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Horror für Halloween (XXIV): Luz – Experimentelles Debüt für alle Sinne

18 Okt

Luz

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Wie in Trance betritt die verletzte Taxifahrerin Luz (Luana Velis) eine heruntergekommene Polizeistation. Wortlos geht sie zu einem Getränkeautomaten, holt sich eine Dose heraus, öffnet sie und nimmt einen großen Schluck. Bevor die junge Frau von den Beamten Bertillon (Nadja Stübiger) und Olarte (Johannes Benecke) in den Verhörsaal gebeten wird, fängt sie an, Flüche in spanischer Sprache auszustoßen: „Lasst uns heute den Sohn der Maria ficken!“

Taxifahrerin Luz ist ohne Erinnerung

Am gleichen Abend lernt Polizeipsychologe Dr. Rossini (Jan Bluthardt) in einer Bar die geheimnisvolle Nora (Julia Riedler) kennen. Bei ein paar Drinks erzählt sie ihm von ihrer Freundin Luz, die gerade aus einem fahrenden Taxi gesprungen sei, und von ihrer Zeit auf einer chilenischen Klosterschule mit ihr. Die rebellische Mitschülerin habe dort Teufelsbeschwörungen ausgeübt. Während Dr. Rossini angetrunken der Geschichte lauscht, summt sein Piepser. Er soll zur Polizei kommen und bei der Befragung einer Frau helfen, die ohne Erinnerung ist. Bevor er die Bar verlässt, drückt Nora dem Arzt in der Toilette einen dämonischen Kuss auf die Lippen.

Diplomarbeit auf der Berlinale

Eigentlich war der Debütfilm von Tilman Singer „nur“ als Diplomprojekt von der Kunsthochschule für Medien Köln gedacht. Dazu gabs von der Abschlussfilmförderung der Film- und Medienstiftung NRW ein Budget von 18.500 Euro. Doch was danach folgte, hätte der 1988 in Leipzig geborene Regisseur samt seiner kleinen Cast und Crew wohl selbst nie zu träumen gewagt: „Luz“ wurde 2018 auf die Berlinale eingeladen und feierte dort in der Sektion „Perspektive deutsches Kino“ seine Weltpremiere. Es folgten zahlreiche internationale Festivalvorführungen, wo der Horrorthriller einem breiteren Publikum gezeigt werden konnte – das deutsche Fantasy Filmfest durfte natürlich auch nicht fehlen. Unter anderem konnte Singer in Austin, Brooklyn und Mailand Preise entgegennehmen. Schließlich erhielt das Erstlingswerk am 21. März 2019 auch einen Start in ausgewählten Kinos in Deutschland.

Sog in zeitlose Parallelwelt

Das besondere bei „Luz“ ist, dass er sofort einen unglaublichen, mysteriösen Sog entwickelt. Die Zuschauer werden in eine Art Parallelwelt eingesaugt, die völlig zeitlos erscheint, sei es durch die unterschiedlichen Kleidungsstile der Darsteller, durch die krisseligen 16-Milimeter-Cinemascope-Bilder oder der Einrichtung der Schauplätze. So wirkt allein schon der Eingangsbereich der Polizeiwache wie eine Flughafen-Wartehalle – und wenn man in der Toilettentür der Bar einen Hinweis in asiatischen Schriftzeichen hängen sieht, bleibt auch der Ort, an dem das Geschehen stattfindet, rätselhaft. Für Verwirrung sorgt auch immer wieder die Tonebene: Wenn Nora dem Therapeuten eine Frage stellt, hört man zunächst nur den Ton des Fernsehers der Bar „sprechen“ – und dies in Spanisch, bevor Dr. Rossini ganz normal antwortet. Ähnliches geschieht in der Verhörszene, wenn Olarte die Aussagen von Luz für seine Kollegen ins Deutsche übersetzt.

Dr. Rossini lernt in einer Bar die geheimnisvolle Nora kennen

Die Geschichte wird recht fragmentarisch präsentiert. Doch nach und nach setzt sie sich zu einem Ganzen zusammen: Im Grunde geht es nach meinem Verständnis um einen Dämon, der sich in seine Beschwörerin verliebt hat. Damals konnte Luz fliehen – nach Jahren treffen sie zufällig wieder aufeinander. Wie Singer berichtet, wollte er ursprünglich einen Film über einen Phantombild-Zeichner erzählen, er konnte aber keine ordentliche Geschichte finden. So kam er auf die für den Film zentrale Verhörszene im Polizeipräsidium, wo Dr. Rossini Hypnose als Verhörtechnik nutzt. Unter Hypnose tut man Dinge, die einem befohlen werden – als sei die Person eben von einem inneren Dämon besessen.

Theatralische Taxifahrt

Unter Hypnose erinnert sich Luz an die vergangene Taxifahrt. Rund um die junge Chilenin haben die Polizisten wie auf einer Theaterbühne mehrere Stühle platziert, an deren Front – sozusagen auf dem „Fahrersitz“ – Luz Platz genommen hat. Sie spielt die Szene nach, die sich wenige Stunden zuvor ereignet hat. Sie hupt, sie gibt Gas, faucht andere Verkehrsteilnehmer an, speit zum nicht vorhandenen Fenster hinaus, bis schließlich offenbar Nora bei ihr einsteigt. Gerade als man denkt, dieses theatralische Treiben ist nun mal kostenbedingt aus der Not geboren worden, gelingt Singer ein inszenatorischer Kniff: Nun wird völlig überraschend doch die gleiche Sequenz in einem Taxi gezeigt. Der filmische Rückblick, in dem die beiden Frauen erstmals wieder aufeinandertrafen, wird also doch noch gezeigt.

Teufelsbeschwörung in einer chilenischen Klosterschule

Dabei erkennt auch jeder Horrorfan gleich, welchen Klassiker Singer hier mit der roten Beleuchtung nachzuahmen versucht: Dario Argentos „Suspiria“. Wie er offen zugibt, sei es bei „Luz“ seine Herangehensweise gewesen, Einstellungen aus verschiedenen Filmen zu übernehmen, die dort seiner Ansicht nach sehr gut funktioniert haben, um in seinem Werk eine ähnliche Stimmung zu erzeugen. Das ist sicherlich auch der Grund, warum dem Zuschauer bei der Sichtung so viele Filme bekannter Meister in den Sinn kommen, von denen Singer inspiriert wurde: Von Argento und Fulci über Lynch und Żuławski bis hin zu Fassbinder – dies sind nur ein paar der Einflüsse, die sich erkennen lassen.

Sensuous Thriller

Gegen Ende fließen die erzählerischen Ebenen aus Gegenwart und Vergangenheit zunehmend surreal ineinander, der Nebel wird immer dichter und zusammen mit dem atmosphärischen Soundtrack und der Beleuchtung wird dieser mysteriöse kleine Horrorthriller zum audiovisuellen Erlebnis, der alle Sinne anspricht. Singer nennt dieses Genre selbst „Sensuous Thriller“.

Im Verhörraum spielt Luz unter Hypnose die Taxifahrt erneut durch

Wer sich vom experimentellen Charakter und von der teils absichtlich theatralischen Inszenierung und dem ebensolchen Spiel der Darsteller nicht abschrecken lässt, sollte Tilman Singers Debüt auf jeden Fall eine Chance geben. Die 70 sehr intensiven Minuten sind leider zu schnell vorbei. Alles ist noch lange nicht perfekt, aber man merkt, dass sich hier jemand wirklich Gedanken gemacht hat, um nicht einen weiteren 08/15-Horror zu erschaffen. Man darf gespannt sein, was Singer und sein Team mit einem größeren Budget in Zukunft auf die Beine stellen.

Mit zwei Kurzfilmen

Das Label Bildstörung hat „Luz“ als Nummer 34 seiner „Drop-Out“-Reihe auf DVD und Blu-ray veröffentlicht. Auf dem Cover prangt das FSK-16-Logo, der Film ist allerdings bereits ab 12 Jahren freigegeben. Wahrscheinlich sind die enthaltenen Trailer der Grund für die höhere Freigabe. Für Sammler gibt es auch wieder eine limitierte Edition inklusive der Filmmusik auf CD. Das Bonusmaterial bietet nicht nur ein ausführliches Making-of, bei dem die gesamte Cast und Crew zu Wort kommen, sondern auch zwei zuvor entstandene Kurzfilme von Tilman Singer.

Dr. Rossini leidet auf dem Rücksitz mit

Die Filme der „Drop Out“-Reihe von Bildstörung haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Ein weiterer lesenswerter Text zu „Luz“ findet sich im Filmforum Bremen, und auch Evil Ed hat sich dem Film gewidmet.

Veröffentlichung: 27. September 2019 als auf 300 Exemplare limitierte Sonderedition (Blu-ray, DVD & Soundtrack-CD), Blu-ray und DVD

Länge: 70 Min. (Blu-ray), 68 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Luz
D 2018
Regie: Tilman Singer
Drehbuch: Tilman Singer
Besetzung: Luana Velis, Johannes Benecke, Jan Bluthardt, Lilli Lorenz, Julia Riedler, Nadja Stübiger
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Tilman Singer & Produktionsdesigner Dario Méndez Acosta, Kurzfilm „The Events at Mr. Yamamoto’s Alpine Residence“ (2014, 9 Min.), Kurzfilm „El Fin del Mundo“ (2016, 16 Min.), Making-of-Featurette mit Interviews von Cast & Crew (60 Min.), Trailer, Booklet mit Drehbuchauszügen und einem Text von Ariel Esteban Cayer
Label: Bildstörung
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos © KHM | MÉNDEZ | SINGER, Packshot & Trailer: © 2019 Bildstörung & Drop Out Cinema

 

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