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Threads – Tag Null: Atombomben über England

26 Jan

Threads

Von Volker Schönenberger

Endzeit-Kriegsdrama // Obwohl es nach wie vor mehr als genug nukleare Sprengköpfe zur Auslöschung der Menschheit gibt, ist die Angst vor einem Atomkrieg heute in den Hintergrund gerückt. Das war in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre anders, bedingt durch das atomare Wettrüsten während des Kalten Kriegs. Diverse Filme griffen das Thema auf, etwa „The Day After – Der Tag danach“ (1983), der mit seiner schonungslosen Darstellung der Folgen eines Atombombenabwurfs auf eine US-Großstadt ein nachhaltiges Ausrufezeichen setzte. Auch das englische Zeichentrickdrama „Wenn der Wind weht“ (1986) erhielt hierzulande Aufmerksamkeit. Weniger bekannt ist die fürs britische Fernsehen gedrehte BBC-Produktion „Threads“ von 1984, die mir mit ihrem dokumentarischen Stil und dem Wechsel des Fokus auf mehrere Protagonisten und die Stadt Sheffield stark von „The Day After“ inspiriert erscheint und für mich qualitativ auf demselben Level anzusiedeln ist.

Die Angst vor dem Atomschlag …

Den Trivia der Internet Movie Database zufolge erwog Regisseur Mick Jackson, die Arbeit an „Threads“ einzustellen, als er von der Existenz von „The Day After“ erfuhr. Nachdem er diesen jedoch gesichtet hatte, sei er zu dem Schluss gekommen, der US-Film zeige den Atomkrieg nicht adäquat, weshalb Jackson die Arbeit an seinem Werk fortsetzte.

Sowjetischer Einmarsch im Iran löst Krise aus

Auch mit den anfangs immer wieder eingestreuten Nachrichten-Fetzen zeigt „Threads“ Nähe zum US-Vorgänger: Der Kalte Krieg spitzt sich am Persischen Golf zu, wo Amerikaner und Sowjets ihre Interessen an den Ölfeldern sichern wollen. Im März 1983 waren Truppen der Roten Armee in den Iran einmarschiert – ein fiktives Ereignis. Am 21. Mai stellen die USA der Sowjetunion ein Ultimatum, die Truppen abzuziehen. Als es einen Tag später ohne Reaktion endet, greifen B-52-Bomber der US Air Force eine sowjetische Militärbasis im Iran mit konventionellen Waffen an. Die Sowjets setzen zur Verteidigung Nuklear-Abwehrraketen ein, viele der US-Bomber werden zerstört. Daraufhin werfen die USA eine Atombombe auf den Stützpunkt. Weitere kriegerische Handlungen beider Seiten lassen die Lage eskalieren. Schließlich kommt es zum apokalyptischen Szenario flächendeckender Atombombenabwürfe beider Seiten auf der Nordhalbkugel.

„Threads“ bedeutet auf Englisch „Fäden“ – gemeint sind die Fäden, die die britische Gesellschaft zusammenhalten und die allein schon aufgrund der Bedrohungssituation zum Zerreißen gespannt werden. Zu beobachten sind Hamsterkäufe, Menschenaufläufe und in Gewalt ausartende Demonstrationen; Familien fliehen aufs Land, weil sie hoffen, dort verschont zu bleiben. Im Angesicht der Katastrophe lösen sich die Fäden in Luft auf, die Zivilisation kommt zum Erliegen.

… bricht sich Bahn

Unter den Menschen, die „Threads“ zeigt: das junge Paar Ruth Beckett (Karen Meagher) und Jimmy Kemp (Reece Dinsdale). Sie ist gerade schwanger geworden, woraufhin er ihr einen Heiratsantrag gemacht hat. Doch Zukunftspläne sind obsolet, werden zu Schall und Rauch, wenn es angesichts des Atompilzes heißt: Mein Gott, sie haben es getan!

Je in Deutschland gezeigt?

„Threads“ erhielt 1985 vier britische Filmpreise „BAFTA TV Awards“: als bestes Drama, für die Kamera, den Schnitt und das Design. Nach der Erstausstrahlung im September 1984 und einer Wiederholung im August 1985 war das Kriegsdrama im Vereinigten Königreich 18 Jahre lang nicht mehr im Fernsehen zu sehen. Laut dem deutschen Wikipedia-Eintrag zum Film entstand die deutsche Synchronisation als österreichisch-schweizerische Koproduktion anlässlich der dortigen TV-Ausstrahlungen im August 1985 unter dem Titel „Tag Null“ – ob der Film je im deutschen Fernsehen gezeigt wurde, ist mir nicht bekannt. In einer Programmankündigung gab die österreichische Arbeiter-Zeitung am 8. August sogar einige Tipps für eine bessere Verarbeitung des Films: Man sollte „Tag Null“ in Gemeinschaft mit anderen anschauen und nachher darüber sprechen, im Familien- oder Freundeskreis. Einsame und zu Depressionen neigende Menschen sollten sich die Produktion lieber gar nicht anschauen. Vor allem auch nicht Kinder.

Es ist passiert

In der Tat ist „Threads“ in seiner Eindringlichkeit nichts für zarte Gemüter und hinterlässt tiefen Eindruck. Auf den Atompilz folgen enorme Druckwellen und Feuersbrünste, Menschen verbrennen, schmelzen oder werden unter Trümmern begraben. Die Zerstörungen sind gewaltig. Verbrannte Tote allerorten, eine Texteinblendung verrät, die Zahl unbestatteter Leichen im Vereinigten Königreich werde auf zehn bis zwanzig Millionen geschätzt. Die Ratten halten reichlich Beute. Nicht von allen Protagonisten, die wir namentlich kennengelernt haben, erfahren wir ihr Schicksal. Das erhöht die realistische Wirkung, dürfte es doch bei einer solch gewaltigen Katastrophe eine ungeheure Zahl von Opfern geben, über die ihre Angehörigen nichts erfahren, weil sie schlicht verdampft oder bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und verwest sind. Allein schon die Vielzahl der Toten lässt ihre Identifizierung und Registrierung als Ding der Unmöglichkeit erscheinen, zumal im Nachgang der Atomschläge wohl auch Verwaltungsstrukturen zerborsten sind. Die aus weitgehend unbekannten Schauspielerinnen und Schauspielern bestehende Besetzung trägt ebenfalls dazu bei, dass wir das Schicksal von Zivilpersonen intensiv nachempfinden.

Implosion der Gesellschaft

Anders als „The Day After“ beschreibt „Threads“ auch, wie sich die englische Gesellschaft in den Jahren nach der Katastrophe entwickelt – das Endzeit-Kriegsdrama endet mindestens 13 Jahre nach den Atombombenabwürfen. Viele Millionen Menschen sind tot, Hunger, Krankheiten und die nukleare Verseuchung fordern weiterhin zahlreiche Opfer. Auch hat die Verrohung der Menschen zu einem Anstieg der Gewalt geführt. Der technologische und zivilisatorische Rückschritt ist enorm, und da es kein Bildungssystem mehr gibt, degeneriert die Sprache der nachwachsenden Kinder. Unerbittlich skizzieren neutral formulierte Texttafeln und eine Stimme aus dem Off immer wieder die Folgen der Katastrophe für Land und Leute, die einem Rückfall in mittelalterliche Zeiten der Barbarei gleichkommen. Mag die sich über Jahre erstreckende Rückentwicklung des gesellschaftlichen Gesamtgefüges auch spekulativ sein, so wirken die akuten Auswirkungen des nuklearen Holocausts doch sorgfältig recherchiert und realistisch, soweit ich das als Laie beurteilen kann.

Vom Regisseur von „Bodyguard“

Der seit 1973 als Regisseur tätige und zu Beginn seiner Karriere hauptsächlich beim britischen Fernsehen beschäftigte Mick Jackson feierte auch mit einigen Hollywood-Kinofilmen Erfolge, darunter „L.A. Story“ (1991) mit Steve Martin, „Bodyguard“ (1992) mit Kevin Costner und Whitney Houston und „Volcano“ (1997) mit Tommy Lee Jones und Anne Heche. Seit Ende der 1980er-Jahre arbeitete er nur noch in den USA.

Lobenswert, dass Pidax Film das TV-Kriegsdrama nun auch in Deutschland zugänglich macht, leider recht spartanisch auf DVD ohne Untertitel und Bonusmaterial, immerhin mit Originaltonspur und deutscher Synchronisation (das kann man aber auch erwarten). Wer auf die deutsche Tonspur verzichten kann, sei auf eine DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung im Vereinigten Königreich hingewiesen, die einiges Zusatzmaterial enthält.

Ein Atomkrieg mag aktuell nicht als Bedrohung der Menschheit erscheinen, das kann sich angesichts der fragilen politischen Weltlage mit ihren diversen Krisenschausplätzen aber schneller ändern, als es uns lieb ist. Das Bittere an diesem Szenario ist nicht nur, dass die Menschheit technologisch in der Lage ist, es geschehen zu lassen, sondern auch, dass es denjenigen mit den Fingern an den Abzügen und den Knöpfen zuzutrauen ist. Umso wichtiger, vor den Folgen zu warnen, und das darf gern so plakativ geschehen wie mit „The Day After – Der Tag danach“ und „Threads – Tag Null“. Beide Filme haben nichts von ihrer Wirkung eingebüßt – von ihrer Bedeutung schon mal gar nicht.

Überleben im Schutt

Veröffentlichung: 31. Januar 2020 als DVD

Länge: 112 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Threads
GB/AUS/USA 1984
Regie: Mick Jackson
Drehbuch: Barry Hines
Besetzung: Karen Meagher, Reece Dinsdale, David Brierly, Rita May, Nicholas Lane, Jane Hazlegrove, Henry Moxon, June Broughton, Sylvia Stoker, Harry Beety, Ruth Holden, Ashley Barker
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2020 Pidax Film

 

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