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Horror für Halloween (XIX): Dark Waters – Blind, blass und blutig

12 Okt

Dark Waters

Von Lars Johansen

Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt. (H. P. Lovecraft)

Horror // Es war 1997, als ich in Christian Kesslers Buch „Das wilde Auge“ von „Dark Waters“ erfuhr. Zwölf Jahre später fiel mir zufällig die US-DVD mit eher schlechtem Bild in die Hände, aber ich war glücklich, den legendären Film endlich gesehen zu haben. Ganz so legendär fand ich ihn dann doch nicht, aber in Ordnung. Und jetzt habe ich ihn wieder gesehen. Er hat mir auf jeden Fall besser gefallen.

Auf der Fähre von Dunwich nach Innsmouth

Die junge Elizabeth (Louise Salter) fährt zu einem abgelegenen Landstrich in Russland und lässt sich bei stürmischem Wetter auf eine Insel übersetzen, auf welcher sich ein Nonnenkloster befindet, welches ihr Vater offenbar über viele Jahre finanziert hat. Er ist mittlerweile gestorben und sie will, gegen den ausdrücklichen Willen ihres Erzeugers, dorthin – auch um zu erkunden, was mit einer Freundin von ihr geschehen ist, die sich hier umgesehen hatte und irgendwann nichts mehr von sich hören ließ. Die Zuschauer wissen bereits, dass sie getötet worden ist. Elizabeth findet das und noch viel mehr heraus, unterstützt von einer jungen Nonne (Venera Simmons). Es geht um einen seltsamen Maler, ein geheimnisvolles altes Buch, dunkle Riten, ein großes steinernes Amulett (dessen Bruchstücke wieder zusammengefügt werden müssen) und schließlich um die Beschwörung einer uralten Kreatur aus dem Wasser. Nichts ist, wie es scheint.

Feuchte Erkenntnisse

Der 1967 in Neapel geborene Regisseur Mariano Baino dreht Filme, laut eigener Aussage, seitdem er acht Jahre alt ist, und hat neben diesem, seinem einzigen Langfilm, eine Handvoll Kurzfilme und ein paar Musikvideos geschaffen. Außerdem gestaltet er CD-Cover und hat seine Arbeiten aus dem Bereich der bildenden Kunst unter anderem in England, Italien und New York ausgestellt. Den Film „Dark Waters“, der mit englischen und russischen Geldern unter großen Problemen auf der Krim gedreht wurde, dem italienischen Kino zuzuschlagen, ist zwar rein formal falsch, aber inhaltlich richtig. Denn er steht ganz in der Tradition des italienischen Gothic-Horror-Kinos eines Mario Bava oder Antonio Margheriti zum Beispiel.

Geschwister: einst …

Außerdem klingt der berühmte fantastische US-Autor H. P. Lovecraft an, wenn der Film auch nicht konkret auf einer seiner Erzählungen beruht, sondern eher den von ihm ersonnenen Cthulhu-Mythos variiert. Aber zwei seiner bekanntesten Werke, nämlich die Erzählung „Schatten über Innsmouth“ und die Kurzgeschichte „Das Grauen von Dunwich“ haben ziemlich offensichtlich großen Einfluss auf den Film gehabt – sehr viele Elemente aus beiden tauchen auf und werden nicht ungeschickt miteinander verknüpft. Der Maler, welcher in einem verborgenen Raum unter dem Kloster die geradezu monströsen Ereignisse auf Papier bannt, erinnert an eine weitere Erzählung, nämlich „Pickmans Modell“. Das Buch schließlich, welches eine nicht unwichtige Rolle spielt, sieht dem aus „Tanz der Teufel“ („The Evil Dead“, USA 1982) sehr ähnlich, und natürlich ist damit das von Lovecraft erfundene Necronomicon gemeint. Der Regisseur und Drehbuchautor Mariano Baino räumt seine Inspiration durch diesen Autoren auch unumwunden ein. Natürlich kennt er sein Werk sichtbar sehr gut und es gelingt ihm exzellent, Lovecrafts Geist zu erfassen und filmisch geschickt umzusetzen.

… und jetzt

Gleichzeitig gibt es auf jeden Fall eine weitere Inspiration, nämlich Michael Winners „Hexensabbat“ („The Sentinel“, 1977), dessen grundsätzliches Handlungsgerüst von Baino einfach übernommen wurde. Vor allem der Plot-Twist am Ende ist nahezu identisch, nur dass die blinde Nonne aus „Dark Waters“ bei Winner ein ebenso blinder Priester und das Kloster auf einer abgelegenen Insel hier eben ein Mietshaus im nicht ganz so abgelegenen New York und gleichzeitig das Tor zur Hölle ist. Aber die Heldin befindet sich am Ende in der gleichen Situation.

Blinde Nonne

Man sieht „Dark Waters“ sein sehr beschränktes Budget eigentlich nur am Ende an, wenn das unnennbare Grauen dann doch gezeigt wird, was zwar ziemlich geschickt inszeniert ist, aber in der Sichtbarkeit doch weit hinter die Imagination zurückfällt. Die Hauptdarstellerin hat hernach keine großen Hauptrollen mehr gespielt und macht einen ordentlichen Job, aber auch nicht mehr. Die Nebenfiguren leben von ihrem teils skurrilen Äußeren und werden effizient eingesetzt. Das ist besonders bei einer Szene relativ am Anfang der Fall, wo die Mitfahrer in dem merkwürdigen kleinen Bus, mit dem die Heldin zum Kloster fährt, durch ihre pure Präsenz eine Atmosphäre des Fernen und Fremden erzeugen. Dem Regisseur gelingen immer wieder wunderbare Aufnahmen, die, fast schwarz-weiß mit ein paar bunten Tupfern, den Geist des Unheimlichen sehr gut abbilden. Lange bleibt im Dunkeln, worum es eigentlich geht, und für Momente ist man verwirrt, aber gerade das sind die Qualitäten eines Films, der immer wieder überraschende Auflösungen anbietet, die zu weiteren Rätseln führen, welche erst am Ende aufgelöst werden. Auch nach der fast zu klaren Auflösung bleibt eine leichte Unsicherheit, die Realität des Gezeigten betreffend. Trotz dieser deutlichen Qualitäten in vielen einzelnen Szenen des Films ist das Gesamtergebnis doch ein wenig disparat geraten. Wundervolle Bilder stehen unvermittelt neben Banalitäten und kleinen Längen. Aber da Erstgenanntes dominiert, kann man darüber hinwegsehen und diesen kleinen, etwas verspäteten Genrebeitrag zum italienischen Horrorkino genießen.

Pickmans Monstermalereien

Beim Mediabook hat Wicked-Vision Media wieder ganze Arbeit geleistet. Bild und Ton sind tadellos und die Extras fast schon unüberschaubar, aber sinnvoll. Das gilt sowohl für den Audiokommentar mit Mariano Baino und Filmemacher, Produzent und Festivalleiter Michele De Angelis als auch den unbedingt sehenswerten Video-Essay mit Genrekenner Pelle Felsch. Dazu kommen ein paar Featurettes, immerhin drei Kurzfilme des Regisseurs und das informative, zweisprachige Booklet. Für Fans des italienischen Kinos lohnt sich die Anschaffung sicher, aber auch Horror- oder Lovecraft-Aficionados werden daran Gefallen finden. Und dazu wird natürlich ein Klosterfrau Melissengeist gereicht. Der beruhigt unheimlich.

Blutige Erkenntnisse

Veröffentlichung: 25. Mai 2019 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs, 3 Covervarianten à 333, 444 und 333 Exemplaren)

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: Ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Temnye vody
RUS/GB 1993
Regie: Mariano Baino
Drehbuch: Mariano Baino, Andy Bark
Besetzung: Louise Salter, Venera Simmons, Mariya Kapnist, Lubov Snegur
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Mariano Baino und Michele De Angelis, Vorwort von Mariano Baino, Video-Essay von Pelle Felsch („Beneath Dark Waters“), 6 Featurettes, Dokumentation („Deep into the Dark Waters“), Kurzfilme mit Regie-Kommentar („Dream Car“, „Caruncula“, „Never Ever After“), Making of „Never Ever After“, Musik-Video („Face and the Body“), 4 Promoclips (2019), geschnittene Szenen, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerien, 48-seitiges Booklet mit Texten von David Renske und Michele De Angelis (in Deutsch und Englisch)
Label/Vertrieb: Wicked-Vision Media

Copyright 2019 by Lars Johansen

Szenenfotos & Packshots: © Wicked-Vision Media 2019

 

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