ist es, wer sie sind. Derlei Alphatier-Sprüche machen „John Rambo“ natürlich zu einem Männerfilm, über den Feingeister die Nase rümpfen. Aber lasst uns doch unsere Freude! Technisch ist „John Rambo“ als Actionfilm über Zweifel erhaben. Dramaturgie und Spannungsbogen funktionieren sehr gut, alle Achtung, Sylvester Stallone! Der Gute hat sich selbst auf den Regiestuhl gesetzt, zum bis dato siebten Mal (darunter vier „Rocky“-Filme). Stallones Gespür für Timing zeigt sich auch in der Länge des Films – die klassischen anderthalb Stunden passen genau.

Zügig auf dem Index

Die Gewalt zeigt Stallone völlig ungeschönt und drastisch, wobei die Unterstützung des Computers ein paar Mal zu deutlich zu erkennen ist, Stichwort: Blutfontänen. Härteste Szene ist zweifellos die, in der Rambo sich eines auf einem Geländewagen montierten Maschinengewehrs bemächtigt, erst einmal den Fahrer buchstäblich in Stücke schießt und im Anschluss voll auf die feindlichen Soldaten hält, deren Körper von den Salven zerteilt werden. Etliche weitere Szenen halten das brutale Niveau, und die FSK zeigte sich ob dieser Gewaltdarstellung ungnädig und verweigerte der ungeschnittenen Fassung die Freigabe, weshalb sie 2008 parallel zur zensierten FSK-18-Fassung mit SPIO/JK-Siegel (keine schwere Jugendgefährdung) veröffentlicht wurde. Im selben Jahr wurde sie von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert.

John Rambo greift ein

Der Body Count ist immens, und spätestens wenn im explosiven Showdown sogar Missionar Michael Burnett jegliche Contenance verliert und einen burmesischen Soldaten mit dem Stein erschlägt, wird deutlich, dass Pazifismus nicht die Botschaft des Films ist. Ich entsinne mich einer Diskussion in irgendeinem Internetforum vor Jahren, in der ein Teilnehmer allen Ernstes behauptete, bei „John Rambo“ handle es sich um einen Antikriegsfilm. Tatsächlich ist er alles andere als das. Zu monströs werden die burmesischen Täter in Uniform dargestellt, allen voran ihr Anführer Major Tint, zu sehr wünschen wir uns, dass er und seine Leute ihre gerechte Strafe erhalten und draufgehen.

Sylvester Stallone suchte sich als Setting für den Film bewusst einen bestehenden Konflikt aus, der damals kaum in der Weltöffentlichkeit präsent war – so kam er auf die Unterdrückung des Karen-Volks durch die burmesische Militärjunta. Ich entsinne mich auch, dass die verfolgte Minderheit durch „John Rambo“ tatsächlich weltweit Aufmerksamkeit erhielt. Mit Maung Maung Khin ließ Stallone einen echten Karen-Rebellen mitwirken – er gab ihm ausgerechnet die Rolle des grausamen Major Tint. Den Trivia der IMDb zufolge übernahmen burmesische Freiheitskämpfer später Zeilen aus dem Film als Schlachtrufe, darunter natürlich auch Live for nothing, or die for something.. Dieser Umstand gehört zu den stolzesten Momenten, die Stallone in seiner Karriere erlebt hat, wie er daraufhin kundtat.

Stallones Langfassung ein Jahr später

Obwohl „John Rambo“ in der ungeschnittenen Fassung auf mich rund wirkt, ließ es sich Sylvester Stallone 2009 nicht nehmen, einen Extended Cut hinterherzuschieben. Er hatte zwar auch beim Schnitt der Kinofassung ausreichend Mitspracherecht gehabt, entschied sich aber später dennoch, etwas mehr charakterliche Tiefe in den Film und beispielsweise John Rambos Beziehung zur Missionarin Sarah mehr Raum zu geben. Diese Schnittfassung hat es bislang nicht nach Deutschland geschafft. Ob sich das im Zuge der aktuell gestiegenen Aufmerksamkeit für das Franchise dank des neuen Kinofilms „Rambo – Last Blood“ ändern wird, ist spekulativ, einstweilen verweise ich auf den beide Fassungen vergleichenden Schnittbericht.

Sylvester Stallone galt kurz nach der Jahrtausendwende als Auslaufmodell, Relikt vergangener Action-Zeiten, doch dann gelang ihm binnen weniger Jahre mit seinen beiden Signature-Rollen ein bemerkenswertes Comeback – zwei Jahre vor „John Rambo“ hatte er 2006 mit „Rocky Balboa“ in die Erfolgsspur zurückgefunden. 2010 rief er mit „The Expendables“ gar ein weiteres Franchise ins Leben. Es sei ihm gegönnt. „John Rambo“ geht als Action-Highlight der Nullerjahre durch und toppt die beiden Vorgänger der Reihe spielend.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Sylvester Stallone sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 28. Mai 2010 als Blu-ray (Premium Collection, FSK 18), 24. Juli 2009 als Blu-ray, 29. Juni 2008 als Blu-ray (SPIO/JK) und Blu-ray (SPIO/JK) im Steelbook, 27. Juni 2008 als DVD (FSK 18), DVD (SPIO/JK) und DVD (SPIO/JK) im Steelbook

Länge: 91 Min. (Blu-ray, SPIO/JK), 89 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD, SPIO/JK) 85 Min. (DVD, FSK 18)
Altersfreigabe: FSK 18 bzw. SPIO/JK
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Rambo
D/USA 2008
Regie: Sylvester Stallone
Drehbuch: Art Monterastelli, Sylvester Stallone
Besetzung: Sylvester Stallone, Julie Benz, Matthew Marsden, Graham McTavish, Reynaldo Gallegos, Jake La Botz, Tim Kang, Maung Maung Khin, Paul Schulze
Zusatzmaterial: Making-of, deutscher Kinotrailer
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshots deutsche Blu-rays: © Warner Home Video

 

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