RSS

Filmfest Hamburg Spezial: Ami – Porträt einer beeindruckenden Hanseatin

26 Sep

Ami

Filmfest Hamburg:
Sonntag, 29. September 2019, 12 Uhr: Metropolis, Stephansplatz
Mittwoch, 2. Oktober 2019, 20 Uhr: Koralle Lichtspielhaus, Volksdorf

Von Philipp Ludwig

Gesellschafts-Doku // Bevor ich die Rezension über das neue dokumentarische Filmporträt „Ami“ beginne, erfolgt an dieser Stelle zunächst einmal kurz ein Hinweis über meine Beziehung zu dessen junger Regisseurin. Handelt es sich hierbei doch um meine äußerst geschätzte Mitbewohnerin, Studienkollegin und derzeitige Masterarbeits-Leidensgenossin Jana Stüven. Wir stehen bei „Die Nacht der lebenden Texte“ selbstverständlich für Transparenz und es soll hinterher niemand sagen, meine positiven Worte und Empfehlungen zu Janas Erstlingswerk seien in irgendeiner Form an der Grenze zur Klüngelei oder gar Gefälligkeitsrezension. Allen Skeptikern da draußen versichere ich: Ihr erster eigener Dokumentarfilm ist dermaßen gelungen, dass er mich gewiss auch ohne eine persönliche Beziehung zu dem Menschen hinter der Kamera überzeugt hätte – auch wenn man den freundschaftlichen Blick wohl nie komplett ausblenden kann.

Gestatten: Annemarie „Ami“ Dose

Wer bei „Ami“ an Amerika denkt, ist auf dem Holzweg – der Filmtitel verweist auf die Protagonistin Annemarie Dose, die von allen stets nur „Ami“ genannt wurde. Gerade Hamburgerinnen und Hamburgern dürfte die 2016 verstorbene Volksdorferin, als Gründerin der Hamburger Tafel, mehr als nur ein Begriff sein. Jana, die selbst seit etwa dreieinhalb Jahren ehrenamtlich bei der Tafel als Helferin aktiv ist, konnte Annemarie Dose zwar nicht mehr persönlich kennenlernen, war aber von der im Umfeld der Tafel auch weiterhin schier allgegenwärtigen Persönlichkeit der Verstorbenen dermaßen beeindruckt, dass sie mehr erfahren wollte. So kam sie Ende 2017 zu dem Entschluss, dass die beeindruckende Dame und deren interessante Lebensgeschichte allemal ein filmisches Zeugnis verdient hätte. Die Idee zu „Ami“ war geboren.

Eine Stimme Hamburgs, die fehlt

Jana legt in ihrem Debütfilm daher vor allem Wert auf den Menschen Ami. Sie thematisiert zwar auch die Geschichte der Hamburger Tafel und deren beeindruckende Entwicklung sowie Arbeit sowohl in Vergangenheit als auch Gegenwart und Zukunft, in erster Linie geht es aber um die persönliche Geschichte von Annemarie Dose. Die gründete 1994 im Alter von 66 Jahren und mit der Hilfe von ein paar Gleichgesinnten die Hamburger Ausgabe der Tafel – als kleinen Verein und damals dritte Organisation dieser Art in Deutschland. Die Dame aus „feinem Hause“ war sich in den nachfolgenden mehr als 20 Jahren nicht zu schade, nahezu ihre gesamte, als Trotzreaktion auf den kurz zuvor erfolgten Tod ihres Ehemannes freigewordene Energie und neuentdeckte Leidenschaft in den Aufbau und den Erfolg ihres Lebenswerkes zu stecken. Selbst auf dem Sterbebett gab die dort bereits über 80-jährige, schwerkranke Frau noch Notizen mit Anweisungen für die Arbeit in der Hamburger Tafel weiter.

Annemarie Doses Lebenswerk: die Hamburger Tafel

Jana Stüven entschied sich, Amis Lebensgeschichte in erster Linie als Interviewfilm zu inszenieren und auf einen alles erklärenden Erzähler zu verzichten. Profitieren kann sie hierbei vor allem von der engen Zusammenarbeit mit Annemarie Doses Familienmitgliedern, die zwar zunächst verständlicherweise zögerlich auf ihren Vorschlag eines Dokumentarfilms reagierten, dann aber doch recht zügig Offenheit für das Projekt entwickelten. So geben die umfangreichen Interviewpassagen mit Amis Töchtern und deren zahlreichen Enkelkindern sowie engen Freundinnen/Freunden und Wegbegleiterinnen/Wegbegleitern in der Hamburger Tafel und darüber hinaus tiefe Einblicke in den interessanten Menschen hinter der öffentlich bekannten Persönlichkeit.

Gerade diese mitunter zutiefst emotionalen, zum Teil aber auch urkomischen Anmerkungen der engsten Angehörigen zu den zahlreichen Eigenheiten des vielschichtigen Charakters von Ami sind dann auch die große Stärke des Films. Man merkt, dass die Angehörigen mit ihrer Offenheit ein großes Vertrauen zu der sympathischen wie umgänglichen Jana entwickelten – und sie wurden nicht von ihr enttäuscht. Das Einverständnis der Familie war Jana, aufgrund der langen Zeit, die sie mit diesen in den zahlreichen Interviews verbrachte, und der intimen persönlichen Details, die hier mitunter preisgegeben wurden, daher auch besonders wichtig. So zeigte sie den fertigen Film „Ami“ zunächst im Kreise der Familie Dose und versprach, diesen danach nur mit deren Einverständnis öffentlich zu zeigen. Zum Glück für uns waren sie es, und wenn man die Reaktionen der Angehörigen auf das bewegende Porträt ihrer Großmutter, Mutter und Freundin miterleben durfte, kann das einen schon selbst zum Schlucken bringen. Aber auch so bietet der anrührende Dokumentarfilm genügend Potenzial zur emotionalen Teilnahme.

Dokumentarfilmische Abwechslung garantiert

Jana zeigt in „Ami“ nicht nur Interviewausschnitte – ergänzt werden diese etwa von zahlreichen toll gefilmten Aufnahmen Hamburgs, den Gebäuden der Tafel und deren Mitarbeitern bei der Arbeit oder alten Fotos und Filmaufnahmen von Annemarie Dose aus dem Familienbesitz. Ebenso werden immer mal wieder auditive Schnipsel aus einem altem Radiointerview mit Ami eingespielt, sodass die Protagonistin des Films nicht nur als imaginärer Geist über den Dingen schwebt, sondern somit auch noch einmal menschlich und emotional greifbarer gemacht wird. Zudem entschied sich Jana bewusst dazu, selbst gelegentlich vor der Kamera in Aktion zu treten. So sieht man sie beispielsweise auf Spurensuche bei Amis Angehörigen in der alten Heimat, einem Dorf nahe Dresden – ebenso packt sie auf einer Tour der Hamburger Tafel bei der Lebensmittelbeschaffung tatkräftig mit an.

Erinnerungen an die Oma: Amis Enkelinnen haben sichtlich Spaß

Nachdem Jana ihre Idee, einen Film über Ami zu drehen, weiter vorantrieb, begann sie im Sommer 2018 schlussendlich mit den insgesamt ein halbes Jahr in Anspruch nehmenden Dreharbeiten. Unterstützung erhielt sie hierbei durch ihre Freunde Johannes, der als Kameramann fungierte und bei der späteren Bildbearbeitung half, sowie Christian, der ihr bei den Aufnahmen des Settons und der späteren Tonmischung zur Seite stand. Jana griff aber auch immer mal wieder selbst zur Kamera. Die aufwendige Post-Produktion dauerte ein weiteres halbes Jahr, die Jana in erster Linie allein bei uns in der WG am eigenen MacBook absolvierte – allerdings griffen ihr ihre Freunde auch hier immer wieder mit Rat und Tat unter die Arme. Zu dem Trio gesellte sich nun auch Hans, der einen stimmigen, zwischen locker-leichter und berührender musikalischer Untermalung angesiedelten Soundtrack zum Film komponierte und das Team vervollständigte.

Eigenproduktion im wahrsten Sinne des Wortes

Auch die Finanzierung des Films erfolgte ausschließlich aus privaten Mitteln von Jana ebenso wie auch ihren Helfern, die vor allem ihre persönliche Zeit und Expertise als Ressourcen zur Verfügung stellten. Zudem stand ihnen technisch hochwertige Ausrüstung zur Verfügung, was insbesondere der hervorragenden Bild- und Tonqualität von „Ami“ zugutekommt. Darüber hinaus verfügen alle Helfer über erste private und berufliche Erfahrungen in ihren Aufgabengebieten, und auch Jana hat mehrmals bewiesen, dass sie als angehende Medienwissenschaftlerin (wie wir alle natürlich) nicht bloß eine hervorragende Theoretikerin ist – sie hat hinter der Kamera bereits eigene professionelle Kurzbeiträge verantwortet. Dennoch, so ein Langspielfilm macht sich natürlich nicht von selbst und wenn man das ästhetisch hochwertige Endprodukt sieht, so würden wohl nur die wenigsten darauf kommen, dass es sich hierbei um einen Debütfilm handelt.

Auf Spurensuche: Die Filmemacherin (l.) tritt auch selbst vor der Kamera in Aktion

„Ami“ ist also vor allem das gemeinschaftliche Werk von Freunden, die viel persönliche Zeit, Arbeit und Leidenschaft in diesen Film investiert haben. Jana gelingt als Produzentin, Regisseurin, Cutterin und Kameraassistentin in Personalunion ein rundum ansprechendes Gesamtwerk, das nicht nur informiert, sondern auch unterhält und berührt. Gerade der Spagat zwischen tief emotionalen wie auch äußerst humorvollen Momenten, die die bewegende Lebensgeschichte der Annemarie Dose zu bieten hat, gelingt Jana phänomenal und macht eine der grundlegenden Stärken des Films aus. Wenn man überhaupt einmal zur Kritik ausholen möchte, dann in erster Linie ob der Laufzeit des Films. Aufgrund der kurzweiligen Inszenierung hätte der Film ruhig ein klein wenig länger sein und eventuell ein wenig mehr vom hochinteressanten Arbeitsalltag innerhalb der Hamburger Tafel zeigen können. Ebenso hätte es mich interessiert, mehr über die im Film kurz angesprochene Problematik der Lebensmittelverschwendung zu erfahren. Aber dies ist nun wirklich die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen, der wir nörgeligen Filmkritiker so gern nachgehen. Außerdem betont Jana selbst, dass es ihr in erster Linie darum ging, ein Porträt über den Menschen Annemarie Dose zu kreieren – und nicht etwa einen „Werbefilm“ oder eine Dokumentation über die Hamburger Tafel an sich – auch wenn diese wunderbare Einrichtung jede Werbung verdient hat.

Zweimal „Ami“ beim Filmfest Hamburg

Bedenkt man darüber hinaus, dass Jana den Film quasi „nebenbei“ bearbeitet hat – neben einer Reihe anderer beruflicher, ehrenamtlicher und privater Verpflichtungen, ganz zu schweigen von ihrer Vorbereitung auf die Masterarbeit – kann man ob des ästhetisch wie erzählerisch gelungenen filmischen Ergebnisses nur umso mehr den Hut ziehen. Eine wirklich beeindruckende und tolle Leistung. Nicht umsonst haben auch die Organisatorinnen und Organisatoren des Filmfest Hamburg entschieden, „Ami“ nicht bloß einmal, sondern gleich zweimal im Rahmen des diesjährigen Filmfestes zu zeigen. Wer sich also selbst einen Eindruck von Jana Stüvens Dokumentarfilm-Debüt machen will, kann dies am Sonntag, 29. September, um 12 Uhr im Metropolis am Stephansplatz oder am Mittwoch, 2. Oktober, um 20 Uhr im Koralle Lichtspielhaus in Volksdorf tun.

Ein Blick in die Vergangenheit: Aufnahmen der kleinen Annemarie

Bei beiden Terminen wird die junge Filmemacherin zusammen mit anderen am Film beteiligten Personen vor Ort sein und im Anschluss der Vorführungen mit diesen auf dem Podium für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung stehen. Was über das Filmfest hinaus mit „Ami“ passiert, ist derzeit noch offen. Es ist zu hoffen, dass der Film die Aufmerksamkeit erhält, die er verdient. Und dass Jana hier ihre Berufung gefunden hat und uns hoffentlich auch in Zukunft mit weiteren Werken beglücken wird. Zum Abschluss ein Aufruf, der auch im Interesse von Ami, aller Mitwirkenden des Films sowie Jana selbst sein dürfte: Unterstützt die Hamburger Tafel, denn sie ist sehr gut!

Was es wohl mit dem alten Rundfunkgerät auf sich hat?

Länge: 79 Min.
Altersfreigabe: 6
Originaltitel: Ami
D 2019
Regie/Produktion: Jana Stüven
Kamera/Bildgestaltung: Johannes Schmidt
Setton: Johannes Schmidt, Christian Jahnke
Schnitt: Jana Stüven
Tonmischung: Christian Jahnke
Colour Grading: Johannes Schmidt
Musik: Hans Könnecke
Kameraassistenz: Jana Stüven
Mitwirkende: Mats Regenbogen, Nick Reiher, Rike Reiher, Marlene Ray, Charlotte Irrgang, Stefanie Reiher, Susanne Irrgang, Steffen Manig, Egbert Läufer, Birgit Müller, Stephan Reimers, Jürgen Gessner, Claus Herda, Jan Henrik Hellwege
Verleih: N. N.

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 by Jana Stüven

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: