RSS

The Death Kiss – Mord vor laufender Kamera

08 Dez

The Death Kiss

Von Ansgar Skulme

Krimi // Die Dreharbeiten an dem Film „The Death Kiss“ neigen sich dem Ende zu, als es mitten in einer Szene plötzlich zu einem tödlichen Zwischenfall kommt. Schnell wird klar, dass es sich nicht um einen unglücklichen Zufall oder versehentlich ans Set gelangte scharfe Munition gehandelt haben kann. Zwei polizeiliche Ermittler (John Wray, Wade Boteler) versuchen, das komplizierte Geflecht an Personen vor und hinter der Kamera zu entwirren. Aber auch der Krimi-Drehbuchautor Franklyn Drew (David Manners) wagt sich an die Lösung des Mysteriums, um die Hauptverdächtige Marcia Lane (Adrienne Ames) zu entlasten.

Drew (M.) mischt sich mit Freude in die Ermittlungsarbeit der Polizei ein

Wer sich an klassischen Schwarz-Weiß-Krimis mit Täterrätsel erfreuen kann, in denen Spannung aber auch Humor wesentliche Rollen spielen, kommt mit „The Death Kiss“ bestens auf seine Kosten – dieses Crime-Subgenre hielt sich bis weit in die 60er-Jahre hinein gut im Geschäft, der vorliegende Film von 1932 ist ein früher Tonfilm-Vertreter. Das Regiedebüt von Edwin L. Marin („Die Todesschlucht von Arizona“, 1950) wurde zwar als gruseliges Bela-Lugosi-Horrorvehikel beworben, um vom Erfolg seiner „Dracula“-Rolle zu profitieren, doch hinter dem Etikettenschwindel verbirgt sich ein sehr unterhaltsamer Krimi mit gut aufgelegten Darstellern – darunter David Manners, der die eigentliche Hauptrolle spielt, und Edward Van Sloan, die beide bereits in „Dracula“ an Lugosis Seite zu sehen waren. Bela Lugosi spielt, bei Licht betrachtet, nur eine der etlichen tatverdächtigen Nebenfiguren, ohne künstlich in den Vordergrund inszeniert zu werden. Das Konzept, einen Mord aufzuklären, der vor laufender Kamera geschah und somit immer wieder betrachtet werden kann, zeigt sich schon hier als reizvolle Grundkonstellation.

Lass sie mal machen – es sind doch Profis!

Auffällig ist, dass ich sowohl David Manners als auch Edward Van Sloan aus „Dracula“ recht hölzern und unnahbar in Erinnerung habe, obwohl sie in dem Film durchaus wichtige, bekannte Rollen spielten. In „The Death Kiss“ wirken beide allerdings schon nach wenigen Momenten wie ausgewechselt. Wenn sich Van Sloan, der den Regisseur des Films im Film spielt, das erste Mal nachdenklich aus seinem Regiestuhl erhebt und danach zu seiner Crew spricht, ist da sofort eine völlig andere, souveräne Leinwandpräsenz. Auch David Manners ist plötzlich weit mehr als nur ein Schönling, der zum Gutaussehen da ist, und zeigt ungeahnte, verschmitzte schauspielerische Qualitäten, zum Beispiel im Zusammenspiel mit dem sehr begabten, für die meisten Lacher zuständigen Vince Barnett, der in seiner Rolle als Studio-Polizist tapsig versucht, dem ermittelnden Autor zur Hand zu gehen. Nicht zuletzt erliegt Marin Gott sei Dank nicht der Versuchung, Lugosi, zumindest wann immer er denn mal im Bild ist, sofort plakativ als besonders finster und verdächtig in Szene zu setzen und dabei mit teils abstrakten, deplatziert albernen Kameraeinstellungen zu arbeiten wie später einige seiner Regiekollegen. Natürlich hätten derartige Fährten bestens zur irreführenden Plakatwerbung gepasst, die für „The Death Kiss“ gemacht wurde, und es gibt durchaus Filme, bei denen man den Eindruck hat, dass fortwährend versucht wird, Lugosi in verkrampftester Art und Weise möglichst auffallend mysteriös wirken zu lassen, auch wenn es teilweise alles andere als Not tut und stattdessen schnell einmal sehr überkandidelt sowie unfreiwillig komisch anmutet. Aber um das alte Sprichwort „Weniger ist manchmal mehr!“ von Grund auf nachvollziehen zu können, genügt es letzten Endes eben wirklich, einfach die Filme von Bela Lugosi zu betrachten, die von großer Kunst bis zu inszenatorischem Totalversagen – auch schon vor seiner Zusammenarbeit mit Ed Wood – die ganze Bandbreite des Möglichen aufzeigen, was man mit einem Star und seinem Image so alles anstellen und verschlimmbessern kann.

Avery weiß, wie der Hase läuft

Es drängt sich der Verdacht auf, dass Edwin L. Marin beim Umgang mit seinen Schauspielern alles in allem auch schlichtweg einen wesentlich ergiebigeren Job machte als der, wie ich finde, generell sehr überbewertete Tod Browning, der zuvor bei Lugosis berühmtestem Vampir-Auftritt in „Dracula“ im Regiestuhl saß, und dort eben auch David Manners und Edward Van Sloan unter seiner Fittiche hatte. Die Darsteller in „The Death Kiss“ wirken nicht nur angenehm ungebremst und mit Freiheiten ausgestattet, sondern – mit Ausnahme der Spaßvögel und Trottel – auch ziemlich natürlich, bekommen ihre Momente zum Innehalten und ruhigen Ausspielen einer Situation, ohne dass deswegen aber gleichzeitig wiederum Erzähl- und Schnitttempo verschleppt werden. Es wirkt, als sei es dem Regisseur wichtig gewesen, eine gewisse Form von Naturbelassenheit im Schauspiel deutlich werdend zu bewahren – welche Schauspieltechniken und Varianten, diese in einzelnen Kameraeinstellungen aufzulösen und zur Geltung kommen zu lassen, im damaligen Hollywood nun auch üblich gewesen sein mögen. Selbst Bela Lugosi wirkt natürlich; und das will tatsächlich etwas heißen.

Zudem hat der Film genau die richtige Mischung an Tatverdächtigen, sodass das Täterrätsel bis zum Ende spannend bleibt. Es werden keine entscheidenden Fehler gemacht, die zu einer auffälligen Ungleichmäßigkeit zwischen den einzelnen Figuren führen. Dass ich bei derartigen Filmen den Täter ab einem gewissen Punkt schon allein aufgrund zu weniger Verdächtiger oder aufgrund zu wenig beziehungsweise zu viel Präsenz innerhalb der Geschichte erkannte, ehe alles aufgelöst wird, ist durchaus bereits vorgekommen. Aber „The Death Kiss“ kann das besser.

Das könnte wem bekannt vorkommen

Nette Einblicke hinter die Kulissen damaliger Filmsets bringt der Handlungsort zudem gewissermaßen automatisch, als kostenlosen Bonus mit. Dazu ein paar überraschende Farbeffekte im Schwarz-Weiß-Bild, die damals per Hand koloriert wurden und in ihrer Wirkung kurioserweise zumindest ein bisschen dem Effekt der Mischung von Farbe und Schwarz-Weiß im Bild vorgreifen, der über 70 Jahre später sehr ergiebig von den beiden „Sin City“-Filmen genutzt wurde. Dass die Art und Weise des ersten Todesfalls in „The Death Kiss“ tragisch an den Unfalltod von Bruce Lees Sohn Brandon 1993 am Set von „The Crow“ erinnert, ist ein bitterer Beigeschmack, der dem Film nachträglich aber auch eine gewisse Form ungeahnter Authentizität verschafft, mag er zuvor vielleicht noch eher den Anschein gehabt haben, nichts als reißerisches, aber gut unterhaltendes Popcorn-Kino und eine ziemliche „Räuberpistole“ zu sein. Zuweilen werden Filme einfach in der einen oder anderen Form von der Realität eingeholt. Manchmal leider Gottes, manchmal zum Glück.

Steiner hofft auf Licht im Dunkel

Wem „The Death Kiss“ genauso wie mir gefällt, dem möchte ich ausdrücklich „The House of Fear“ (1939) des österreichischen, in die USA emigrierten Regisseurs Joe May („Asphalt“, 1929) empfehlen. Dort geht es um einen Mord auf einer Theaterbühne, der zur Schließung des Theaters führt – nach einer Weile wird zur Wiedereröffnung dasselbe Stück aus der Mordnacht, mit derselben Besetzung, angekündigt, um den Täter an Ort und Stelle zu entlarven. Vor einigen Monaten wurde diese Produktion in Berlin im Kino wiederaufgeführt und machte mindestens genauso viel Spaß wie „The Death Kiss“ ohnehin schon. Zwei Filme, die für ein Double Feature wirklich wie geschaffen sind. Nicht zu verwechseln übrigens mit dem Sherlock-Holmes-Film „Das Haus des Schreckens“ von 1945, der im Original ebenfalls „The House of Fear“ heißt und ebenfalls von Universal produziert wurde, eine völlig andere Geschichte erzählt, allerdings gleichermaßen zu empfehlen ist. Kurz nach „The House of Fear“ wurde „Der Unsichtbare kehrt zurück“ (1940) als nächster Joe-May-Film und wahrscheinlich seine rückblickend bekannteste Hollywood-Produktion veröffentlicht – einer der seltenen Fälle, in denen eine Fortsetzung zu einem Horrorklassiker in der ertragreichen 30er-/40er-Phase, aus meiner Sicht, sogar den vorausgegangenen ersten Teil der Reihe toppte. Nicht nur, weil Vincent Price als Unsichtbarer in diesem Sequel ein genialer Kunstgriff war, noch bevor Price etliche Jahre später zu dem berühmten Horrorstar wurde, als der er heute immer noch gilt.

Extra auf hohem Niveau

Ostalgica hat „The Death Kiss” im Bonusmaterial von „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“ im Originalton mit deutschen Untertiteln auf Blu-ray veröffentlicht. Davon, dass es sich um einen Film handelt, der mittlerweile in Public Domain übergegangen ist, muss man sich hinsichtlich der Bildqualität erfreulicherweise nicht abschrecken lassen. Zwar schwankt die Detailqualität bei Bild und Ton während des Films, es gibt ein paar kleine Sprünge und kurze Asynchronität, was offenkundig alles am nicht gleichmäßig gut erhaltenen Ausgangsmaterial liegt, aber weite Passagen liegen tatsächlich in einer Auflösung vor, wie man sich das für eine Blu-ray-Veröffentlichung eines über 85 Jahre alten Films nur wünschen kann. Das mag zu wenig für heutige Digital-Ansprüche sein, um als sehr alter US-Klassiker und Hauptfilm in Deutschland auf Blu-ray im Alleingang auf den Markt losgelassen zu werden, aber zumindest reicht es locker, um als hervorragendes Extra durchzugehen. Und bei echten Nostalgikern genießen Bild- und Tonqualität sowieso per se nicht oberste Priorität als Maßstäbe, die an einen Filmklassiker angelegt werden. Ansonsten könnte man ja etliche Klassiker, die es einfach nicht mehr in entsprechender Qualität gibt, nie mehr ansehen – wem täte man damit einen Gefallen?

Auch die einstmals per Hand kolorierten, hier möglicherweise in rekonstruierter Fassung vorliegenden Passagen sind auf der Ostalgica-Blu-ray enthalten und fallen nicht einer reinen Schwarz-Weiß-Bildfassung zum Opfer. Angesichts des absolut angemessenen Preises dieser „Classic Chiller“-Edition sollte man sich vor Augen führen, dass man für das Geld eben auch zwei Filme und dazu weiteren Bonus zum Hauptfilm, vom Hörspiel bis zum Audiokommentar, bekommt. Was man in etwa bezahlen würde, würde man beide Filme und das Hörspiel jeweils einzeln auf den entsprechenden Datenträgern erwerben, kann sich zum Vergleich ja jeder selbst ausrechnen. Aus meinem Blickwinkel ist das Veröffentlichungskonzept der „Classic Chiller Collection“ absolut unterstützenswert. Nicht zuletzt, da man mit dem Kauf der Produkte auch seinen finanziellen Beitrag dazu leistet, dass der eine oder andere Klassiker erstmals deutsch vertont wird und somit künftig mehr Menschen erreichen kann. „Deadline – Das Filmmagazin“ hat „The Death Kiss“ im Übrigen bereits 2010 als zweiten Teil der „The Scare-ific Collection“ veröffentlicht. Die DVD kann im Online-Shop der Zeitschrift einzeln oder im Bundle mit anderen Titeln der Reihe bestellt sowie als Aboprämie ausgewählt werden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Bela Lugosi haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. November 2019 als Blu-ray, 1. Juni 2010 als DVD („The Scare-ific Collection“ #2 von „Deadline – Das Filmmagazin“)

Länge: 71 Min.
Altersfreigabe: FSK 16 (Freigabe der gesamten Blu-ray, auf der „The Death Kiss“ als Bonus enthalten ist)
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Death Kiss
USA 1932
Regie: Edwin L. Marin
Drehbuch: Barry Barringer, Gordon Kahn, Joe Traub, nach einem Roman Madelon St. Dennis
Besetzung: David Manners, Adrienne Ames, Bela Lugosi, John Wray, Vince Barnett, Alexander Carr, Edward Van Sloan, Harold Minjir, Wade Boteler, Al Hill
Zusatzmaterial: Bonus auf der Blu-ray nur zum Hauptfilm „Das Geheimnis des Dr. Mirakel“
Zusatzmaterial „Scare-ific Collection“ #2: Kapitel 3 und 4 des 12-teiligen SF-Fantasy-Serials „Undersea Kingdom“ (1936)
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH
Label 2010: Deadline – Das Filmmagazin

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

Filmplakat: Fair Use, Szenenbilder: Public Domain

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: