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Tal der Skorpione – „Und Action“ schallt es durchs deutsche Gehölz

22 Okt

Breakdown Forest – Reise in den Abgrund

Von Volker Schönenberger

Action // Geballer in einer Kiesgrube, zwei verfeindete Gruppierungen von Kerlen gehen wild entschlossen aufeinander los, die Männer fallen wie die Fliegen. Im Anschluss schwadroniert ein schwerreicher, sich kultiviert gebender Mann in geselliger Rotweinrunde über die bekannte Anekdote vom Skorpion, der sich vom Frosch über den Fluss transportieren lässt, seinen Schlepper aber auf halber Strecke sticht, weil es eben in seiner Natur liegt – was beide das Leben kostet.

Einfach mal rumballern

Im Anschluss an diesen Prolog und den Vorspann lernen wir den Polizisten Leon Kamarowski (Bartholomäus Kowalski) kennen, der gerade von seiner Freundin verlassen wird und kurz darauf einen ominösen Auftrag annimmt. In einer abgewrackten Lagerhalle trifft er auf den durchgeknallten Eyck Rhoder (Martin Semmelrogge), der sich mit Maschinenpistole vor ein paar gefesselten Männern postiert hat und große Reden schwingt. Als Kamarowski einschreitet, entdet das blutig und für ihn in der Bewusstlosigkeit, aus der er in einem Wald erwacht.

Wer reich ist, darf nach Herzenslust herumlabern

Er bleibt nicht der einzige Typ, dem das widerfährt. Auch der psychopathische Hajo Jendriczek (Ralf Richter) wurde nach einem Raubüberfall auf einen Supermarkt gekidnappt und ins Gehölz verfrachtet. Parallel dazu erörtert die Runde um den oben erwähnten reichen Snob die Personalien der Männer und Frauen, die sie für ihr tödliches Spiel ausgewählt haben. Ein vorerst nur von hinten zu sehender großer Unbekannter mit künstlich verfremdeter Stimme scheint der Organisator des Treibens zu sein. Welchen Zweck das Ganze verfolgt, bleibt einstweilen offen. Wer den Covertext der Blu-ray und DVD liest, wird in der Hinsicht zwar schon gespoilert, aber das wiederzugeben, unterlasse ich hier. Klar ist: Nicht alle „Probanden“ werden den Wald lebend verlassen, eher die wenigsten von ihnen. Wer ist Jäger? Wer ist Beute?

Trio aus „Das Boot“ versammelt sich

Die bekannten Namen in der Besetzung haben erwartungsgemäß nicht die längsten Auftritte. Neben Ralf Richter und Martin Semmelrogge tritt bald ein weiterer Darsteller aus Wolfgang Petersens Klassiker „Das Boot“ (1981) in Erscheinung: Claude-Oliver Rudolph, dessen Rolle den klangvollen Namen Ruprecht Knochenhauer trägt, der mit ein paar Spießgesellen (u. a. Thomas Goersch) den Wald unsicher macht und für eine Weile Kamarowski in seiner Gewalt hat. Aber die Szenen mit Richter, Rudolph und Semmelrogge sind doch lang genug, dass sie nicht den Eindruck erwecken, einzig für den Namen auf dem Cover gecastet worden zu sein. Sogar Nacktsternchen Micaela Schäfer („Seed 2 – The New Breed“) darf sich wieder präsentieren. Sie hat ja ihr Herz für die deutschen Indie-Filmer schon mehrfach offenbart, etwa im Kurzfilm „Casting des Todes“ und der Horrorkomödie „Skin Creepers“. „Tal der Skorpione“ zeigt sie allerdings vergleichsweise züchtig. Erwähnt sei auch Mathieu Carrières Tochter Elena – das Model darf ihrem Vater in dessen Szenen Wein einschenken.

Spezialauftrag für Leon Kamarowski (l.)

Zeitlupeneinstellungen, durch die Bäume wabernder Nebel, Bleihagel, Explosionen, dramatischer Score – Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion Patrick Roy Beckert lässt sich nicht lumpen und haut einiges raus. Gut so, deutsche Action ist Til Schweigers „Tatort“ zum Trotz rar gesät. Und wenn sich die namhaften Studios zieren, springt eben die Indieszene ein. „Tal der Skorpione“ ist mit sichtlich viel Blut, Schweiß und Tränen entstanden, daraus resultieren ein hoher Unterhaltungswert und enormer Actiongehalt.

Mit Vorsicht zu genießen: Eyck Rhoder

In puncto Bildsprache und der Struktur der Besetzung erinnert der Film an „Montrak“ (2017) von Stefan Schwenk. Der ist zwar düsterer, weil es sich um einen Vampirfilm handelt und „Tal der Skorpione“ hauptsächlich bei Tageslicht im Wald spielt, aber ansonsten ähneln sich beide Arbeiten visuell. Die Indieszene dreht ohnehin auf Digitalvideo, das bringt naturgemäß einiges an Wiedererkennungswert.

Die FSK – das unbekannte Wesen

„Director’s Cut“ prangt auf dem Cover der Blu-ray für „Tal der Skorpione“. Ungewöhnlich für einen Independent-Film, bei dem der Regisseur doch per se die Hoheit über die letzte Schnittfassung haben sollte. Wie mir Patrick Roy Beckert persönlich erklärte, hat die Existenz mehrerer Fassungen eine kuriose Entstehungsgeschichte: Die 131-minütige Fassung, die sich nun „Director’s Cut“ nennt, war seinerzeit bei der FSK eingereicht worden und hatte mit Ach und Krach eine Freigabe ab 18 Jahren erhalten. Für den für Juni 2019 angesetzten bundesweiten Kinostart schnitt Beckert eine rund 25 Minuten kürzere Fassung zusammen, zu Recht davon ausgehend, dass es schwieriger wäre, bei den Kinobetreibern Interesse an einem mehr als zweistündigen Independentfilm zu wecken. Sonderbarerweise verweigerte die FSK dieser gekürzten und Beckert zufolge auch harmloseren Variante die Freigabe. Das mag mit unterschiedlicher personeller Besetzung des zuständigen FSK-Gremiums erklärbar sein, bleibt aber spekulativ. So blieb nichts weiter übrig, als dann doch die Langfassung ins Kino zu bringen, was die Verbreitung deutlich verringerte. Die gekürzte Fassung wird hierzulande folglich nicht erhältlich sein, dafür in den USA und Fernost vermarktet werden. Obwohl es sich um eine deutsche Produktion handelt, bevorzugt Beckert als Originaltitel übrigens „Breakdown Forest“ – so lautet der Name der Operation, unter dem die zahlreichen Kanonenfutter-Typen im Wald zusammengeschart werden. Der Regisseur hat selbst eine Rolle als einer der ums Überleben kämpfenden Typen übernommen.

Das gilt mehr noch für Hajo Jendriczek

Blutige Einschusslöcher bekommen wir zuhauf zu sehen, diese machen den größten Anteil am eingesetzten Splatter aus. Allein davon können die Probleme mit der FSK nicht herrühren, sie sind vermutlich eher darin begründet, dass es in „Tal der Skorpione“ hauptsächlich ums Töten geht. Und das ausgiebig und im Director’s Cut meines Erachtens etwas zu lang. Wenn der nächste und übernächste Nebendarsteller über den Jordan gehen, mindert das irgendwann doch die ansonsten durchaus vorhandene Spannung. Vielleicht wäre Beckert besser beraten gewesen, den Plot etwas mehr auszubauen und die Action ein wenig herunterzufahren. Zwar werden einige Nebenfiguren – darunter Micaela Schäfer – auch erzählerisch eingeführt, wirklich bedeutsam erscheinen ihre Hintergründe für die Haupthandlung aber nicht, sie wecken daher auch kaum Interesse. Würde man beispielsweise Schäfers Szenen vollständig herausschneiden, käme niemand auf den Gedanken, dass etwas fehlt. Beckert berichtete mir, er habe den Schnitt selbst erledigt, weil der ursprünglich dafür vorgesehene Cutter ausgefallen sei. Womöglich ist dem Regisseur schwergefallen, Szenen zu entfernen, in deren Entstehung er zweifellos große Anstrengungen investiert hat. Ein zuvor nicht auf dem Regiestuhl oder hinter der Kamera befindlicher Cutter kann da sicher etwas neutraler herangehen. Beckert wird das als Lernprozess begreifen, und es ist auch nicht so, dass ich während des Films ermüdet bin – dass permanent etwas passiert, hilft wiederum der Aufmerksamkeit auf die Sprünge.

Auch Ruprecht Knochenhauer (r.) zieht gern vom Leder

Battle Royale meets Deliverance. So findet es sich in der Pressemitteilung zu „Tal der Skorpione“. Qualitativ lässt sich dieser Anspruch natürlich nicht halten, aber Marketing-Slogans dürfen ruhig plakativ sein. Wer Independent-Produktionen etwas abgewinnen kann, wird wissen, dass bei Schauspielkunst und Dialogregie ein paar Defizite hinzunehmen sind. Als Referenz kam mir zum Ende auch die österreichische Produktion „Planet USA“ in den Sinn.

Niemand mag Cop Leon (l.)

„Tal der Skorpione“ bekommt von der Busch Media Group zusätzlich zur Blu-ray und DVD im herkömmlichen Softcase auch ein limitiertes Mediabook spendiert, über das ich aber nicht viel schreiben kann, da es mir nicht vorlag. Es enthält den Film auf Blu-ray, dazu eine DVD mit Bonusmaterial, das in den anderen Fassungen nicht enthalten ist – siehe Auflistung unten. Sammler dieses Formats sind damit womöglich gut bedient, für mich tat es die Blu-ray. So darf deutsche Independent-Action sein, irgendwann schafft es das Genre hierzulande vielleicht auch mal in höhere Sphären. Habt Ihr Empfehlungen für weitere Indie-Actionfilme aus dem deutschsprachigen Raum?

Ihre herausragenden Argumente ziehen diesmal nicht

Veröffentlichung: 25. Oktober 2019 als limitiertes 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray und Bonus-DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 131 Min. (Blu-ray), 125 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Breakdown Forest – Reise in den Abgrund
D 2019
Regie: Patrick Roy Beckert
Drehbuch: Patrick Roy Beckert
Besetzung: Claude-Oliver Rudolph, Mathieu Carrière, Ralf Richter, Martin Semmelrogge, Alessandro Alex Ali, Patrick Roy Beckert, Heiko Bender, Curd Berger, Philipp Berka, Uwe Choroba, Uwe Fellensiek, Thomas Goersch, Marcel Gewehr, Bartholomäus Kowalski, Micaela Schäfer, Jochen Taubert
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur und Drehbuchautor Patrick Roy Beckert und Produzent Thomas Kercmar, Originaltrailer, Trailershow, Wendecover, nur Mediabook: entfernte Szenen, Making-of, Pannen beim Dreh, 16-seitiges Booklet mit einem exklusiven Interview mit Patrick Roy Beckert, limitierte Postkarte mit dem illustrierten Postermotiv
Label: Busch Media Group
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot Mediabook: © 2019 Busch Media Group

 
 

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23 Antworten zu “Tal der Skorpione – „Und Action“ schallt es durchs deutsche Gehölz

  1. Andrea

    2019/11/17 at 10:35

    es wird gerade ein neuer Film dieser Art mit Martin Semmelrogge und 80 € Waldi gedreht. Avaritia…lautet der Arbeitstitel. Vorschau fande ich geil

     
  2. Frank Hillemann

    2019/11/11 at 19:00

    Wenn Filme von Dr. Uwe Boll 😂😂 welche sind….. Nein, ich kenne leider keine.

     
  3. Swany

    2019/11/10 at 12:09

    CAPTAIN COSMOTIC und OPERATION DANCE SENSATION

     
  4. Thomas Oeller

    2019/11/10 at 02:19

    da fällt mir leider nicht so wirklich einer ein

     
  5. Daniel Wagener

    2019/11/09 at 14:31

    Rampage, Postal, Bloodrayne

     
  6. René

    2019/11/09 at 13:02

    Da fällt mir so nichts ein…aber was ein guter deutscher Actionfilm noch ist, Der Commander aus den 80ern

     
  7. Klaus Marquardt

    2019/11/09 at 11:05

    Hallo!
    Mir fällt jetzt kein weiter deutsche Indie Produktion ein.

     
  8. Andreas H.

    2019/11/09 at 09:46

    Straight Shooter und Lola rennt fällt mir da spontan ein. Aber das sind auch keine Indie-Produktionen. Kenne mich da nicht wirklich aus.

     
  9. Adrian Lübke

    2019/11/08 at 23:25

    Da fällt mir direkt „Plan B – Scheiss auf Plan A“ ein. Eine klasse Actionkomödie von 2016/2017

     
  10. Björn Kramer

    2019/11/08 at 22:35

    Killing Cars aus dem Jahre 1986 mit Jürgen Prochnow!

     
  11. Christoph Marek

    2019/11/08 at 20:41

    MACHO MAN mit Rene Weller natürlich!!! Gibt nix geileres aus deutschen Landen in Sachen Action!

     
  12. Rico Lemberger

    2019/11/08 at 20:27

    Das Millionenspiel

     
  13. Torsten Scheib

    2019/11/08 at 18:22

    Etwas älter, aber dennoch empfehlenswert: FLEISCH aus dem Jahre 1979.

     
  14. Patrick Menzen

    2019/11/08 at 11:23

    BADMEN (with a good behavior) – Benimm dich, oder sie vertrimm‘n dich! 😊

     
  15. Thomas Biermacher

    2019/11/08 at 09:33

    Ich würde Dir „Lola Rennt“ vorschlagen , ist schon etwas älter und ich weis nicht ob es Deiner Vorstellung von „Actionfilm“ entspricht aber ich habe ihn damals im Kino gesehen und fand ihn spitze.

     
    • V. Beautifulmountain

      2019/11/08 at 10:34

      Ach, es geht ja nicht nur um meine Vorstellung von Actionfilm. Der Vorschlag ist schon in Ordnung. Meine Sichtung ist ewig her. Und selbst wenn der Film nicht meiner Vorstellung von Actionfilm entspräche, wärst du dennoch im Lostopf.

       
  16. Dirk Busch

    2019/11/08 at 09:15

    Ich kenne keine Deutschen Indie-Action Filme. 🙂

     
  17. Jens

    2019/11/08 at 07:52

    Also ich finde immer noch Antikörper von 2005 einen sehr genialen Film. Schon was älter aber gut 🙂

     
  18. Frank Warnking

    2019/11/08 at 07:31

    aus Deutschland kenne ich da keinen guten 😦

     
  19. Jens Albers

    2019/11/08 at 06:55

    Puh aus dem deutschen Indie- Undergroundbereich, kenne ich höchstens Horrorfilme. Wenn man den allerdings auch unter Action einordnen möchte, wobei er eigentlich ein Thriller ist, dann würde ich Reeperbahn empfehlen. Ansonsten, fällt mir nix ein…

     
  20. Nicole

    2019/11/08 at 06:53

    La Petit Mort fällt mir da spontan ein. Unvergesslich Mika Metz. 😊 Ein cooles Gewinnspiel.🍀🐞😊

     
    • Michel

      2019/11/08 at 13:21

      Also kenne leider kein aber dieser Film ist der hammer ….einfach Klasse gemacht 🙏☺️

       
  21. Filmschrott

    2019/10/22 at 17:27

    Der sah im Trailer unfassbar beschissen aus. Als hätte jemand dreieinhalb Actionfilme gesehen und sich dabei die schlechtesten Oneliner notiert, um diese in den Film zu übertragen.

     

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