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Horror für Halloween (XXVII): Scary Stories to Tell in the Dark – Wenn man im falschen Buch blättert

22 Okt

Scary Stories to Tell in the Dark

Kinostart: 31. Oktober 2019

Von Volker Schönenberger

Horror // Ein Name weckt schon mal das Interesse: Genrefilmer und Oscar-Preisträger Guillermo del Toro („Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“) gehört zu den Produzenten von „Scary Stories to Tell in the Dark“ und schrieb auch am Drehbuch mit. Es basiert auf drei gleichnamigen Horror-Kurzgeschichtensammlungen des US-Autors Alvin Schwartz (1927–1992). Der norwegische Regisseur André Øvredal („Trollhunter“, „The Autopsy of Jane Doe“) fügte diverse Storys daraus zu einer in sich geschlossenen Handlung zusammen, in der einzelne Geschichten erzählt werden, ohne dass wir es mit Episoden-Horror zu tun haben. Dem Presseheft zum Film ist zu entnehmen, dass Guillermo del Toro schon seit vielen Jahren Fan der Anthologien ist und sogar einige der Illustrationen der Bücher gekauft hat – sie stammen von Stephen Gammell.

Stella und ihre Freunde retten sich im Autokino in den Wagen von Ramón

„Scary Stories to Tell in the Dark“ beginnt am 31. Oktober des Jahres 1968. Die US-Präsidentschaftswahl – ein gewisser Richard Nixon wird sie gewinnen – steht kurz bevor. Trotz der üblen Nachrichten aus Fernost melden sich nach wie vor junge Männer freiwillig, um nach Vietnam zu gehen. Andere sind klüger und versuchen, um die Musterung herumzukommen und nicht gegen ihren Willen eingezogen zu werden. Wie überall im Lande bereitet sich auch die Kleinstadt Mill Valley auf die Halloween-Nacht vor. Die beiden Schüler Auggie (Gabriel Rush) und Chuck (Austin Zajur) überreden ihre Freundin Stella (Zoe Margaret Colletti), die eigentlich zu Hause bei ihrem Vater (Dean Norris) bleiben wollte, sie zu begleiten. Es gilt, dem halbstarken Rüpel Tommy (Austin Abrams) und dessen Kumpels einen Denkzettel zu verpassen.

Halloween im Spukhaus

Der Streich gelingt, doch dann heißt es Fersengeld geben. Mit Müh und Not retten sich Auggie, Chuck und Stella auf das Gelände eines Autokinos, in welchem gerade George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ läuft, und in das Fahrzeug von Ramón (Michael Garza), einem Wanderarbeiter, der der Erntesaison hinterherfährt. Tommy entdeckt die Flüchtenden zwar in Ramóns Auto, doch sie kommen vorerst um seine Vergeltung herum. Was tun mit dem angefangenen Abend? Auggie, Chuck und Stella überreden Ramón, sie in das örtliche Spukhaus zu begleiten. Es gehörte einst der Industriellenfamilie Bellows. Der Legende nach hat darin die Tochter Sarah Bellows gespukt. Sie habe Eindringlingen aus einem mit Blut geschriebenen Buch Spukgeschichten vorgelesen (die titelgebenden „Scary Stories“). Tatsächlich entdeckt Stella das Buch …

Zu viert wagen sie sich ins Spukhaus

Den Stellas Vater spielenden Dean Norris kennen wir aus „Breaking Bad“. Die Protagonistin hat an einem kindlichen Trauma zu knabbern und bekommt es später dank einer cleveren Wendung hautnah mit dem Schicksal von Sarah Bellows zu tun. „Scary Stories to Tell in the Dark“ feierte seine Deutschlandpremiere im September 2019 als Abschlussfilm des Fantasy Filmfests. Eine prominente Screening-Platzierung, die einerseits aufgrund seiner Qualitäten berechtigt erscheint, andererseits ist das symptomatisch dafür, dass das Festival mittlerweile sehr viele Produktionen ins Programm aufnimmt, die bald darauf auch flächendeckend ins Kino kommen und eher im Mainstream verhaftet sind. Aber es ist natürlich ein Verdienst des Fantasy Filmfests, über die Jahre dem Genrefilm breite Aufmerksamkeit verschafft zu haben.

Das Maisfeld und der rote Raum

Die Originalität von „Scary Stories to Tell in the Dark“ resultiert daraus, dass die einzelnen Geschichten auf virtuose Weise in die Handlung eingewoben worden sind. Ich will da gar nicht zu viel verraten, es hängt alles mit dem geheimnisumwitterten Buch zusammen. Erfreulich ist zudem, dass der Regisseur den Horror nicht mit simplen Jump-Scares erschafft, sondern Szenen inszeniert hat, die in ihrer Konsequenz frösteln lassen, weil sie eine Unausweichlichkeit des Grauens erahnen lassen. Als Beispiel sei die Sequenz im Maisfeld mit der Vogelscheuche genannt. Mein Favorit: der „Red Room“ in der Klinik, der vom Klang des Ausdrucks vielleicht nur zufällig an ein Motiv aus Stanley Kubricks „Shining“ erinnert, wobei die Szene in den langen Gängen tatsächlich ein wenig die Atmosphäre der Hotelflure in der Stephen-King-Verfilmung verströmt. Sie ist aber farblich ganz anders gestaltet, gut möglich, dass André Øvredal die Referenz gar nicht im Sinn hatte. Sogar die etwas eklige Version der modernen Sage (urbanen Legende) von der Spinne in der Yuccapalme kommt zum Tragen – aber Vorsicht: Die Szene ist nichts für Arachnophobiker.

Dort entdeckt Stella ein Buch, das es in sich hat

Wir bekommen außer Spinnen auch einige Monster zu sehen. Deren Kreaturendesign gefällt mir ausgesprochen gut, auch hier wieder allen voran die bizarre Figur aus der „Red Room“-Sequenz, die auf manche etwas albern wirken mag, sich aber unaufhaltsam nähert, sodass kein Entkommen möglich erscheint. Speziell an dieser Gestalt erkennt man auch sehr gut, dass sich die Designer für den Film sehr an den Illustrationen von Stephen Gammell orientiert haben, was auch für die bereits erwähnte Vogelscheuche gilt. Jenseits der eigenständigen Einfälle bietet „Scary Stories to Tell in the Dark“ auch ausreichend bekannte Horrormotive, sodass sich Genrefans schnell heimisch fühlen.

„Must be the season of the witch“

Zu Beginn stimmt uns „Season of the Witch“ von Donovan auf das Geschehen ein, im Abspann ertönt die Coverversion von Lana Del Rey – eine schöne musikalische Klammer. Dazwischen überzeugt „Scary Stories to Tell in the Dark“ auch mit seiner feinen Ausstattung, die die Endsechziger gut in Szene setzt. Vor allem die Autos haben mir gut gefallen. Zusammengenommen ergibt all das insgesamt einen ansprechenden Horrorfilm, der natürlich für ein Mainstream-Publikum produziert wurde, viele junge und erwachsene Zuschauerinnen und Zuschauer ins Kino locken soll und daher ohne Ecken und Kanten auskommt. Wer verstört werden will, muss anderswo suchen, dennoch stellt André Øvredals Regiearbeit eine Bereicherung des Genres dar, dessen Starttermin Halloween gut gewählt ist. Sein Fantasy-Abenteuer „Mortal“ wird 2020 in die Kinos kommen. Der Regisseur wird auch die Verfilmung des Romans „Todesmarsch“ („The Long Walk“) inszenieren, den Stephen King 1979 unter dem Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht hat. „Scary Stories to Tell in the Dark“ macht Lust auf beide, allerdings darf Øvredal ruhig eine kleine Schippe drauflegen.

Im Maisfeld erlebt Tommy das Grauen

Länge: 108 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Scary Stories to Tell in the Dark
USA/KAN/CHN 2019
Regie: André Øvredal
Drehbuch: Dan Hageman, Kevin Hageman, Guillermo del Toro, nach einem Roman von Alvin Schwartz
Besetzung: Zoe Margaret Colletti, Michael Garza, Gabriel Rush, Austin Zajur, Dean Norris, Gil Bellows, Lorraine Toussaint, Natalie Ganzhorn, Austin Abrams, Kathleen Pollard, Mark Steger, Javier Botet
Verleih: Entertainment One Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Entertainment One Germany

 

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