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Stan & Ollie – Ziemlich beste Freunde

07 Nov

Stan & Ollie

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // Die ganze Welt hat über sie gelacht: In Spanien sind sie als „El Gordo y El Flaco“ bekannt, in der Niederlande als „Dikke und Dunne“, in Polen als „Flip & Flap“, die Italiener nennen sie „Krick & Krock“, die Brasilianer „O Gordo e o Magro“, in den englischsprachigen Ländern heißen sie „Laurel & Hardy“ und im deutschsprachigen Raum „Dick & Doof“. Die Rede ist natürlich von Stan Laurel (1890–1965) und Oliver Hardy (1892–1957), die zu den erfolgreichsten Komikern des 20. Jahrhunderts gehörten. Von 1926 bis 1951 drehten sie zusammen über 100 Filme, darunter „Der zermürbende Klaviertransport“, der 1932 in der damals frisch eingeführten Kategorie „Beste Kurzfilm-Komödie“ den Oscar gewann.

In den 1930er-Jahren gehören Oliver (l.) und Stan zu den erfolgreichsten Komikern der Welt

Erfreulicherweise orientierte sich Drehbuchautor Jeff Pope („Philomena“, 2013) für „Stan & Ollie“ nicht an dem schablonenhaften Aufbau erfolgreicher Filmbiografien, die chronologisch und meist völlig gehetzt die Höhen aus dem Leben einer Persönlichkeit nacherzählen, als Beispiele seien hier „Walk the Line“ (2005) und „Bohemian Rhapsody“ (2017) genannt. Stattdessen konzentriert sich Pope mit Ausnahmen von einigen wenigen Rückblicken auf einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der beiden Komiker: ihre letzte Tour, die sie 1953 nach Großbritannien führen sollte. Als Vorlage diente ihm dabei das Buch „Laurel & Hardy – The British Tours“ (1993) von A. J. Marriot.

Anfang und Ende des Ruhms

„Stan & Ollie“ startet im Jahr 1937, als Stan Laurel (Steve Coogan) und Oliver Hardy (John C. Reilly) auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt sind. Eine knapp fünfminütige, ohne sichtbaren Schnitt gedrehte Kamerafahrt begleitet die Komiker von ihrer Garderobe aus durch ein Filmstudiogelände bis hin zum Set von „Zwei ritten nach Texas“, wo sie schließlich mit Studiochef Hal Roach (Danny Huston) in Streit geraten. Dabei unterhalten sich Stan und Ollie über ihre Exfrauen, über aktuelle Liebschaften, über ihre Finanzen, Pferdewetten und darüber, dass sie mehr Gehalt verhandeln wollen. Der schottische Regisseur John S. Baird („Drecksau“) erzählt diese kleine Einleitung völlig unaufgeregt und effizient, sodass das Publikum gleich ein Gefühl dafür bekommt, wie die zwei befreundeten Arbeitskollegen miteinander umgehen. Wir erhalten gleichzeitig einen kleinen Blick hinter die Hollywood-Kulissen der 30er-Jahre. Schnell wird klar: Oliver ist der Lebemann, der sich an jedem freien Tag mit diversen Frauen und auf Partys vergnügt, während Stan bis tief in die Nacht an neuen Gags arbeitet – dennoch lässt er sich von Oliver überreden, ihn auf einen Bootsausflug zu begleiten, um möglicherweise eine Frau kennenzulernen.

Auf und neben der Bühne sind Stan und Ollie immer für einen Spaß zu haben

Dann erfolgt ein Zeitsprung von 16 Jahren, ins Jahr 1953, wo Stan und Oliver im englischen Newcastle in einer kleinen Herberge einchecken. Die Zeiten haben sich geändert, die Tage des Luxus sind vorbei. „Um ehrlich zu sein, ich dachte sie wären im Ruhestand“, erklärt ihnen die Empfangsdame. „Wir werden älter, aber wir sind noch nicht am Ende“, erwidert Oliver. Die beiden müssen ihre Koffer selbst aufs Zimmer tragen. Auch die Freundschaft von Stan und Oliver hat in der vergangenen Zeit offenbar ein paar Schrammen abbekommen. Fans des Duos kennen den Grund dafür: die Komödie „Zenobia, der Jahrmarktselefant“ (1939), bei dem Ollie seinem langjährigen Partner Stan „untreu“ wurde und stattdessen an der Seite von Harry Langdon vor der Kamera stand. Die Großbritannien-Tour beginnt in kleinen und spärlich gefüllten Theatersälen. Erst als die Komiker einige PR-Termine wahrnehmen, werden die Briten wieder auf das legendäre Paar aufmerksam. Die Tour, bei der auch Stans Ehefrau Ida (Nina Arianda) und Olivers Gattin Lucille (Shirley Henderson) einen Besuch abstatten, wird doch noch ein Erfolg. Stan und Oliver nähern sich langsam wieder aneinander an – doch dann erleidet Oliver einen Schwächeanfall …

Ein magisches Band

Früher liefen die Filme des Komikerduos im Fernsehen rauf und runter. Das ZDF zeigte die zusammengeschnittenen Slapstick-Einlagen ab Mitte der 1970er- bis Anfang der 80er-Jahre im Vorabendprogramm. Ob die Kinder heutzutage „Dick und Doof“ noch kennen? Auf jeden Fall werden sich alte Fans schnell durch das Biopic an diese unbeschwerten TV-Stunden zurückerinnern. Jon S. Baird gelang eine warmherzige Liebeserklärung und gleichzeitig Hommage an die beiden Schauspieler, die von John C. Reilly und Steve Coogan hervorragend verkörpert werden. Zeitweise vergisst man fast, dass hier nicht die echten Komiker zu sehen sind. Neben der perfekt imitierten Mimik und Gestik, hat besonders die Make-up-Abteilung ganze Arbeit geleistet, um Reilly in den fülligen Oliver Hardy zu verwandeln. Für seine Leistung erhielt er eine Nominierung für den Golden Globe.

Lucille (l.) und Ida besuchen ihre Ehemänner auf der Tour

Reilly und Coogan dürfen natürlich auch einige bekannte Scherze aufführen, etwa die vertauschte Melone oder ein Krankenbesuch, bei dem Patient Ollie durch Stans Tollpatschigkeit ständig ein schweres Gewicht auf den Kopf kracht. So leicht ist es, die Leute zum Lachen zu bringen. Doch Baird zeigt auch, dass diese Leichtigkeit harte Arbeit war und Stan und Ollie ein perfekt eingespieltes Team waren. Selbst in der Öffentlichkeit führen sie ihre Comedy-Routinen immer wieder auf, um den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Dass die zwei Komiker mehr als Arbeitskollegen waren, beweist auch die Tatsache, dass Stan nach Ollies Tod 1957 trotz einiger Angebote keine einzige Filmrolle mehr annahm. Die beiden waren ziemlich beste Freunde, die ein magisches Band zu verbinden schien.

Küss die Hand, werte … Dame?!

Es geht im Biopic zwar größtenteils harmonisch zu, doch die Probleme, die beide Stars mit dem Älterwerden und dem nahenden Ende ihrer Karriere hatten, werden zwischen den Zeilen angedeutet. So versucht Stan einen Filmproduzenten erfolglos davon zu überzeugen, dass er gemeinsam mit Ollie einen neuen „Robin Hood“-Film drehen will. Die Zeit von „Laurel & Hardy“ ist Anfang der 1950er-Jahre vorbei. Sie passen nicht mehr ins Hollywood-System. Und dies vermittelt „Stan & Ollie“ auf liebevoll-wehmütige Weise.

Komische Liebesgeschichte im Mediabook

capelight pictures würdigt die Komiker mit einer großartig ausgestatteten Mediabook-Edition von „Stan & Ollie“. Auch auf der einzeln erhältlichen Blu-ray beziehungsweise DVD befindet sich unter anderem der komplette Film „Der zermürbende Klaviertransport“ als Extra, doch nur im Mediabook finden sich ein ausführlicher Text von Jenny Jecke über die zeitlose Faszination des Duos sowie die 105 Minuten lange Dokumentation „Laurel and Hardy – Die komische Liebesgeschichte von ,Dick & Doof‘“ in HD des deutschen Regisseurs Andreas Baum, die 2012 bereits von Studiocanal auf DVD in der 92-minütigen-TV-Fassung veröffentlicht wurde und von FunFactoryFilms in der hier vorliegenden „Director’s Cut“-Version erschienen ist. Zusammen mit dem wunderbaren Film ein rundum gelungenes Gesamtpaket. Wer danach immer noch nach Lesestoff über die beiden Komiker giert, möge sich die noch lieferbare #10 der online bestellbaren Zeitschrift „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ zulegen. Die Titelgeschichte der Ausgabe widmet sich US-Filmkomikern, der Beitrag über Laurel und Hardy stammt von „Die Nacht der lebenden Texte“-Blogbetreiber Volker.

Bei ihrer Ankunft in Irland werden Stan und Ollie von den Massen gefeiert

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Steve Coogan und John C. Reilly haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 20. September 2019 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray, DVD & Bonus-Blu-ray), Blu-ray und DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Stan & Ollie
GB/KAN/USA 2018
Regie: Jon S. Baird
Drehbuch: Jeff Pope, inspiriert von dem Buch „Laurel & Hardy – The British Tours“ von A. J. Marriot
Besetzung: Steve Coogan, John C. Reilly, Shirley Henderson, Nina Arianda, Rufus Jones, Danny Huston, Joseph Balderrama, John Henshaw
Zusatzmaterial: Im Gespräch mit Regisseur Jon S. Baird, Shirley Henderson, Steve Coogan und John C. Reilly, Featurettes: „Die Prothesen“ & „Die Beziehung“, Kurzfilm: „Der zermürbende Klaviertransport“ (1932), Kinotrailer, nur Mediabook: „Laurel and Hardy – Die komische Liebesgeschichte von ,Dick & Doof‘“ (Director’s Cut, 105 Min., HD, mit dt. Tonspur), 24-seitiges Booklet mit einem Text von Jenny Jecke
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 capelight pictures

 

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