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Horror für Halloween (XV): Das Schweigen der Lämmer – Von Befreiung und Entfaltung

07 Okt

The Silence of the Lambs

Von Lucas Gröning

Horrorthriller // 1988 veröffentlichte der US-amerikanische Autor Thomas Harris den Roman „The Silence of the Lambs“, in Deutschland unter dem Titel „Das Schweigen der Lämmer“ erschienen. Sehr frei angelehnt an den – vielleicht eher inspiriert von dem – realen Serienkiller Ed Gein, bildet das Buch neben den Romanen „Manhunter“ (1981), „Hannibal“ (1999) und „Hannibal Rising“ (2006) den zweiten Teil einer Reihe um die FBI-Agentin Clarice Starling und den Serienkiller Hannibal Lecter, wobei Starling lediglich im zweiten und dritten Roman in Erscheinung tritt. „Das Schweigen der Lämmer“ wurde 1991 unter dem gleichen Titel von Jonathan Demme verfilmt. Der Film gilt neben dem AIDS-Drama „Philadelphia“ (1993) als das bekannteste und beste Werk des Regisseurs, was auch die Oscarverleihung 1992 unterstreichen sollte: Dort räumte „Das Schweigen der Lämmer“ als einer von nur drei Filmen neben „Es geschah in einer Nacht“ (1934) und „Einer flog über das Kuckuksnest“ (1975) die sogenannten „Big Five“ ab – die fünf wichtigsten Preise der Veranstaltung. So gewann der Horrorthriller den Preis für den besten Film, die beste Regie und das beste adaptierte Drehbuch, geschrieben von Ted Tally. Darüber hinaus konnte Jodie Foster für ihre Darstellung der Clarice Starling den Oscar für die beste Hauptdarstellerin ergattern, während Anthony Hopkins zum besten männlichen Hauptdarsteller gekürt wurde. Jodie Foster gewann außerdem den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin, in allen anderen Kategorien ging der Horrorthriller dort leer aus. Die Vielzahl an positiven Referenzen lässt es bereits erahnen, und ich will es zu Beginn der Rezension schon einmal vorwegnehmen: „Das Schweigen der Lämmer“ ist ein fantastischer Film.

Vergangenheit versus Zukunft

Der Film hält sich in seiner Erzählung dabei recht nahe an Thomas Harris’ Romanvorlage. Die FBI-Studentin Clarice Starling (Jodie Foster) wird von Chefermittler Jack Crawford (Scott Glenn) darauf angesetzt, den gefangenen Serienmörder und ehemaligen Psychater Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) zu befragen, um durch diesen einen Hinweis auf die Identität des Serienkillers Buffalo Bill (Ted Levine) zu bekommen. Lecter erweist sich als hochintelligent und gebildet. Er ist sich der Tatsache bewusst, dass er seine Gefängnisszelle womöglich nie wieder verlassen wird. Als sich Starling davon beeindruckt zeigt, dass Lecter den Florenzer Dom sowie die umliegenden Häuser fehlerfrei aus dem Gedächtnis heraus zeichnen kann, entgegnet ihr der Kannibale, es sei das Gedächnis, was er statt einer Aussicht habe. Es ist also lediglich die Vergangenheit, auf die sich Lecter im Angesicht einer ungewissen Zukunft beziehen und berufen kann. Umso schwerer wird es, den einstigen Serienmörder von einer Zusammenarbeit mit den Behörden zu überzeugen. Das Einzige, was ihn letzendlich dazu bewegt, dem FBI zu helfen, ist Clarice Starling, von der er verlangt, bei jedem Treffen für jede neue Information etwas aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Obwohl ihr das sichtlich unangenehm ist, willigt die Agentin ein und lässt den Psychater auf diese Weise in ihren Kopf blicken. Die Bewältigung ihrer Vergangenheit steht dabei im Gegensatz zu dem, was wir bis dato von der jungen Studentin erfahren haben. Sie wurde seit Beginn der Geschichte als engagierte, karriere- und vor allem zukunftsorientierte Frau präsentiert. Die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit ist neu für sie und wir erfahren durch die Gespräche zwischen den beiden immer mehr über die wahren Hintergründe ihrer Tätigkeit beim FBI.

Gefangenschaft versus Entfaltung

Abgesehen von ihrer Vergangenheit, über die ich an dieser Stelle nicht mehr Informationen preisgeben möchte, wird ihr Voranschreiten in der Geschichte auch durch andere Motive geprägt. Besonders ins Auge fällt hier das Motiv der sexuellen Begierde, was eng mit Starlings Identität als Frau zusammenhängt. Will sie eigentlich als kompetente FBI-Agentin wahrgenommen werden, fallen von Lecter und auch von ihren männlichen Kollegen immer wieder verbale Anspielungen auf ihre optische Attraktivität, genauso wie Blicke sexueller Anziehung. So fragt Lecter sie in in einer Szene, ob sie sich vorstellen könne, dass ihr Vorgesetzter Crawford jemals Gedanken gehabt habe, wie es wäre, Sex mit ihr zu haben. Diese Betrachtungsweise der jungen Frau zieht sich bis zum Ende durch den gesamten Film. Eine Betrachtungsweise, von der sich Starling befreien und somit ihre ganz persönliche Emanzipation in der Gesellschaft erreichen will. Mit anderen Worten: Sie will sich aus der Gefangenschaft ihrer Identität befreien. Etwas, was die anderen Protagonisten der Geschichte ebenfalls in abgewandelter Form erreichen wollen.

Bei Hannibal Lecter bezieht sich diese Entfaltung nicht auf seine eigene Identität. Mit dieser ist er sowohl mit sich als auch im Kontext zu den gesellschaftlichen Konventionen im Reinen. Selbst sein Dasein als Kannibale betrachtet er als Teil seiner menschlichen Natur und sieht, trotz der öffentlichen Ablehnung dieser Art der Ernährung, keinen Grund, diese Gewohnheit abzulegen. Sein Bedürfnis nach Befreiung bezieht sich eher auf sein Dasein als Gefangener des Staates. Gerade weil er keine Aussicht auf Befreiung aus seiner kleinen Gefängniszelle hat, konzentriert er seine Aufmerksamkeit auf die Vergangenheit, in der er ein freier Mann war, und auf die Leben anderer Menschen wie Clarice Starling, die sich in Freiheit befinden. Am deutlichsten ersichtlich wird dieses Motiv aber beim Antagonisten des Films, Buffalo Bill. Dieser zieht seinen Opfern nach deren Tod die Haut ab. In den Hälsen der Opfer hinterlässt er stets den Kokon einer Raupe. Wie Lecter Starling erläutert, steht der Kokon und der sich künftig daraus entwickelnde Schmetterling für eine Verwandlung und damit auch für eine Entfaltung, die Buffalo Bill anstrebt. Wie wir erfahren, benutzt der Mörder die Häute der getöteten Frauen, um sich selbst ein Kleid zu nähen und so in gewisser Weise die Identität der Frauen als seine eigene anzunehmen. Bei ihm ist es die Existenz als Mann, die er abzulegen versucht und aus der er sich befreien will.

Privater Raum versus öffentlicher Raum

Eine Entfaltung die, und das ist sein Dilemma, jedoch nicht außerhalb seiner eigenen vier Wände stattfinden kann. Natürlich kann er schlecht mit einem Kleid aus menschlicher Haut durch die öffentlichen Straßen laufen, ohne auf Ablehnung zu stoßen. Seine Verwandlung und damit seine eigentliche Persönlichkeit muss im Privaten bleiben, wenn er ein Leben als frei operierender Mensch führen will. Seine wahre Persönlichkeit kommt somit lediglich in Szenen zum Vorschein, in denen wir den Mörder im Keller seines eigenen Hauses beobachten können oder sie wird uns in den Gesprächen zwischen Lecter und Starling näher gebracht. Es bildet sich hier also eine Diskrepanz zwischen der Notwendigkeit, sich nicht verdächtig zu machen und im öffentlichen Raum als gewöhnlicher Mann zu bewegen und der tatsächlichen Persönlichkeit, die er nur im Verborgenen ausleben kann. Ähnlich ambivalent verhält es sich mit den Bestrebungen von Starling und Lecter. Starling will auf der einen Seite, im Angesicht ihrer omnipräsenten Darstellung und Wahrnehmung als sexuelles Objekt der Begierde, in der Masse an FBI-Anwärtern verschwinden und ähnlich flüchtig wahrgenommen werden wie ihre männlichen Kollegen, die recht häufig in Gruppen auftauchen und von der Kamera auch nur im Kollektiv eingefangen werden. Diese als Individuen wahrzunehmen ist dadurch nur sehr eingeschränkt möglich. Zum anderen wünscht sich Starling Anerkennung und will daher auch aus der Masse herausstechen, da dies den einzigen Weg zu einer erfolgreichen Karriere darstellt. Hannibal Lecter wiederum wurde jegliches Recht auf Privatheit durch die Gefangenschaft genommen. Zwar verbringt er den Großteil seiner Lebenszeit allein in einer Zelle, jedoch wird jeder Schritt seines Handelns oder Seins beobachtet. Und obwohl gerade der öffentliche Raum voller Menschen ist und man annehmen könnte, dass sich ein Mensch gerade dort unter der Beobachtung vieler anderer befindet, so ist es einzig die Öffentlichkeit, in der der Kannibale sich ganz verstecken kann, um im wahrsten Sinne des Wortes in der Masse zu verschwinden.

Die Geburt einer Ikone

Nicht in der Masse verschwindet in jedem Fall der Film selbst. Mit „Das Schweigen der Lämmer“ ist Jonathan Demme und seiner Crew ein grandioses Werk gelungen. Die Geschichte der Vorlage wird dabei von großartigen Darstellern auf virtuose und kreative Weise erzählt. Hier werden, vor allem im Hinblick auf die Kameraarbeit, alle Register des Filmemachens gezogen. Die Kamera zeigt ihre Figuren oftmals ganz nah, sodass wir Zuschauer den Figuren tief in die Augen blicken können. Zugleich werden nur äußerst selten mehrere Figuren in einer Einstellung gezeigt. Besonders bei Starling, Lecter und Buffalo Bill fällt das auf. Der Film isoliert diese drei Figuren auf ihrer Suche nach Befreiung von der restlichen Welt und schafft so eine unheilvolle Atmosphäre des Alleinseins, sowohl in Bezug zu seinen Figuren als auch beim Zuschauer. Die Kombination dieser nahen und isolierenden Bilder mit der unheimlichen Atmosphäre und dem generell gruseligen Wesen des intellektuellen Hannibal Lecter, haben außerdem dafür gesorgt, dass sich dieser zu einer Ikone der Popkultur entwickelt hat. Der Kannibale wurde in den vergangenen Jahrzehnten von zahlreichen anderen Filmen oder Serien zitiert, und selbst wenn man „Das Schweigen der Lämmer“ nicht gesehen hat, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass man mit dem Namen der von Anthony Hopkins dargestellten Figur etwas anfangen kann. Völlig zu Recht hat sich der Schauspieler mit seiner Interpretation der Figur ein Denkmal im kollektiven Gedächtnis gesetzt. Doch in Anbetracht dieser Tatsache wird oft vergessen, dass man den gesamten Film zu den besten Werken der vergangenen drei Jahrzehnte zählen kann.

25. März 2016 als 3-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & 2 DVDs, drei Covervarianten), 21. März 2016 als auf 1.000 Exemplare limitierte Blu-ray (Scary Metal Collection), 26. November 2014 als 3-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & 2 DVDs, drei Covervarianten), 20. Februar 2009 als Blu-ray, 10. Oktober 2006 als DVD, 27. April 2004 als 2-Disc Gold Edition DVD, 1. Oktober 2002 und 2. August 2001 als DVD

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Anthony Hopkins haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Silence of the Lambs
USA 1991
Regie: Jonathan Demme
Drehbuch: Ted Tally, nach dem Roman von Thomas Harris
Besetzung: Jodie Foster, Anthony Hopkins, Scott Glenn, Ted Levine, Brooke Smith, Diane Baker, Lawrence A. Bonney, Kasie Lemmons, Anthony Heald, Lawrence T. Wrentz, Frankie Faison
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb 2014/2016: ’84 Entertainment
Label/Vertrieb 2001–2009: MGM / Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Gröning

 

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