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Horror für Halloween (XXXIII): Insel der verlorenen Seelen – Verstörendes im „Haus des Schmerzes“

30 Okt

Island of Lost Souls

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Aus dem Hochsee-Nebel taucht der Frachter „Covena“ auf. Ein Schiffbrüchiger wird gerettet und an Bord geholt. Edward Parker (Richard Arlen) hatte sich an Bord eines anderen Schiffs befunden, das gesunken ist. Sein vermeintliches Glück im Unglück: Die „Covena“ steuert die Südee-Insel Apia an, auch sein Ziel. Dort will Parker seine Verlobte Ruth Thomas (Leila Hyams) heiraten. Das Schiff transportiert im Auftrag des geheimnisumwitterten Dr. Moreau (Charles Laughton) etliche wilde Tiere verschiedener Arten, die dem Doktor bei einem Zwischenstopp mitten auf See übergeben werden sollen. Per Schiffskran werden die Tiere von der „Covena“ auf Moreaus Schoner gehievt. Weil sich Parker kurz zuvor mit Kapitän Davies (Stanley Fields) angelegt hatte, wirft der ihn kurzerhand über Bord auf das andere Schiff.

Edward Parker trifft auf fremdartige Kreaturen

Widerwillig, aber freundlich nimmt Dr. Moreau seinen neuen Passagier mit auf seine eigene Insel und gewährt ihm dort Gastfreundschaft in seiner Privatklinik. Der Wissenschaftler stellt seinem Gast die schöne Lota (Kathleen Burke) vor, deren freundliches Wesen mit einer merkwürdigen geistigen Schlichtheit einhergeht. Als Parker schließlich bemerkt, dass die Forschungsarbeit seines Gastgebers aus ethisch höchst fragwürdigen Experimenten besteht und er offenbar Menschen und Tiere gleichermaßen als Versuchskaninchen für grausame Zwecke missbraucht, flieht er aus der Klinik. Kurz darauf findet er sich unter fremdartigen Kreaturen wieder, menschenähnlichen Wesen mit animalischen Charakteristika. Was geht auf der Insel vor? Und was hat es mit Dr. Moreaus „House of Pain“ auf sich?

Bela Lugosi ganz haarig als Verkünder der Gesetze

Bela Lugosi! Jawohl auch der „Dracula“-Darsteller tritt prominent in Erscheinung. Allerdings ist er kaum zu erkennen, da sich sein Gesicht hinter starker Behaarung verbirgt. Die Make-up-Crew hat nicht nur bei ihm ganze Arbeit geleistet, die auch heute noch Respekt abringt. Lugosi gibt den „Sayer of the Law“ („Verkünder der Gesetze“), einen Affenmenschen, der die wilde Horde von „Beast Men“ („Tiermenschen“) führt, die allesamt unter der strengen Knute von Dr. Moreau stehen. Charles Laughton verkörpert diesen frühen filmischen „Mad Scientist“ mit Inbrunst und in blasierter Kultiviertheit. Sein Dr. Moreau ist geradezu die Personifizierung des verrückten Wissenschaftlers, wobei Verrücktheit gar nicht mal seine hervorstechendste Eigenschaft darstellt. Viel nachhaltiger wirkt auf uns Zuschauerinnen und Zuschauer seine Skrupellosigkeit, die tatsächlich heute noch fassungslos macht. Do you know what it feels to feel like god? Die Frage, wie es sich anfühle, sich wie Gott zu fühlen, stellt er seinem Gast Edward Parker in voller Ernsthaftigkeit; und in der Tat gebärdet er sich gegenüber den Kreaturen auf der Insel wie ein Gott. Der „liebe“ Gott des Alten Testaments war ja ebenfalls mit großer Skrupellosigkeit gesegnet, aber das nur am Rande. Ob Gott oder nicht, gegenüber Laughtons Schauspielkunst verblassen zwangsläufig alle anderen Darstellerinnen und Darsteller.

Grausliche Experimente

Fragen nach Verantwortung und Hybris der Wissenschaft stellen sich bei „Insel der verlorenen Seelen“ nicht, gar zu monströs ist Moreaus Wirken. Wie genau seine Operationen und Vivisektionen zu Resultaten führen, erfahren wir nicht, das erscheint auch als richtige Entscheidung, da die Ergebnisse allzu absurd anmuten – was aber der Wirkung keinen Abbruch tut. Ob damalige Kinogängerinnen und -gänger das Gezeigte für machbar gehalten haben? Die Ergebnisse von Moreaus Experimenten und Operationen sind auch nach heutigen Maßstäben grauslich. Und mögen sie auch unrealistisch sein, ganz und gar nicht weltfremd ist es, uns Menschen grausamste Versuche mit unseresgleichen zuzutrauen, wie etwa die Menschenversuche in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und das Wüten der Einheit 731 der Kaiserlich Japanischen Armee in der Mandschurei nachdrücklich belegen.

„Freaks“ und „Graf Zaroff“ lassen grüßen

In Verbindung mit der formidablen Ausleuchtung und dem damit einhergehenden Licht-und-Schattenspiel entfaltet sich wahrer Horror in dem Panoptikum mutierter Wesen, die bisweilen aus dem Gehölz auftauchen und dem nichts Böses ahnenden Zuschauer direkt ins Gesicht starren. Tod Brownings „Freaks“ aus demselben Jahr kam mir während der Sichtung von „Insel der verlorenen Seelen“ in den Sinn. Beide Werke dürften auf das Kinopublikum der 1930er-Jahre eine vergleichbar verstörende Wirkung gehabt haben. Mit seinem auf eine Insel begrenzten Setting und dem sinistren Herrn der Insel erinnert der Film auch an „Graf Zaroff – Genie des Bösen“, ebenfalls aus dem Produktionsjahr 1932.

Bilder vom „Sunrise“-Kamerapionier Karl Struss

In den Bildern verschwimmen die Grenzen zwischen Studiokulissen und Außen-Drehorten. Kein Wunder, denn mit Karl Struss findet sich dann auch ein echter Könner als Kameramann, der als einer der Wegbereiter der Technik und Handhabung von Filmkameras in Hollywood gilt und nicht umsonst 1929 für seine Arbeit an F. W. Murnaus „Sonnenaufgang“ mit dem Oscar prämiert wurde – bei der ersten Oscar-Verleihung überhaupt. Bis 1942 war Struss drei weitere Male nominiert: 1932 für „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, 1934 für „Im Zeichen des Kreuzes“ und 1942 für „Aloma, die Tochter der Südsee“.

Drehort Santa Catalina Island

Die Außenaufnahmen entstanden auf Santa Catalina Island vor der kalifornischen Küste. Die Insel diente ein paar Jahre später auch als Drehort für „Meuterei auf der Bounty“ (1935), bei dem Charles Laughton ebenfalls in tragender Rolle zu sehen ist. Auch Teile des Horror-Trashfilms „Sand Sharks“ (2012) sind dort entstanden.

Pre-Code in Reinkultur

1932 existierte der Hays-Code zwar schon, die darin gelisteten Vorgaben zur Produktion von Filmen, die dem vermeintlichen sittlichen Empfinden der Gesellschaft nicht schaden sollten, waren für die Hollywood-Studios aber noch nicht verbindlich, eher als freiwillige Selbstverpflichtung zu verstehen. Demzufolge ließ sich die Traumfabrik in der Zeit bis zur Verbindlichwerdung dieses Zensurwerks in den sogenannten Pre-Code-Filmen häufig zu etwas deutlicheren Andeutungen und Darstellungen von Sexualität und Gewalt hinreißen, auch wenn viele Szenen nach heutigen Maßstäben harmlos erscheinen mögen. „Insel der verlorenen Seelen“ wartet mit einigen Motiven auf, die in Zeiten des Hays-Codes nicht mehr durchgegangen wären, etwa die Andeutung sexueller Verlockungen zwischen Edward Parker und Lota, die nach 30er-Jahre-Maßstäben umso skandalöser wirkt, da es sich um einen Weißen und eine Polynesierin handelt und Lota zudem gar … aber ich will nicht spoilern. Zum Finale werden wir Zeuge einer versuchten Vergewaltigung durch eine animalische, nur halb menschliche Kreatur, und Dr. Moreaus Grausamkeit mit der Peitsche und am OP-Tisch ist natürlich alles andere als Hays-kompatibel, von seinem blasphemischen Auftreten als „Gott der Insel“ ganz zu schweigen. Mit der Zensur durch empörte Moralwächter hatte „Insel der verlorenen Seelen“ dann auch ordentlich zu kämpfen. In Schweden beispielsweise wurde die Aufführung 1933 untersagt, desgleichen im Vereinigten Königreich, dort sogar mehrfach bis in die 1950er-Jahre hinein. Auch in Nazi-Deutschland verhinderte die Obrigkeit, dass das Kinopublikum den Film zu sehen bekam. Wurde er in Deutschland überhaupt je irgendwann gezeigt, etwa im Fernsehen? Hinweise dazu nehme ich gern per Kommentar entgegen.

Nach dem Roman von H. G. Wells

„Insel der verlorenen Seelen“ bildet die erste Verfilmung des 1896 veröffentlichten Romans von H. G. Wells („Die Zeitmaschine“). Zwei weitere folgten ihr deutlich später: 1977 mit „Die Insel des Dr. Moreau“ mit Burt Lancaster in der Titelrolle, 1996 mit John Frankenheimers „D.N.A. – Experiment des Wahnsinns“ mit Marlon Brando als Dr. Moreau. Beide Adaptionen tragen im Original denselben Titel wie die Romanvorlage: „The Island of Dr. Moreau“.

Gibt es eine Rettung von der Insel?

Den Trivia der IMDb zufolge mochte Wells „Island of Lost Souls“ nicht, weil der Horror zu sehr über die philosophischen Aspekte seiner Geschichte dominierte. Die Filmhandlung unterschlägt auch bedeutsame Aspekte des Romans, etwa zur gesellschaftlichen Struktur der Kreaturen. Eine kritische Meinung steht dem Romanautor natürlich zu, wir hingegen können konstatieren: Regisseur Erle C. Kenton („Frankenstein kehrt wieder“, „Draculas Haus“) hat mit „Insel der verlorenen Seelen“ ein Meisterwerk des frühen Tonfilm-Horrorgenres geschaffen.

Erst 2019 in deutsche Heimkinos

Der Film hat es in Deutschland erst im August 2019 im Rahmen der „Classic Chiller Collection“ des Labels Ostalgica ins Heimkino geschafft. Da mir die Edition nicht vorliegt, kann ich darüber nichts äußern. Referenz-Veröffentlichungen kommen einmal mehr vom US-Label The Criterion Collection sowie in der „The Masters of Cinema Series“ des englischen Labels Eureka Entertainment. Eureka hat den Titel nicht nur im herkömmlichen Softcase veröffentlicht, sondern auch als überaus attraktiv aufgemachtes Steelbook. Beide Varianten enthalten den Film auf Blu-ray und DVD, ein 32-seitiges Booklet mit vielen Fotos und einem lesenswerten Text des englischen Publizisten Kim Newman rundet das Gesamtpaket vorzüglich ab.

Dass sich nur wenige deutschsprachige Texte zu „Insel der verlorenen Seelen“ im Netz finden, lässt vermuten, dass der Film hierzulande weniger bekannt ist, als er es verdient hat. An sich nehme ich genug Filmfreunde mit Interesse an uralten Horror- und Science-Fiction-Stoffen wahr, diese müssten sich die Finger nach dem Werk lecken. Vielleicht gelingt es der Ostalgica-Veröffentlichung, „Insel der verlorenen Seelen“ die gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charles Laughton und Bela Lugosi sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 9. August 2019 als 3-Disc Classic Chiller Collection (Blu-ray & 2 DVDs)

Länge: 73 Min. (Blu-ray), 70 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Island of Lost Souls
USA 1932
Regie: Erle C. Kenton
Drehbuch: Waldemar Young, Philip Wylie, nach dem Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ von H. G. Wells
Besetzung: Charles Laughton, Bela Lugosi, Richard Arlen, Leila Hyams, Kathleen Burke, Arthur Hohl, Stanley Fields, Paul Hurst, Hans Steinke, Tetsu Komai, George Irving
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bodo Traber, Matthias Künnecke & Gerd Naumann, „Trailers from Hell“ mit John Landis, englischer Originaltrailer, Bildergalerie, Audio-CD mit Hörspiel nach H. G. Wells: „Die Insel des Dr. Moreau“
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Aushangmotive & Packshot Classic Chiller Collection: © 2019 Ostalgica

 

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