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Der Pazifikkrieg (IV): Die Hölle sind wir – Entstehung und Zerstörung von Gesellschaft

12 Nov

Hell in the Pacific

Von Lucas Gröning

Kriegs-Abenteuer // Egoismus ist wohl eine der hinderlichsten Eigenschaften, wenn es um die zivilisierte Koexistenz von uns Menschen geht. Sehen wir uns bereits im Kindergarten mit dem täglichen Streit rund um das attraktivste Spielzeug konfrontiert, weiten sich diese Konflikte mit dem Erwachsenwerden auf wesentlich größere und bedeutendere Aspekte aus. Sicher, Egoismus hat auch eine Menge positiv-konnotierter Eigenschaften. Wenn ich beispielsweise gewillt bin, meine eigenen Bedürfnisse dem Gemeinwohl unterzuordnen, woher will ich wissen, dass meine Mitmenschen diese Bereitschaft ebenfalls aufbringen? Ein gesunder Drang, die eigenen Interessen nach vorn zu stellen, gehört angesichts dieser Ungewissheit zum absolut natürlichen und moralisch gerechtfertigten Denken und Handeln eines jeden Menschen dazu, zumal der in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht geforderte Konkurrenzkampf, gerade in westlichen Gesellschaften, dies systematisch voraussetzt. Damit gesellschaftliches Zusammenleben funktionieren kann, braucht es jedoch ein kontrolliertes Unterordnen der eigenen Bedürfnisse, wozu es wiederum Regeln benötigt, auf die sich eine Gesellschaft einigen muss.

Ein amerikanischer Soldat trifft auf einer Insel …

Ein kompliziertes Thema, welches sich John Boorman mit „Die Hölle sind wir“ zu eigen gemacht und, das sei vorweggenommen, auf großartige Weise bearbeitet hat. Im Dezember 1968 in Japan und den USA gleichermaßen im Kino gestartet, bildet „Die Hölle sind wir“ Boormans dritte Kino-Regiearbeit nach der Musikkomödie „Fangt uns, wenn ihr könnt“ (1965) und dem knallharten Gangster-Thriller „Point Blank“ (1967). Später inszenierte er unter anderem das beinharte Survival-Abenteuer „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972), den postapokalyptischen Science-Fiction-Film „Zardoz“ (1974), das missratene Horror-Sequel „Exorzist II – der Ketzer“ (1977) und mit „Excalibur“ (1981) eine der besten Verfilmungen der Sage um König Artus und die Ritter der Tafelrunde.

Die Schauspielgrößen Lee Marvin und Toshirō Mifune

Als einzige Darsteller für „Die Hölle sind wir“ wurden die beiden Schauspiellegenden Lee Marvin und Toshirō Mifune verpflichtet. Als Marvins größter Erfolg zählt der Kriegs-Actionreißer „Das dreckige Dutzend“ (1967), im selben Jahr hatte er für „Point Blank“ erstmals mit Boorman zusammengearbeitet. 1962 war er in der Rolle des bösartigen Revolvermanns Liberty Valance in John Fords „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ an der Seite von James Stewart und John Wayne zu sehen. Ebenfalls ein Revolvermann, allerdings ein versoffener, war er 1965 in „Cat Ballou – Hängen sollst du in Wyoming“. Für die Hauptrolle gab’s im selben Jahr den Silbernen Bären der Berlinale und 1966 Oscar und Golden Globe. Mifune wiederum erlangte vor allem Bekanntheit durch seine häufige Zusammenarbeit mit Regielegende Akira Kurosawa, unter anderem spielte er Hauptrollen in dessen Meisterwerken „Rashomon“ (1950) und „Die sieben Samurai“ (1954). Für „Die Hölle sind wir“ trafen diese beiden großartigen Schauspieler nun aufeinander und legten damit den Grundstein für einen fantastischen Film.

Kampf um die Hegemonie

Die Geschichte ist oberflächlich betrachtet relativ einfach und unkompliziert. Wir befinden uns am Ende des Zweiten Weltkrieges auf einer Pazifikinsel. Unabhängig voneinander stranden dort ein amerikanischer (Lee Marvin) und ein japanischer Soldat (Toshirō Mifune), deren einzige Gemeinsamkeit zunächst der verzweifelte Kampf ums Überleben scheint. Irgendwann begegnen die Protagonisten einander und es kommt zu Konflikten. Bei beiden herrscht nach einem langen und qualvollen Krieg der Hass auf das jeweils andere, ideologisch konstruierte Feinbild, welches unmittelbar auf das Gegenüber projiziert wird. Diese Projektion, in Verbindung mit dem unbedingten Willen, das eigene Leben zu erhalten, führt zu einem unerbittlichen Kampf um die knappen Ressourcen, die die Insel den beiden zur Verfügung stellt. Es führt zu einem rein egoistischen Kampf um das eigene Wohl. Wenn der eine beispielsweise eine Möglichkeit gefunden hat, sauberes Wasser zu generieren, will er diese Errungenschaft nicht mit dem anderen teilen. Hat der andere ein Tier zum Essen erbeutet, teilt er die Nahrung nicht mit seinem Gegenüber.

… auf einen japanischen Soldaten

Was wir hier augenscheinlich sehen, ist ein Konkurrenzkampf um die begrenzten Güter der Insel, der sich problemlos auch auf moderne Gesellschaften übertragen lässt. Auch wir stehen in gewisser Weise auf dem freien Markt ständig in Konkurrenz zu unseren Mitbewerbern. Auch wir streben nach unserem Vorteil in der Gesellschaft und stellen für unser eigenes Wohlsein andere Existenzen hinten an. Aufgrund der Begrenzung des Wohlstands versucht ein jeder, das Beste für sich selbst und vielleicht noch seine Angehörigen herauszuholen. Die „Verlierer“ dieses Kampfes fallen hinten herunter und haben es entprechend schwer, sich aus einer schwachen Position heraus eine wohlhabendere Stellung in der Gesellschaft zurückzuholen. Das Ergebnis ist somit Klassismus und der daraus folgende marxistische Begriff des Klassenkampfes. Einen ebensolchen Konflikt zeigt uns „Die Hölle sind wir“, und lange Zeit bleibt offen, wer diesen Kampf schlussendlich gewinnen wird. Der Film kam im Übrigen nicht mit dem von John Boorman vorgesehenen Ende in die Kinos, da die Produzenten das Finale veränderten – kurioserweise, indem sie eine Szene aus Blake Edwards’ „Der Partyschreck“ (1968) einfügten. Die vom Regisseur präferierte Schlussszene findet sich im Bonusmaterial der DVD von Pidax Film. Wer kein Problem mit Spoilern hat, kann die Unterschiede im Schnittbericht nachlesen. Das ursprüngliche Drehbuch enthielt gemäß Trivia der Internet Movie Database sogar ein ganz anderes Ende: Danach war vorgesehen, dass Lee Marvins Figur von japanischen Soldaten gefangen genommen wird und Toshirō Mifunes Soldat seinen Leidensgenossen bald darauf geköpft vorfindet, woraufhin er die Soldaten angreift und seinerseits köpft. Boorman entschied sich jedoch, diese Szene nicht zu drehen.

Das Unterordnen von Egoismen

Mit zunehmender Spieldauer müssen wir feststellen: Es gibt in diesem Szenario keine Gewinner. Angesichts der begrenzten Ressourcen kann nur die Zusammenarbeit beider Parteien das gemeinsame Ziel des Überlebens sichern. Ermüdet und gezeichnet vom ständigen Kampf gegeneinander, raufen sich die Protagonisten zusammen und beschließen, die Flucht von der Insel und die Rückkehr in die Zivilisation geminsam anzugehen. Durch das nun vorherrschende Motiv des zurückgestellten Egoismus ist nun ein Zusammenkommen beider Menschen, ja sogar die Bildung einer Gesellschaft und ein damit einhergehender Fortschritt möglich. Einen Schlüssel bildet hier das erneute Stellen der Eigentumsfrage. Arbeitete zunächst jeder der beiden ausschließlich für sich selbst und für seinen eigenen privaten Wohlstand, dienen die neu erbeuteten Ressourcen nun jeweils beiden Protagonisten. Somit wird aus dem selbst erarbeiteten Privateigentum Kollektiveigentum, gleichbedeutend mit dem Bilden von Gemeinschaft und dem Ablegen jeglicher egoistischer Züge. Somit haben sich die Soldaten auf eine neue Regel verständigt, und die Neuklärung der Eigentumsverhältnisse in ihrer minimalen Gemeinschaft in gewisser Weise politisiert.

Vom Ablegen der Feindbilder

Darüber hinaus legen die Soldaten neben ihren egoistischen Trieben auch ihre ideologiegeleiteten Feindbilder ab. Es wird immer gleichgültiger, dass es sich bei dem einen um einen amerikanischen und bei dem anderen um einen japanischen Soldaten handelt und sich beide Parteien im Pazifik im Krieg befinden. Fast beiläufig werden die Ideologien zugunsten eines gesellschaftlichen Zusammenlebens und Fortschritts über Bord geworfen, was die Unwichtigkeit und Sinnlosigkeit dieser Ideologien in einem übergeordneten Kontext unterstreicht. Neben der Bildung einer Gesellschaft und der Entwicklung des Zusammenlebens gibt dieser Aspekt „Die Hölle sind wir“ eine weitere Dimension und macht Boormans Werk auch zu einem Antikriegsfilm.

Es entbrennt ein ideologisch geprägter Überlebenskampf

Alles in allem sind dem Regisseur und seinem Team mit „Die Hölle sind wir“ ein fantastischer Film gelungen. Der Film nutz das Aufgreifen von Eigentumsfragen bei gleichzeitigem Hinterfragen von Wirtschaft, Hegemonie und Klassismus moderner, vor allem kapitalistischer Gesellschaften, um eben diese zu kritisieren und die Regeln, die dort vorherrschen, auf seine Art zu kommentieren. Zugleich wird der Film durch sein Szenario und die anfängliche Treue seiner Protagonisten zu vereinfachenden, verblendenden Ideologien zu einem Antikriegsfilm und setzt die sich im Krieg abspielenden Konflikte zugleich in den Kontext zum bereits angesprochenen Kampf um die Hegemonie in einer sich bildenden Gesellschaft. Doch Kampf und Krieg führen nicht zum Fortschritt oder der Verbesserung einer Gesellschaft, sondern tragen eher ihren Beitrag zur Zerstörung bei, so die unmissverständliche Botschaft des Films. Mittels minimalistischer Darstellung in Form zweier einfacher, maskenhafter Charaktere, deren durchgängiger Sprachlosigkeit, der räumlichen Einengung durch den Inselstrand und die Beschränkung bezüglich des dargestellten Zeitstrahls bricht der Film die Konflikte auf ein Minimum herunter und macht sie für jedermann verständlich. In diesem Minimalismus erreicht der Film eine Klarheit und zugleich eine Höhe, die man in vielen vergleichbaren, streckenweise überladenen Filmen vergeblich sucht. Das alles macht „Die Hölle sind wir“ zu einem großartigen und zugleich sehr unterschätzten Film, den aus meiner ganz persönlichen Sicht deutlich mehr Leute sehen sollten, als das bisher der Fall war.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee Marvin und Toshirō Mifune haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 15. November 2019 und 24. August 2006 als DVD

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hell in the Pacific
Alternativer deutscher DVD-Titel: Hell in the Pacific – Zwei Männer zwischen Krieg und Hölle
USA 1968
Regie: John Boorman
Drehbuch: Alexander Jacobs, Eric Bercovici
Besetzung: Lee Marvin, Toshirō Mifune
Zusatzmaterial: Interview mit Regisseur John Boorman, Interview mit Art Director Anthony Pratt, alternatives Ende, Wendecover
Label 2019: Pidax Film
Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises
Label/Vertrieb 2006: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning
Szenenfotos: © 2019 Pidax Film

 
 

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3 Antworten zu “Der Pazifikkrieg (IV): Die Hölle sind wir – Entstehung und Zerstörung von Gesellschaft

  1. Frank Hillemann

    2019/11/19 at 16:48

    Ich denke, da hat sich Wolfgang Petersen für “ Enemy Mine “ inspirieren lassen. Aber letztens auf ARTE mal wiedergesehen……sehr schlecht gealtert.

     
    • V. Beautifulmountain

      2019/11/19 at 17:17

      Das kann gut sein. Aber welchen meinst du mit „schlecht gealtert“? ENEMY MINE?

       
      • Frank Hillemann

        2019/11/19 at 21:49

        Ja. “ Enemy Mine “ war grausig anzusehen. Gerade die Weltraumszenen. Ich hatte ihn, wie fast immer nach vielen Jahren ( damals bei VÖ im Kino gesehen), viel besser in Erinnerung.

         

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