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Perfect Skin – Ihr Körper ist seine Leinwand: Faszinierende Tattoo-Kunst

13 Nov

Perfect Skin

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Erinnert sich noch jemand an die „Das Duell um die Welt“-Folge, in der Charlotte Roche einen Bungeesprung auf die extreme Art absolvierte? Die Moderatorin und Schriftstellerin („Feuchtgebiete“) stürzte sich nicht etwa mit einem stinknormalen Gummiseil in die Tiefe, sondern sie ließ sich vier Titanhaken in ihren Rücken piercen, an denen dann das Seil befestigt wurde. Respekt an Charlotte Roche für diese Aktion. Wie man sah und hörte, waren es für sie höllische Schmerzen, aber ihre Haut hielt ihr Körpergewicht.

Tätowierer Bob leidet an Parkinson

Einige werden sich zu Recht fragen, wie man sich so etwas freiwillig antun kann. Aber der Faszination, zu sehen, was die menschliche Haut alles aushalten kann, kann sich wohl kaum jemand entziehen. Auch, wenn es in „Perfect Skin – Ihr Körper ist seine Leinwand“ trotz einer FSK-18-Freigabe nicht ganz so extrem zugeht, wird das Publikum auch hier gespalten sein: Soll man hin- oder wegsehen, wenn die Tattoo-Nadeln und Piercing-Geräte fleißig bei der Arbeit sind? Allerdings: Die surrenden Geräusche der Gerätschaften sind auch so schon fies genug.

Perspektivlos in London

Die junge Polin Katia (Natalia Kostrzewa) lebt seit fünf Monaten in London und hat dort eine Zeitlang als Au-pair-Mädchen gearbeitet. Doch lange hat sie es bei der Familie nicht ausgehalten. Nun taumelt sie perspektivlos, ohne feste Bleibe und ohne Job durch die Stadt. Nachdem ihre Freundin Magda (Kasia Koleczek) sie vor die Tür gesetzt hat, kommt sie in der Wohnung von Lucy (Jo Woodcock) unter. Durch sie lernt Katia den älteren Tätowierer Bob (Richard Brake) kennen, der schon bei Lucy häufig die Nadel angesetzt hat. Katia sträubt sich allerdings, ihre makellose Haut verschönern zu lassen. Als sie allein in einem Club feiern geht und sie sturzbetrunken zufällig auf Bob trifft, nimmt Katia sein Angebot an, sie nach Hause zu fahren. Ein Fehler: Als Katia erwacht, findet sie sich hinter Gittern wieder. Bob hat die junge Frau im Keller seines Tätowierstudios eingesperrt und will auf Katias Körper sein bislang größtes Kunstwerk erschaffen.

Bob beginnt bei Katia mit seiner Arbeit

In seinem Regiedebüt wirft der ehemalige Werbefilmer Kevin Chicken einen intensiven Blick auf die Tattoo- und Body-Modification-Szene. Wer sich dieser Subkultur auch nur ein wenig zugeneigt fühlt, sollte sich den Titel unbedingt merken. Dabei ist „Perfect Skin“ allerdings kein Vertreter aus dem Torture-Porn-Genre, wie etwa der thematisch ähnlich gelagerte „Killer Ink – Dein erstes Tattoo wirst du nie vergessen“ von 2015. Vielmehr handelt es sich um einen düsteren Horrorthriller, der mehr Wert darauf legt, die Schönheit der Tätowierkunst zu zeigen, statt auf exploitative Szenen zu setzen.

Der Nachtkönig greift zur Nadel

Mit seinen markanten Gesichtszügen bereichert Richard Brake jede Produktion. Der charismatische Brite war nicht nur in zwei „Game of Thrones“-Folgen als gefürchteter Nachtkönig zu sehen. Genrefans werden sich auch an seine Darbietungen in den Rob-Zombie-Werken „31“ und zuletzt „3 From Hell“ positiv erinnern. Als ruhiger, aber bestimmender Tätowierkünstler fühlt man trotz seiner Taten mit ihm durchaus mit. Auch, weil er seine Gefangene Katia mit viel Respekt, wie eine Muse behandelt. Aber ebenso kann Bob schnell in Rage geraten …

Katia wird immer mehr zum lebenden Kunstwerk

Wie wir erfahren, lebt er in Trennung und hat mit seiner Ex-Frau zwei Kinder, die er nur selten sieht. Weil er eine beginnende Parkinson-Erkrankung hat, beschließt er, jetzt sein Kunstwerk anzugehen. Leider gibt das recht schwache Drehbuch Bob und den anderen Figuren nicht viel psychologische Tiefe mit auf den Weg. Warum dieser freundliche Mann zu so einem drastischen Schritt greift, eine Geisel zu nehmen und sie gegen ihren Willen zu tätowieren, wird nicht ganz klar. Seine Krankheit als Grund heranzuziehen, erscheint mir doch etwas zu mager.

Ebenso ist die Figur Katia nicht gerade sympathisch gezeichnet, weshalb ich kein großes Mitleid für sie verspürte, als ihr Martyrium begann. Zu Beginn wird sie aus der Wohnung ihrer Freundin geschmissen, deren Freund ebenfalls anwesend ist. In polnischer Sprache bedankt sich Katia bei Magda für das Dach über den Kopf und fügt bewusst provozierend hinzu: „Er ist ein Loser und fickt miserabel.“ In einem Café lässt sie Geld mitgehen, welches ein Kunde als Bezahlung auf dem Tisch zurückgelassen hat, und als ihre neue Mitbewohnerin Lucy schnell weg muss, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern, klaut Katia ihr kurzerhand 800 Pfund, die für die Miete gedacht waren. Und was macht Katia mit dem Geld? Sie versäuft es! Somit geschieht es der jungen Frau schon fast irgendwie recht, dass sie als Strafe in Bobs Kerker landet.

Voller Körpereinsatz

An ihrer Darstellerin Natalia Kostrzewa („The Cured“) liegt diese Missgunst an ihrer Figur allerdings nicht. Sie musste für die Rollen einiges über sich ergehen lassen und sicherlich auch ein paar persönliche Grenzen überschreiten. Die täglichen Make-up-Sitzungen für die Tattoos müssen Stunden gedauert haben. Zwar konnte ich es nicht final herausfinden, doch einige Fotos, die von ihr im Internet zu finden sind, lassen darauf schließen, dass Natalia Kostrzewa wirklich den extremen Schritt wagte und sich für den Film eine Glatze schneiden ließ.

Lucy sucht nach ihrer Mitbewohnerin

Die unterkühlt-dichte Atmosphäre und die guten Darstellerleistungen können allerdings nicht ganz darüber hinwegtäuschen, dass es Kevin Chicken kaum gelingt, in der Geschichte Spannung zu erzeugen. Katia ergibt sich recht schnell ihrem Schicksal – und ist, wie schon erwähnt, sowieso nicht sonderlich als Opferfigur geeignet. Von Lucy initiiert, steht auch mal die Polizei in Bobs Tätowierstudio, die nach der Vermissten sucht. Aber sonst fällt hier dem Regisseur recht wenig ein, um ein paar Überraschungen zu erzeugen. So ist „Perfekt Skin – Ihr Körper ist seine Leinwand“ bei Weitem nicht perfekt, dennoch lohnt sich bei dem Horrorthriller das Hinsehen: Denn Bob bei seiner Arbeit beizuwohnen, wie sein Kunstwerk nach und nach immer mehr Gestalt auf dem Körper der gepeinigten Katia annimmt, ist nicht nur für Tattoo-Freaks durchaus faszinierend.

Das schmerzt schon beim Hinsehen!

Veröffentlichung: 18. Oktober 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 102 Min. (Blu-ray), 98 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Perfect Skin
USA 2018
Regie: Kevin Chicken
Drehbuch: Kevin Chicken, Dusan Tolmac
Besetzung: Richard Brake, Natalia Kostrzewa, Jo Woodcock, Sartaj Garewal, Cameron Jack, Kasia Koleczek, Tom Ashley, Emma-Jane Hinds
Zusatzmaterial: Behind the Scenes, Trailer, Trailershow, Wendecover, nur Mediabook: Poster, 24-seitiges Booklet
Label: Pierrot Le Fou
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels
Szenenfotos & Packshots: © 2019 Pierrot Le Fou

 

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