RSS

Horror für Halloween (XXXIV) / Lucio Fulci (II): Über dem Jenseits – Nie war der Italo-Zombie besser

31 Okt

…E tu vivrai nel terrore! L’aldilà

Von Volker Schönenberger

Horror // Im Jahr 1927 begibt sich eine Schar Männer im US-Staat Louisiana in zwei Ruderbooten und mit Autos zu einem abgelegenen Hotel. Dort arbeitet der Maler Schweick (Antoine Saint-John) gerade an einem Gemälde. Die Eindringlinge schnappen ihn sich und schlagen ihn zusammen, reißen mit Ketten tiefe Wunden in seinen Leib. Schweick warnt sie noch: Das Hotel sei über einem der sieben Tore zur Hölle erbaut, nur er könne sie retten. Doch die Männer hören nicht auf ihn und kennen keine Gnade: Der Künstler wird als vermeintlicher Schwarzmagier in den Keller gezerrt, dort an die Wand genagelt und mit ungelöschtem Kalk übergossen – er stirbt einen entsetzlichen Tod. Und während wir sehen, wie sich sein Gesicht langsam zersetzt, setzt der stimmungsvolle Synthie-Score von Fabio Frizzi ein,

Keine Gnade vor Bundesprüfstelle und Gericht

Trotz der zurückhaltenden Sepia-Kolorierung dieses Prologs sind die blutigen Splattereffekte der Attacke auf den Maler von der heftigen Sorte. Das und andere Szenen während der Haupthandlung war den deutschen Sittenwächtern und Zensoren in den 1980er-Jahren erwartungsgemäß zu derbe – es hagelte Indizierungen und Beschlagnahmungen, sogar noch weit bis ins aktuelle Jahrzehnt hinein. Ob sich beizeiten ein Rechteinhaber an die Aufgabe begibt, „Über dem Jenseits“ von den Fesseln der Zensur zu befreien? Der Trend geht zwar dorthin, wie anhand etlicher vormals indizierter oder gar beschlagnahmter Klassiker der 70er und 80er zu beobachten ist, aber da die jüngsten Indizierungen von Fulcis Regiearbeit von 2016, 2017 und 2018 datieren und die letzte Beschlagnahme von 2010, könnte der Gang durch die Institutionen und Instanzen schwierig werden.

Wie auch immer, die Haupthandlung setzt 1981 ein. Die junge Liza Merrill (Catriona MacColl) hat das Hotel geerbt und will es wieder in Betrieb nehmen. Die Renovierungsarbeiten sind bereits in vollem Gange, als ein Maler vom Baugerüst fällt, weil ihn durchs Fenster zwei leere Augen angestarrt haben. Ein Klempner stirbt im Keller einen grausamen Tod, als er eine Wand aufmeißelt und plötzlich eine Hand sein Gesicht packt. Derweil trifft Liza auf die blinde Emily (Sarah Keller), die sie vor dem Gebäude warnt und dringend dazu rät, das Hotel nicht wieder zu eröffnen.

Viel mehr als im Fahrwasser von George A. Romero

Nach George A. Romeros wegweisendem „Zombie“ („Dawn of the Dead“, 1978) kamen speziell in Italien die Epigonen und Kopisten aus ihren Löchern, beginnend immerhin mit einem herausragenden Werk: Lucio Fulcis „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ („Zombi 2“, 1979), internationaler Titel: „Zombie Flesh Eaters“. Fulcis Zombiefilme dürfen dann auch guten Gewissens als würdige Nachfolger angesehen werden, was auch für „Ein Zombie hing am Glockenseil“ („Paura nella città dei morti viventi“, 1980, internationaler Titel: „City of the Living Dead“) gilt. „Über dem Jenseits“, hierzulande auch als „Die Geisterstadt der Zombies“ bekannt, gilt vielen als Fulcis bester Zombiefilm, und das nicht zu Unrecht. In der Folge seiner mit extremen Gewaltspitzen gespickten Untoten-Schocker bezogen sich einige Regisseure sogar eher auf Fulci als auf Romero.

Bei „Über dem Jenseits“ entsteht der Eindruck, Fulci habe seine bisherigen Exzesse unbedingt übertreffen wollen. Allein schon die Ermordung des Malers im Prolog sucht ihresgleichen. Make-up-Künstler Giannetto De Rossi („Das Leichenhaus der lebenden Toten“, „High Tension“), zuvor schon bei „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ von der Leine gelassen, kennt kein Pardon, was die Zurschaustellung tödlicher Gewalt angeht. Auch ein tödlicher Spinnenangriff ist zu bewundern, von dessen Sichtung ich Arachnophobikern nur dringend abraten kann.

Storytelling? Logik? Drauf gepfiffen!

Der lose rote Faden um Liza, die nach und nach herausfindet, was es mit ihrer Erbschaft auf sich hat, reißt immer wieder auf. Storytelling gehörte nie zu Fulcis Kernkompetenzen, auch „Über dem Jenseits“ beweist das in aller Deutlichkeit. Folgerichtig scherte er sich beim Einbau der Gewaltszenen auch nicht um Fragen der Logik oder nachvollziehbares Verhalten einzelner Figuren – Hauptsache, er konnte mit einem Höchstmaß an Atmosphäre seinen Exzessen frönen. Auch seine „Signature“-Einstellung kommt zum Tragen – ein bedauernswertes Opfer, das quälend langsam zum grausamen Todesstoß gedrückt oder gezogen wird. Erinnern wir uns an den Holzsplitter in „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ und den Bohrer auf der Werkbank in „Ein Zombie hing am Glockenseil“. In „Über dem Jenseits“ ist das ein langer Nagel, der aus der Wand ragt.

Am Rande erwähnt sei auch die Schauspielkunst, die bestenfalls Durchschnitt erreicht – auch das typisch für Fulci, der selten mit renommierten Akteuren im Cast arbeiten konnte und auch nicht in der Lage oder willens war, seine Darstellerinnen und Darsteller zu Höchstleistungen anzutreiben. Auf Dialogregie lag Fulcis Fokus jedenfalls nicht. Kann man den fragmentarischen Charakter und die mangelnde Logik im Sinne sauberen Storytellings mit Fug und Recht kritisieren, so trägt beides doch gewaltig dazu bei, eine albtraumhafte Stimmung zu erzeugen, die aufgeschlossene Zuschauer unweigerlich tief in ihren Bann zieht. Wer träumt schon eine runde Geschichte? Beispielhaft genannt sei eine Szene aus dem Finale, als zwei Personen in einem Krankenhaus von Zombies verfolgt werden, durch eine Tür und eine Wendeltreppe hinab entkommen und sich plötzlich im Keller des Hotels wiederfinden. Ich entsinne mich an Fieberträume, in denen mir ähnliche Ortswechsel widerfahren sind. Dazu passt auch, dass die Story eher in Richtung Okkultismus geht und nicht darauf abzielt, als Endpunkt eine Zombie-Invasion zu zeigen, auch wenn sich die Zahl der Untoten peu à peu steigert und es womöglich am Ende doch dazu kommt. Die Zombie-Apokalypse, so sie sich denn manifestiert, interessierte Fulci gar nicht, denn wir erfahren nicht, ob sie sich über das Hotel und das Krankenhaus hinaus Bahn brechen wird. Ihm geht es um das Tor zur Hölle und das Fegefeuer. „Über dem Jenseits“ unterscheidet sich dann auch fundamental von „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“, dem – bei allem dem Film zu Recht gebührenden Respekt – Fulci-Schnellschuss nach Romeros „Zombie“. In einigen Sequenzen tauchen plötzlich Untote auf, sind bald darauf aber wieder verschwunden. Der oben erwähnte Spinnenangriff kommt aus heiterem Himmel daher, was ihn ausgelöst hat, erfahren wir nicht. Zum Stirnrunzeln? Mag sein, aber auch großartig. Dass schon im Prolog das okkulte Book of Eibon auftaucht, fügt „Über dem Jenseits“ eine gehörige Prise H. P. Lovecraft hinzu, was aber nicht dazu beiträgt, die Rätselhaftigkeit aufzulösen.

Centerpiece der „Gates of Hell“-Trilogie

Fulci steht auch voll dazu, sich nicht um Logik und Story geschert zu haben, wie er in einem Interview äußerte: Es ist ein Film ohne Plot: ein Haus, Leute, und Tote, die aus dem Jenseits erscheinen. Es gibt darin keine Logik, sondern nur eine Aneinanderreihung von Motiven. (aus einem Interview, das Robert Schlockoff, Chefredakteur des französischen Magazins „L’Ecran Fantastique“, geführt hat, welches das englische Magazin „Starburst“ im August 1982 abgedruckt hat – online findet sich eine Abschrift davon.) Heute wird „Über dem Jenseits“ als Mittelteil einer sogenannten „Gates of Hell Trilogy“ oder auch „Gothic Trilogy“ Lucio Fulcis gesehen – eingerahmt von „Ein Zombie hing am Glockenseil“ und „Das Haus an der Friedhofsmauer“ („Quella villa accanto al cimitero“, 1981, internationaler Titel: „The House by the Cemetery“). In Kombination mit dem Vorgänger „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ haben wir es mit einem Quartett zu tun, das völlig zu Recht als Spitze des italienischen Zombiefilms gilt.

„Über dem Jenseits“ hat geradezu Arthouse-Qualitäten, auch wenn das in Deutschland die FSK, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sowie diverse Staatsanwälte und Richter anders sehen. Ich würde mich über eine reguläre deutsche Veröffentlichung der ungeschnittenen Fassung mit FSK-Freigabe freuen, halte sie noch für unwahrscheinlich – aber wer weiß? Zum Glück hat das englische Label Arrow Video Fulcis Meisterwerk in zwei Referenz-Editionen veröffentlicht, einmal im für Arrow typischen weißen Schuber mit Wendecover für vier Plakatmotive, einmal im Steelbook, jeweils mit Blu-ray und DVD (siehe Fotos). Das Booklet beider Versionen ist identisch, wenn man von den unterschiedlichen Covern absieht. Darin finden sich eine Einführung durch den Regisseur Eli Roth („The Green Inferno“) und zwei Essays des schottischen Filmpublizisten Calum Waddell.

Mehr Atmosphäre geht nicht

Gut möglich, dass ich „Über dem Jenseits“ anlässlich dieses Textes überhaupt erst zum zweiten Mal gesichtet habe – angesichts der Vielzahl der Zombiefilme verschwimmt die Erinnerung. Jedenfalls war ich von Beginn an wieder von der bizarren Atmosphäre des Films gefesselt, und auch wenn ich beim Schauen nach möglichen Kritikpunkten gesucht habe, weil ich eine differenzierte Betrachtung schreiben wollte, so kann ich doch nur bekräftigen, dass all die Logiklöcher tatsächlich ohne Belang sind. Fulci hat das erreicht, was seine erklärte Absicht war. Das muss man als an herkömmlichen Narrationsstrukturen interessierter Filmfan nicht mögen – ich stehe aber drauf, wenn dabei ein so außergewöhnliches Werk herauskommt wie im Falle von „Über dem Jenseits“. Danach hätten die italienischen Zombiefilmer eigentlich einpacken können.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Lucio Fulci sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: …E tu vivrai nel terrore! L’aldilà
Altenative deutsche Titel: Die Geisterstadt der Zombies / Eibon – Die 7 Tore des Schreckens
Internationaler Titel: The Beyond
IT 1981
Regie: Lucio Fulci
Drehbuch: Dardano Sacchetti, Giorgio Mariuzzo, Lucio Fulci
Besetzung: Catriona MacColl, David Warbeck, Cinzia Monreale, Antoine Saint-John, Veronica Lazar, Larry Ray, Giovanni De Nava, Al Cliver, Michele Mirabella, Giampaolo Saccarola, Maria Pia Marsala, Laura De Marchi

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: