RSS

The Grudge (2020) – Und Jump! Und Scare!

07 Jan

The Grudge

Kinostart: 9. Januar 2020

Von Volker Schönenberger

Horror // Remake, Reboot, Sequel – womit haben wir es bei „The Grudge“ zu tun? Allerorten ist über den 2020er-Film von einem Reboot die Rede, mir drängte sich beim Besuch der Hamburger Pressevorführung aber auch der Eindruck auf, dass die Handlung durchaus an „Der Fluch – The Grudge“ von 2004 andockt und daher als Fortsetzung angesehen werden kann. Aber was ist mit dessen eigentlicher Fortsetzung „Der Fluch – The Grudge 2“ von 2006? Fällt die dann hinten herunter? Was soll das Ganze überhaupt? War doch schon „Der Fluch – The Grudge“ ein US-Remake des J-Horror-Klassikers „Ju-on – The Grudge“ von 2002, der seinerzeit auch nur den ersten Kinofilm einer Direct-to-Video-Reihe darstellte. Über Sinn und Unsinn des zwanghaften Wiederkäuens bewährter Storys kann man sich natürlich nach Herzenslust echauffieren, es ändert aber nichts daran, dass dieses Phänomen uns Filmguckern im Allgemeinen und Horrorfans im Besonderen schon oft begegnet ist und immer wieder begegnen wird. Hat sich die Filmindustrie ihr Publikum zu innovationsfeindlich erzogen? Oder folgt sie nur dem Drang des gemeinen Filmfreunds, Produktionen nach bewährtem Muster gegenüber originären und außergewöhnlichen Werken den Vorzug zu geben? Vielleicht ein Ping-Pong beider Seiten. Und es ist ja beileibe nicht alles schlecht, was schon mal dagewesen war.

Detective Muldoon untersucht eine stark verweste Leiche

Die Handlung des neuesten Beitrags zu diesem japanischen Filmuniversum setzt 2004 in Tokio ein. Fiona Landers (Tara Westwood) verlässt ein Haus, das sie so sehr in Furcht versetzt hat, dass sie beschließt, umgehend das Land zu verlassen und in ihre US-Heimat zu ihrem Ehemann Sam (David Lawrence Brown) und der gemeinsamen Tochter Melinda (Zoe Fish) in einer Kleinstadt in Pennsylvania zurückzukehren.

Leichenfund im Wald

Zwei Jahre später tritt Detective Muldoon (Andrea Riseborough) in der Gegend eine neue Stelle an. Drei Monate zuvor war ihr Ehemann gestorben, mit ihrem Sohn Burke (John J. Hansen) will sie per Wohnortwechsel der Erinnerung entkommen und neu anfangen. Ihr erster Einsatz führt sie und ihren neuen Partner Detective Goodman (Demián Bichir) zu einem Autowrack in einem Waldstück, das dort schon eine Weile unentdeckt gestanden hat. Die Leiche auf dem Fahrersitz befindet sich bereits in fortgeschrittenem Verwesungszustand. Bei der Toten handelt es sich um eine Frau, die anscheinend von einer Anschrift abgefahren ist, die Goodman in Unruhe versetzt. Ein zurückliegender Fall hatte ihn und seinen damaligen Partner Detective Wilson (William Sadler) dorthin geführt, doch Goodman wollte partout keinen Fuß in das Haus setzen und verweigert dies nun wieder (das Publikum sieht sofort: es ist das Sanders-Haus). Muldoon lässt sich jedoch nicht davon abhalten, den alten Fall zu studieren und das Gebäude aufzusuchen …

Auch Detective Goodman erlebt Furchtbares

Zurück in die Vergangenheit: Die miteinander verheirateten Immobilienmakler Nina und Peter Spencer (Betty Gilpin, John Cho) erfahren, dass ihr ungeborenes Baby erblich bedingt mit hoher Wahrscheinlichkeit an ALD erkranken wird. Trotz des Schocks fährt das Paar zu einem Haus, für dessen Verkauf nur noch die Unterschriften der Eigentümer erforderlich sind – es handelt sich um das Haus der Landers’. Weil die beiden niemanden antreffen, fährt Peter bald darauf erneut dorthin. An der Tür begegnet ihm Melinda, die kein Wort spricht und aus der Nase zu bluten beginnt.

Detective Wilson hat es fast hinter sich

Ein weiterer Handlungsstrang setzt zeitlich in der Mitte ein: 2005 trifft die Suizidbetreuerin Lorna Moody (Jacki Weaver) in besagtem Haus ein. Dort leben mittlerweile die älteren Eheleute Faith und William Matheson (Lin Shaye, Frankie Faison). Die sterbenskranke Faith hat ihren Wunsch bekräftigt, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Doch sie wirkt dement, scheint mit einem unsichtbaren Mädchen zu reden, weshalb Lorna es verweigert, den Selbstmord zu begleiten. Sie bleibt aber vorerst zu Gast. Ein Fehler …

Nach beachtlichem Regiedebüt zum Einerlei

Der aus New York City stammende Nicolas Pesce gab 2016 mit dem außergewöhnlichen, in Schwarz-Weiß gedrehten Horrordrama „The Eyes of my Mother“ seinen Einstand auf dem Regiestuhl. „The Grudge“ stellt nach „Piercing“ (2018) seine dritte Regiearbeit dar. Im Gegensatz zu seinem Debüt begibt er sich mit „The Grudge“ leider auf ausgetretene Pfade. Die Verzahnung der drei Zeitebenen darf dabei noch als Positivum gewertet werden, auch wenn dieses Hin und Her schon bei den Vorgängern zu beobachten war. Immerhin: Wann wir uns 2004, wann 2005 und wann 2006 befinden, ist jederzeit nachvollziehbar, und die Sprünge erfolgen schlüssig.

Unter der Dusche gut die Kopfhaut massieren!

Enttäuschend gerät das Ganze von Anfang an bei den Horrorelementen des Geisterfilms: Eine still ausharrende junge Frau mit gesenktem Kopf und langen schwarzen Haaren, dazu ein sonderbar knarrend-knarzendes Geräusch – das stellt kein Novum mehr dar, sondern lediglich ein altbekanntes Motiv des J-Horrors. Das gilt ebenso für Momente, in denen ein Protagonist oder eine Protagonistin aus dem Augenwinkel vage eine Erscheinung wahrnimmt, die im nächsten Moment sogleich wieder verschwunden ist. Eine gespenstische Berührung hier, ein Jump-Scare dort, noch ein Jump-Scare bald darauf, dann zur Abwechslung mal wieder ein Jump-Scare. Ein wenig stand das zu befürchten, schade, dass es auch so generisch eingetreten ist.

Feines Ensemble reißt es auch nicht raus

Angesichts dessen, dass sowohl der 2002er- als auch der 2004er-Film inklusive beider Fortsetzungen bislang hierzulande und auch in diversen anderen Märkten lediglich auf DVD erschienen sind, ist durchaus denkbar, dass das Franchise bei nachgewachsenen Horrorfans aus dem Blickfeld geraten ist, was als Rechtfertigung für den Neuaufguss ausreichen mag. Aber weshalb so einfallslos? Wenn man schon mit so versierten Darstellerinnen und Darstellern wie Andrea Riseborough („Mandy“), Demián Bichir („The Hateful Eight“), Lin Shaye („Insidious – Chapter 2“, „Abattoir – Er erwartet dich!“) und John Cho („Star Trek – Beyond“) Sorgfalt beim Casting beweist, muss man doch beim Storytelling und dem Horror nicht derart nachlässig vorgehen. Da nützt es wenig, dass das Ensemble seine Sache vorzüglich macht und die versammelte Tragik der Figuren ansprechend in Szene setzt. „The Grudge“ wird die mal berechtigten, mal unberechtigten Ressentiments gegen Remakes und Reboots weiter schüren.

Kuckuck!

Demián Bichir musste noch vor Fertigstellung des Films den Tod seiner Ehefrau Stefanie Sherk verkraften. Sie starb im April 2019 im Alter von 37 Jahren. In „The Grudge“ hatte Sherk eine kleine Nebenrolle als Therapeutin – ihr letzter Filmauftritt. Sie ruhe in Frieden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Andrea Riseborough und Lin Shaye haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Demián Bichir und John Cho unter Schauspieler.

Halb zog sie ihn, halb sank er hin

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Grudge
USA/KAN 2020
Regie: Nicolas Pesce
Drehbuch: Nicolas Pesce
Besetzung: Andrea Riseborough, Demián Bichir, Lin Shaye, John Cho, Tara Westwood, Junko Bailey, David Lawrence Brown, Zoe Fish, John J. Hansen, Joel Marsh Garland, Bradley Sawatzky, Betty Gilpin
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Szenenfotos: © 2019 Sony Pictures Entertainment
Deutschland GmbH, Szenenfotos auch: © Allen Fraser

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: