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Horror für Halloween (XXV): End of the Line – U-Bahn-Trip ins Grauen

19 Okt

End of the Line

Von Volker Schönenberger

Horror // Nur vier Filme hat der kanadische Regisseur Maurice Devereaux aus Quebec gedreht, allesamt nach eigenem Drehbuch, und lediglich „Slashers“ (2001) und seine letzte Arbeit „End of the Line“ (2007) haben es zu deutschen Heimkino-Ehren gebracht. Weshalb er seitdem dem Filmgeschäft Adieu gesagt hat, entzieht sich meiner Kenntnis, angesichts der Qualitäten von „End of the Line“ kann das bedauerlich genannt werden.

Wahn oder Wirklichkeit?

Devereaux’ letzte Regiearbeit beginnt mit erschreckenden Visionen, die zwei junge Frauen in der U-Bahn der kanadischen Metropole Montreal erleiden. Die zweite Frau wird vom von Maden bedeckten Gesicht eines Mannes derart in Panik versetzt, dass sie sich vor einen einfahrenden Zug wirft. Im Anschluss lernen wir die erste Frau Karen (Ilona Elkin) besser kennen, die als Pflegerin in einer psychiatrischen Klinik arbeitet und dort einen Patienten nur mühsam gebändigt bekommt – der Mann fürchtet, Dämonen seien im Anmarsch. Der Arbeitstag gestaltet sich für Karen und ihre Kolleginnen und Kollegen anstrengend, da viele Insassinnen und Insassen sich unruhig bis panisch gebärden. Liegt es am Vollmond und der Mondfinsternis? Als sei das nicht genug, erfährt Karen, dass eine ihrer Patientinnen Selbstmord begangen hat – die oben erwähnte zweite Frau.

Wirklichkeit oder Wahn?

Ein Briefumschlag mit seltsamen gemalten Bildern beunruhigt Karen. Als ihre Spätschicht endet, nimmt sie selbst die U-Bahn nach Hause. Auf dem Bahnsteig wird sie von einem anderen Fahrgast (Robin Wilcock) belästigt, der freundliche Mike (Nicolas Wright) hilft ihr aus der Bredouille. Kurz nach der Abfahrt stoppt der spärlich besetzte Zug auf freier Strecke mitten im Tunnel, und die Waggon-Beleuchtung fällt aus. Offenbar hat jemand die Notbremse betätigt. Für sich erst einmal kein Grund zur Besorgnis, noch ahnen Karen und Mike nicht, welches Grauen sie erwartet.

Zur Sicherheit lieber vor den Zug springen

Schnell entwickelt „End of the Line“ eine Unerbittlichkeit, die sprachlos macht und die Spannungsschraube in Drehung versetzt. Einige Entwicklungen kommen so überraschend daher, dass ich von weiteren Angaben zur Handlung absehe, um jedweden Spoiler zu vermeiden. Nicht alles wirkt schlüssig eingebaut. Die dämonischen Vorahnungen von Karens Patient zu Beginn etwa dienen eher dem Erzeugen von Stimmung, einen Bezug zur Story haben sie nicht. Oder vielleicht doch?! Die schauspielerischen Leistungen schwanken, aber das ist zum einen logisch, da das Budget zweifellos keine Gage für versierte Darstellerinnen und Darsteller hergab; zum anderen kann ich damit im Indie-Sektor gut umgehen.

Die Passagiere verschanzen sich

Immer wieder bemerkenswert, wie manche Filmemacher in der Lage sind, mangelndes Budget mit Herz und Ideen auszugleichen. Regisseur Devereaux setzt das beengte Setting im Untergrund Montreals gekonnt in Szene. Er beweist auch, dass man es mit praktischen Effekten und viel Kunstblut auch ohne üppige Finanzen gehörig splattern lassen kann. Da wird ein Schwert geschwungen, Dolche vollbringen ihr blutiges Werk, und Äxte und Hämmer schlagen Schädel ein, dass es eine wahre Freude ist. Dosierter Humor erhöht den Spaß am Gezeigten. Die FSK-18-Freigabe der ungeschnittenen Fassung erscheint angemessen. In einigen Sequenzen darf sich das Publikum fragen, ob es da gerade Halluzinationen der Protagonisten zu sehen bekommt oder diese tatsächlich heimgesucht werden – und das von der ersten bis zur letzten Szene. Haben wir es gar mit einer dämonischen Apokalypse zu tun? Oder doch nur mit aus Gehirnwäsche geborener Gleichschaltung in religiösen Wahnvorstellungen und kollektiver Ekstase? Um all das zu entwirren, hilft aufmerksames Zuschauen, denn Devereaux hat einige Hinweise in der Handlung verstreut – und diese springen einem nicht immer gleich ins Auge. Dann hilft wohl nur die erneute Sichtung.

In religiöser Verblendung oder erleuchtet?

So ganz kann „End of the Line“ das Etikett „billig“ am Ende nicht abstreifen, aber das hat mich noch nie abgehalten, an solchen Filmen Freude zu haben. Dieser hier hat hierzulande immerhin 2007 Einzug ins Programm des Fantasy Filmfests gehalten und so viel Aufmerksamkeit erzeugt, dass er in Deutschland auf Blu-ray und DVD sogar in jeweils zwei Auflagen von zwei verschiedenen Publishern veröffentlicht worden ist. Die Zweitauflage von 2013 trägt den Titel „Descent into Hell – End of the Line“. Dieser fiese kleine Indie-Horrorschocker weckt die Lust auf weitere Arbeiten Maurice Devereaux’. Zwölf Jahre danach ist aber wohl kaum noch damit zu rechnen, dass der Kanadier ins Filmgeschäft zurückkehrt. Schade drum.

Erneut: Wahn oder Wirklichkeit?

Veröffentlichung: 25. Januar 2013 als Blu-ray und DVD, 12. Mai 2010 als Blu-ray, 6. November 2008 als DVD

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: End of the Line
Alternativer deutscher Titel: Descent into Hell – End of the Line
KAN 2007
Regie: Maurice Devereaux
Drehbuch: Maurice Devereaux
Besetzung: Ilona Elkin, Nicolas Wright, Neil Napier, Emily Shelton, Tim Rozon, Nina Fillis, John Vamvas, Robin Wilcock, Joan McBride, Danny Blanco Hall, Kent McQuaid, Robert Vézina, David Schaap, Lori Graham, Christine Lan
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Making-of, Interviews, Wendecover
Label/Vertrieb 2013: Savoy Film (Intergroove)
Label/Vertrieb 2010 & 2008: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshots: © EuroVideo Medien GmbH / Savoy Film

 
 

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4 Antworten zu “Horror für Halloween (XXV): End of the Line – U-Bahn-Trip ins Grauen

  1. Frank Hillemann

    2019/10/23 at 19:09

    Die Rezi hat mich neugierig gemacht. Ich habe den Film bri Amazon Prime auf die Watchlist gesetzt. Danke.

     
    • V. Beautifulmountain

      2019/10/23 at 19:14

      Gern geschehen. Schön, wenn meine Texte Anregungen liefern, dazu schreibe ich sie ja.

       
      • Frank Hillemann

        2019/10/23 at 19:18

        So soll es auch sein. Ich lese auch ( fast ) alle. Kompetent und flüssig geschrieben. Das Herzblut nicht zu vergessen. 👍👍

         
      • V. Beautifulmountain

        2019/10/23 at 19:58

        Vielen Dank, schön, wenn das rüberkommt. Ich achte auch bei meinem Autorenstamm darauf, dass das Überzeugungstäter/innen sind.

         

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