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Das letzte Ufer – Wenn die Welt stirbt

15 Jan

On the Beach

Von Volker Schönenberger

Endzeit-Kriegsdrama // Ein U-Boot auf hoher See. Der Kommandant Captain Dwight Lionel Towers (Gregory Peck) gibt in aller Ruhe die Befehle, stoisch befolgt seine Besatzung die Anweisungen, sein Wasserfahrzeug pflügt zuverlässig durch die Fluten.

Aufrechter Offizier: Captain Towers

Wir befinden uns im Januar 1964. Der Dritte Weltkrieg ist vorbei. Er ist mit Atomwaffen geführt worden – mit fatalen Folgen: Weite Teile der Erde und ihrer Atmosphäre sind nuklear verseucht, nach und nach erlischt das Leben.

Die radioaktive Wolke naht

In Australien erteilt Admiral Bridie (John Tate) Lieutenant Commander Peter Holmes (Anthony Perkins) den Befehl, sich als Verbindungsoffizier auf dem amerikanischen Atom-U-Boot U 623 „Schwertfisch“ von Captain Towers einzuschiffen, das in Williamstown vor Anker liegt. Das U-Boot soll mit einem Holmes und Towers vorerst nicht näher bekannten Erkundungsauftrag in See stechen. Der australische Offizier Holmes sorgt sich, ob er rechtzeitig wieder zu seiner Frau Mary (Donna Anderson) und dem gemeinsamen Baby zurückkehren wird. Dieses „rechtzeitig“ nennen die Australier offenbar „bis dahin“ – bis die von der nördlichen Hemisphäre heranziehende radioaktive Wolke auch die südliche Hemisphäre vollständig mit Tod und Verderben überzogen hat.

Der U-Boot-Kommandant schickt einen Mann auf Erkundung aus

Vor dem Auslaufen hat die Besatzung noch reichlich Gelegenheit, an Land das Leben zu genießen. Towers, dessen Frau und Kinder in den USA verblieben und längst tot sind, lernt über Holmes die lebenslustige Moira Davidson (Ava Gardner) kennen, die dem Alkohol zuspricht. Derweil stellen Wissenschaftler die These auf, Regen und Schnee könnten auf die Luft eine reinigende Wirkung haben. Auch, um das zu prüfen, sticht die „Schwertfisch“ schließlich in See. Captain Towers nimmt Kurs auf Kalifornien, weil von dort seltsame Morsesignale zu kommen scheinen. Hat in Nordamerika am Ende doch jemand überlebt?

Nach einer Romanvorlage von Neil Shute

1957 erschien der Roman „On the Beach“ des 1950 nach Australien ausgewanderten englischen Schriftstellers Neil Shute. Nur zwei Jahre später nahm sich Stanley Kramer des Stoffs an. Gedreht wurde an Originalschauplätzen. Gemäß der Trivia der Internet Movie Database war der Autor als Kramers Berater mit an Bord, doch als er merkte, dass seine Ideen wenig Gehör fanden, beendete er seine Tätigkeit. Dem Vernehmen nach war er vom Resultat alles andere als angetan. Shute starb am 12. Januar 1960 kurz vor seinem 61. Geburtstag, nur wenige Wochen nach der Weltpremiere der Verfilmung seines Romans. Seine Vorlage wurde 40 Jahre später fürs Fernsehen erneut verfilmt, deutscher Titel: „USS Charleston – Die letzten Tage der Menschheit“.

Zurück in Moiras Armen

Regisseur Kramer drehte kurz danach mit „Wer den Wind sät“ (1960) und „Urteil von Nürnberg“ (1961) höchst bedeutsame Werke, das gilt auch für seine Rassismus thematisierenden Arbeiten „Flucht in Ketten“ (1958) und „Rate mal, wer zum Essen kommt“ (1967). Kramer macht aus Shutes Roman großes Starkino in endzeitlicher Atmosphäre. In einer Nebenrolle als Atomwissenschaftler Julian Osborne mit einem Hang zu Autorennen ist Fred Astaire zu sehen, für den „Das letzte Ufer“ nach einer erfolgreichen Karriere als Musical-Star der Wechsel ins ernsthafte Fach bedeutete.

Mal Melodram, mal Apokalypse

„Das letzte Ufer“ hat wechselnde Stimmungen zu bieten. Steht die aufkeimende Liebe zwischen Gregory Peck und Ava Gardner im Fokus, bekommen wir ein Melodram erster Güteklasse des klassischen Hollywoods geboten. Wenn das U-Boot die kalifornische Küste erreicht, gerät die Handlung beklemmend und tragisch – davon hätte ich mir etwas mehr gewünscht, aber bemerkenswert genug, dass Hollywood Ende der 1950er-Jahre ein derartiges Werk hervorbrachte. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, heißt es oft (etwa unter Fans abstiegsbedrohter Fußballclubs), aber bisweilen stirbt sie auch schon, wenn man das Ziel seiner Mission erreicht, etwa den Ausgangspunkt eines Morsesignals.

Mary und Peter Holmes müssen eine Entscheidung treffen

Für Gregory Peck war seine Mitwirkung als ausgewiesener Gegner von Atomwaffen Ehrensache. Seine Starpower bewahrte das Werk jedoch nicht davor, trotz positiver Rezeption an den Kinokassen zu floppen. Auch bei den 1960er-Oscars ging „On the Beach“ leer aus – nominiert war der Film ohnehin lediglich für den Schnitt und die Musik von Ernest Gold. Der hatte zuvor dafür immerhin einen Golden Globe erhalten.

Kein Bonusmaterial am Start

Die deutsche Blu-ray-Erstveröffentlichung kommt in anständiger Qualität daher, wobei sich in die deutsche Synchronisation immer mal wieder einzelne englischsprachige Passagen eingeschlichen haben. Nennenswertes Bonusmaterial auf der Disc gibt es leider keines. Grundsätzlich lobenswert, dass sich das Label HanseSound die Mühe gemacht hat, ein achtseitiges Booklet beizulegen. Schade nur, dass sich der Text auf von Wikipedia abgeschriebene Bio- und Filmografien von Gregory Peck, Ava Gardner und Stanley Kramer beschränkt, immerhin mit Quellenangabe. Ein Essay über den Film und dessen Entstehung wäre da die bessere Wahl gewesen, aber für einen Autor reichte offenbar das Budget nicht.

Hopp, hopp, hopp – Atomraketenstopp!

Ich mag Endzeitfilme unterschiedlicher Prägung, von billiger Exploitation bis zu hochkarätigen Szenarien mit Anspruch auf politisch-gesellschaftliche Relevanz. „Das letzte Ufer“ gehört zu den anspruchsvollen Beiträgen, ist auch heute noch sehenswert und angesichts des nach wie vor existierenden Arsenals von Atomwaffen relevant wie eh und je. Gänzlich ohne Kriegstote auskommend, ist das Werk recht glatt und weniger drastisch geraten als beispielsweise „The Day After – Der Tag danach“ von 1983. Rechnen wir es Hollywood dennoch hoch an, 1959 eine solch deutliche Botschaft gegen Atomwaffen in die Welt gesandt zu haben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Gregory Peck haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 6. Dezember 2019 als DVD, 22. November 2019 als Blu-ray, 13. Juni 2008 und 3. September 2007 als DVD

Länge: 133 Min. (Blu-ray), 128 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: On the Beach
USA 1959
Regie: Stanley Kramer
Drehbuch: John Paxton, nach einem Roman von Nevil Shute
Besetzung: Gregory Peck, Ava Gardner, Anthony Perkins, Fred Astaire, Donna Anderson, John Tate, Harp McGuire, Lola Brooks, Ken Wayne, Guy Doleman, Richard Meikle, John Meillon, Joe McCormick, Lou Vernon, Kevin Brennan
Zusatzmaterial 2019: Trailer, Booklet mit Biografien und Filmografien, Wendecover
Label 2019: HanseSound
Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises
Vertrieb 2007/2008: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 HanseSound / Studio Hamburg Enterprises

 
 

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Eine Antwort zu “Das letzte Ufer – Wenn die Welt stirbt

  1. belmonte

    2020/01/15 at 20:47

    Ich habe den Film irgendwann in den Achzigern gesehen und dann auch das Buch gelesen und fand beides damals sehr bedrückend. Unvergesslich.

     

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