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The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe: Jagd auf das Atom-U-Boot

05 Nov

Le chant du loup

Von Volker Schönenberger

Militärthriller // Es gibt drei Arten von Menschen: die Lebenden, die Toten und die, die zur See fahren. Mit diesem Sinnspruch beginnt „The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe“. Die Einblendung schreibt sie Aristoteles zu, im Netz ist von Platon die Rede, aber egal. Ein französisches U-Boot schiebt sich kurz unter der Wasseroberfläche durchs Wasser, wir befinden uns im Mittelmeer vor der syrischen Küste bei Tartus. In Ufernähe schleichen ein paar getarnte Bewaffnete an einem Wachposten vorbei, weitere Kollegen gesellen sich aus einem Loch in der Erde dazu.

Rettungsaktion für Kampfschwimmer

An Bord des U-Boots lauscht die Besatzung, was da draußen vor sich geht. Der Sonar-Akustiker Chanteraide (François Civil, „Katakomben“) liefert dank seines hervorragenden Gehörs äußerst präzise Informationen über andere anwesende Schiffe. Er ist offenbar mit seinem vorgesetzten Offizier D’Orsi (Omar Sy, „Ziemlich beste Freunde“) an Bord gekommen, um die Rettung einiger Kampfschwimmer zu sichern, die das U-Boot aufnehmen soll. Weil Chanteraide ein feindliches U-Boot nicht als solches identifiziert, endet der Einsatz beinahe in einem Fiasko, lediglich das beherzte Eingreifen von Kommandant Grandchamp (Reda Kateb, „Django – Ein Leben für die Musik“) rettet die Mission.

D’Orsi (l.) und Grandchamp bekommen neue Kommandos übertragen

Der Kommandant (Jean-Yves Berteloot) seiner Einheit enthebt Chanteraide seiner Aufgaben, hindert ihn auch daran, nachzuforschen, was für ein Unterwasserfahrzeug er denn da gehört haben mag. Grandchamp erhält das Kommando über ein mit scharfen Atomraketen bestücktes U-Boot, das angesichts der verschärften Weltsituation alsbald zu einer geheimen Zehn-Wochen-Fahrt aufbrechen soll. D’Orsi übernimmt das Kommando über Grandchamps altes U-Boot. Weil Grandchamp ihn anfordert, geht auch Chanteraide an Bord, obwohl er sich gerade in die Bibliothekarin Diane (Paula Beer) verliebt hat.

Glaubwürdig? Wer weiß das schon?

Grafiken von Frequenzanalysen sind für unsereins Bücher mit sieben Siegeln. Insofern kann uns der akustische Analytiker Chanteraide natürlich viel vom Pferd erzählen. Ebenso entzieht es sich meinem Urteilsvermögen, ob die Art und Weise, wie er Geräusche identifiziert, auch nur einigermaßen realistisch geschildert wird. Nehmen wir es einfach hin, dann entwickelt der U-Boot-Thriller gehörig Spannung. Diese steigert sich im Verlauf, als aufgrund einer Verschärfung der weltpolitischen Situation eine atomare Eskalation droht – der Dritte Weltkrieg scheint kurz bevor zu stehen. In der Folge strapaziert die Entwicklung an Bord der beiden U-Boote die Glaubwürdigkeit allerdings enorm. Natürlich gilt auch hier: Der Großteil der Menschheit hat keine Ahnung davon, welche Befehlsabläufe auf einem mit Atomraketen bestückten U-Boot gelten. Insofern: Es kann natürlich sein, dass das Ganze so ablaufen würde, wie es in „The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe“ geschildert wird.

Chanteraide muss sein Gehör präzise einsetzen …

Die Referenz im Sektor der U-Boot-Filme bleibt „Das Boot“ (1981), aber an dem Klassiker von Wolfgang Petersen haben sich schon andere die Zähne ausgebissen. Obendrein schlägt „Le chant du loup“, so der Originaltitel, eine ganz andere Richtung ein – hier geht es nicht darum, wochenlang in einer kleinen Konservenbüchse unter Wasser unterwegs zu sein und ständig unter Wasserbombenbeschuss zu geraten, sondern um eine ganz andere Konfrontation. Daher muss sich „The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe“ eher dem Vergleich mit John McTiernans „Jagd auf roter Oktober“ (1990) mit Sean Connery und Alec Baldwin sowie Tony Scotts „Crimson Tide – In tiefster Gefahr“ (1995) mit Denzel Washington und Gene Hackman stellen – in beiden Filmen geht es ebenfalls um einen drohenden Weltkrieg mit Nuklearwaffen. Und diesem Vergleich hält die bislang einzige Regiearbeit von Antonin Baudry durchaus stand. Zugegeben: Meine Sichtung der beiden US-Thriller liegt etliche Jahre zurück, aber die Spannung ist mir im Gedächtnis geblieben. In „The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe“ müssen Menschen heikle Entscheidungen von riesiger Tragweite treffen und diese überdenken – diese Tragik überträgt sich aufs Publikum.

Die unbedeutende Bibliothekarin

Als Kommandant der französischen U-Boot-Flotte ist Mathieu Kassovitz („Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“) zu sehen. Chanteraides Liebesgeschichte mit der Bibliothekarin kommt aus heiterem Himmel und hat für den weiteren Verlauf keinerlei Bedeutung. Vielleicht wollte der Regisseur darstellen, dass der Akustik-Analytiker ein Mann mit Gefühlen ist – nur: Welchen Zweck hat er damit verfolgt? Verzeihen wir einem Regiedebütanten derlei Unzulänglichkeiten, er wird es sicher lernen, Handlungselemente künftig relevant einzubinden oder im Zweifel herauszuschneiden. Auch den mit dem zu Beginn eingeblendeten Zitat erhobenen Anspruch löst Baudry nicht ein – um Faszination für Seefahrt oder Unterseefahrt geht es zu keinem Zeitpunkt.

… und gerät dabei unter starken Druck

„The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe“ ist tricktechnisch gelungen und täuscht nicht vor, mehr zu sein, als er sein will – ein fesselnder Militärthriller. Dafür ist das französische Kino nicht unbedingt bekannt, Frankreichs Streitkräfte in der jüngsten Vergangenheit auch nicht dafür, im Weltgeschehen ein „Big Player“ zu sein. Soll hier Imagepflege betrieben werden? Egal, wenn das so fesselnd geschieht wie mit „Le chant du loup“, können wir es akzeptieren. Antonin Baudrys Erstling hat nach der Premiere in Paris am 17. Januar 2019 und einer Kinoauswertung in Frankreich sein internationales Publikum in erster Linie über Netflix gewonnen. Hierzulande gab es ebenfalls keinen Kinostart, aber womöglich öffnet der Film dem Regisseur einige Türen für höher budgetierte Produktionen mit mehr Chancen, ein großes Publikum zu erreichen. Verdient hätte er es. Welche U-Boot-Filme jenseits der in dieser Rezension bereits genannten könnt Ihr empfehlen?

Veröffentlichung: 7. November 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Le chant du loup
F 2019
Regie: Antonin Baudry
Drehbuch: Antonin Baudry
Besetzung: François Civil, Omar Sy, Mathieu Kassovitz, Reda Kateb, Paula Beer, Alexis Michalik, Jean-Yves Berteloot, Damien Bonnard, Pierre Cevaer, Sébastien Libessart, Paul Granier
Zusatzmaterial: Making-of, Featurette: „Immersion“, Interview mit Mathieu Kassovitz und Omar Sy, deutscher Trailer, Originaltrailer, Trailershow
Label/Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 Concorde Home Entertainment

 
 

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16 Antworten zu “The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe: Jagd auf das Atom-U-Boot

  1. Rainer Pampuch

    2020/05/16 at 13:28

    Unter den Besseren aus der Masse fällt mir gerade noch „Hostile Waters“ mit Rutger Hauer und Martin Sheen ein, welcher auf dem tatsächlichen Zwischenfall vom 11. 02. 1992 basiert.
    https://www.neues-deutschland.de/artikel/347241.amerikanische-u-boote-staendig-vor-gus-kuesten.html

    Ansonsten: „Torpedo los!“ mit Glenn Ford und Ernest Borgnine.

     
  2. DirkB

    2019/11/27 at 21:59

    Da eigentlich alle, die ich kenne, hier schon erwähnt wurde, schmeiße ich mal Filme wie Yellow Submarine und Unternehmen Petticoat in den Raum… 🙂

     
  3. Thomas Oeller

    2019/11/27 at 20:59

    Neben einigen schon genannten, zb noch „Duell im Atlantik“ , „K-19 – Showdown in der Tiefe“ , „Hunley – Tauchfahrt in den Tod“

     
  4. Matthias Klug

    2019/11/25 at 17:51

    Ich kann guten gewissens “ U-Boot in Not “ ( 1978 ) empfehlen.
    Unter anderem mit Charlton Heston und David Carradine ein Film, der einen mit nimmt und bis zum Ende spannend und aktionreich geladen ist, mit einem, wie ich finde traurigen Ende.
    Wer ihn noch nicht kennt, sollte unbedingt einen Blick riskieren.
    Das ist auch der einzige Film, von dem ich erzählen kann, wenn es um U-Boot Filme geht.
    LG Matthias

     
  5. Oliver Eckert

    2019/11/25 at 12:26

    Ich bin da auch auf der Seite von Herrn Kramer Sub Down ist einfach ein guter Film.

     
  6. Michael Behr

    2019/11/24 at 20:00

    Ganz klar: 20.000 Meilen unter dem Meer.

     
  7. Jens

    2019/11/23 at 16:19

    Roter Oktober auf jeden Fall 🙂

     
    • V. Beautifulmountain

      2019/11/23 at 17:44

      Hm, bei solchen Antworten frage ich mich immer, ob die Frage richtig gelesen worden ist. 😎

       
  8. Frank Hillemann

    2019/11/22 at 15:44

    “ Das letzte Ufer“ ist einfach klasse.

     
  9. Björn Kramer

    2019/11/22 at 15:31

    Also ich kann empfehlen an U-Boot thrillern Sub Down – Verschollen in der Tiefe mit Gabrielle Anwar und U-Boot in Not mit Charlton Heston.

     
  10. Sven Plog

    2019/11/22 at 13:47

    Die genannten sind natürlich fein, U571 und Below sind zum Beispiel eher Massenware…
    Phantom lief leider unter dem Radar und für B Freu de empfehle ich Crash Dive und Stingers;)

     
  11. Stefan Tieste

    2019/11/22 at 13:42

    Abyss – Abgrund des Todes

     
  12. Rico Lemberger

    2019/11/22 at 11:00

    Eher mal etwas zum Lachen – Mission: Rohr frei.

     
  13. transfairleistung

    2019/11/22 at 08:52

    Ich mag ja gerne Klassiker und finde immer noch „20.000 Meilen unter dem Meer“ von 1954 ist die Filmreferenz 🙂

     
  14. Frank Warnking

    2019/11/22 at 08:50

    Hunter Killer war besser als erwartet…aber die genannten Crimson Tide und Roter Oktober gehören allgemein zu meinen Top 10 🙂

     

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