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Auslöschung – Die Farbe aus dem All

28 Nov

Annihilation

Von Volker Schönenberger

SF-Horror-Abenteuer // Eine Frau (Natalie Portman) sitzt in einem abgeschlossenen Raum. Durch große Scheiben wird sie von in weißen Kitteln gekleideten Menschen beobachtet, ein Mann (Benedict Wong) im Schutzanzug steht vor ihr und verhört sie. Offenbar war sie Teil einer Gruppe, der etwas zugestoßen ist. Er fragt sie nach verschiedenen Namen. Was weiß sie?

Unter scharfen Quarantänevorkehrungen wird Lena verhört

Im Anschluss sehen wir einen kleinen Meteoriten in unmittelbarer Nähe eines Leuchtturms einschlagen – ein Ereignis, das offenbar eine ganze Weile vor obigem Prolog stattfindet. Und wir lernen die Frau kennen: Sie heißt Lena und ist Professorin für Zellbiologie. Lena lebt in Trauer, immer noch unfähig, für Freizeitspaß unter die Leute zu gehen. Doch dann steht aus heiterem Himmel ihr Mann Kane (Oscar Isaac, „Ex Machina“) im Heim der beiden, der Soldat galt seit einem geheimen Einsatz vor einem Jahr als verschollen (bis zu seinem Auftauchen dachte ich für ein paar Momente, er sei tot und Lena Witwe).

Der Schimmer breitet sich aus

Weil Kane plötzlich Blut zu spucken beginnt, ruft Lena den Notarzt. Im Krankenwagen werden die beiden allerdings von Soldaten überrascht, die sie in eine streng geheime Einrichtung bringen. Dort erfährt Lena von der Psychologin Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh, „Hitcher – Der Highway Killer“) Beängstigendes: Ein Meteoriteneinschlag im Nationalpark Blackwater hat ein Phänomen verursacht, das „Schimmer“ genannt wird. Dorthin ausgesandte Expeditionen kehrten nicht zurück – mit Ausnahme von Kane. Der Schimmer breitet sich langsam, aber stetig aus. Noch befindet er sich auf spärlich besiedeltem Gebiet, das problemlos evakuiert wurde. Doch nicht mehr lange, und er wird Städte erreichen …

Ihr verschollener Ehemann Kane ist wie aus dem Nichts zurückgekehrt

Unter der Führung von Dr. Ventress bricht ein fünfköpfiges Team in die Region auf. Der Sanitäterin Anya Thorensen (Gina Rodriguez, „Deepwater Horizon“), der Physikerin Josie Radek (Tessa Thompson, „Avengers – Endgame“) und der Geomorphologin Cass Sheppard (Tuva Novotny, „The King’s Choice – Angriff auf Norwegen“) schließt sich auch Lena an. Das rein weibliche Quintett dringt in eine Gegend ein, in welcher der Schimmer sonderbare Mutationen bei Flora und Fauna ausgelöst zu haben scheint.

Zweite Regiearbeit nach „Ex Machina“

In seinem Regiedebüt „Ex Machina“ (2015) beschäftigte sich der britische Roman- und Drehbuchautor Alex Garland („The Beach“, „28 Days Later“) mit der Frage, ob künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickeln kann. Mit dem Nachfolger „Auslöschung“ bleibt er der Science-Fiction zwar treu, wechselt darin aber das Themengebiet und fügt eine gehörige Dosis an Horrorelementen hinzu. Garland schickt Protagonistinnen und Publikum auf eine so reizvolle wie mysteriöse Reise in eine visuell betörende Welt, die uns einige Konzentration abverlangt und am Ende vielleicht nicht alle Fragen beantwortet.

Das Quintett der Frauen bricht ins Ungewisse auf

Mit Survival-Abenteuer scheint sich die Handlung oberflächlich schnell kategorisieren zu lassen, aber „Auslöschung“ bietet doch viel mehr als das. Zwar kommt es zügig zu einer Actionszene in Form einer ersten Attacke auf den kleinen Forscherinnentrupp, doch insgesamt inszeniert Garland das Vordringen der Expedition als ruhigen Trip ins Ungewisse. Die Frauen haben ihre Aufgaben und Qualifikationen, lassen sich auch nicht von einem zügig einsetzenden Gedächtnisverlust ins Bockshorn jagen. Unvermeidlich auftretende Konflikte wirken keinesfalls aufgesetzt, sondern schlüssig, und bei aller Fantastik wahrt „Auslöschung“ auch die innere Logik der wissenschaftlichen Prämissen, soweit ich das beurteilen kann.

Surreale Bilderpracht

Die Veränderungen, die der Schimmer verursacht, bekommen wir in überraschender Farbigkeit zu sehen, geht der Trend in der Science-Fiction allgemein doch eher in die Richtung düsterer Endzeitstimmung mit herabgesetzter Farbsättigung. Hier wird es bisweilen geradezu bunt und surreal, als habe man Halluzinogene eingeworfen. Zwischendurch erfahren wir in Rückblenden mehr über die Beziehung zwischen Lena und Kane. Wirklich bedeutsam fürs Gesamtgerüst schien mir das nicht zu sein, bringt aber immerhin Vertrautheit mit den Figuren. Das kleine Ensemble trägt die Story gemeinsam, die schauspielerischen Leistungen sind über Zweifel erhaben.

Ein Krokodil weist bizarre Mutationen auf

Der Regisseur schrieb auch das Drehbuch, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Jeff VanderMeer, der Teil 1 der „Southern Reach Trilogy“ des US-Schriftsteller bildet. Garland nahm sich offenbar Freiheiten – ich habe den Roman nie gelesen. Der Filmemacher arbeitete bereits an dem Projekt, bevor die beiden Folgebände erschienen. Nachdem VanderMeer sie veröffentlicht hatte, verzichtete Garland bewusst auf die Lektüre, um zu vermeiden, sein Skript anpassen zu müssen. Daher kann es sein, dass die Kino-Adaption von Band 2 („Autorität“) gewisse Schwierigkeiten mit sich bringen wird, sofern sie beizeiten jemand in Angriff nimmt, der an „Auslöschung“ andocken will. So oder so scheinen mir Buch und Film zumindest in Grundzügen von H. P. Lovecrafts 1927 geschriebener und veröffentlichter Kurzgeschichte „Die Farbe aus dem All“ („The Colour Out of Space“) inspiriert zu sein.

Netflix statt Kino

Nach dem Kinostart in den USA und Kanada im Februar 2018 blieb Garlands Regiearbeit in den meisten übrigen Ländern die Auswertung in Lichtspielhäusern verwehrt, stattdessen konnte „Auslöschung“ seit März 2018 über den Streaminganbieter Netflix geschaut werden – immerhin ein Jahr vor der Veröffentlichung auf Blu-ray und DVD. Das kann bedauern, wer bildgewaltige Science-Fiction gern auf der großen Leinwand schaut, um im dunklen Kinosaal ganz in die Handlung einzutauchen, entscheidend ist aber, dass diese Perle überhaupt das Licht der Welt erblickt hat. Für mich hält „Auslöschung“ das hohe Niveau von „Ex Machina“. Mit Alex Garland scheint sich ein neuer visionärer Filmemacher eine Nische zu bilden, die er hoffentlich bald mit weiteren Regiearbeiten füllt.

Die Situation gerät bedrohlich …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jennifer Jason Leigh und Natalie Portman haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Oscar Isaac unter Schauspieler.

… und immer bizarrer

Veröffentlichung: 14. März 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Annihilation
GB/USA 2018
Regie: Alex Garland
Drehbuch: Alex Garland, nach einem Roman von Jeff VanderMeer
Besetzung: Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Oscar Isaac, Tessa Thompson, Benedict Wong, Sonoya Mizuno, David Gyasi, John Schwab, Gina Rodriguez, Tuva Novotny, Sammy Hayman, Josh Danford
Zusatzmaterial: Featurettes („Entstehungsgeschichte und Casting“, „Aufnahmen am Drehort“, „Visuelle und Spezialeffekte“, „Zum Leuchtturm“)
Label: Paramount Home Entertainment
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & deutscher Packshot: © 2019 Paramount Home Entertainment

 

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