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Das Geheimnis des Dr. Mirakel – Frauen am Kreuz und Tierblut-Experimente

21 Nov

Murders in the Rue Morgue

Von Ansgar Skulme

Horror // Im nächtlichen Paris des Jahres 1845 verschwinden junge Frauen von der Straße und tauchen wenig später tot wieder auf. Merkwürdige Male an den Körpern der Opfer wecken das Interesse des Medizinstudenten und Hobby-Detektivs Pierre Dupin (Leon Ames). Die Spur führt zum Jahrmarkt – ein wunderbarer Platz, um täglich frische Opfer kennenzulernen. Unter den Schaustellern ist auch Dr. Mirakel (Bela Lugosi), der verdammt fasziniert von Gorillas als ursprüngliche Form des Menschen ist – wenn nicht sogar davon besessen.

Der Zweck heiligt die Mittel

Ursprünglich sollte Bela Lugosi in Universals legendärer „Frankenstein“-Verfilmung von 1931 den Doktor spielen, der das Monster erschafft. Als Regisseur war der in Paris geborene Robert Florey auserkoren, der das Projekt bis fast zum Drehstart federführend künstlerisch entwickelte. Florey war es auch, der Lugosi die Rolle des Doktors anbot. Dann jedoch wurde Lugosi vom Studio angetragen, anstelle des Doktors doch lieber das Monster zu spielen. Umstritten ist, ob Lugosi dies letztlich beleidigt ablehnte oder aus anderen Gründen ersetzt wurde. Florey und Lugosi nahmen in den Sets von „Dracula“ (1931) sogar noch 20 Minuten an Testaufnahmen mit Lugosi als Monster auf. Dann jedoch verliert sich Lugosis Spur in diesem Projekt. Ein paar Passagen im fertigen „Frankenstein“-Film sollen noch von Robert Florey inszeniert worden sein, ehe schließlich James Whale übernahm und Boris Karloff als Monster zur Legende wurde. Überliefert ist, dass Florey von dem Projekt deutlich abweichende inhaltliche Vorstellungen hatte – unter seiner Regie hätte die Geschichte wohl an vielen Stellen anders ausgesehen. „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ wurde als Ersatzprojekt für Florey und Lugosi gewählt. Im Original „Murders in the Rue Morgue“ betitelt, basiert der Film auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, hierzulande als „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ bekannt.

Stirb für mich!

An der Kinokasse scheiterte der Film, was dazu führte, dass Bela Lugosi bei Universal keinen neuen Vertrag in „Dracula“-Größenordnungen erhielt. Aus heutiger Sicht jedoch hat der in Schwarz-Weiß gedrehte Klassiker einen guten Ruf, beispielsweise wegen einer starken visuellen Nähe zum deutschen filmischen Expressionismus der 20er-Jahre-Stummfilmzeit – begünstigt durch den deutschen Kameramann Karl Freund (Kamera bei „Metropolis“, 1927 sowie bei „Dracula“, 1931; Regie bei „Die Mumie“, 1932) sowie wunderbar gestaltete Sets, Tiefenkonstruktionen im Raum und Licht-/Schattenstimmungen. Dazu ein paar für die frühen 30er durchaus beachtliche, ansehnliche Kamerabewegungen. Wie sehr die Ähnlichkeit der Sequenz über den Dächern von Paris gegen Ende mit dem Finale von „Metropolis“ und der Anwesenheit von Karl Freund zu tun hat, darüber kann man getrost ein paar Mutmaßungen anstellen.

Potenzielle Opfer auf dem Präsentierteller

Bemerkenswert ist auch, dass „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ zwar noch entstand, bevor die Zensur-Einschränkungen des Hays Codes ab 1934 verpflichtend für ganz Hollywood wurden, dennoch aber – aufgrund der gezeigten Gewalt – auf Initiative des Studios hin in stattlicher Art und Weise von 80 auf 61 Minuten gekürzt wurde. Zudem wurden Nachdrehs vom Regisseur verlangt, die dieser innerhalb von etwa zehn Tagen, rund einen Monat nach Abschluss der eigentlichen Dreharbeiten, Ende 1931 umsetzte.

Trotz alledem ist der rabiate, verstörende Umgang des verrückten Wissenschaftlers mit seinen Opfern auch in der ins Kino gelangten Version des Films immer noch recht starker Tobak, was dunkel erahnen lässt, wie heftig die ungekürzte Fassung wohl gewesen sein muss. Dr. Mirakel quält die Frauen so lange, dass er teilweise schon gar nicht mehr mitbekommt, ob sie überhaupt noch leben, und schreit die ohnehin schon Wehrlosen oder Verstorbenen im Wahn noch an, als seien sie an allem schuld, wenn seine Experimente mit ihnen nicht gelingen. All das in einem Szenario, das die jungen Frauen wie gekreuzigte Engel im Bild erscheinen lässt. Diese sanften Wesen sterben einfach als Versuchsobjekte für ihn, damit der Schlächter seine pseudo-wissenschaftlichen Ziele erreichen kann. Wie er angesichts des sterbenden Leibes regelrecht vor eine Wand schreit und im Wahn notfalls mit Geschrei das Gelingen seiner Experimente zu erzwingen versucht, zählt zum Denkwürdigsten, was Bela Lugosi auf der Leinwand hinterlassen hat. Zwar bewegte sich der berühmte ungarische Mime beim Verkörpern seiner Rollen häufig hart an der Grenze zum hoffnungslosen Überzeichnen, doch gerade als Dr. Mirakel gelingt es ihm recht gut, die totale Eskalation in einigen Momenten, in denen er die Fassade völlig fallen lässt, konsequent auf den Punkt zu bringen. Einer der eher seltenen Fälle, bei denen es ihm wirklich überzeugend glückte, so zu wirken, als würde seine Figur absolut hoffnungslos einen komplett kranken Film in ihrem Kopf schieben. Gelegentlich scheiterte er an solchen Psycho-Rollen auch mit einigen Anflügen unfreiwilliger Komik. Hier jedoch nicht.

Wenn es nicht nach Dr. Mirakels Kopf geht, beschimpft er auch Leichen – und macht ihnen Vorwürfe

Schwerer hat es da schon der Gorilla, den Grusel-Faktor des Films nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, da die Art und Weise, wie Dr. Mirakel dieses Tier einsetzt, doch arg an den Haaren herbeigezogen und insgesamt sehr unglaubwürdig wirkt. Zudem sieht das Kostüm auch nicht wirklich bedrohlich aus – der Darsteller Charles Gemora war derselbe, der später auch in „Dick & Doof als Salontiroler“ (1938) auf einer Hängebrücke im Gorilla-Kostüm auf Stan Laurel und Oliver Hardy traf. Und im Wesentlichen wirkt es so, als sei auch das Kostüm womöglich dasselbe. Nur ist das eine eben eine Slapstick-Komödie und das andere ein düsterer Horrorfilm – zwei Genres, wie sie gegensätzlicher kaum sein können.

So stark, wie man ihn sein ließ

Ein Resultat der vom Studio geforderten Kürzungen dürfte sein, dass der Film seine Konzentration im Mittelteil vor allem dem jungen Ermittler widmet. Dieser Pierre Dupin basiert auf Edgar Allan Poes Figur C. Auguste Dupin, die auch in zwei anderen Poe-Geschichten auftaucht. Der Spannungsbogen leidet etwas darunter, dass Dr. Mirakel nicht wenigstens noch zwei oder drei Szenen mehr sein Unwesen treiben darf. Wenn man die Erzählung mit „Der geheimnisvolle Doktor X“ (1932) oder „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ (1933) vergleicht, ist da am Ende einfach immer noch zu wenig unmittelbare Konfrontation mit dem geballten Bösen. Das Potenzial, sich auf Augenhöhe mit diesen beiden Farb-Horrorklassikern zu bewegen, hat „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“, jedoch wird es nur punktuell erschöpft. Und das liegt tatsächlich – für mich durchaus überraschend – am wenigsten an der Darstellung von Bela Lugosi; und natürlich auch nicht an der Stimmungskraft der Bilder. Es sind narrative Probleme, die eben manchmal aufkommen, wenn man einem Regisseur als Studio ins Handwerk pfuscht. Einen Film um ein Viertel zu kürzen, ist keine Kleinigkeit und kein Kavaliersdelikt – und kann im Grunde gar nicht anders, als aufzufallen. Erfreulich ist immerhin, dass der junge Ermittler alles andere als ein Milchgesicht ist, sondern in der Verkörperung von Leon Ames, der damals noch unter dem Nachnamen Waycoff firmierte, für ein solches Rollenbild im Hollywood der 30er- und 40er-Jahre optisch angenehm aus dem Rahmen fällt – das bewahrt den Film vor einer zu akuten Verwässerung, wenn die Figur Übergewicht im Windschatten von Dr. Mirakel bekommt.

Bei diesem Gorilla sind alle unten durch

So bleibt am Ende ein komprimiertes Gesamtpaket von dem übrig, was sich Robert Florey ursprünglich einmal vorgestellt haben mag, das es aufgrund des Schockpotenzials einiger Szenen zumindest aber doch recht geschmeidig über die knappe Dauer von rund 60 Minuten schafft. Zu den Top 10 der US-Horrorfilme, die in der kurzen, aber genialen, brutalen und verstörenden Phase zwischen Beginn des Tonfilms und verpflichtender Installation des Hays Codes 1934 entstanden, würde ich „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ zwar eventuell nicht ganz zählen, aber das kann man durchaus als knappe Entscheidung werten. Und man kann guten Gewissens behaupten, dass die klassische Horrorliteratur- und Horrorfilmfigur des verrückten Wissenschaftlers nur selten so brutal auf die Spitze getrieben wurde wie hier. Wenn auch nur in relativ wenigen Sequenzen erhalten, sind es doch Passagen, die in Erinnerung bleiben und zum Heftigsten zählen, was das Genre damals diesbezüglich hervorgebracht hat.

Kurzum: Dafür, dass er offensichtlich sogar noch viel besser hätte sein können, allein schon, wenn man den Regisseur zufriedengelassen hätte, ist dieser Film erstaunlicherweise dennoch ziemlich denkwürdig gelungen. Selbst die Version mit angezogener Handbremse toppt viele spätere Vertreter des Genres aus den 30er- und 40er-Jahren, weil einige Nadelstiche einfach perfekt sitzen. Und bei Dr. Mirakel, in seinen Opfern, sitzen die Nadelstiche zudem auch im wahrsten Sinne des Wortes.

Genau das, was der Klassiker-Markt jetzt braucht

Das Label Ostalgica hat dem Film im Rahmen seiner „Classic Chiller Collection“ eine brillante Veröffentlichung mit klasse Bild als Blu-ray spendiert. Hierfür wurde er, unter der Regie von Bodo Traber, eigens neu synchronisiert, wenngleich es von „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ offenbar schon eine frühere Synchronfassung aus dem Jahr 1978 gibt. Wenigstens annähend zeitgenössische, zumindest noch in den 50ern entstandene Synchronfassungen findet man zu klassischen Hollywood-Horrorfilmen der 30er und 40er ja leider ohnehin nur selten. Es verdient Sonderlob, einen solchen Film mithilfe einer selbst auf die Beine gestellten Synchronfassung wieder für den deutschen Markt interessant zu machen. Von den zur Wahl stehenden Ton-Optionen ist aus meiner Sicht eher die möglichst originalgetreu gehaltene deutsche Fassung gegenüber der nachträglich mit zusätzlicher Orchester-Musik aus dem Hause Universal bestückten Fassung vorzuziehen. In ähnlicher Form wie „Dracula“ – da nachträglich aus der Feder von Philip Glass – wurde auch „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ also viele Jahrzehnte später eine um Musik erweiterte, alternative Ton-Fassung beschert. Filme der frühen 30er zeichnen sich für meinen Geschmack nun einmal oft gerade dadurch narrativ aus, dass begleitende Musik eine relativ kleine Rolle spielt und so in der Form noch nicht entdeckt beziehungsweise erschlossen war. Erfreulich, dass man auf der Ostalgica-Blu-ray frei die Variante wählen kann, die man selbst bevorzugt.

Der Frauenfänger von Paris

Im Übrigen muss ich offen zugeben, dass es wohl keinen anderen Schauspieler gibt, dessen deutsche Synchronstimmen mich so selten überzeugt haben, wie es bei Bela Lugosi der Fall ist. Erstaunlich vor allem, weil ich sonst überhaupt keinen großartigen Wert darauf lege, dass Synchronstimmen dem Original möglichst ähnlich klingen müssen. Aber seine äußerst prägnante Stimme, die mitsamt eines sehr eigenen Sprechrhythmus und Akzents wirklich enorm starken Einfluss auf seine Rollengestaltung hat, ist einfach nur äußerst kompliziert atmosphärisch ersetzbar. Die vorliegende Synchronfassung ist engagiert gemacht, aber Lugosi auf Deutsch bleibt für mich auch hier nach wie vor eine schwere Prüfung. Insbesondere dann, wenn die Stimme viel tiefer und/oder rauer als das Original klingt. Ich bin auch kein Freund der Lösung, die in „Dracula“ als deutsche Stimme gewählt wurde – es hat also absolut nichts damit zu tun, dass die vorliegende Fassung von „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ so neu ist oder ansonsten misslungen wäre. Und man sollte, das sei ausdrücklich betont, solche Fassungen natürlich auch nicht generalisierend dafür verurteilen, wenn sie an etwas „scheitern“, was erstens mein subjektiver Eindruck und zweitens eventuell sowieso nahezu unmöglich zu schaffen ist.

Der will doch nur spielen – oder auch nicht

Eine DVD-Auskopplung des Films enthält diese Edition, im Gegensatz zu anderen Teilen der „Classic Chiller“-Reihe zwar nicht, dafür aber zwei Audio-CDs für den Hörspiel-Bonus. Der Pappschuber sowie das Wendecover in der Amaray-Hülle sind grafisch sehr schön gestaltet. Dazu ein Booklet und ein Audiokommentar sowie ein ausgezeichneter Bonusfilm: der Whodunit-Krimi „The Death Kiss“ (1932) mit Lugosi und zwei „Dracula“-Co-Stars. Diese Kollektion ist jeden Cent wert und man kann sich nur auf jeden weiteren Klassiker freuen, der da noch kommt. Hätte ich einen Wunsch frei, dann wäre es „Murders in the Zoo“ (1933), der mit seinem belanglosen Titel im „Snakes on a Plane“-Stil oberflächlich gut die fies-brutale Wundertüte kaschiert, die dann über den Zuschauer hereinbricht, wenn man sich einmal auf das womöglich harmlose Vergnügen eingelassen hat. Für alle, die „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ vor allem für seine verrücktesten und brutalsten Momente feiern, ist „Murders in the Zoo“ genau das richtige Topping.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Bela Lugosi haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. November 2019 als 3-Disc Edition (Blu-ray & 2 CDs) der „Classic Chiller Collection“

Länge: 61 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Deutsch mit neuer Musikspur von Universal, Englisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Murders in the Rue Morgue
Deutscher Alternativtitel: Mord in der Rue Morgue
USA 1932
Regie: Robert Florey
Drehbuch: Tom Reed, Dale Van Every, Robert Florey, John Huston, Ethel M. Kelly, nach einer Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe
Besetzung: Bela Lugosi, Sidney Fox, Leon Ames, Bert Roach, Betty Ross Clarke, Brandon Hurst, D’Arcy Corrigan, Noble Johnson, Arlene Francis, Agostino Borgato
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bodo Traber, Matthias Künnecke und Dr. Gerd Naumann, Originaltrailer, Deutscher Trailer, Booklet, Bildergalerie, Hörspiel „Der Doppelmord in der Rue Morgue“, Bonusfilm „The Death Kiss” (1932)
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 Ostalgica

 

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