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Zum 100. Geburtstag von Martin Balsam: Im Dutzend zur Hölle – Man bleibt in der Familie

04 Nov

Il consigliori

Von Ansgar Skulme

Thriller // Don Antonio (Martin Balsam) hat seine Mafia-Familie in San Francisco gut im Griff – bis eines Tages sein Ziehsohn Thomas (Tomas Milian) aus dem Gefängnis kommt. Dem Don vergeht das erleichterte Lächeln schnell, als der geläuterte Thomas ihn informiert, den Clan verlassen zu wollen. Jedoch hadert Antonio nicht mit sich, weil er nun auf Rache sinnt, sondern weil er väterliche Gefühle für den Abtrünnigen hat und somit vor einem großen inneren Konflikt steht. Die Familie zu verlassen, ist ein Tabu – ganz besonders, wenn man so viel über die anderen Mitglieder weiß wie der versierte junge Anwalt Thomas. Schon bald versucht sich der ambitionierte Garofalo (Francisco Rabal) daran, den Don, nach langen Jahren an der Macht, über diesen Verrat am Ehrenkodex stolpern zu lassen.

Unter den zahlreichen italienischen Thrillern der 70er-Jahre mit Mafia-Bezug zählt „Im Dutzend zur Hölle“ zu einer überschaubaren Gruppe an Filmen, die mit US-amerikanischen Schauplätzen aufwartet und zudem zu einem wesentlichen Teil in den Vereinigten Staaten gedreht wurde. Eine auf US-Boden angesiedelte Italo-Produktion – zwar nicht komplett, aber weitreichend vor Ort realisiert – war für den Regisseur Alberto De Martino allerdings kein Neuland, wie man eindrucksvoll an einem seiner besten Filme, „Exzess – Mord im schwarzen Cadillac“ (1969), sehen kann.

Balsam für die unter Wert verkaufte Nebendarsteller-Seele

Für die Hauptrolle konnte Martin Balsam gewonnen werden, der nach einem langjährigen Nebendarsteller-Dasein in Hollywood – seit Ende der 40er –, Anfang der 70er in italienischen Produktionen die Chance für sich entdeckte, vermehrt größere Filmrollen zu spielen. Er war nicht der einzige US-Schauspieler, der in den 60ern und 70ern in Richtung des florierenden italienischen Kino-Marktes abwanderte. Zu unterscheiden ist dahingehend zwischen Schauspielern, die schon in Hollywood diverse Hauptrollen für ihr Konto gesammelt hatten – wie beispielsweise Joseph Cotten –, und denen, die, wie Martin Balsam, erst in Italien zu Hauptdarsteller-Starruhm gelangten, nachdem Hollywood für sie bis dato so gut wie nur Nebendarsteller-Parts übriggehabt hatte. Für die zweite Kategorie dürfte vor allem Lee Van Cleef als populärstes Beispiel durchgehen.

Selbst sein Nebenrollen-Oscar für „Tausend Clowns“ (1965) hatte Balsam in Hollywood offenbar nicht für große Hauptrollen interessant gemacht. Am 4. November 2019 wäre er 100 Jahre alt geworden. Seine Verbundenheit zu Italien und der dortigen Filmindustrie hielt geraume Zeit über den Höhepunkt des Italo-Kinos hinaus. Martin Balsam starb am 13. Februar 1996 in Rom, und war auch noch in den 90ern in italienischen TV- und Kino-Produktionen zu sehen. Wie schon zwei Jahrzehnte früher abwechselnd mit Beteiligungen an US-amerikanischen Projekten. In den 70ern richtete er seine Karriere klug nach den Möglichkeiten aus, die ihm der italienische und der US-Markt boten und kam auf diese Weise parallel zu guten Hauptrollen in durchaus anspruchsvollen, zumindest aber solide unterhaltenden, nicht selten auch politisch ambitionierten Thrillern in Italien, wie aber auch Nebenrollen in namhaften US-Serien und -Filmen. Man denke nur an „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ (1974) oder „Die Unbestechlichen“ (1976). Schon in den 50ern und 60ern hatte Balsam in Hollywood in diversen sehr berühmten Filmen mitgewirkt – allen voran „Die 12 Geschworenen“ (1957), „Psycho“ (1960) und „Ein Köder für die Bestie“ (1962). Im italienischen Film der 70er wurde er meist als Polizei-Kommissar, vereinzelt auch Anwalt oder Richter besetzt – insofern ist seine Figur in „Im Dutzend zur Hölle“ für seine italienische Phase eher ungewöhnlich.

Der Pate ohne künstliche Maske

Martin Balsams Performance in „Im Dutzend zur Hölle“ war, mitsamt des bei ihm nicht üblichen zarten Oberlippen-Bärtchens, sicherlich eine unmittelbare filmische Reaktion auf „Der Pate“ (1972), ist jedoch eigentlich mehr als das, da Balsam seinem Paten ein durchaus großes Bröckchen Menschlichkeit und väterliche, ja fast schon großväterliche Wärme abgewinnt. Zudem hat es seine Vorzüge, dass er – im Gegensatz zu Marlon Brando – nicht darauf angewiesen war, mit einem Eimer Make-up im Gesicht aufzutreten. Es ist fast schon schade, dass der Film sich mit zunehmender Dauer recht stark auf Action-Elemente verlegt und nicht noch mehr aus dem schauspielerischen Potenzial der Besetzung und der spannenden Figuren-Konstellation – angefangen bei den drei Hauptrollen, die Balsam, Tomas Milian und Francisco Rabal verkörpern – herauskitzelt. Dass Dagmar Lassander am Ende nicht darüber hinauskommt, schmückendes, wenn auch angenehm natürlich wirkendes Beiwerk zu sein und die im damaligen Italo-Kino durchaus namhaften Eduardo Fajardo („Django“) und George Rigaud („Das Geheimnis der blutigen Lilie“) nur in kleinen Rollen zu sehen sind, ist schade und auch irgendwie unnötig. So richtig gänzlich lässt sich die These, Alberto De Martino habe sich vorzugsweise auf die Beziehungen der Figuren in seinen Filmen konzentriert, was teilweise zu Lasten der Spannung gehe, mit „Im Dutzend zur Hölle“ nicht bestätigen, da es dafür ab einem gewissen Punkt einfach zu viele Geschosse hagelt, wenngleich zunächst viele zwischenmenschliche Weichen gestellt werden. Das tragische, sanftmütige Ende entschädigt aber letztlich auch diejenigen, denen ein bisschen weniger Geballer lieber gewesen wäre.

An sich gibt es schon allein verdammt viel her, neben dem sympathischen Balsam in einer nicht liebenswürdigen, aber doch Verständnis erobernden Rolle den Vollblut-Schauspieler Tomas Milian, der stets Wert auf politisch anspruchsvolle Filme in seinem Portfolio legte, mal ausgesprochen ruhig und introvertiert zu erleben. Ausgerechnet Milian, der das italienische Kino in den 60ern vor allem mit energiegeladenen, lauten Auftritten gestürmt hatte, insbesondere als überkandidelter Mexikaner im Italowestern. Wem der ruhige Milian gefällt, der sollte auch einen Blick auf „Der Todesengel“ (1971) werfen – ein interessantes Remake zu Alfred Hitchcocks „Der Fremde im Zug“ (1951), mit schönen neuen Ideen, einem überraschenden Ende und Milian in der Farley-Granger-Rolle.

Was wäre der Filmwelt für ein riesiges Talent entgangen, hätten die Italiener in den 60ern nicht in einer für den Tonfilm bis dato beispiellosen Form ihre Tore geöffnet und Schauspielern aus aller Welt – auch aus Ländern, die keine international relevante Filmindustrie besaßen – bunt gemischt eine Plattform im Kino gegeben. Dadurch wurde es Menschen wie dem in Kuba geborenen Milian überhaupt erst möglich, zu einem internationalen Star zu werden. Eine solch bunte, erfolgreiche Mischung an Akteuren aus aller Herren Länder hatte es im Grunde schon seit Stummfilmzeiten in keiner Kinoindustrie mehr gegeben. Eine umstrittene, aber mehr oder minder unumgängliche Folge war, dass man sich praktisch grundsätzlich entschied, auf Live-Ton vom Set in den Filmen zu verzichten, die Schauspieler teilweise beim Dreh sogar unterschiedliche Sprachen sprechen zu lassen und demzufolge ausgiebig – auch die italienischen Fassungen – zu synchronisieren. Bedauerlich ist, dass man allerdings noch nicht einmal bei den englischen Muttersprachlern eine gewisse Konsequenz dahingehend erreichte, dass diese sich wenigstens in den englischen Synchronfassungen selbst sprachen, obwohl diese Synchronfassungen auch direkt in Rom angefertigt werden konnten. Das mag aufgrund der Vielzahl an kleinen Produktionen, mit denen der Markt seinerzeit aus Italien überschwemmt wurde, aber auch oft an der Verfügbarkeit der Schauspieler und engen Zeitplänen bis zum Kinostart gescheitert sein.

Die Synchro: Ein Gedicht

Auf der 2015 vom Label filmArt herausgebrachten deutschen DVD ist der Film in ordentlicher Bildqualität und mit der deutschen sowie auch der englischen Synchronfassung enthalten. Dazu gibt es ein Booklet mit Texten zum Film und zum Regisseur, eine kleine Bildergalerie und eine sehenswerte Trailershow zu anderen Raritäten aus derselben filmArt-Italo-Edition. Ein Dutzend Euros reicht für den Erwerb derartiger Liebhaber-Veröffentlichungen zwar nicht, aber das ist als Beteiligung am digitalen Erschließen des italienischen Kinos der 60er & 70er auch angemessen, da sich hier ohne ambitioniertes Hervorpreschen der Labels, inklusive des mühevollen Auftreibens tauglicher Kopien, kein Rad drehen würde.

Die deutsche Synchronfassung überrascht mit der Reaktivierung von Gerhard Geisler nach über zehn Jahren, der Martin Balsam zuvor einzig in „Psycho“ gesprochen hatte und auch danach, bis zu seinem Tod im Jahr 1977, nicht mehr synchronisierte. Diese Besetzung ist eine der passendsten, die Martin Balsam in all den Jahren vergönnt gewesen ist – und ein gutes Beispiel für eine nahezu, wenn nicht gänzlich ideale Sprecherwahl bei einem durch Hauptrollen bekannt gewordenen Schauspieler, die allerdings leider selten zum Einsatz gekommen ist. Gerhard Geisler ist aus heutiger Sicht vor allem als Stimme von Anthony Quinn geläufig, bei dem er ab 1959 als Nachfolger seines bisherigen, seinerzeit überraschend verstorbenen Stammsprechers Wolf Martini etabliert wurde. Die weiteren Rollen veredeln die in München entstandene deutsche Fassung von „Im Dutzend zur Hölle“ zu einem wirklichen Genuss für Fans des Genres und Fans von klassischen Synchros: Zu hören gibt es Christian Wolff („Forsthaus Falkenau“) für Tomas Milian, der schon seit den frühen 60ern nicht nur vor der Kamera, sondern auch im Synchron rege aktiv war – beispielsweise als Stimme von Pierre Brice im ersten Teil der „Winnetou“-Trilogie und in „Old Shatterhand“ (1964) – und der ausgesprochen gut zur ruhigen Tomas-Milian-Variante passt. Daneben „Mr. Spock“ Herbert Weicker für Francisco Rabal; der kernige Klaus W. Krause als Stimme von Carlo Tamberlani, der einen in die Jahre gekommenen Mafiosi spielt; der nicht minder prägnante Leo Bardischewski als deutschsprachige Variante von John Anderson, eines weiteren Hollywood-Gastes in diesem Film; und Manfred Andrae, der für Eduardo Fajardo ähnlich ungewöhnlich, aber interessant besetzt ist wie Christian Wolff für Tomas Milian.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Martin Balsam haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt. Ein lesenswerter Text zu „Im Dutzend zur Hölle“ findet sich auch im Filmforum Bremen.

Veröffentlichung: 23. September 2015 als DVD

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: DVD ungeprüft; Film FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine (Deutsch in einer kurzen Passage, die mit italienischem Ton enthalten ist)
Originaltitel: Il consigliori
IT/SP/USA 1973
Regie: Alberto De Martino
Drehbuch: Adriano Bolzoni, Vincenzo Mannino, Leonardo Martín, Alberto De Martino
Besetzung: Martin Balsam, Tomas Milian, Francisco Rabal, Dagmar Lassander, Carlo Tamberlani, John Anderson, Jackson D. Kane, Eduardo Fajardo, George Rigaud, Franco Angrisano
Zusatzmaterial: Booklet, Bildergalerie, Trailershow zu anderen filmArt-Italo-Veröffentlichungen
Label: filmArt
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

 

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