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1917 – Im Westen was Neues

13 Jan

1917

Kinostart: 16. Januar 2020

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Die beiden Golden Globes für den besten Film in der Drama-Kategorie und Sam Mendes als Regisseur sind schon Hausnummern. Am 9. Februar kann „1917“ bei der Oscarverleihung mit satten zehn Nominierungen noch einen drauflegen und am Ende sogar Quentin Tarantino in die Suppe spucken: Der Gute hat zwar bereits zwei Academy Awards zu Hause, jedoch lediglich für die Drehbücher von „Pulp Fiction“ und „Django Unchained“. Das ist zwar aller Ehren wert, aber Tarantino schielt natürlich auf die Oscars für die beste Regie und den besten Film, hat „Once Upon a Time in Hollywood“ doch immerhin den Golden Globe als bester Film in der Kategorie Musical/Komödie abgeräumt. Ein heißes Rennen deutet sich also an. Und wer weiß, ob nicht noch einer der anderen Filme und Regisseure zum lachenden Dritten wird? Mendes hat den Regie-Oscar immerhin schon 2000 für „American Beauty“ erhalten, der ihm zuvor auch seinen ersten Golden Globe beschert hatte.

General Erinmore hat ein Himmelfahrtskommando zu vergeben

Bei dem Erster-Weltkriegs-Drama „1917“ handelt es sich um einen sogenannten One-Take-Movie, also einen Film, der den Eindruck erweckt, in einem Take ohne Schnitte gedreht worden zu sein. Dabei bedient sich Kameramann Roger Deakins bisweilen eines Tricks, den auch Alfred Hitchcocks Kameraleute 1948 für „Cocktail für eine Leiche“ („Rope“) angewandt hatten: eine kurze stockdunkle Einstellung. Bei Hitchcock war es beispielsweise der Rücken eines Mannes im dunklen Anzug, auf den die Kamera zielte, um aufzuzoomen, bis der gesamte Bildschirm dunkel war. Dann ein unsichtbarer Schnitt, die Kamera zoomt ab und die Handlung setzt sich fort. In „1917“ hat diese Funktion beispielsweise ein lichtloser Bunkerraum in einer der Schützengraben-Anlagen, den die Protagonisten durchschreiten. Zuständig für den Schnitt war übrigens Christopher Nolans Stamm-Cutter Lee Smith, 2018 für Nolans „Dunkirk“ mit dem Oscar für den Schnitt prämiert. Für „1917“ ist er allerdings nicht nominiert worden – vielleicht waren es der Academy einfach zu wenige Schnitte, um Smiths Arbeit als preiswürdig zu erachten.

Zweiter Oscar für Kameramann Roger Deakins?

So oder so sehe ich „1917“ als Oscar-Favoriten in der Kategorie Kamera. Inklusive „1917“ hat Roger Deakins es auf satte 15 Oscar-Nominierungen gebracht, beginnend 1995 für „Die Verurteilten“ („The Shawshank Redemption“). Doch der Stamm-Kameramann der Coen-Brüder erhielt den Academy Award erst 2018 für seine Arbeit an „Blade Runner 2049“. Nun winkt der zweite Oscar, und verdient wäre er allemal. Wenn die Kamera den beiden Lance Corporals Blake (Dean-Charles Chapman) und Schofield (George MacKay) gleich zu Beginn durch eine mit Soldaten gefüllte Schützengraben-Anlage folgt, mal hinter den beiden herschwebt, sie dann überholt und von vorn zeigt, während hinter ihnen die Soldatenmassen zu sehen sind, durch die der Kameramann eben noch hindurchgeschritten sein muss, ahnt man, welcher logistische Aufwand und welches Auge für die richtige Einstellung dahinterstecken.

Der deutsche Rückzug – ein Hinterhalt

Deakins’ Kamera hat meist die beiden Protagonisten Blake und Schofield im Fokus, die im Frühjahr 1917 an der Westfront im umkämpften Nordfrankreich zu einer lebensgefährlichen Mission abkommandiert werden: Deutsche Truppen haben sich zur sogenannten Siegfriedstellung (Hindenburg Line) zurückgezogen. In Erwartung eines leichten Siegs bereitet sich ein britisches Regiment auf die Erstürmung dieser Linie vor, doch alliierte Aufklärer haben herausgefunden, dass die Deutschen die feindliche Attacke mit ihrem Rückzug provozieren wollen und bis an die Zähne bewaffnet nur darauf warten. Dem britischen Regiment droht eine vernichtende Niederlage, der Angriff muss abgeblasen werden. Doch weil die Kommunikationskanäle unterbrochen sind, müssen Kuriere die Nachricht zu Fuß überbringen – und da kommen Blake und Schofield ins Spiel. Die Zeit drängt, sie brechen umgehend auf. Ein Fußmarsch durch Tod und Verwüstung erwartet das Duo.

Also ziehen Blake (l.) und Schofield los

Zu Beginn ganz ohne kriegerische Handlungen und Gefechte auskommend, gelingt Sam Mendes schon mit den ersten Schritten der beiden Soldaten aus dem Schützengraben hinein ins Niemandsland zwischen den britischen und deutschen Linien eine heftige Antikriegsbotschaft. Blake und Schofield robben sich durch den Schlamm, versuchen Krater zur Deckung zu nutzen, in denen tote Soldaten in den Pfützen vor sich hin verwesen. Zur Orientierung ihres Wegs hat man sie auf einen Leichnam hingewiesen, der sich im Draht verfangen hat und an dem sie sich vorbeizwängen müssen. Das sind intensive Bilder, die die ganze Sinnlosigkeit des Krieges offenbaren.

Tod im Schützengraben

Verweise auf die Grabenkämpfe des Ersten Weltkriegs eignen sich ohnehin vorzüglich für Antikriegsappelle, waren sie doch geprägt von unter ungeheuren Opfern erzielten Raumgewinnen, die für den Ausgang des Krieges völlig bedeutungslos gerieten. Beim nächsten Gegenangriff musste man sich oft wieder zurückziehen. Nicht umsonst zählt Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ zu den großen Antikriegsromanen, Lewis Milestones 1930er-Verfilmung zu den besten Antikriegsfilmen überhaupt, und auch Delbert Manns fürs Fernsehen gedrehte zweite Adaption hat Format. Als großer Antikriegsfilm mit dem Sujet des Grabenkriegs im Ersten Weltkrieg sei auch die deutsche Produktion „Westfront 1918 – Vier von der Infanterie“ (1930) von Georg Wilhelm Pabst genannt, und Stanley Kubricks „Wege zum Ruhm“ von 1957 gehört ebenfalls in diese Aufzählung.

Durch verlassene Stellungen der Deutschen

Wird „1917“ dereinst in einem Antikriegs-Atemzug mit diesen Werken genannt werden? Die Zeit wird es zeigen, ich halte es jedenfalls für möglich, da Sam Mendes die Sinnlosigkeit des Kriegsgetümmels und die Narben, die es bei den Menschen und in den Landschaften hinterlässt, vortrefflich visualisiert. Die Set- und Produktionsdesigner haben ganze Arbeit geleistet, ob in den Schützengräben, dem zerbombten Schlachtfeld oder einer in Stücke geschossenenen Ortschaft, die es zu durchqueren gilt – ein rabenschwarzer Trip, der die Eingeweide zusammenziehen lässt. Nicht umsonst fällt die bisherige Rezeption durch Filmkritik und Publikum gleichermaßen hervorragend aus, und dem schließe ich mich vorbehaltlos an.

Kann Captain Smith helfen?

Regisseur Sam Mendes und seine Ko-Drehbuchautorin Krysty Wilson-Cairns ließen sich von ihrem jeweiligen Großvater zu „1917“ inspirieren, wie beide im Interview bekundeten. Mendes’ Großvater zog 1916 mit 17 Jahren in den Krieg und kämpfte bis zum Ende, der von Wilson-Cairns weckte bei seiner Enkelin das Interesse an historischen Ereignissen. Mendes begründete seine Entscheidung, einen One-Shot-Movie zu drehen, damit, dass das Publikum zu Beginn ohne jegliche Exposition auf die beiden Protagonisten treffe und sie somit nicht wirklich kennenlerne. Die One-Shot-Technik erlaube es den Zuschauern, mit den beiden zu leben und jeden ihrer Atemzüge mit ihnen zu atmen, die Uhr herunterticken zu sehen. Bei der Bewertung als One-Shot-Movie kann hintangestellt bleiben, dass „1917“ keineswegs in Echtzeit spielt, wie es genau genommen sein sollte. Dann würde die Handlung zwei Stunden dauern – so lang ist der Film. Die Mission der beiden Protagonisten beginnt allerdings bei Tageslicht und dauert über die Nacht hinaus bis zum nächsten Tag. Da wollen wir mal nicht so sein. Wie die im Film nicht zu sehenden Stunden überbrückt werden, will ich nicht ausführen, man könnte es als Spoiler sehen. Es handelt sich somit nicht um einen „echten“ One-Shot-Film wie beispielsweise den deutschen Thriller „Victoria“ (2015), der tatsächlich in einem einzigen Take gedreht wurde, das ändert aber nichts an der Brillanz der technischen Umsetzung. Kameramann Roger Deakins wollte im Interview nicht verraten, wie viele Schnitte genau in „1917“ enthalten sind.

Minirollen für arrivierte Stars

Wenn Sam Mendes ruft, begnügen sich auch namhafte Akteure mit Minirollen: So sehen wir Oscar-Preisträger Colin Firth („The King’s Speech – Die Rede des Königs“) zu Beginn als General Erinmore, der die beiden Lance Corporals auf das Himmelfahrtskommando schickt. Mark Strong („Kingsman – The Secret Service“) ist als Captain Smith zu sehen, der den Weg der beiden Kuriere kreuzt. Benedict Cumberbatch („Doctor Strange“) schließlich tritt als Colonel MacKenzie in Erscheinung, dem die beiden Lance Corporals die Botschaft überbringen sollen, die ihn von der Attacke abhält.

Ein zerschossener Ort ist zu durchqueren

Zuletzt hatte 2010 ein Kriegsfilm die Oscars als bester Film und für die beste Regie abgeräumt: „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ von Kathryn Bigelow. Auch das nach einer längeren Pause – 1999 war Steven Spielberg als bester Regisseur für „Der Soldat James Ryan“ prämiert worden (als bester Film wurde in jenem Jahr „Shakespeare in Love“ geehrt). Es wäre also gar nicht mal inflationär, würden die Academy Awards für den besten Film und die beste Regie 2020 an „1917“ gehen. Verdient wäre das auf jeden Fall, aber das mag auch für die Mitbewerber gelten. Um der Chronistenpflicht Genüge zu tun, seien hier alle zehn Nominierungen genannt: Sam Mendes’ Werk hat Aussichten auf die Oscars als bester Film, für die beste Regie und die Kamera, dazu fürs beste Originaldrehbuch, Make-up/Hairstyling, Produktionsdesign, für die beste Musik, die besten visuellen Effekte, die Tonmischung und den Tonschnitt. Unabhängig davon, wie viele es am 9. Februar werden, hat sich „1917“ einen Status als großes Kriegsdrama und womöglich gar Antikriegsfilm redlich erarbeitet. Meisterhaft!

Immer wieder Leichen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Benedict Cumberbatch, Colin Firth und Mark Strong haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Wird die Botschaft Colonel MacKenzie rechtzeitig erreichen?

Länge: 119 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: 1917
GB/USA 2019
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: Sam Mendes, Krysty Wilson-Cairns
Besetzung: George MacKay, Dean-Charles Chapman, Mark Strong, Andrew Scott, Richard Madden, Claire Duburcq, Colin Firth, Benedict Cumberbatch
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Universal Pictures and Storyteller Distribution Co., LLC. All rights reserved.

 

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