RSS

Horror für Halloween (VI): Dienerinnen des Satans – Rache aus dem Reich der Toten

28 Sep

Les démoniaques

Von Andreas Eckenfels

Horror // Zum Ende des 19. Jahrhunderts treiben vier Strandräuber an einem nicht näher benannten Küstenort ihr Unwesen. Der „Kapitän“ (John Rico), Le Bosco (Willy Braque), Paul (Paul Bisciglia) und die dralle Tina (Joëlle Coeur) betreiben ihren Lebensunterhalt damit, vorbeifahrende Schiffe mit Leuchtfeuern an die tödlichen Klippen zu locken. Anschließend plündern sie die Wracks.

Der Kapitän und Tina vergnügen sich über ihre fette Beute

Eines Nachts will die Bande gerade ein zerschelltes Schiff nach wertvoller Fracht durchsuchen, als plötzlich zwei verwirrte, junge Frauen (Lieva Lone, Patricia Hermenier) aus dem Wasser steigen, die sich offenbar an Bord befunden hatten. Die zwei Schiffbrüchigen bitten um Hilfe – vergebens! Die Strandräuber kennen keine Gnade mit ihren wehrlosen Opfern: Sie demütigen, verprügeln, vergewaltigen und töten die Frauen.

Den zwei schiffbrüchigen Frauen wird noch mehr Leid zuteil

Kurze Zeit später fühlt sich der angetrunkene „Kapitän“ in der Taverne von Geistern verfolgt. Tatsächlich liegt dies nicht an seinem ausufernden Biergenuss: Die Frauen sind nach ihrem Tod einen Bund mit dem Teufel (Miletic Zivomir) eingegangen. Für eine Nacht erhalten sie die Kräfte des Beelzebubs, um an ihren Peinigern blutige Rache zu üben …

Expressionistisches Abenteuer

In seinem sechsten Langfilm, den Jean Rollin unter seinem eigenen Namen veröffentlicht hat, setzt der französische Regisseur erstmals keine Vampire ins Zentrum der Geschichte. Dennoch fehlt das Motiv der Rückkehr aus dem Reich der Toten nicht. Sein „Dienerinnen des Satans“ versteht er als eine Hommage auf die alten Mantel-und-Degen-Abenteuerfilme aus Hollywood, die er als Kind immer gern gesehen hat. Zudem betont Rollin im Vorwort, dass er bei der Inszenierung auf eine expressionistische Bildsprache setzte, was auch die übermäßige Theatralik seiner Darsteller erklärt. Die Einführung erfolgt dann auch hübsch altmodisch mit Einzelporträts der vier Strandräuber. Eine Erzähler-Stimme berichtet dabei von deren vergangenen Taten und den jeweiligen Eigenschaften des Quartetts. Doch wer glaubt, dass es sich hier um die Helden des Films handelt, wird schnell eines Besseren belehrt, wenn die widerwärtigen Vier die zwei Frauen zu Tode quälen, was aufgrund der Länge der Szene recht schmerzhaft mitanzusehen ist.

Die Strandräuber schieben eine Nummer

So wandelt sich das vermeintliche Piraten-Abenteuer zu einer Art übernatürlichem Rape-and-Revenge-Film, welcher in seinen satten Farben auch ein wenig an die Werke aus den Hammer Studios erinnert – nur eben mit mehr Sex und Gewalt. Dass die zwei Frauen in einer verlassenen Abtei-Ruine von einer Clownin (Mireille Dargent) zu einem Exorzisten (Ben Zimet) geführt werden und der Teufel in einem Kerker eingesperrt ist, gehört nun mal zur verschrobenen-bizarren Welt von Jean Rollin, die man immer mehr zu schätzen lernt, je mehr Werke dieses außergewöhnlichen Filmemachers man entdeckt.

Vor dem „Pornograf“ Rollin wird gewarnt!

Um finanziell über die Runden zu kommen, war Rollin in seiner Karriere immer wieder gezwungen, Pornofilme herunterzukurbeln. Für diese Auftragsarbeiten nutzte er häufig die Pseudonyme Michel Gentil oder René Xavier. Bei einem dieser Werke – „Jeunes filles impudiques“ (1973, übersetzt „Junge, schamlose Mädchen“) – arbeitete er bereits mit Joëlle Coeur zusammen, die auf derlei Sexfilme abonniert war. Eine dieser Bettgeschichten aus ihrer Filmografie trägt einen herrlichen deutschen Titel: „Die fröhlichen Holzfäller der nickenden Fichten“ (1974).

In der Kneipe wird der Kapitän von den Geistern der Toten verfolgt

Auch für „Dienerinnen des Satans“ wurden zur besseren Vermarktung freizügige Sexszenen benötigt. Wie Pelle Felsch in seinem wieder einmal höchst lesenswerten Booklettext berichtet, sprang Rollins angedachte Wunschbesetzung für die verführerische Tina ab, „weil man sie vor dem ,Pornografen‘ Rollin, der junge Schauspielerinnen zur Prostitution zwang, um an Geld für seine Filme zu kommen, gewarnt hatte“. So übernahm nun Coeur die Rolle der Tina, die zwar wenig Schauspielkunst, aber dafür vollen Körpereinsatz zeigt. Bei einer Szene wirkt dies besonders skurril, wenn sie sich an der gezeigten Gewalt gegen die zwei namenlosen Frauen regelrecht aufzugeilen scheint. Mit dieser Mischung aus Erotik und Horror bleibt sie jedoch wesentlich länger im Gedächtnis als Lieva Lone und Patricia Hermenier, die als Rachegeister äußerst passiv bleiben. Der Akt der Vergeltung der beiden Wiederkehrerinnen läuft etwas anders ab als im Genre üblich. Rollin findet wenigstens für Lone und Hermenier ein wunderschön-poetisches Schlussbild, welches am Strand der französischen Insel Chausey gedreht wurde.

Die Untoten bekommen bei ihrer Rache Hilfe von einer Clownin …

Auch wegen des knappen Budgets setzte Rollin bei der Besetzung der Hauptdarsteller auf alte Mitstreiter. Wie Coeur war der französische Darsteller Willy Braque schon in „Jeunes filles impudiques“ dabei und war später in weiteren Rollin-Filmen zu sehen, außerdem spielte er auch für Jess Franco. Während des Drehs soll Braque mit Alkohol- und Drogenproblemen zu kämpfen gehabt und mit seiner Sucht die Nerven seiner Kollegen strapaziert haben.

… und vom Teufel höchstpersönlich

Laut David Hinds, Autor von „Fascination: The Celluloid Dreams of Jean Rollin“, wurde Braque nach seiner Schauspielkarriere Pilot und verkaufte auch gebrauchte Flugzeuge. Den 1928 in Algiers geborenen Paul Bisciglia kannte Rollin noch von „Die Folterkammer der Vampire“ (1971). Bisciglia besitzt eine eindrucksvolle Filmografie mit über 200 Werken, wenn es auch meist Nebenrollen waren. Unter anderem war er in Claude Chabrols „Schrei, wenn du kannst“ (1958) und in „Nachblende (1975) von Andrzej Zulawski zu sehen.

Weltweit längste Fassung

Wicked-Vision Media hat „Dienerinnen des Satans“ mit drei alternativen Mediabook-Covermotiven als dritten Beitrag in der „Jean Rollin Collection“ veröffentlicht. Gleichzeitig handelt es sich um eine deutsche Erstveröffentlichung. Der Film wird zudem in der weltweit längsten Fassung präsentiert und ist damit in Sachen Lauflänge, aber auch Bildqualität selbst der US-Blu-ray aus dem Hause Redemption überlegen, die bereits als „Unrated Extended Cut“ tituliert war. Die Unterschiede haben die Kollegen von schnittberichte.com hier notiert.

Tod am Strand

Die Filme der „Jean Rollin Collection“ von Wicked-Vision Media haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt.

Veröffentlichung: 31. März 2017 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 3 Covermotive à 500 Exemplare)

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Les démoniaques
F/BEL 1974
Regie: Jean Rollin
Drehbuch: Jean Rollin
Besetzung: Joëlle Coeur, John Rico, Willy Braque, Paul Bisciglia, Lieva Lone, Patricia Hermenier, Louise Dhour, Ben Zimet, Mireille Dargent
Zusatzmaterial: 24-seitiges Booklet mit Texten von Pelle Felsch und Oliver Nöding, Audiokommentar zu ausgewählten Szenen von Jean Rollin, Featurette: „Les Démoniques“, Interview mit Willy Braque, entfernte Sexszene, Outtake-Footage, deutscher Trailer, französischer Trailer, US-Trailer, Bildergalerie, Trailer
Vertrieb: Wicked-Vision Media

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & Packshots: © 2017 Wicked-Vision Media

 

Schlagwörter: , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: