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Im Rampenlicht des Bösen – Eine mörderische Inszenierung

02 Jan

The Flesh & Blood Show

Von Lars Johansen

Horror // Diesen Film habe ich das erste Mal vor gut zehn Jahren gesehen, als das mittlerweile nicht mehr existente Label EMS ihn veröffentlicht hat. Damals fand ich ihn eher mittelmäßig. So richtig anfreunden mit ihm kann ich mich noch immer nicht. Aber Filme müssen ja nicht unbedingt Freunde sein, solange sie eine interessante Begleitung abgeben. Und das Mediabook von Wicked-Vision Media ist einfach eine Wucht (mit einer kleinen Einschränkung, zu der ich noch komme).

Messerstecherspieler

Es geht um eine Gruppe von jungen Schauspielern und natürlich Schauspielerinnen, die von einer geheimnisvollen Agentur engagiert wurden, für ein Stück namens „The Flesh and Blood Show“ auf der Bühne gemeinsam zu improvisieren. Diese Bühne befindet sich in einem alten Theater auf einer hohen Seebrücke über dem Meer am Strand eines außerhalb der Saison halbverlassenen Küstenortes. Einige Gerüchte ranken sich um das einsam gelegene Gebäude und schon bald wird das junge Team mit tödlicher Gewalt verkleinert. Die Polizei ist einigermaßen ratlos, der Hauptverdächtige selbst schon zum Opfer geworden, ohne dass es jemand weiß. Am Ende hat man einen Täter. Aber ist er es wirklich?

Das Theater als Mordschauplatz

Besonders originell klingt die Handlung nicht. Agatha Christie fällt einem sofort ein und auch das Theater ist seit jeher ein beliebter Film- und Mordschauplatz gewesen. Von der Handlung her erinnert der Film stark an Michele Soavis „Aquarius – Theater des Todes“, der aber tatsächlich erst gut 15 Jahre später entstanden ist. Dario Argento lässt in seinen Gialli (von „Vier Fliegen auf grauem Samt“ bis „Opera“) immer wieder gern Theater auftauchen. Und auch in Deutschland wird von Pater Brown („Das schwarze Schaf“, 1960) bis Edgar Wallace (z. B. „Der Mann mit dem Glasauge“, 1969) gern in Theatern gemordet. Im Jahr 1973 ist „Theater des Grauens“ mit Vincent Price in der Hauptrolle entstanden, wo ebenfalls ein verlassenes Theater eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Price spielte 1983 für Pete Walker auch in dem mit Altstars gespickten (neben Price noch Peter Cushing, Christopher Lee und John Carradine) „Das Haus der langen Schatten“ mit. Da ist es zwar kein Theater, aber die (scheinbaren) Morde und Tode dort erweisen sich als Teil einer Inszenierung.

Das nackte Grauen

Mit dem Stilmittel der Inszenierung innerhalb der Filminszenierung arbeitet Walker gern. In „Im Rampenlicht des Bösen“ beginnt der Film damit, dass ein junger, scheinbar tödlich verwundeter Mann mitten in der Nacht bei einer Freundin aufschlägt. Das Messer ist aber lediglich eine Bühnenwaffe und er völlig unverletzt. Kurz danach sehen wir einen Film im Film. Dadurch und durch die Verwendung von lebensechten Wachspuppen, die mit den echten Leichen den Platz tauschen, entsteht im weiteren Verlauf immer wieder eine gewisse Unsicherheit, was die Realität des Gezeigten betrifft.

Alt gegen Jung

Auch in „Zeuge des Wahnsinns“(1978) erweist sich vieles, was der ebenfalls junge Held erlebt als Täuschung, also quasi inszeniert. In „Amok“ (1976) ist es die Schizophrenie der (natürlich) jungen Heldin, die uns und ihr eine falsche Wirklichkeit vorspiegelt. Das ist das zweite Stilmittel, welches bei Walker öfter auftaucht: Seine eher jugendlichen Akteure finden ihre Gegenspieler meist in älteren Menschen. Dieser Konflikt zwischen den Generationen zieht sich nahezu durch Walkers gesamtes Schaffen. Den Älteren sagt der Lebensstil der jungen Leute nicht zu. Sie bestrafen sie dafür mit Haft und Folter in einem Privatknast in „Das Haus der Peitschen“ (1974) oder essen sie sogar einfach auf („Frightmare“, 1974).

Im Funzellicht des Bösen

Auch in „Zeuge des Wahnsinns“ ist es letztlich ein älteres Ehepaar, welches den relativ jungen Sänger für sein vermeintliches Fehlverhalten in der Vergangenheit bestraft. Im „Haus der langen Schatten“ wird der junge Autor Opfer alter Herren. Und auch „Im Rampenlicht des Bösen“ ist das die Erklärung, die, wie wir am Ende sehen, aber nicht allein greift. Übrigens hat Walker diese durchaus auch politischen Implikationen immer zurückgewiesen. Er betrachtete sich tatsächlich eher als reinen Handwerker.

Pete Walkers Anfänge in der Erotik

Der 1939 geborene Pete Walker, dessen Vater Schauspieler und dessen Mutter Tänzerin war, hat eine interessante Karriere hinter sich. Seine ersten Arbeiten entstanden im Erotikbereich, anfangs waren es Kurzfilme, die allmählich abendfüllend wurden. Sogar eine deutsche Produktion, „Der Porno-Graf von Schweden“ (1969) für den notorischen Alois Brummer, befindet sich darunter. Ab Anfang der 70er-Jahre landete Walker bei günstig hergestellten Thrillern. Hätte er in Italien gedreht, würde man diese zu Recht dem Genre des Giallo zuordnen, dem seine Arbeiten viel zu verdanken haben. In ihrer preiswerten Schäbigkeit weisen sie doch immer ein gewisses handwerkliches Niveau auf, welches sich im Verlauf seiner Karriere sichtbar verbesserte. Ab und zu experimentierte er sogar mit dreidimensionalen Bildern. Bei seiner schnellen Arbeitsweise griff Walker gern auf die gleichen Schauspieler zurück. Hier sind es unter anderen Patrick Barr, Ray Brooks und Robin Askwith, die auch in weiteren seiner Werke auftauchten. Der vielbeschäftigte Drehbuchautor Alfred Shaugnessy hatte übrigens so viel zu tun – so schrieb er etwa für die Serie „Das Haus am Eaton Place“ –, dass er nur noch für „Das Haus der Peitschen“ ein Treatment für den Regisseur schreiben konnte. Nach 1983 gab Walker das Filmemachen komplett auf und restaurierte oder baute fürderhin Kinos.

Große Oper, Opa

Das Mediabook von Wicked-Vision Media ist, wie oben geschrieben, eine äußerst gelungene Veröffentlichung im Rahmen der „The Pete Walker Collection“ geworden. Die Extras sind üppig, das Interview mit Walker erhellend und der Booklet-Text von Dr. Rolf Giesen angenehm knapp und durchaus kenntnisreich. Der Audiokommentar ist auf drei Personen verteilt, was mir anfangs zu viel erschien, aber, im Gegenteil, tatsächlich ausgezeichnet funktioniert. Die Bildqualität ist sehr ordentlich, es wurde vom Originalnegativ abgetastet und behutsam restauriert, aber hier ist auch das kleine Manko der Veröffentlichung zu finden. Kurz vor Schluss gibt es nämlich eine längere, erklärende Rückblende, die in anaglyphem 3D realisiert wurde. Leider wird diese aber nicht, wie auf der alten EMS-DVD, in Schwarz-Weiß gezeigt, sondern in dem so eigentlich nicht ansehbaren 3D-Bild. Das ist aber nur ein kleiner Fehler einer ansonsten nahezu perfekten Veröffentlichung.

Schwarz-Weißte Bescheid

Die Filme der „The Pete Walker Collection“ von Wicked-Vision-Media haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt, alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Pete Walker in der Rubrik Regisseure.

Veröffentlichung: 7. Juni 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 3 Covermotive à 1 x 444 & 2 x 222 Exemplare), 23. Mai 2008 als DVD
Länge: 96 Min. (Blu-ray), 92 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Flesh & Blood Show
GB/USA 1972
Regie: Pete Walker
Drehbuch: Alfred Shaugnessy
Besetzung: Ray Brooks, Jenny Hanley, Luan Peters, Patrick Barr
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar mit Christopher Klaese, Matthias Künnecke und Dr. Gerd Naumann, Interview mit Pete Walker, 3D-Sequenz, Bildergalerie, Trailer, 24-seitiges Booklet mit einem Essay von Dr. Rolf Giesen
Label/Vertrieb 2019: Wicked-Vision Media
Label/Vertrieb 2008: EMS GmbH

Copyright 2020 by Lars Johansen

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Wicked-Vision Media

 
 

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2 Antworten zu “Im Rampenlicht des Bösen – Eine mörderische Inszenierung

  1. V. Beautifulmountain

    2020/01/02 at 15:29

    Ui, das habe ich beim Redigieren natürlich nicht als Spoiler wahrgenommen. Sofern es der Twist ist, ist das natürlich ein ganz gewaltiger. Sorry dafür. Gruß, Volker

     
  2. Thomas Hortian

    2020/01/02 at 15:15

    Schöne Rezension. Aber warum musstest Du AMOK, den einzigen Genre-Film von Walker, den ich noch nicht kenne, spoilern? Den kann ich mir dann wohl sparen…

     

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