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Don Siegel (IX): Nur noch 72 Stunden – Copfilm mit Gütesiegel

30 Dez

Madigan

Von Lars Johansen

Krimidrama // Don(ald) Siegel (1912–1991) war ein verlässlicher Regisseur. Es gibt keinen wirklich schlechten Film von ihm, dafür ein paar herausragende Werke, die durchaus stilbildende Wirkung entfalteten. Gerade in den 60ern und frühen 70ern gelangen ihm Arbeiten, die routiniert und unterhaltsam schienen, unter deren Oberfläche aber eine Analyse der amerikanischen Gesellschaft jener Zeit lauerte, die sich einer genaueren politischen Zuordnung geschickt zu entziehen wusste.

Der gepflegte Herr trägt Hut zur Pistole

„Nur noch 72 Stunden“ (1968) ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Eigentlich wird eine sehr einfache Geschichte erzählt: Die beiden Polizisten Dan Madigan (Richard Widmark) und Rocco Bonaro (Harry Guardino) lassen sich bei einer Routineüberprüfung übertölpeln und büßen ihre Waffen sowie den zu überprüfenden Barney Benesch (Steve Ihnat) ein. Sie bekommen drei Tage – die den deutschen Titel bildenden 72 Stunden – Zeit, beides wiederzubeschaffen. Das gelingt ihnen, kostet aber einige Leben. So gradlinig wie sich das hier liest, läuft es natürlich nicht ab, denn nichts ist hier, wie es auf den ersten Blick scheint. Das beginnt schon damit, dass die beiden Cops nicht wissen, dass der Mann, welchen sie überprüfen sollen, ein Mordverdächtiger ist. So lassen sie sich leicht von seiner nackten (und womöglich minderjährigen) Geliebten ablenken. Das Motiv der jüngeren Frauen zieht sich durch den ganzen Film. Madigans Gattin Julia (Inger Stevens) ist eine jüngere, anspruchsvolle und sich vernachlässigt fühlende Frau, die ihn beinahe mit einem seiner Kollegen bei einer Party betrügt. Der Polizeichef (Henry Fonda) hat eine Affäre mit einer jüngeren verheirateten Frau. Die Männer geraten dadurch immer wieder in Schwierigkeiten, der Mordverdächtige wird durch eine seiner jungen Gespielinnen am Ende sogar verraten. „This is a man’s world, … but it wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a girl“, heißt es in dem 1966 von James Brown veröffentlichten Song. Die auffallende Abwesenheit der Frauen im männerbündischen Polizeiapparat ist nur eine scheinbare. Sie sind es eigentlich, welche die Handlung im Hintergrund vorantreiben, die Taten der Männer motivieren.

Väter und Söhne

Eine weitere Motivation ist die Vater-Sohn-Beziehung einiger Beteiligter. Der zweite Mann hinter dem Chef, Chief Inspector Kane (James Whitmore) erweist sich als bestechlich, aber nur, weil sich sein Sohn mit einem Gangsterboss eingelassen hat und er glaubt, ihm so zu helfen. Der schwarze Pfarrer Dr. Taylor (Raymond St. Jacques) beschuldigt die Polizei, seinen Sohn rassistisch behandelt zu haben. Beide Fälle ziehen sich quasi als Hintergrundrauschen durch den Film und belasten den Polizeichef zusätzlich. Dazu geht es um die moralische Integrität der Personen. Selbst der scheinbar unbestechliche und aufrechte Polizeichef ist durch seine Affäre moralisch angeschlagen. Madigan übernachtet in teuren Hotels oder geht essen, ohne dafür (voll) zu bezahlen. Seine kriminellen Zuträger betrachten ihre Aussagen als Teil eines Geschäftes, in welchem ein auffälliger Täter nur stört. Jede der Figuren ist tatsächlich in unterschiedlichen Nuancen mehr oder weniger korrupt. In einer Welt der Korruption kann es letztlich auch keine Trennung von Guten und Bösen mehr geben, der gesuchte Täter muss schon ein geisteskranker Krimineller sein, um aus dieser Routine auszubrechen. Er handelt, vielleicht als Einziger, gar nicht wirklich zu seinem eigenen Vorteil, sondern rein instinktiv und triebgesteuert, was ihn in mehrfacher Hinsicht zu einem Außenseiter macht.

„Ein Hut für Zimmer 19!“

Im selben Jahr drehte Siegel „Coogans großer Bluff“, der auf den ersten Blick eine verblüffend ähnliche Geschichte erzählt. Auch darin muss ein flüchtiger Verbrecher gefasst werden. Der korrupte Polizeiapparat der Großstadt ist dazu nicht in der Lage; erst dem von Clint Eastwood verkörperten aufrechten Dorfsheriff gelingt es mit den einfachen Mitteln des Westernhelden, die Probleme zu lösen. Aber Siegel ist nicht so reaktionär, das als Allheilmittel anbieten zu wollen, denn er löst die Situation komödiantisch auf. So wirkt der Film wie die komische Variante des ernsthaften „Nur noch 72 Stunden“ – mit einer Lösung, die keinesfalls ernst genommen werden darf. Im ein Jahr später entstandenen „Frank Patch – Deine Stunden sind gezählt“, dessen Originaltitel „Death of a Gunfighter“ es sehr viel besser auf den Punkt bringt, sehen wir den Madigan-Darsteller Richard Widmark in der Rolle des alternden Marshalls, dessen Westernmethoden eben nicht mehr in die neue Zeit passen und der deshalb sterben muss. Siegel lässt uns nicht so einfach davonkommen. Und wenn Eastwood „Dirty Harry“ 1971 als ernsten Coogan respektive bürokratieresistenten Madigan gibt, dann ist das so grotesk erzählt, dass man daraus ebenfalls keine Handlungsmaxime ableiten kann. Der Regisseur verweigert sich der einfachen Lösung.

„Egal, was er sagt, eine Schirmmütze ist kein Ersatz für einen Hut.“

Gern wird Siegel zu dem reaktionären Republikaner erklärt, der er nicht ist. Er selbst sieht sich tatsächlich als eher linken Demokraten, der er aber auch nicht unbedingt sein muss. Letztlich ist seine Haltung die des Filmemachers, der unterhalten möchte. Und das gelingt ihm mit „Nur noch 72 Stunden“ außerordentlich gut. So gut, dass daraus sogar eine kurzlebige Fernsehserie mit Richard Widmark entstand. Und die Polizeifilme, die in den USA in den späten 60ern und frühen 70ern das Kino überrannten und auch in Europa zu einer Schwemme von französischen „Polars“ und italienischen „Poliziotteschi“ führten, haben Siegel einiges zu verdanken. Gerade die Indifferenz von Madigan und seinen Kollegen, die nicht so moralisch überlegen wie Steve McQueens „Bullitt“ (1968) oder offen erzreaktionär wie Gene Hackmans Popeye Doyle in „Brennpunkt Brooklyn“ („French Connection“, 1971) daherkommt, sondern gebrochene Menschen zeigt, die menschlich und sichtlich erdschwer agieren, hat dem Genre eine Vielschichtigkeit geschenkt, die ihm gut bekommen ist.

Upgrade auf Blu-ray lohnt sich

Die Blu-ray von Koch verfügt über ordentlichen Ton und ein wunderbares Bild und stellt eine gewaltige Verbesserung zu der in die Jahre gekommenen DVD-Veröffentlichung dar. Extras gibt es keine nennenswerten, aber dieser Klassiker gehört in den Schrank eines jeden Fans von wegweisenden Meisterwerken des Polizeifilms.

Welche von Don Siegels Arbeiten fehlen euch noch in unserer Werkschau? All seine bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme haben wir in unserer alphabetisch sortierten Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Henry Fonda und Richard Widmark unter Schauspieler.

„Der Plan ist ganz einfach: Wir fordern noch drei Hüte an, dann stürmen wir.“

Veröffentlichung: 10. Oktober 2019 als Blu-ray, 15. September 2005 als DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Madigan
USA 1968
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Howard Rodman (als Henri Simoun), Abraham Polonsky, nach einem Roman von Richard Dougherty
Besetzung: Richard Widmark, Henry Fonda, Inger Stevens, Harry Guardino, James Whitmore, Susan Clark, Michael Dunn, Steve Ihnat, Don Stroud, Sheree North, Warren Stevens, Bert Freed, Raymond St. Jacques
Zusatzmaterial 2019: Super-8-Fassung, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Vertikalschuber (mit abziehbarem FSK-Logo), Wendecover
Label/Vertrieb 2019: Koch Films
Label/Vertrieb 2005: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Lars Johansen
Szenenfotos: © 2019 Koch Films

 
 

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43 Antworten zu “Don Siegel (IX): Nur noch 72 Stunden – Copfilm mit Gütesiegel

  1. Thomas Oeller

    2020/01/26 at 17:16

    Dirty Harry, Terror in Block 11

     
  2. Birgit

    2020/01/23 at 09:45

    Ich plädiere für den großen Klassiker „Dirty Harry“ und den zu Unrecht in Vergessenheit geratenen frühen Don-Siegel-Film „Geheimdienst im Dschungel“ (1959)

     
  3. Ronny Steinland

    2020/01/21 at 09:24

    Mir fehlen noch diverse Titel von Don Siegel, da ich Filme nicht eines Regieseurs wegen kaufe/schaue sondern um des Filmes selbst wegen…
    nichts desto trotz habe natürlich auch interesse an diversen Klassikern auch wenn diese zu meist dann Erstsichtungen werden… 😏

     
  4. Markus Tump

    2020/01/21 at 06:33

    Geht mal ans „Telefon“.

     
    • V. Beautifulmountain

      2020/01/21 at 08:34

      Auch du warst also zu bequem, in der Rubrik Regisseure zu schauen, welche Don-Siegel-Filme wir bereits beackert haben. 😉

       
  5. Kevin Aßmann

    2020/01/21 at 06:27

    Hi,

    Eine Rezession zu Don Siegel’s „Der letzte Scharfschütze“ wäre noch sehr interessant. Das war ja der letzte Film in mit John Wayne und der glorreiche Abschluss seiner Karriere. 🙂

    Liebe Grüße
    Kevin

     
  6. Christoph Leo

    2020/01/20 at 00:26

    Ich würde mich über eine Besprechung von Dirty Harry freuen

     
  7. Thomas

    2020/01/19 at 18:32

    Flammender Stern wäre interessant, der einzig gute Film mit Elvis.

     
  8. Matthias Klug

    2020/01/19 at 13:16

    Dirty Harry von 1971
    Coogans großer Bluff
    Und zu guter letzt – Sadistico

     
    • V. Beautifulmountain

      2020/01/19 at 14:32

      Weshalb denken so viele Leute, Sadistico sei von Don Siegel?

      Und weshalb wird nicht geschaut, welche von Siegels Regiearbeiten wir schon rezensiert haben?

       
  9. Imke

    2020/01/18 at 17:29

    Die schwarze Windmühle definitiv

     
  10. pygospa

    2020/01/18 at 17:21

    Da will ich mein Glück doch auch noch mal versuchen, und nenne ebenfalls „Dirty Harry“, weil ich sonst noch garnichts vom Regisseur kenne. Mit etwas Glück ändert sich das aber nach dem Gewinnspiel schon 😀

    Danke für die schöne Aktion!

     
  11. Oliver Pöllendorfer

    2020/01/18 at 15:00

    Ganz simpel.. Dirty Harry. 🙂

     
  12. Stefan J.

    2020/01/18 at 00:03

    The Lineup (1958)
    Dirty Harry (1971)

     
  13. Claus Fiedler

    2020/01/17 at 21:47

    Terror in Block 11

     
  14. Andreas H.

    2020/01/17 at 18:11

    Dirty Harry und Flammender Stern (einer der wenigen wirklich ordentlichen Elvis Presley Filme) sowie Die ins Gras beißen.

     
  15. Philipp Zeidler

    2020/01/17 at 17:48

    Der Henker ist unterwegs (The Lineup) von 1958 fände ich ebenfalls noch schön 🙂

     
  16. Michael Behr

    2020/01/17 at 16:46

    Ich wäre für „Die schwarze Windmühle“. „Dirty Harry“ ist eigentlich ein Selbstgänger.

     
  17. Sören Prescher

    2020/01/17 at 16:14

    Mir fällt da spontan noch ein Eastwood-Klassiker von Don Siegel ein: „Coogans großer Bluff“

     
    • V. Beautifulmountain

      2020/01/17 at 16:26

      Der fiel dir offenbar so spontan ein, dass du nicht geprüft hast, ob der im Blog nicht schon verewigt worden ist. 😎

       
      • Sören Prescher

        2020/01/19 at 15:52

        Ich hatte danach im Blog gesucht, ihn aber nicht gefunden. Asche auf mein Haupt.

         
      • V. Beautifulmountain

        2020/01/19 at 16:02

        Ich hatte extra zur Regisseursrubrik verlinkt. 😎

         
  18. Roberto Süptitz

    2020/01/17 at 16:11

    Der Löwe zeigt die Krallen (Rough Cut)

     
  19. Matthias Zedschak

    2020/01/17 at 15:38

    Die schwarze Windmühle ist auch klasse Klassiker…:-))

     
  20. Wulf

    2020/01/17 at 14:18

    Nach Blick in eure Liste wusste ich dann auch, wer Don S ist. 🙂 Die Flucht von Alcatraz ist bereits bearbeitet, daher alles gut für mich

     
  21. Klaus

    2020/01/17 at 14:02

    Da wäre zum einen Don Siegels Kriegsfilm „Die ins Gras beißen“ von 1962, zum anderen „Die Nacht vor dem Galgen“ von 1953

     
  22. Erfurt Konstantin

    2020/01/17 at 13:06

    Dirty Harry

     
  23. Frank Hillemann

    2020/01/17 at 12:08

    Sadistico und Die Dämonischen

     
    • V. Beautifulmountain

      2020/01/17 at 12:29

      Da antworte ich mal dasselbe wie einem anderen Teilnehmer: Mit Sadistico hat Don Siegel gar nichts zu tun gehabt. Und wenn dir Body Snatchers in unserer Don-Siegel-Werkschau fehlt, hast du womöglich gar nicht geschaut, welche Filme wir schon beackert haben. 😉

       
    • Matthias Kraus

      2020/01/17 at 19:19

      Sadistico ist von Eastwood

       
  24. Marco

    2020/01/17 at 11:11

    Sein Elvis-Film „Flammender Stern“ 🙂

     
  25. Dirk Busch

    2020/01/17 at 10:59

    Der große Coup…The Shootist…Frank Patch-Deine Stunden sind gezählt.

     
  26. Klaus-Peter Voigt

    2020/01/17 at 10:47

    Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf.

     
  27. Thomas Hortian

    2020/01/17 at 09:47

    Noch kein DIRTY HARRY on board? Und TERROR IN BLOCK 11 ist noch unbedingt zu empfehlen, extrem düsterer Gefängnis-Krimi.

     
  28. Katharina Stranz

    2020/01/17 at 09:42

    Mir sind noch die zwei Filme eingefallen, die empfehlenswert sind.
    Einmal So enden sie alle(1957) und dann der Knastfilm Terror in Block 11(1954) denn ich persönlich am besten finde.

     
  29. Jens

    2020/01/17 at 09:39

    Sadistico
    Dirty Harry
    Body Snatchers

     
  30. Rico Lemberger

    2020/01/17 at 09:34

    Mir fehlt noch The Lineup – Der Henker ist unterwegs und natürlich Dirty Harry.

     
  31. Rainer Pampuch

    2019/12/30 at 18:09

    Dankeschön :o)

     
  32. Rainer Pampuch

    2019/12/30 at 14:37

    Verrückt!
    Habe heute Nacht / Morgen bin ich wach gelegen, als mir dieser sehr gute Film in den Kopf kam und dort verweilte. 😀

    The Lineup (1958) fehlt. -Auch hier als Medium.
    Mein Vater besitzt diesen, sofern ich mich richtig erinnere, als 35 Milimeter-Kopie.

    P.S.: Ähnlich gut im Genre des Polizeifilms sind:
    Gordon Parks’s „The Super Cops“
    sowie Peter Hyams’s „Busting“,
    beide von 1974 und ebenfalls bis heute nur auf VHS erschienen. -Beide kenne ich von nächtlichen Ausstrahlungen in der ARD 2004.
    Meine Aufzeichnungen per TV-Karte sind leider verloren gegangen.

     
    • V. Beautifulmountain

      2019/12/30 at 15:08

      Im Januar folgt ein Gewinnspiel mit drei Blu-rays des Films.

       
      • Rainer Pampuch

        2019/12/30 at 15:20

        Oh. ^^

        Den größten Teil des Textes hätte ich aus der Zufälligen Überschneidung eh geschrieben. -Auf deine Frage zu antworten ist eher ein automatischer Reflex gewesen.

         
      • V. Beautifulmountain

        2019/12/30 at 16:29

        Vor Beginn des Gewinnspiels abgegebene Antworten auf die Frage landen selbstverständlich auch im Lostopf.

         

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