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Der Mitternachtsmann – Bearbeitung einer Männlichkeitskrise

16 Jan

The Midnight Man

Von Lucas Gröning

Krimidrama // Der auf Bewährung freigelassene Ex-Polizist Jim Slade (Lancaster) nimmt einen neuen Job als Nachtwächter an einem College an. Eigentlich ein ruhiger Job, so erscheint es dem ehemaligen Gesetzeshüter, doch bereits in seiner ersten Nacht bricht jemand in eines der Campusgebäude ein und entwendet wichtige Aufnahmen der dortigen Universitätspsychatrie. Ein paar Nächte später folgt der nächste Schock: Eine junge Frau, ausgerechnet die Tochter des dort ansässigen Senators, findet sich tot in einem der Gebäude. Es beginnen unruhige Zeiten, der Mordfall überfordert die ansässige Polizei. Nun liegt es ausgerechnet am in den Rang eines Nachtwächters degradierten Ex-Cop, der Sache auf den Grund zu gehen.

Das ist die Ausgangslage in Roland Kibbees und Burt Lancasters Film „Der Mitternachtsmann“ von 1974. Beide schrieben darüber hinaus das Drehbuch, dessen Geschichte auf dem Roman „The Midnight Lady and the Mourning Man“ von David Anthony aus dem Jahr 1969 basiert. Lancasters Verkörperung des Ex-Cops gehört zu seinen weniger bekannten Rollen, kennt man ihn doch eher auch aus Filmen wie „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953), „Der Leopard“ (1963) und „Elmer Gantry“ (1960), für den er 1960 den Oscar als bester Hauptdarsteller gewinnen konnte. Roland Kibbee wiederum kennt man vor allem für seine Arbeit als Drehbuchautor für Fernsehserien, etwa „Barney Miller“ (1974–1982), „Columbo“ (1973–1975) und „The Bob Newhart Show“ (1961–1962). „Der Mitternachtsmann“ stellt seine einzige Langfilm-Regiearbeit dar, zuvor hatte er auch nur ein einziges Mal bei einer Serienepisode Regie geführt. Man kann es bereits vorweg anführen: Die Zusammenarbeit einer über die gesamte Karriere vor allem als Schauspieler tätigen Filmikone und eines Drehbuchautors für Fernsehserien sorgt nicht unbedingt dafür, dass am Ende ein brillanter Film herauskommt. Für Lancaster war es nach „Der Mann aus Kentucky“ (1955) seine zweite und letzte offizielle Regiearbeit – die IMDb gibt ihn für „Weißer Herrscher über Tonga“ von 1954 als Ko-Regisseur „uncredited“ an, sein tatsächlicher Anteil an der Regie des Pazifik-Abenteuers bleibt aber offen.

Film oder Fernsehserie?

So oder so finden sich in „Der Mitternachtsmann“ einige interessante Aspekte, die es zu analysieren gilt. Kommen wir zunächst zur Ästhetik des Films, die sich in gewisser Weise extrem ambivalent verhält und das sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne. Zum einen werden uns zum Teil wunderschön komponierte Bilder präsentiert, die sowohl hinsichtlich der Aufteilung ihrer Objekte als auch was die Ausleuchtung mit ganz verschiedenen Farben, beispielsweise dem roten Licht in einer Diskothek, angeht, durchaus zu beeindrucken wissen. Auch eine toll eingesetzte Plansequenz in Kombination mit einem inneren Monolog gehört zu den besten technischen Umsetzungen des Werkes. In diesen Momenten merkt man dem Film Burt Lancasters große Kinoerfahrung aus der Zusammenarbeit mit etlichen Regisseuren an. Durch den ganzen Film ziehen sich diese tollen Bilder jedoch nicht, denn es ist neben Lancasters Einfluss auch noch derjenige der anderen Person zu erkennen, die auf dem Regiestuhl Platz genommen hat.

Die zum Teil recht innovativen und ästhetisch wertvollen Bilder wechseln sich nämlich mit recht innovationslosen und einfach gehaltenen Eindrücken ab. Dies wird besonders in den Dialogen ersichtlich, wenn sich die Kamera oftmals keiner weiteren Mittel bedienen kann als dem klassischen Schuss-Gegenschuss-Verfahren. Hier wird auch keine weitere Ebene aufgemacht, indem man die Personen zum Beispiel aus verschiedenen Winkeln von oben oder unten filmt, um beispielsweise die Überlegen- oder Unterlegenheit eines Charakters gegenüber einem anderen zu suggerieren. Stets zeigt die Kamera hier ein Aufeinandertreffen von Personen auf Augenhöhe, obwohl das, was uns die Geschichte über diese erzählt, oftmals etwas ganz anderes vermuten lässt. Das mag auch damit zu tun haben, dass Kameramann Jack Priestley mit wenigen Ausnahmen ausschließlich fürs Fernsehen tätig war. So wechseln sich hier lediglich vor allem halbnahe Aufnahmen und Close-ups ab, je nachdem, ob man den Dialogen noch einen Schuss Emotionalität hinzufügen will. Dialoge sind hier ein gutes Stichwort, denn diese dienen in „Der Mitternachtsmann“ anscheinend an vielen Stellen in erster Linie zur Streckung, nämlich dann, wenn die sprechenden Personen sich über Nichtigkeiten und Aspekte austauschen, die in keinem Bezug zur Handlung stehen. Darüber hinaus fällt auch die in vielen Szenen merkwürdige, etwas jazzige Popmusik auf, die sich mit eher bluesigen Tönen in ruhigen Momenten abwechselt. Die Kombination aus der nur begrenzt kreativ eingesetzten Kamera, den zum Teil belanglosen Dialogen und dieser Form der Musiknutzung erinnert frappierend an Fernsehserien der 70er- und 80er-Jahre wie eben zum Beispiel „Columbo“. Hier ist ein deutlicher Einfluss von Regisseur Roland Kibbee zu spüren, auch wenn dieser für das finale Ergebnis sicherlich nicht allein verantwortlich gemacht werden sollte.

Das Wiedererlangen der Männlichkeit

Nun, da wir die formalen Aspekte des Films, zumindest im Ansatz, analysiert haben, soll es um das dominierende Motiv von Lancasters und Kibbees Werk gehen. Hierbei fällt auf, dass „Der Mitternachtsmann“ ein enorm subjektiver Film ist, in dem uns nur in Ausnahmefällen Szenen gezeigt werden, in denen wir nicht der Hauptfigur des College-Nachtwächters Slade folgen. Ansonsten dreht sich das Krimidrama ausschließlich um den Protagonisten, wir haben es geradezu mit einem Psychogramm des Ex-Cops zu tun. Dabei ist es zunächst wichtig zu erfahren, warum Slade überhaupt im Gefängnis war. Begründet wird dies damit, Slade habe in einem Anfall von Eifersucht den Liebhaber seiner Frau erschossen, wofür er zu einem nicht näher bezifferten Aufenthalt im Gefängnis verurteilt wurde.

Der zweite wichtige Punkt ist generell der Job des Nachtwächters, der dem eines Polizisten ideell zwar recht nahe kommt, in dem sich jedoch nicht die Befugnisse und das gesellschaftliche Ansehen eines Polizisten vereinen. Dies wird besonders deutlich in Szenen, in denen Slade auf höhergestellte Menschen wie seine Bewährungshelferin und sein gleichzeitiges Love-Interest Linda (Susan Clark) oder auf andere Polizisten und in besonderer Weise dann auf den Senator und Vater des Mordopfers, Clayborne (Morgan Woodward), trifft. Hinzu kommt eine entscheidende Äußerung Slades. In einer Szene des Beisammenseins fragt Linda den Ex-Polizisten, warum er denn überhaupt Polizist werden wollte. Slade verweist auf den Berufsweg seines Vaters, der ebenfalls als Gesetzeshüter für den Staat tätig war. Das gewünschte Schicksal Slades orientiert sich also an dem seines Vaters, während ein Verfolgen eigener, davon losgelöster Motivationen keine Option darstellt. Wir haben es hier in gewisser Weise mit einer Form von ödipalem Konflikt zu tun, in dem es darum geht, den eigenen Vater stolz zu machen um so dessen Anerkennung zu gewinnen. Der Faktor, dass Slade nun nicht mehr als Polizist arbeitet, sondern lediglich den Job eines Nachtwächters ausführt, stellt hier im Freudschen Sinne die Kastration dar, genauso wie die sich im Seitensprung offenbarende sexuelle Unzufriedenheit seiner Ex-Frau. Das Lösen des Falles um das ermordete Mädchen drückt hierbei eine symbolische Rückkehr in den Beruf des Polizisten aus, in deren letzter Konsequenz sich die Rehabilitierung als Mann und somit die erneute Ausstattung mit dem Phallus vollenden soll.

Maskulinismus statt Feminismus

Dieses Motiv macht den Film als psychoanalytische Aufarbeitung einer Männlichkeitskrise durchaus interessant, wie er jedoch mit seinen Frauenfiguren umgeht, macht ihn allerdings rückschrittlich. Dies wird an der Darstellung der Bewährungshelferin Linda besonders ersichtlich. Diese wird von Slade in erster Linie als Objekt sexueller Begiere betrachtet, was dadurch sichtbar wird, dass er sie immer wieder danach fragt, ob sie einen Freund hat oder ob ein anderer Mann ihre Aufmerksamkeit erregt hat. Die Motivationen Lindas selbst spielen für ihn nur eine geringe Rolle und müssen seinen eigenen Interessen untergeordnet werden. Zwar werden grundsätzliche emotionale Ausfälle des Protagonisten gegenüber Linda, wie zum Beispiel eine Ohrfeige, vom Film durchaus kritisch betrachtet und auch als Aspekt seiner Hilflosigkeit durch den Verlust der eigenen Männlichkeit dargestellt, ein generelles Hinterfragen, eine Verschiebung oder eine Gleichsetzung der Machtverhältnisse findet hier jedoch nicht statt. Man könnte auch sagen, dass hier der Maskulinismus, also die natürliche Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau und das Zurückbesinnen des Mannes auf seine Männlichkeit propagiert werden und das feministische Strömungen beziehungsweise hier Lindas individuelle Interessen, in dieser Welt über keinen Platz verfügen. So ist der Film leider nur als psychologische Studie von Slade interessant, ohne am Ende den entscheidenden letzten Schritt zu gehen und auch das Verhältnis von Mann und Frau auf intelligente Weise zu bearbeiten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Burt Lancaster haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. November 2019 als Blu-ray und DVD, 11. November 2010 als DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Midnight Man
USA 1974
Regie: Roland Kibbee, Burt Lancaster
Drehbuch: Roland Kibbee, Burt Lancaster, nach dem Roman „The Midnight Lady and the Mourning Man“ von David Anthony
Besetzung: Burt Lancaster, Susan Clark, Cameron Mitchell, Morgan Woodward, Harris Yulin, Robert Quarry, Joan Lorring, Lawrence Dopkin, Ed Lauter, Mills Watson, Charles Tyner, Catherine Bach
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Bildergalerie
Label 2019: explosive media
Vertrieb 2019: Koch Films
Label/Vertrieb 2010: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2020 by Lucas Gröning

 
 

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Eine Antwort zu “Der Mitternachtsmann – Bearbeitung einer Männlichkeitskrise

  1. Majestyk

    2020/03/15 at 12:05

    Sehr geehrter Herr Gröning,

    soll dies eine Filmrezension sein oder ist dies ein genderwissenschaftliches bzw. feministisches Traktat?
    Bei allem Respekt, selten im Netz solch einen Stuß gelesen, der zudem fast nur aus Verständnisfehlern besteht.

    Gestern Abend noch gesehen. Achtung potentielle Spoiler!

    Slade (Lancaster) erwidert auf die Frage warum er Polizist geworden sei lakonisch, dass bereits sein Vater und davor sein Großvater diesen Beruf ausgeübt haben. Eine Entscheidung aus Tradition und nicht aufgrund eines ödipalen Komplexes. Explizit sagt Slade, dass er von diesem Beruf etwas verstanden habe und nie etwas anderes hätte sein wollen.

    Als Mann rehabilitieren muss sich Slade ebenfalls nicht, hat er sein Schicksal doch akzeptiert und empfindet ihm Film die Tätigkeit als Nachtwächter zu keinem Zeitpunkt als Erniedrigung. Gegen Ende bleibt sogar offen bis zweifelhaft ob er die ihm angebotene Stelle als Deputy annehmen wird.
    Lancaster spielt Slade mit einer stoischen Gelassenheit, die typisch ist für seine Rollen zu Beginn der 70er Jahre, siehe Valdez, Lawman, Ulzana’s Raid oder Scorpio.
    Wir sehen in Slade einen Mann der seinem Kodex treu bleibt, sich seinem Schicksal nicht entzieht und tut, was eben getan werden muss, selbst wenn dies nachher zur Verhaftung seines besten Freundes und seines love interest führt.

    Auch begegnet niemand Slade aufgrund seiner Tätigkeit ernsthaft herablassend oder zweifelt seine Männlichkeit oder seine ehemalige berufliche Kompetenz an. Die Herablassung scheint eher der Verfasser bezüglich der Nachtwächtertätigkeit zu empfinden, im Film findet sich die nirgends. Im Gegenteil, die mit dem Fall in Verbindung stehenden Dozenten begegnen Slade auf Augenhöhe, besonders ersichtlich in der letzten Szene mit dem von Robert Quarry gespielten Psycholgiedozenten Dr. Prichette.
    Der Senator und Vater der Ermorderten bittet Slade sogar um Hilfe, da er ihm mehr Kompetenz zutraut als den städtischen Polizeibeamten. Der Sheriff arbeitet letztlich mit Slade gemeinsam an der Lösung des Falls, trotz anfänglicher Antipathie und bietet ihm wie erwähnt am Ende sogar eine Stelle an.

    Die Ohrfeige für Linda (Susan Clark) wird auch nicht kritisch betrachtet und hat nichts Chauvinismus zu tun.
    Slade hat herausgefunden, dass Linda federführender Teil der Erpresserbande ist, Slade von Anfang an manipuliert hat und zumindest für zwei der geschehenen Morde unmittelbar verantwortlich ist.

    Bezüglich des „Objekts sexueller Begierde“. So war dies in vorsintflutlicher Zeit. Männer haben Frauen ihr Interesse gezeigt, ohne vorab schriftliche Einverständniserklärungen einholen zu müssen. Ist in akademischen westlichen Kreisen heute verpönt, wir Proletarier und der Rest der Welt pflanzen uns aber nach wie vor auf diese Weise fort. Die Zukunft wird erweisen welche Strategie erfolgreicher ist.

    Schade, bislang habe ich immer gerne auf dieser Seite gestöbert. Gerne hätte ich mehr über die Entstehung des MIDNIGHT MAN erfahren, immerhin die einzige Regieführung Lancasters neben dem KENTUCKIAN. Übrigens ist auch Lancasters enger Freund Nick Cravat in einer Minirolle als Gärtner zu sehen.

    Lieber Herr Gröning, ich würde ihnen ernsthaft empfehlen nicht alles durch eine ideologisch gefärbte Brille zu betrachten. Die (Film)Welt ist dann nämlich nicht nur schwarz und weiß, sondern ziemlich bunt und eindeutig kontrastreicher.

    Zum Film selber. Ganz klar ein Streifen der von der Präsenz Burt Lancasters getragen wird. Für dessen Fans unbedingt sehenswert. Zudem gibt es mit Cameron Mitchell, Susan Clark, Ed Lauter und Harris Yulin einen wirklich guten Supporting Cast. Der Krimiplot schwächelt zwar zwischendurch und die Auflösung ist arg konstruiert, dies trübt das Vergnügen aber kaum. Mit der Vielzahl an Tatbeteiligten und den kaum zu entwirrenden Motiven ist der Mitternachtsmann fast schon typisch für seine Ära, siehe CHINATOWN, NIGHT MOVES oder YAKUZA. Wobei die erwähnten Filme zugegeben allesamt besser gelungen sind. Dennoch ist der MIDNIGHT MAN nicht ohne Charme. Wer psychologische Studien oder Analysen von Geschlechterbeziehungen erwartet ist hier ohnehin falsch.
    Mit dem Kauf der DVD oder Blu-ray macht man jedenfalls nichts verkehrt. Ich empfehle hier wie immer die OFDb, über die sich 18er Titel auch versandkostenfrei beziehen lassen.

    Mit den besten Wünschen!

     

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