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Full Moon (III): Dollman – Großer Mann ganz klein

10 Dez

Dollman

Von Andreas Eckenfels

Das rührige Label Wicked-Vision Media fährt unter dem Vollmond von Charles Band gleich doppelt auf – mit der „Full Moon Collection“ und der „Full Moon Classic Selection“. Grund genug für uns, diese Filme bei „Die Nacht der lebenden Texte“ zu einer Rezensionsreihe zusammenzufassen. Und da wir zwei davon bereits berücksichtigt hatten, werden sie nachträglich eingereiht, sodass „Dollman“ die Nummer III erhält.

SF-Action // Bei dem Namen „Full Moon Features“ schnalzen besonders regelmäßige Videothekengänger der 1980er- und 1990er-Jahre mit der Zunge, wenn sie sich an die zahlreichen Machwerke der Produktionsfirma von Charles Band erinnern, die damals in den Regalen standen. Wer mit dem Filmen des Labels nicht vertraut ist, dem sei gesagt, dass man schon eine gewisse Vorliebe für B-Movies, Trash und Groschenromane mitbringen sollte, damit man an den damals in Massen produzierten Reißern aus dem Action-, Science-Fiction- und Horrorbereich seine nostalgische Freude haben kann. Doch wie so oft gilt: Wenn es an Geld fehlt, werden ab und an kreative Kräfte frei – und auch schlechte Filme können manchmal unterhaltsam sein.

Der Mond ist aufgegangen

Echte „Full Moon“-Fans und solche, die es werden wollen, dürfen sich auf jeden Fall darüber freuen, dass das deutsche Label Wicked-Vision Media mit Charles Band einen umfangreichen Veröffentlichungsdeal abgeschlossen hat. Innerhalb der „Full Moon Collection“-Reihe wurden bereits „Lurking Fear“, „Doctor Mordrid“, „Castle Freak“ und „Creepozoids“ in Mediabooks mit umfangreichen Bonusmaterial veröffentlicht. Mit der neuen „Full Moon Classic Selection“-Reihe – die Blu-rays sind im transparenten Scanavo-Keepcase untergebracht – erhöht Wicked-Vision Media nun den Output an „Full Moon“-Titeln deutlich. Zum Start im Mai 2019 sind gleich vier Titel erschienen, weitere sind inzwischen draußen, einige mehr angekündigt. Als Nummer 1 der Reihe wurde „Dollman“ ausgewählt.

Gestrandet auf der Erde

10.000 Lichtjahre von der Erde entfernt liegt der Planet Arturos. Dort zittern die bösen Buben vor dem knallharten Cop Brick Bardo (Tim Thomerson), der allerdings aufgrund seiner fragwürdigen Methoden bei seinen Vorgesetzten nicht gerade beliebt ist. Trotz Suspendierung regelt er eine Geiselnahme in einem Waschsalon völlig problemlos – und ohne Waffengewalt. Als Brick Bardo von seinem Erzfeind Sprug (Frank Collison) überrascht wird, liefert er sich mit ihm eine wilde Verfolgungsjagd durchs All. Dabei kreuzen beide mit ihren Raumschiffen einen Energiestreifen, durch den sie auf die Erde geschleudert werden – genauer gesagt mitten in die South Bronx – dem heißen Pflaster von New York City. Brick Bardo stellt schnell fest: Im Gegensatz zu seinem Heimatplaneten sind die Menschen ihm hier in Sachen Körpergröße weit überlegen. Auf der Erde ist er ein Winzling, gerade mal 30 Zentimeter groß, und er hat keinen Sprit, um nach Hause zurückzufliegen.

Doch der intergalaktische Minicop hat ein Ass im Ärmel: seinen „Groger Blaster“. Die beste Handfeuerwaffe im Universum bläst auch den riesenhaften Menschen locker ein großes Loch in den Leib. Mit dieser kann er einige Bandenmitglieder davon abhalten, die alleinerziehende Mutter Debi (Kamala Lopez) zu überfallen. Gleichzeitig hat auch der gestrandete Sprug einen neuen Freund gefunden: den Drogendealer Braxton Red (Jackie Earle Haley), der mit Debi noch eine Rechnung offen hat und sich sehr für Sprugs Fusionsbombe interessiert. Kann Brick Bardo die beiden Verbrecher stoppen?

Cooler als Dirty Harry?

Wenn man einen Hauptdarsteller wie Tim Thomerson („Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis“) zur Verfügung hat, ist das schon die halbe Miete. Der ehemalige Stand-up-Comedian ist ein echter Charakterkopf und ein „Full Moon“-Urgestein: Bereits 1984 drehte er unter der Regie von Charles Band den ersten „Trancers“. Die SF-Actionreihe brachte es bislang auf fünf Teile. Thomerson verleiht dem wortkargen Macho-Spacecop eine gewisse Coolness und eine leicht ironische Note.

Sein Brick Bardo erinnert nicht von ungefähr an Clint Eastwoods Kultfigur „Dirty Harry“. Die Parallelen sind durchaus beabsichtigt. In B-Movies bedient man sich ja gern mal bekannter Thematiken, Figuren und Bilder, um so im Fahrwasser eines populären Films ebenfalls ein paar Gewinne einzufahren. Das berüchtigte US-Produktionsstudio The Asylum hat sein gesamtes Geschäft auf solchen „Mockbustern“ aufgebaut. Im Gegensatz zu diesen Machwerken sprüht aber ein Großteil der „Full Moon“-Drehbücher trotz ihrer Simplizität regelrecht vor Ideen.

Allein schon, dass Brick Bardo, wie wir erfahren, Sprug mit seiner Spezialwaffe bereits alle Körperteile abgeschossen hat und nur dank „moderner Medizin“ noch der Kopf des Schurken „am Leben“ ist, ist ebenso abstrus wie originell. Für Witz sorgt zudem, wenn der coole Cop wegen seiner nicht vorhandenen Größe auf der Erde von Debis Sohn Kevin (Humberto Ortiz) und den Nachbarn wie eine Maus in einem Käfig begutachtet wird und er dabei ziemlich wehrlos ist. Etwas schade ist, dass diese Klein-Groß-Thematik in „Dollman“ nicht noch häufiger für Scherze genutzt wurde – ebenso wie die Minipuppe von Brick Bardo, die nur in wenigen Szenen zum Einsatz kommt.

Thomerson erhält ebenso ordentliche Darstellerkollegen als Bösewichte zur Seite gestellt. Selbst, wenn nur sein Kopf zu sehen ist, versprüht Frank Collison („Dr. Quinn – Ärztin aus Leidenschaft“) als Sprug eine gewisse Diabolik. In einer seiner frühen Rollen gibt zudem Jackie Earle Haley – bekannt als Rorschach in „Watchmen – Die Wächter“ (2009) und als Freddy Krueger im „Nightmare on Elm Street“-Remake (2010) – dem Braxton Red einen irren Charme.

Erst Van Damme, dann Full Moon

Für Genrefans ist auch Regisseur Albert Pyun kein Unbekannter: Auf sein Konto gehen unter anderem der Jean-Claude-Van-Damme-Kracher „Cyborg“ (1989) und die SF-Reihe „Nemesis“ (1992), in der ebenfalls Tim Thomerson in zwei von vier Teilen mitwirkte.

Pyun bemüht sich, den kleinen Brick Bardo aus verschiedenen Perspektiven zu filmen. Meist steht Thomerson dann allein in einem Set mit Bauschuttmaterial und blickt während der Dialoge nach oben, um die Illusion des Winzlings aufrecht zu erhalten, während im Gegenschuss Debi mit gesenktem Kopf antwortet. In einigen Szenen sieht man Brick Bardo im Vordergrund, während andere Figuren hinten per Rückprojektion einkopiert wurden. Im Videozeitalter mag dies aufgrund der niedrigen Bildauflösung in Ordnung gewesen sein, im HD-Zeitalter hingegen fallen diese Einstellungen eher negativ auf. Mit dem Mini-Budget, welches Pyun zur Verfügung stand, war zu dieser Zeit Anfang der 1990er wohl nichts Besseres möglich.

Dennoch hat er mit „Dollman“ einen der gelungeneren Einträge in den mit einigen Höhen und einigen Tiefen gefüllten umfangreichen „Full Moon“-Katalog geschaffen, der heute auch noch trashigen Spaß macht. Eine würdige Nummer 1 in der „Full Moon Classic Selection“.

Einige Körper werden zu Brei geschossen oder explodieren, ein paar Körperteile gehen verloren – die deutsche VHS von „Doll Man – Der Space Cop!“ erhielt 1992 eine FSK-18-Freigabe und war um ein paar kurze Szenen erleichtert. Die HD-Veröffentlichung von Wicked-Vision Media ist natürlich ungeschnitten und bereits ab 16 Jahre freigegeben. „Dollman“ erhielt mit „Demonic Toys“ (1992), „Cosmo – Der Außerirdische“ (1992), „Dollman vs. Demonic Toys“ (1993) und „Demonic Toys: Personal Demons“ (2009) vier Quasi-Sequels, die aber nicht alle inhaltlich miteinander verbunden sind.

Die Filme der „Full Moon Classic Selection“ und der „Full Moon Collection“ von Wicked-Vision Media haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Veröffentlichung: 6. Mai 2019 als Blu-ray

Länge: 82 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Dollman
Deutscher Alternativtitel: Doll Man – Der Space Cop!
USA 1991
Regie: Albert Pyun
Drehbuch: Charles Band, Chris Roghair
Besetzung: Tim Thomerson, Kamala Lopez, Humberto Ortiz, Frank Collison, Jackie Earle Haley, Nicholas Guest, Judd Omen, Frank Doubleday
Zusatzmaterial: Original Videozone, Video Cast mit Charles Band & Tim Thomerson, Trailer, Bildergalerie, Wendecover
Label/Vertrieb: Wicked-Vision Media / Full Moon Germany

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

 

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