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Endzeit – Die Zombieapokalypse: Überleben in Thüringen

22 Jan

Endzeit – Die Zombieapokalypse

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Eine Seuche hat die Erde heimgesucht. Nur in zwei Städten haben Menschen überlebt. In Weimar werden Infizierte sofort getötet. In Jena forscht man nach einem Heilmittel. Niemand darf die Städte verlassen. Zwei Orte in Thüringen sind als letzte Refugien nach der Zombieapokalypse natürlich so gut wie jede andere Stadt auf der Welt. Mit behelfsmäßigen Zäunen und Mauern haben sich die Überlebenden darin eingeigelt. Nicht immer gehen die Ausbesserungsarbeiten an den Außengrenzen ohne Opfer ab.

Am Zaun ist’s brandgefährlich

Als ein unbemannter Versorgungszug auf freier Strecke stehenbleibt, finden sich die beiden blinden Passagiere Vivi (Gro Swantje Kohlhof) und Eva (Maja Lehrer) plötzlich ungeschützt in der feindlichen Außenwelt wieder.

Die Untoten aus Deutschland

Bei Zombiefilmen aus deutschen Landen muss man eine Weile nachdenken. Das durchaus gelungene Berlin-Kammerspiel „Rammbock“ (2010) kommt in den Sinn, auch Uwe Bolls Videospiel-Verfilmung „House of the Dead“ sei genannt. 2015 gab’s den ausgelassenen Splatter-Spaß „Caedes – Die Lichtung des Todes“, der mit amateurhafter Anmutung eher bei Trash-Fans Anklang fand. In dem Zuge sei auch die österreichische Zombiekomödie „Angriff der Lederhosenzombies“ von 2016 genannt. Denken wir etwas länger nach, fällt uns ein, dass auch die „Resident Evil“-Reihe deutsche Produktionswurzeln hat. Das war es dann aber auch schon, wenn man von diversen Underground-Produktionen absieht.

Vivi kämpft ums Überleben …

„Endzeit“ scheint sich als Independent-Produktion mit zumindest mir unbekannten Darstellerinnen und Darstellern in der Nähe von „Caedes – Die Lichtung des Todes“ zu platzieren, doch weit gefehlt: Das gänzlich ohne Humor auskommende Werk hat mit Trash nichts am Hut und wirkt professionell in Szene gesetzt, auch wenn man ihm das schmale Budget jederzeit ansieht. Bei den Untoten handelt es sich hier um die rasenden Wüteriche moderner Machart, und nicht um die langsam schlurfenden Gesellen à la Romero. Und wenn Eva und Vivi unvermittelt auf eine sonderbar missgestaltete Gärtnerin (Trine Dyrholm) treffen, verlässt „Endzeit“ auf wohltuende Weise ausgetretene Zombiepfade und dringt in mystische Gefilde vor. Das ist sicher nicht perfekt umgesetzt, manch ein Zombiefan wird es womöglich als albern abtun, aber es verdient Anerkennung, etwas Eigenständiges schaffen zu wollen.

Nach einer Vorlage von Olivia Vieweg

Bemerkenswert die Konsequenz, mit der „Endzeit“ vor und hinter der Kamera auf Frauen setzt: Das Drehbuch stammt von Olivia Vieweg (* 1987) aus Weimar, die damit ihren eigenen, 72-seitigen Comic adaptierte, den sie 2011 als Diplomarbeit für die Bauhaus-Universität in Weimar erschaffen hatte. Aus dem Skript zum Film schuf Vieweg zudem eine Graphic Novel, die 2018 vom Carlsen Verlag veröffentlicht worden ist. Regie führte die in Berlin lebende Schwedin Carolina Hellsgård („Wanja“), weitere bedeutsame Funktionen hinter der Kamera sind ebenfalls weiblich besetzt, etwa die Kamera, der Schnitt, das Produktionsdesign und das Kostümdesign. Die stimmungsvolle und mit angemessener Zurückhaltung eingesetzte Musik stammt von Franziska Henke, und die Produktion teilten sich drei Frauen mit einem Mann. Bedeutsame männliche Rollen im Film sind obendrein keine zu finden. Ein paar Statisten als Überlebende zu Beginn, unter den Zombies natürlich zu Genüge – das war es auch schon. Bemerkenswert auch, dass sich mit Trine Dyrholm („Love Is All You Need“) eine namhafte dänische Schauspielerin für einen kurzen Auftritt gefunden hat. Diese geballte Weiblichkeit ist angetan, den üblichen Horrorfan-Macho in die Flucht zu schlagen, aber wer sich als Mann etwas gelassener ans Gender-Thema wagt und keine Berührungsängste gegenüber weiblicher Dominanz hat, erlebt vielleicht eine angenehme Überraschung. Auch Frauen können Zombies, und warum auch nicht? Da haben wir im Indie-Horror schon ganz andere männliche Produktionen krepieren sehen.

Beim Toronto International Film Festival gezeigt

Dank einiger Festivalauftritte, darunter beim Toronto International Film Festival 2018 und dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2019, hat „Endzeit“ bereits verdiente Aufmerksamkeit und sogar begrenzte Kinoauswertung erfahren. Das Horrordrama endet anders als viele andere Zombie-Endzeitfilme. Es gibt Hoffnung, aber auf denkbar ungewöhnliche Weise. Hoffnung für den deutschen Horrorfilm gibt es ebenfalls. Schade nur, dass die deutsche Blu-ray und DVD ohne jedes Bonusmaterial daherkommen.

… und sucht ihr Heil in der Flucht

Veröffentlichung: 24. Januar 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 89 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Endzeit – Die Zombieapokalypse
D 2018
Regie: Carolina Hellsgård
Drehbuch: Olivia Vieweg, nach ihrem eigenen Comic
Besetzung: Gro Swantje Kohlhof, Maja Lehrer, Trine Dyrholm, Barbara Philipp, Yûho Yamashita, Marco Albrecht
Zusatzmaterial: Wendecover
Label/Vertrieb: Lighthouse Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2020 Lighthouse Home Entertainment

 

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